© 1999 Eugen Gabowitsch
Newton
als geistiger Vater der Chronologiekritik und Geschichtsrekonstruktion (neben
Hardouin)
(Veröffentlicht in
EFODON-SYNESIS Nr. 6/1999)
Die Rolle
von Isaac Newton als einer der ersten Zweifler an der Richtigkeit der
Chronologie von Scaliger und Pettau kann kaum durch einen Artikel gebührend gewürdigt
werden. Trotzdem haben der Autor und die SYNESIS-Redaktion mit der
Veröffentlichung von Topper (1999) einen wichtigen ersten Schritt in die
notwendige Richtung getan. Aus der heutigen Perspektive soll nicht nur die
Kürzung der Chronologie durch den großen Naturwissenschaftler, sondern sein
überzeugender empirischer Beweis der Unmöglichkeit einer eindeutigen Datierung
der historischen Ereignisse hervorgehoben werden, auch wenn für Isaac Newton
gerade die kürzere Chronologie selbst die wichtigste Rolle spielte.
Neben dem
unermüdlichen Kritiker der Existenz des Altertums Jean Hardouin muss Isaac
Newton als einer der Väter der heutigen Chronologiekritik betrachtet werden. J.
Hardouin hat solche Wissenschaften, wie Numismatik, Archäologie, literarische Kritik
und kritische Historiografie, als Erster (oder einer der Ersten) verwendet, und
soll darum als Erzvater der westlichen Geschichtsrekonstruktion betrachtet
werden.
I. Newton
gründete die naturwissenschaftliche Kritik der Geschichtsschreibung, die bei
russischen Chronologiekritikern des 20. Jh. ihre besondere Blüte erlebt. Mit
seinem Artikel versucht Uwe Topper – und er macht es professionell und
überzeugend - eine schmerzliche Lücke in der deutschen Literatur zur
Chronologiekritik und Geschichtsrekonstruktion (ChK&GR) zu schließen: Er
erzählt die spannende Geschichte um den großen Naturwissenschaftler Isaac
Newton, der sich sein ganzes Leben lang für Theologie, Geschichte und
Chronologie interessierte und zahlreiche Manuskripte zu diesen Themen verfasste.
Nur wenige von diesen Manuskripten wurden vom vorsichtigen, aber der Natur nach
häretischen großen Wissenschaftler veröffentlicht oder für eine
Veröffentlichung vorbereitet. Und wir, die Chronologiekritiker, können von unermesslichem Glück reden, dass
unter diesen auch zwei Schriften zur Chronologie gewesen sind.
Newtons Chronologie in anderen Ländern und Zeiten
Eine
Würdigung der chronologischen Verdienste von Isaac Newton findet fast in jedem
Buch der russischen Autoren Fomenko und Nosovski statt. Auch Nikolaj Morosow
hat über das Buch noch während seiner mehr als zwanzigjährigen Einzelhaft
erfahren und eilte sofort nach der Entlassung aus dem Gefängnis Ende 1905, das
Buch zu finden und zu lesen.
Bei Fomenko
wird mit Genugtuung betont, dass Newton viele wichtige Daten der ägyptischen
Geschichte um ca. 1800 Jahre verjüngte, was der von Fomenko entdeckten
Verschiebung um ca. 1800 Jahre in der alten Geschichte ziemlich gut entspricht.
Auch die Verschiebung um 300 Jahre kommt bei Fomenko oft vor und gehört - nach
seinen umfangreichen statistisch chronologischen Recherchen - zu den
verbreitetsten Fehlern in der heutigen Geschichtsschreibung.
Die
Engländer, die sich viel weniger als die Deutschen und Russen mit der
ChK&GR beschäftigen, haben das Buch von Newton 1988 als Reprint wieder
aufgelegt. Stellt sich die Frage, wieso die verkürzte deutsche Übersetzung
dieses Buchs von Philipp Georg Hübner (s. Newton, 1741, 1745) nie in der Literatur
zur ChK&GR zitiert, kommentiert oder als Reprint herausgegeben wurde?
Nach der
Untersuchung der vollständigsten aller Veröffentlichungslisten von Newton kam
Fomenko zum Schluss, dass vor 1988 die letzte separate Herausgabe des
Chronologie-Buchs von Newton im Jahr 1770 erfolgte. Diese Veröffentlichung
enthielt auch einen Brief aus dem Jahre 1754 vom Bischof von Rochester, Zachary
Pearce, an Dr. Hunt, Professor der Hebraistik an der Uni Oxford. In Manuel
(1963) fand ich auch die Erwähnung einer italienischen Übersetzung des Buchs,
die in Venedig 1757 veröffentlicht wurde.
Ende des
18. Jh. wurden die gesammelten Werke von I. Newton veröffentlicht (1779-1785).
Die im fünften Band dieser Ausgabe platzierte Chronologie wurde mit Fußnoten
versehen, die die „Fehler” von Newton betonen sollten.
Eine
Unterbrechung des Interesses zum Chronologiebuch von I. Newton markiert die
Kanonisierung der Chronologie des antiken Mittelmehrraums, die etwa Ende des
18. Jh. stattfand. Trotzdem wurde 1827, zum 100. Jahrestag seines Todes, eine
anonyme Abhandlung „Essays on Chronology” in Cambridge veröffentlicht, die
versuchte – mindestens teilweise – die
Verdienste von I. Newton im chronologischen Bereich zu würdigen. Insbesondere
wurde die Gültigkeit seiner kritischen Überlegungen zur mittleren Dauer der
Herrschaften in frühen Zeiten betont. Auch 1830 wurde, im dritten Band des
Buchs „Fasti helenici. The Civil and Literary Chronology of Greece and Rome”
von Henry Fynes Clinton, die Chronologie von Newton diskutiert und nicht vollständig
abgelehnt.
Die
Wiederbelebung des Interesses zur Rolle von I. Newton in der Chronologiekritik
im 20. Jh. ist mit der Tätigkeit der russischen Chronologiekritiker M. M.
Postnikov und A. T. Fomenko verbunden. Diese zwei bekannten Mathematiker,
sowie die Mitautoren von späteren Büchern von Fomenko (V. Kalashnikov, G.
Nosovski u. a.), fühlten sich als Nachfolger von I. Newton, der für sie
ein glaubwürdiger und wissenschaftlich ähnlich denkender Vorreiter war.
Bestimmt kann man das auch im Falle des schon erwähnten N. A. Morozow
behaupten, der die kritische Betrachtung der mittleren Herrschaftsdauer, die I.
Newton – vermutlich als Erster in der Geschichte – unternahm, ergänzte und zur
statistisch chronologischen Arbeitsmethode in der Chronologiekritik entwickelte.
Für Fomenko
ist die Chronologie der ersten Jahrhunderte (16.-18. Jh.) die wirkliche
Existenz dieser Wissenschaft, ein Teil der Mathematik, und er sieht seine
Aufgabe in der Rückführung der praktisch vergessenen Wissenschaft Chronologie
(kaum eine Universität in der Welt bietet heute die Ausbildung zum
Chronologen!). Chronologie muss befreit werden von ideologischen und
dogmatischen Vorstellungen, verwandelt in eine überprüfbare und verständliche
rechnerische Wissenschaft, deren Ergebnisse für jeden nachvollziehbar und
überzeugend sind.
Kurze und
lange Fassung der Chronologie von Newton
Aus der
Schilderung von Uwe Topper geht hervor, dass Newton zuerst (1720) eine kurze
Fassung der Chronologie zusammenstellte und erst später eine viel
detailliertere. Die Einzelheiten dieser Geschichte sind nicht nur interessant,
sondern auch viel über die Umstände seines Lebens und seiner Schwierigkeiten im
Umgang mit Zeitgenossen aussagend. Schauen wir an, wie Westfall (1996) sie
beschreibt, als er über Newton Folgendes zu berichten weiß:
„In
hohem Alter kehrte er zu den theologischen Themen zurück, für die er sich in
seinen frühen Mannesjahren glühend begeistert hatte. Er hatte seine
theologischen Studien zwar nie ganz aufgegeben, aber nach der Veröffentlichung
der Principia standen sie 20 Jahre hindurch eher im Hintergrund. Nur eine
kleine Zahl theologischer Papiere fällt mit Sicherheit in diese Zeitspanne. In
den Jahren 1705/10 befasste er sich wieder intensiver mit Theologie, und in
seinen letzten Jahren galt ihr trotz aller Belastung durch die Neuausgaben der
Principia und der Opticks sein Hauptinteresse. In diesen späten Papieren stehen
oft Informationen über frühe Häresien neben Material über heidnische Religionen,
über die Natur Christi oder die Chronologie der Propheten. [...] In der
Theologie war Newton
zu ebenso radikalen Schlussfolgerungen gekommen wie in der Naturphilosophie.
Bisher hatte er sie nur einem begrenzten Kreis enger Vertrauter eröffnet. Mit
fortschreitendem Alter und eingedenk des unvermeidlichen Endes wuchs in ihm das
Bewusstsein seiner Verantwortung. Wenn er stürbe, so sagte er, ,werde er die
Genugtuung haben, die Philosophie in weniger mangelhaftem Zustand
zurückzulassen, als er sie vorgefunden habe’”. (S. 372)
Weil Newton
einige der häretischen Auffassungen nicht nur beschrieb und analysierte,
sondern sie auch für richtig hielt (heute wird ihm eine Neigung zum Arianismus
nachgesagt, die er aber sein ganzes Leben lang von der Öffentlichkeit verbarg),
scheute er die entsprechenden Manuskripte zu veröffentlichen. Er war sehr um
die eigene Stellung und Achtung besorgt, und als alter Mann die Bekanntgabe
seiner häretischen Vorstellungen noch stärker zu vermeiden wollte, „als dies
der junge Rebell 50 Jahre früher getan hatte”. Wie Uwe Topper mit gutem
Grund betont, wuchsen die chronologischen Kürzungen bei Newton aus seinen
theologischen Schlussfolgerungen.
Newton war
seit rund zehn Jahren mit der Überarbeitung seiner Deutung theologischer Arbeiten
beschäftigt, „als Caroline, die Princess of Wales, 1716 von seinen neuen
Prinzipien der Chronologie erfuhr. Sie interessierte sich sehr dafür und bat
Newton um eine Abschrift seiner Arbeiten. Newton gab seine Werke nie leicht aus
der Hand. Noch weniger lag ihm daran, der Princess of Wales eine Abhandlung zu
überlassen, die immer noch genügend häretische Aussagen enthalten konnte, um
seine sofortige Entlassung als Direktor der Münze zu rechtfertigen. Gut
geschult in der Kunst des Hinauszögerns, argumentierte er, das Werk sei
,unvollkommen und verworren’, doch er wusste sehr wohl, dass mit einer
königlichen Anweisung nicht zu scherzen war. Eilig verfasste er ein ,Abstract’
seiner Chronologie, das später den Namen ,Short Chronology’ erhielt und die
Arbeit in ,die zu ihrer Prüfung geeignetste Form’ brachte, und überreichte es
einige Tage später der Prinzessin. Für sich betrachtet und losgelöst von den
,Origines’, auf denen sie basieren, enthielten die Ideen des ,Abstract’ nichts
besonders Neues und nichts, was Anstoß hätte erregen können. Indem er seine
umstürzlerische Theologie als Chronologie verkleidete, hatte sie Newton selbst
für den königlichen Gebrauch genug entschärft”. (S. 373)
In unserer
weiteren Schilderung folgen wir dem Buch Manuel (1963): Prinzessin Caroline
wurde gebeten, die kurze Chronologie nicht zu verbreiten. Trotzdem wurde die
Existenz der kurzen Chronologie immer bekannter, und viele haben Newton um
weitere Kopien gebeten. Obwohl er einige solche Kopien anfertigte
(hauptsächlich, um kleine Korrekturen zu machen), gab er sie praktisch keinem
der Interessenten, auch wenn unter solchen viele bekannten Chronologen der Zeit
waren, die eine gewisse Aufwertung ihrer Wissenschaft durch die Einbeziehung
des berühmten Newton in die eigenen Reihen gehofft haben. Einer von diesen
Interessenten war Abbé Conti, dem Newton eine Kopie der kurzen Chronologie,
entsprechend der Bitte von Prinzessin Caroline, ausnahmsweise anvertraute. Abbé
Conti nahm diese Kopie mit nach Paris, wo er sie mehreren interessierten
Wissenschaftlern zu lesen gab.
M. Freret,
ein bekannter Chronologe dieser Zeit, Mitglied der Académie des Inscriptions et
Belles-leitres, übersetzte die kurze Chronologie ins Französische und schrieb
dazu seine eigenen kritischen Kommentare. Diese Übersetzung gelangte in die
Hände des Buchhändlers G. Gavelier, der die Veröffentlichung anstrebte und im
Mai 1724 einen Brief an Newton schrieb, um eine Erlaubnis zur Publikation zu
bekommen. Newton beantwortete den Brief nicht (vermutlich wollte er dadurch seine
Abneigung gegenüber der Veröffentlichungsidee ausdrücken oder war selbst noch
nicht sicher, was er eigentlich wollte). Im März 1725 schrieb G. Gavelier einen
weiteren Brief, und wieder schwieg Newton, obwohl in dem Brief stand, dass das
Schweigen als Zustimmung zur Veröffentlichung interpretiert werde. Dann begann
G. Gavelier die Vorbereitung der Publikation. Für alle Fälle bat er seinen
Freund in London, Newton zu besuchen und ihn zur Erlaubnis zu bewegen. Das
Treffen fand am 27. Mai 1725 statt, und Newton verweigerte die Erlaubnis. Doch
als diese Nachricht Paris erreichte, war das Buch schon verlegt.
Newton
bekam ein Exemplar des „Buchs Newton“ (1725) am 11. November 1725 und
veröffentlichte sofort einen Brief in „Transactions of the Royal Society“, v.
33, 1725, p. 315, in dem er Abbé Conti beschuldigte, sein Wort gebrochen und
gegen den Willen des Autors gehandelt zu haben. Ob die ganze Geschichte
vielleicht doch einem heimlichen Wunsch Newtons entsprach, seine kurze
Chronologie zu veröffentlichen und zu sehen, wie die Öffentlichkeit darauf
reagieren wird, darüber darf spekuliert werden.
Die
Reaktion der Wissenschaft war eher negativ. „Pater Etienne Souciet,
ebenfalls ein Experte in früher Chronologie, veröffentlichte fünf Abhandlungen
gegen Newtons Datierungssystem. Als nunmehr alter Mann wollte Newton zunächst
die Angriffe ignorieren, um eine neue Kontroverse zu vermeiden. Doch änderte er
schließlich seine Meinung und beschloss, sich dadurch zu verteidigen, dass er
sein Werk zur Chronologie in vollständiger Form herausbrachte. Während er es
noch einmal überarbeitete, ereilte ihn der Tod. Wir sollten daraus nicht
schließen, dass er das Werk unvollendet hinterlassen hat. Endlose
Überarbeitungen waren Newtons Schicksal, so gering die Änderungen oft auch
waren.” (Westfall, 1996, S. 373). 1728, ein Jahr nach Newtons Tod, wurde
die vollständige Fassung in England veröffentlicht (Newton, 1728). Bald danach
wurde auch die französische Übersetzung der „langen” Chronologie in Paris
verlegt (Newton, 1728a).
Newton als
Vater der chronologischen Statistik
Im letzten
Teil seines Artikels „Wie war Newton zu seinen Ergebnissen gekommen?” betont
Uwe Topper, dass auch Newton nicht immer klar begründen konnte oder wollte, wie
er zu seinen Ergebnissen gekommen war (eine Angewohnheit, die bei den
Chronologen bis in die heutigen Tage als Regel zu beobachten ist). Trotzdem
finden wir bei Topper in seinem vorletzten Kapitel auch die Antwort auf die von
ihm gestellte Frage: Newton kam zu seinen Ergebnissen durch zwei wichtige neue
oder verbesserte Methoden:
- durch
astronomische Retrokalkulationen (diese benutzte schon Pettau, aber nicht, um
mit maximaler Präzision die astronomischen Angaben der alten Autoren zu
überprüfen, sondern um eine mehr oder weniger plausible Bestätigung der
fantastischen Chronologie von Scaliger vorzugaukeln), die Newton als Erster
mathematisch genau und naturwissenschaftlich plausibel einsetzte,
- durch
Berechnung der mittleren Dauer der Herrschaftszeit für Potentaten
unterschiedlicher Epochen und Länder und durch die Reduktion dieser Dauer auf
ein empirisch plausibles Maß.
Die beiden Methoden fanden bei Morosow und später bei Fomenko
eine massive Anwendung in verbesserter (weiterentwickelter) Form. Auch Morosow
begann seine statistischen Überlegungen mit Betonung der Unmöglichkeit einer
mittleren Regierungszeit von 33,3 Jahre im Alten Ägypten. Er hob insbesondere
hervor, es würde bedeuten, dass die ägyptischen Pharaonen fast immer ihre Enkel
und nicht ihre Söhne als Nachfolger am Thron gehabt hätten.
Morosow
bemerkt, wenn es nicht der Fall wäre und die Söhne der Pharaonen doch ihren
Thron geerbt hätten, dann sollten die Pharaonen bei einer durchschnittlich ca.
33-jährigen Besetzung des Throns erst etwa im Alter von 30 bis 32 Jahren ihren
ersten Sohn bekommen haben. Das widerspricht allen statistischen Angaben über
die Herrscher des letzten Jahrtausends in allen möglichen Ländern. Und es ist
kaum anzunehmen, dass im Altertum Leute länger lebten und viel später
Nachfolger bekamen, als in den letzten tausend Jahren.
Die
statistischen Beobachtungen von Morosow führten zu seiner Entdeckung von drei
aus der Sicht der Wahrscheinlichkeitstheorie völlig unmöglichen
Übereinstimmungen in der konventionellen Geschichte. Er verglich
unterschiedliche Epochen (und Länder) mit entsprechenden Zahlenreihenfolgen,
die die Dauer der Herrschaftszeit für nacheinander folgenden Potentaten
präsentieren. Solche nacheinander folgenden Zeiten bilden eine Zahlenreihe, die
wir als Dauer-Vektor bezeichnen können. Und dabei fand er diese drei völlig
unmögliche Fälle, in welchen die Dauer-Vektoren unmöglich stark
übereinstimmten. Es konnte sich dabei nur um die Abschreibung einer Epoche und
das Erfinden einer nie da gewesenen anderen Epoche handeln.
Diese
statistische Analyse wurde durch Fomenko ausgeweitet. Wenn Morozow mühsam seine
Vergleiche „per Hand” durchführen musste, standen der Gruppe von Mathematikern
aus der Universität Moskau Computer zur Verfügung, die für alle erfassten historischen
Perioden in verschiedenen Regionen der Erde nach entsprechenden
Übereinstimmungen suchen konnten. Die von Fomenko entdeckten mehr als zwanzig
solcher unwahrscheinlicher Übereinstimmungen führten zu seinem Modell einer
neuen kurzen Chronologie der Weltgeschichte, die erst ab ca. 1350 beginnt und
erst ab 1650 mehr oder weniger plausibel ist.
Newton und
Hardouin
Bei allen
Kritikern von der Newtonschen „Chronologie” (wie z. B. beim oben
erwähnten Pater Souciet) kann man von großem Respekt, mit dem sie den
kritisierten Newton behandeln, sprechen. Dagegen ist für J. Hardouin der große
alte Mann, den er als ersten Geometer und Mathematiker Europas sieht, keine
Autorität in Sachen Chronologie und Geschichte.
Trotzdem
war die Reaktion von Jean Hardouin an der „Chronologie” von I. Newton
keinesfalls eindeutig negativ. Wir berichten darüber nach Manuel (1963).
Einerseits irritierte ihn Newtons Glaube an die Existenz des Altertums, und er
stellte die Frage „Wollen die Menschen nie aufhören, über das Alter der Welt zu
diskutieren?”. Anderseits betonte er, dass, obwohl die meisten Chronologen sich
bemühen, die Welt möglichst alt erscheinen zu lassen, Newton mit seinen
astronomischen Retrokalkulationen die Welt um 534 Jahre verjüngt hat (S. 177).
Eine ganz andere Frage ist, dass der Skeptiker Hardouin an der Existenz des
Astronomen Chiron zweifelte, dessen Beobachtungen die Grundlage für die
Retrokalkulationen Newtons bildeten. Hardouin hielt Chiron für einen berühmten
Arzt, der nie die ihm zugeschriebenen astronomischen Beobachtungen gemacht
hatte. Und ohne Chirons Beobachtungen verlieren die Retrokalkulationen Newtons
jegliche Aussagekraft (nicht aber die statistischen Überlegungen, die wir oben
betrachteten).
Interessant
ist auch zu erwähnen. (s. S. 178), dass kein Kleinerer als Voltaire die
Verteidigung Newtons gegen Hardouin übernahm (alles, was einem Jesuiten nicht
gefiel, war für Voltaire verteidigungswürdig). Obwohl er sich gegen jedes
System skeptisch wehrte und darum auch das System der Chronologie grundsätzlich
ablehnte, fand er das neue chronologische System richtig. Vielleicht spielte
für ihn auch die Tatsache eine Rolle, dass das neue System das alte völlig
überflüssig machte.
Schlusswort
Ich betone
noch einmal, dass aus meiner persönlichen Sicht die Verdienste Newtons für die
Chronologiekritik im Folgenden bestehen:
1. Er zeigte, dass bei einer logischen Betrachtung
der vorhandenen historischen Quellen eine Kürzung der Chronologie unumgänglich
wird.
2. Er führte dadurch vor, dass die
Quellenlage erlaubt, unterschiedliche chronologische Systeme abzuleiten.
3. Zusätzlich demonstrierte er, dass bei Annahme
der Ehrlichkeit der Absichten von den ersten (historisch wirklich belegten)
Chronologen Scaliger und Pettau eine eindeutige Chronologie unmöglich ist. Hier
lassen wir absichtlich die byzantinischen Chronologen wie Vlastar aus der
Sicht, weil diese ehrlich gestanden haben, dass für eine chronologisierte
Weltgeschichte die historischen Quellen kein ausreichendes chronologisches
Material liefern (das fehlende Material wurde im 15. Und 16. Jh. erdichtet!).
4. Er schaffte die Grundlage für
die Entwicklung der statistisch chronologischen Methode, was durch N. A.
Morozow und A. T. Fomenko geschah und zum Durchbruch in der
chronologischen Forschung führte.
Die Behauptung 3 muss erklärt werden: Newton wollte die neue,
die richtige Chronologie schaffen, und glaubte, dass ihm das gelungen ist. In
Wirklichkeit misslang ihm die Lösung dieser unheimlich komplexen Aufgabe. Heute
wissen wir, warum: weil die historischen Angaben durcheinander sind und keine
historische Vergangenheit adäquat beschreiben, sondern die Geschichte der
lebhaften Dynamik der geografischen Namen, der historischen Fälschungen,
Irrtümer, Plagiate, Namenverwechselung, Fehlinterpretationen etc. spiegeln.
Trotzdem ist sein Versuch für die Chronologiekritik unheimlich wertvoll. Nun
verstehen wir, dass die Aufgabe, die sogar Newton nicht lösen konnte, zu
kompliziert war. Zu kompliziert, um von Scaliger und Co., einschließlich aller
ehrlichen Wissenschaftler, die es bis zu der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
versucht haben, die nichtreparierbar falsche Chronologie zu verbessern, richtig
gelöst zu werden.
Und die
Aufgabe der Entwicklung eines neuen Geschichtsbildes mit einer überprüfbaren
Chronologie bleibt zu kompliziert, auch für die heutigen
Geschichtsrevisionisten, die die statistische Methode nicht verstehen, nicht
beherrschen und nicht anwenden.
Literatur
Illig, Heribert (1989): „Morsches Gebälk,“
Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart, Heft 1, 1989, 21-23.
Illig, Heribert (1993): „Das Dark Age scheitert in Olympia.
Benny Peisers maßgebende Dissertation, rezensiert von“,
Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart, Heft 5, 1993, 58-63.
Manuel, Frank E. (1963): „Isaac Newton Historian“,
Cambrige, Massachusetts.
Newton, Isaac (1725): „Abregé de la chronologie de I.
Newton/fait par lui-méme, et traduit sur le manuscript Angloise [par Nicolas
Feret]“, Paris, Cavelier.
Newton, Isaac (1728): „The Chronology of Ancient Kingdoms
Amended“, London.
Newton, Isaac (1728a): „La Chronologie des Ancien Royalmes
Corrigée, Martin u.a.“, Paris. [Übers.: François Granet], 416 S.
Newton, Isaac (1741): „Kurzer Auszug aus der weltberühmten
Isaac Newtons Chronologie derer alten Königreiche: worinnen 4 Haupt-Periodi
veste gestellt u. aus d. Antiquität eruiert werden ...; wobei zugl. gezeiget
wird, wie d. dunckle Historie d. alten verfallenen Königreiche ... in e.
richtige chronolog. Ordnung zu bringen sei ...“; aus d. Engl. von Philipp Georg
Hübner, Meiningen, 183 S.
Newton, Isaac (1743): „Abrégé de la chronologie des ancien
royalmes“, Trad. Deel’Anglois de Mr. [Andrew] Reid, Geneve.
Newton, Isaac (1745): „Kurzer Auszug aus der I. Newtons
Chronologie“, von Pf. Georg Hübner, Hilburgshausen u. a.
Topper, Uwe (1999): „Isaac Newton verkürzte die griechische
Geschichte um 300 Jahre“, EFODON SYNESIS Nr. 4, Juli/August 1999, 4-7.
Westfall, Richard S. (1996): „Isaac Newton. Eine
Biographie“. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin. Oxford. 408 S.