Beginnt die zuverlässliche Geschichte zwischen 1575 und 1582?

© 1999 Eugen Gabowitsch, Christoph Marx, Uwe Topper;

veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 32/1999

Wir drei reisten am 7. November 1998 nach London, um an einem interessanten Ereignis teilzunehmen: der erstmaligen Konfrontation der englischen Society for Interdisciplinary Studies (SIS) mit der Mittelalterrekonstruktion. Auf der Tagesordnung des SIS-Treffens in den Räumen der University of London standen zwei Vorträge:

 

1. „The Assuruballit Problem“ von Bernard Newgrosh

2. „The Gregorian Calendar Reforms of 1575-1582“ von Clark Whelton.

 

Der erste Vortrag von Bernard Newgrosh über die königliche Assyrerliste dauerte neunzig Minuten und enthielt hauptsächlich die mehrfache Nennung der „scharfsinnigen” Forschungsmethode, die hauptsächlich die Erwähnung der Vater-Sohn-Beziehung in Quellen nutzt. In einer für SIS thematisch wie methodisch gewohnten Präsentation besprach Bernard Newgrosh zwar zum wiederholten Male das bekannte Problem, leider aber ohne überhaupt auch nur am Rande auf die Evidenzrekonstruktion (Gunnar Heinsohn u.a.) einzugehen, ja sie überhaupt nur zu erwähnen. Auf die entsprechenden Fragen unsererseits war deshalb auch keine befriedigende Antwort erhältlich. In diesem Sinne kann vorliegend auf die Einzelheiten leider auch gar nicht eingegangen werden, obwohl der Vortragende drei große zusammenhängende Herrscherblöcke in der Liste feststellte. Er kam aber keineswegs auf den Gedanken, die Identität oder mindestens die Überlappung dieser Blöcke in Betracht zu ziehen.

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Von einer großen Bedeutung war dafür ein straff vorgetragener und etwa eine Stunde dauernder Bericht von Clark Whelton über seinen Weg zu einer Weltanschauung, die derjenigen der deutschen und russischen Chronologiekritiker sehr ähnelt. Dieser Vortrag könnte eine positive Wende in der Auffassung der englischsprachigen Katastrophisten einleiten.

Der Vortrag wurde von uns in Stichworten mitgeschrieben und wird nun, basierend auf diesen Aufzeichnungen, referiert. Er war der eigentliche Grund für die spontane Londonreise der drei Autoren dieser Zeilen: Clark Whelton kannte Velikovsky persönlich gut und hat mit seinem Flug über den Atlantik eine neue Phase der internationalen Diskussion des modernen Katastrophismus, im Zusammenhang mit der Chronologie und Kalenderreform, eingeleitet.

„Der Katastrophismus verändert unsere Vorstellung von Zeit“ - so lautete das erste Motto dieses denkwürdigen Vortrages. Velikovsky benutzte unterschiedliche Katastrophenbeschreibungen, um die Frage zu beantworten: Wann fand der Exodus wirklich statt? - meint C. Welton. Der Altmeister der Zeitrekonstruktion hielt jedoch das „Dunkle Mittelalter” des Abendlandes nur für eine Frage der Anschauung, keineswegs für so real und „dunkel” wie die griechischen „dark ages”, die einer Revision bedürfen.

Für Velikovsky stimmte die Jahreszählung nach AD mit seinem Konzept der Wirklichkeit überein. Er schlug sein Basislager im 15. Jh. v.Chr. auf und arbeitete sich von dort aus bis zur hellenistischen Zeit voran, gegründet auf einen unerschütterlichen Glauben an die Korrektheit der biblischen Chronologie, die er als Hebel ansetzte, um die ägyptische Geschichtsschreibung ins Lot zu bringen.

Whelton argumentierte, dass wir vor der Errichtung einer neuen Chronologie erst einmal prüfen müssen, wie gesund denn dieser Baumstamm ist, auf den wir die Korrekturen aufpfropfen. Velikovsky antwortete auf Wheltons Frage, warum er nicht mit Alexander d. Gr. als Fixpunkt beginne, es sei leichter, den Weltlauf im 15. Jh. v.Chr. als im 4. Jh. zu erkennen. Für Velikovsky war die Geschichtsvorstellung für den Zeitraum von Alexander d. Gr. bis heute grundsätzlich richtig und frei von Katastrophen.

Wheltons Anlass für diesen Vortrag bildet seine Erkenntnis, die er im Anschluss an Heribert Illigs Arbeit gewonnen habe, dass der Augenblick der Gregorianischen Kalenderreform von 1582 der früheste verlässliche Zeitpunkt für einen neuen Ansatz sei, und die davor liegende AD-Zeitrechnung neu hinterfragt werden müsse. Clark Whelton hat seine Kenntnis der Phantomzeit-These dank Birgit Lieschings Hilfe erworben, und so gelang es ihm, Illigs These in wenigen Worten seinen englischsprachigen Zuhörern vorzustellen.

Anschließend brachte er neue Erkenntnisse zum Problem der Gregorianischen Kalenderreform, die nicht nur über die Arbeiten von Illigs Kreis hinausgehen, sondern einen ganz wichtigen Aspekt hinzufügen, der einer Aufnahme der Phantomzeit-These im englischsprachigen Raum starke Impulse verleiht und eine eigene Richtung gibt.

Die Änderung des julianischen Kalenders, sagt Whelton, war keineswegs eine Routinesache der „Apostel der Astronomie”, wie ein griechischer Gegner der Reform diese päpstliche Kommission nannte, sondern hatte konkrete Ereignisse zum Anlass, die kurz referiert wurden:

Im November 1572 erschien ein neuer Stern am Firmament, eine Supernova in der Konstellation Cassiopeia, von so hellem Glanz, dass die Zeitgenossen sich in wilde Spekulationen und Diskussionen stürzten, deren Thema unter der gotteslästerlichen Überschrift „Die Schöpfung ist noch nicht abgeschlossen” zusammengefasst werden kann.

Der neue Stern, der ein Jahr lang sichtbar war, aber keine beobachtbare Parallaxe vorwies, zeigte unablässig auf die Schwachstelle in der aristotelischen Himmelskunde. Fünf Jahre später, am 11. November 1577, erschien ein nicht weniger atemberaubender Komet mit einem 22° langen Schweif am Himmel, nach Tycho Brahes Ansicht der größte jemals gesehene Komet, an denen es im Gegensatz zu heute vom 13. bis 16. Jh. wirklich keinen Mangel gegeben hatte.

Dieser zwei Monate lang sichtbare Komet hatte eine messbare Parallaxe, nämlich 15 Bogenminuten, er befand sich demnach in vierfacher Mondentfernung von der Erde und zerstörte damit ein weiteres Mal die aristotelische Theorie, die Kometen nur im Raum zwischen Mond und Erde zuließ. Offensichtlich waren die alten Sternhimmelvorstellungen nicht auf Beobachtung, sondern auf Berechnung gegründet gewesen.

Gegen zahlreiche Einwände führte Papst Gregor XIII. fünf Jahre später die Reform durch und erhob damit astronomische Erkenntnisse über glaubensbegründete Überlieferungen.

Im Jahr darauf erregte eine Konjunktion von Jupiter und Saturn die Gemüter, 1592 und 1598 waren es zwei Sonnenfinsternisse, die falsch vorausgesagt worden waren, und 1604 schließlich bewirkte die Beobachtung einer weiteren Konjunktion der beiden Planeten sowie einer kleineren Supernova große Veränderungen im damaligen Weltbild. Mit der Erfindung des Teleskops wurden die Sonnenflecken entdeckt, was wiederum erregte Debatten auslöste, die die göttliche Ordnung in Frage stellten.

1618 erschien wieder ein großer Komet. Die Häufung derartiger Ereignisse in den siebzig Jahren zwischen 1560 und 1630, in deren Mitte die Gregorianische Reform lag, lässt einen weiteren Gedanken zu, der bisher in der Literatur kaum beachtet wurde: Vielleicht war die Kalenderreform - wie es C. Marx schon lange behauptet - nötig geworden, nicht weil der julianische Kalender allmählich außer Tritt gekommen war, sondern weil sich in diesem Zeitraum Veränderungen im sichtbaren Lauf der Himmelskörper ergeben hatten.

Whelton argumentiert, dass das Konzil von Nizäa, 325 AD, keinen Fehler im Julianischen Kalender feststellte, obgleich die korrekte Festlegung des Osterdatums durchaus diskutiert worden war. Aber ab 1171 (Reiner von Paderborn) häufen sich die Stimmen, dass die Rückberechnungen des Schöpfungsdatums der Welt nicht zu brauchbaren Ergebnissen führen können, da der Kalender unkorrekt sei. Im Jahr 1200 stellte Conrad von Straßburg fest, dass die Winter-Sonnenwende um zehn Tage falsch lag. 1267 beklagte Roger Bacon in einem Brief an den damaligen Papst Clemens IV., dass der Kalender falsch sei, und ähnlich schrieb Robert Grosseteste von Oxford.

Wie Chris Marx immer wieder betont, sagte Whelton weiter, sind auch andere Daten der damaligen Astronomie zu beachten, etwa die Erkenntnis des griechischen Mönchs Isaak Argyrus, dass der Mondzyklus sich verschoben hatte.

Die Korrektur der Jahreslänge und des Frühlingspunktes, die Papst Gregor vornahm, ist aber eine kinderleichte Aufgabe, die auch schon Jahrhunderte früher möglich gewesen wäre, argumentiert Marx weiter.

Man möchte gern die Sternbeobachtungen des 14. bis 16. Jahrhunderts als unzureichend hinstellen und deren Zahlenangaben als unbrauchbar. Nehmen wir sie dagegen ernst, dann wäre denkbar, dass die Bahnen der Erde und der Planeten in jenem Zeitraum mehrfach Veränderungen unterlagen und von einem früheren Zustand pendelnd wieder zu jenem zurückkehrten.

Kopernikus bestand darauf, dass die Präzession des Frühlingspunktes früher langsamer vonstatten gegangen sei, und Michael Maestlin bestärkte ihn darin. In diesem Sinne zitierte Whelton einen wichtigen Satz aus Charlie Raspils Untersuchung: „Die Veränderungen astronomischer Konstanten scheinen oft Verspätungen zu korrigieren, als ob alle Himmelskörper innerhalb gewisser Grenzen in der Lage seien, verlorene Zeit aufholen zu können, wie Eisenbahnen durch Beschleunigung eine Verspätung ausgleichen können.”

Tatsächlich wurde beobachtet, schreibt Danjon, dass die Erde nach einer Eruption auf der Sonne für einige Minuten ihre Umlaufgeschwindigkeit veränderte, aber schrittweise ihre alte Geschwindigkeit wiedergewann. In gleicher Weise wurde 1942 beobachtet, dass Merkur für seinen Sonnendurchgang 36 Sekunden zu lange brauchte, dies aber in den folgenden achtzehn Sekunden wieder ausglich (zitiert in Corliss). Zugleich hatte man auch eine Unregelmäßigkeit von 36 Sekunden im Mondlauf bemerkt, weshalb der Rückschluss auf Ungleichheit der Erdbewegung sinnvoll scheint. Der anschließende Ausgleich macht eine Korrektur der Ephemeriden unnötig.

Wie Raspil weiter ausführt, müssen wir noch andere Kräfte im Sonnensystem annehmen, da eine Erklärung allein mittels der Gesetze der Schwerkraft versagt. Wal Thornhill hat kürzlich diese Kräfte als „elektromagnetisch“ bezeichnet.

Schon Velikovsky hatte grundsätzlich den Gedanken der ausgleichenden Korrektur der Bahnänderung der Erde ausgesprochen. In „Worlds in Collision” (p. 237) schreibt er: „Der Fall von zwei aufeinanderfolgenden Störungen eines Himmelskörpers, wobei durch die zweite die erste wieder ausgeglichen wird, ist auch modernerweise beobachtet worden. 1875 zog Wolffs Komet nahe an Jupiter vorbei und wurde in seinem Lauf abgelenkt. Als er 1922 wiederum nahe an Jupiter vorbeizog, wurde die Ablenkung erneut wirksam, jedoch so, dass sie die vorherige aufhob.”

Obgleich Velikovsky hierfür einen anderen Himmelskörper verantwortlich macht, sollte doch die Möglichkeit zur Selbstkorrektur in Betracht gezogen werden.

„Auf diesem Wege möchte ich einer Spur folgen,” fuhr Whelton fort, „die Chris Marx 1986 vorschlug. Es sei nicht so sehr die Frage, sagte Marx damals, ob die Erde durch einen fremden Himmelskörper wie ein Kreisel ins Schwanken geraten könne, sondern warum sie, die doch kein ausbalancierter Rotationskörper sei, nicht von selbst ins Pendeln gerate.” Mittels eines Modells, in dem die Erde durch elektromagnetische Kräfte im Sonnenwind in ihrer Bahn stabilisiert werde, so erklärte Marx weiter, werde die Erde nach jeder Störung immer wieder in einen stabilen Zustand zurückgedrängt. Darum brauchen wir keine velikovskyschen Nahbegegnungen mehr, aber jede Veränderung der Erdbewegung würde sich auch auf die anderen Planeten auswirken. Dies käme der Anschauung von Clube und Napier nahe, dass nicht Planeten, sondern Kometen die Verursacher von Katastrophen sind.

Chris Marx, so referierte Whelton weiter, schlägt eine radikal verkürzte AD-Chronologie vor, bei der Begegnungen mit Venus und Merkur in den letzten achthundert Jahren einbezogen werden müssen. Dies würde eine Festlegung auf einen genauen Ausschnitt von Jahren, wie Illig ihn fordert, wieder in Frage stellen. Es würde auch möglich machen, was Fomenko mit seiner durchaus ernstzunehmenden statistischen Untersuchung aufgedeckt hat.

Die Arbeit von Fomenko (insbesondere die zur Kürzung der englischen Geschichte, die, nach Ansicht Wheltons, nicht berücksichtigt, wie schwierig es sein wird, die englische Geschichte zu falsifizieren), bedeutet für die Beteiligten an der Chronologierekonstruktion einen Angriff und eine Chance zugleich, da nicht weniger gefordert wird, als die gesamte Weltgeschichte neu zu untersuchen. Wenn Karl d. Gr. unwirklich wird, was für Whelton einleuchtend dargestellt zu sein scheint, was wird dann aus Alfred d. Gr. und den übrigen Sachsenkönigen, deren Knochen in Winchester Cathedral ruhen sollen?

Wenn auch die meisten eine derartig neue Fragestellung nicht zulassen werden, glaubt Whelton doch, dass einige wenige zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das letzte verlässliche Basislager für eine Erforschung der Geschichte ins Jahr 1582 AD verlegt werden muss.

Die „Apostel der Astronomie” änderten nicht freiwillig ihr geozentrisches Weltbild, schloss Whelton seinen Vortrag, sondern sie wurden durch himmlische Ereignisse im 16. Jh. gezwungen, ihr eingebildetes Universum zu verlassen und sich in einem realen anzusiedeln.

Im Rückblick stellte er fest, dass wir in den vergangenen Jahrhunderten unter einem ausgeglichenen Himmelsszenario lebten, dass aber der ruhige Himmel keineswegs der ewige Normalzustand sei. Die Zeit ist gekommen, die Idee von der Gleichförmigkeit des himmlischen Geschehens, die immer noch unseren Verstand beherrscht, zu kritisieren und die AD-Zeitrechnung auch unter diesem Gesichtspunkt gründlich neu zu untersuchen.

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Ergänzend zu Wheltons Vortrag erinnerte Christoph Marx daran, dass das Verdrängen der katastrophischen Ereignisse ein nicht zu übersehender Faktor in der späteren Erstellung von Zeittafeln und Geschichtsbildern sei, der aber leider nur von wenigen Autoren in seiner ganzen Auswirkung gesehen werde.

In der anschließenden Diskussion wurden einige der typischen Fragen gestellt, so die nach dem Wert von Radiokarbon- und Dendrochronologien, die mit dem Hinweis auf das noch nicht in Englisch erhältliche Buch von Blöss und Niemitz beschieden werden musste. Auch auf die Fragen nach Abgleichungen gegen islamische und jüdische Zeitrechnungssysteme konnte Topper nur kurze Hinweise geben, die den grundsätzlichen Weg erkennen lassen.

Eugen Gabowitsch fügte weitere Daten ein, indem er den großen Vorgänger von Fomenko, Morosow, erwähnte und betonte, dass die neuesten Forschungsergebnisse von Fomenko und Nosovski den Anfang der zuverlässigen historischen Berichterstattung etwa bis zum Frieden von Münster verschieben.

Einer der Anwesenden wies auf die Möglichkeit hin, durch Einbeziehung der Maya-Daten, die auf genauen Himmelsbeobachtungen beruhen, einen relativen Zusammenhang mit der abendländischen Geschichtsschreibung herzustellen, der, im Gegensatz zu indischen oder chinesischen Texten, nicht durch christliche Regulierung wertlos geworden sei.

Die „Ungeheuerlichkeit” der neuen Thesen, die hier einigen Mitgliedern der SIS vielleicht erstmals zu Ohren kamen, wird immer wieder in der Sprachlosigkeit sichtbar, die zunächst herrschte. Die Schockwirkung ist nicht zu unterschätzen, weshalb es von außerordentlicher Wichtigkeit war, dass ein Mann wie Clark Whelton den Versuch unternommen hat, die neuen Ideen vorzustellen.

Sein vorsichtiger Zugang und seine persönliche Verarbeitung der neuen Thesen machten es möglich, dass ihm die Zuhörer folgen konnten und das Problem einer Chronologierevision der mittelalterlichen Geschichtsschreibung kennenlernten. Ganz gleich, ob sich die meisten positiv oder negativ zu den neuen Thesen stellen werden, kann man jetzt schon hoffen, dass der 7. November 1998 ein wichtiges Datum für das neue Verständnis der Menschheitsgeschichte in SIS geworden ist.

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Was die neuen statistischen Methoden der Chronologiekritik und -analyse betrifft, könnte man bemerken, dass sogar nach durch H. Illig und Ch. Marx geleistete Vorarbeit und nach einigen Vorträgen im „Berliner Geschichtssalon“ ein immenser Bedarf an der „Verdauung” dieser Methoden besteht. Ohne ein viel detaillierteres Kennenlernen der neuen Methodik, ohne eine breite Diskussion über ihre Grenzen und Eigenarten, bleibt die Gemeinde der Chronologiekritiker auf dem Niveau der Sowjetbürger, die Bücher von Solschenizyn mit Hingabe beurteilten, ohne diese zu lesen (was immer stolz als Zeichen der Loyalität in zahlreichen Beurteilungen betont wurde).

Unsere Ausbildung, kulturelle Tradition und die bisherige methodische Erfahrung zwingen uns oft zur heftigen, sogar vernichtenden Kritik als erste, spontane und unwiderstehliche Reaktion auf die ersten Pakete der Information, hinter der Jahre und Jahre intensiver Forschung stehen. So reagiert ein atheistisch erzogener Mensch auf die Geschichte von Marias Empfängnis. Wenn er aber danach sofort die Bibel wütend für immer zuschlägt, verliert er viele enorm wichtige Bestandteile unserer abendländischer Kultur.

Wir sollten lernen, Neues zu lernen, ohne sofort unsere eigene Klugheit und geistige Überlegenheit in Form einer vom hohen Ross geführten vernichtenden Kritik und ohne vernichtende Bemerkungen zu demonstrieren. Auch muss nicht jede etwas ungewöhnliche Veröffentlichung - wie es in „Zeitensprüngen” üblich ist - unbedingt im gleichen Heft mit der Schilderung der redaktionellen Position begleitet werden. Das erinnert zu sehr an die osteuropäischen Gepflogenheiten aus der Zeit der „dosierten Freiheiten“. Auch sollte - unserer Meinung nach - die „Zeitensprünge”-Redaktion etwas zurückhaltender mit „Wahrheit verkündenden” Bemerkungen über einzelne Autoren verfahren.

In diesem Zusammenhang bekannte sich Eugen Gabowitsch zu seinem taktisch-politischen Fehler: als Neuling in der Gemeinde der Chronologiekritiker nahm er fälschlicherweise an, dass die Verarbeitung der methodischen Seite der statistischen Analyse in der „Gemeinde“ schon so fortgeschritten sei, dass man zur Berichterstattung über die zweite Phase der chronologischen Forschung in Russland übergehen darf. Diese - auf die mit Hilfe der oben erwähnten Methode erzielten Ergebnisse stützend - beginnt sich, nach zwanzig Jahren der reinen chronologischen Forschungsarbeit, mit neuen historischen Hypothesen und mit hypothetischen Rekonstruktionen einzelner Geschichtsperioden zu beschäftigen.

Aus der innerlichen Ablehnung einiger Ergebnisse dieser hypothetischen Rekonstruktionen darf keine Ablehnung der Methoden selbst folgen. Auch eine in Teilen der „Gemeinde“ sich etablierende Meinung, dass - solange diese Methode mit der uns vertrauten archäologischen Evidenz nicht in Einklang gebracht wird - sie nicht mehr ernsthaft von uns betrachtet zu werden braucht, sollte gemeinsam diskutiert werden. Vielleicht sollten gerade diejenigen, die mit der archäologischen Evidenz vertraut sind, selbst hier die entsprechende Forschung starten und sie nicht nur von anderen fordern.

Man könnte eher die Diskussion darüber führen, welche Daten der Geschichte noch zusätzlich mit den neuen Methoden zu untersuchen interessant wären (z.B. könnte man an die Daten zur Geschichte der einzelnen deutschen Feudalreiche denken). Für Vorschläge dazu wären wir unseren Lesern sehr dankbar.

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An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Mitgliedschaft in SIS jährlich GBP 20.50 oder US$ 35.00 kostet und auch für Deutsche möglich ist, wie wir aus persönlicher Erfahrung nun gut wissen.
Die Anschrift von SIS lautet:

The Membership Secretary
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10 Witley Green
Darley Heights, Stopsley
Beds LU2 8TR
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Weitere Kontaktmöglichkeit:

Ian Tresman, Publicity Officer, Editor/Compiler SIS Internet Digest
Society for Interdisciplinary Studies (SIS)
9 Ashdown Drive, Borehamwood, Herts. WD6 4LZ. United Kingdom.
Tel: +44 181 953 7722. Fax: 905 1879. Email: sis@knowledge.co.uk
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