Wilhelm Tell – ein Jesus-Mörder

Ein Nationalheld im Lichte der Geschichtskritik

© 2003 Christoph Pfister, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 3/2003

 

Der vorliegende Artikel stellt einen bearbeiteten Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch des Autors „Die Mär von den alten Eidgenossen“. Bern und die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik dar. – Das Erscheinen des Werkes ist für Frühsommer 2003 vorgesehen.

Einleitung

Nationalhelden haben vor einer kritischen Geschichtsbetrachtung einen schweren Stand. In den meisten Fällen löst sich ihr angebliches Heldentum im Nichts auf. Und wenn diese Figuren noch in der älteren, also erfundenen Geschichte angesiedelt werden, so kommt man mitten in die Grosse Aktion und ihre Blaupause. - Das gilt auch für Wilhelm Tell, eine Person, die wie kein zweiter mit dem historischen Selbstverständnis der Schweizer Eidgenossenschaft verbunden ist.

Die schmale Quellenbasis

Die Sage von Wilhelm Tell ist ein recht unorganisch eingebettetes Teilstück der Befreiungsgeschichte der Urschwyzer Waldstätte. Und die einzige und älteste Quelle ist das berühmte Weiße Buch von Sarnen – so genannt wegen des weißen Pergamenteinbandes. Das Werk ist ein Kompositum. Es enthält einen schmalen chronikalischen und einen großen urkundlichen Teil.

Datiert wird die Entstehung der Chronik des Weißen Buches auf die Zeit „um 1470“. – Und einziges Argument dafür ist, dass bis um diese Zeit sämtliche Einträge von einer einzigen Schrift geschrieben worden sind!

Die obige Chronik ist klar von dem Berner Chronisten Konrad Justinger beeinflusst – dieser wird im Text auch genannt. Der soll „um 1430“ geschrieben haben.

Die Abhängigkeit des Weißen Buches von Bern wird von der Wissenschaft anerkannt. Trotzdem hat man den Eindruck, dass dies den Forschern eher peinlich ist. So gab es denn Versuche, etwa von Bruno Meyer 1959, einen umgekehrten Weg der Beeinflussung zu behaupten: Nicht Bern habe die Geschichte den Waldstätten vorgegeben, sondern umgekehrt die Waldstätte den Bernern. – Aber solche Versuche waren nicht überzeugend.

In meinem noch ungedruckten Buch Die Mär von den alten Eidgenossen bin ich auch der Quellenfrage nachgegangen. Es ergab sich, dass so gut wie alle erzählenden Quellen zum Ursprung und zur älteren Geschichte der Eidgenossenschaft in Bern geschrieben wurden.

Sogar ein führender Name lässt sich zweifelsfrei feststellen: Es ist Michael Stettler im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Er und sein Umkreis haben alle wichtigen Chroniken zur Geschichte Berns und der Eidgenossenschaft verfasst – unter verschiedenen Namen und in verschiedenen Fassungen.

Eine solche Stettlersche Schöpfung ist besonders die dem erwähnten Justinger zugeschriebene älteste Berner Chronik. – Also stammt auch das Weiße Buch frühestens aus der Zeit um 1620/1630. Mehr noch: Die Befreiungsgeschichte Berns und der Waldstätte sind absolute Parallelitäten. Die Sage von Wilhelm Tell ist also eine städtische, nicht eine ländliche Schöpfung. – Die Urschweiz besaß keine eigene Geschichtsschreibung.

Tell eine historische Gestalt?

Schon in meiner Matrix habe ich nachgewiesen, dass alle Geschichte vor etwa 1600 nicht plausibel ist. In meinem neuen Werk über die Schwyzer Eidgenossen weise ich auch nach, dass die ältere Geschichte erst nach dem genannten Datum geschrieben wurde. Alle Chroniken, Urkunden und sonstigen schriftlichen Dokumente sind das Ergebnis einer Grossen Aktion der Spätrenaissance und des Barock.

Diese geschichtskritischen Erkenntnisse sind neu. Aber die Frage nach der Authentizität der Tell-Figur beschäftigt die Gelehrten seit Jahrhunderten. Bekanntlich hat der Berner Gottlieb Emanuel von Haller um 1760 in einer Schrift Wilhelm Tell, ein dänisches Märchen den Meisterschützen und Tyrannenmörder als Gestalt aus der nordischen Sage entlarvt. – Doch schon im 17. Jahrhundert gab es Zweifler an Tell. – Im Grunde ist die ganze Historiographie der älteren Schweizer Geschichte von den Anfängen bis heute eine Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern einer Geschichtlichkeit Tells.

 

 

Wilhelm Tell mit Sohn (Illustration von Ende des 19. Jahrhunderts)

 

Zuletzt haben vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Schweizer Historiker, Karl Meyer und Bruno Meyer, ein letztes Mal versucht, Wilhelm Tell als historische Gestalt zu rehabilitieren. – Deren Argumente waren allerdings mehr als gewagt und beruhten letztlich auf logischer Akrobatik und Zirkelschlüssen.

Tell wird auch in der offiziellen Geschichtsforschung heute nicht mehr als plausibel betrachtet. Aber diese Haltung ist eher durch den Zwang der Umstände als durch eine klare Willensentscheidung bedingt. - Nach wie vor hält man, dass an der Befreiungsgeschichte der Waldstätte und den dürftigen Nachrichten des Weißen Buches von Sarnen etwas Wahres sein müsse.

Die chronikalischen Mitteilungen über Tell sind dürftig, und die Urkunden lassen nichts über ihn verlauten. – Am Versuch, Realität und Mythos (Jean-François Bergier) in der ältesten Überlieferung trennen zu wollen, lässt sich das ganze Elend der Geschichtswissenschaft der älteren Zeiten ablesen. Es kann nicht gelingen, eine Geschichte zu belegen, die nicht existiert hat.

Der Tell-Mythos

In der ursprünglichen Vorlage war Wilhelm Tell als Teil der Befreiungsgeschichte der Waldstätte gestaltet. Aber der Meisterschütze aus Uri nahm nicht an dem Bundesschwur auf dem Rütli und den späteren Beratungen teil. – Und auch in der Kürze der Chronik des Weißen Buches wirkt seine Geschichte ziemlich aufgesetzt und unorganisch eingefügt. – Schon deswegen lohnt es, der Tell-Geschichte analytisch auf den Grund zu gehen.

Doch so weit ging bisher keine Be­trachtung. Die Kritiker erkannten die Parallelitäten mit der nordischen Geschichte vom Meisterschützen Toko, dem isländischen Eigill und Bellerophon und seinen Söhnen in der griechischen Sage. Uwe Topper weist auch auf die Namensähnlichkeiten hin: In Bellerophon liest man Tell heraus; in Toko steckt toxon, das griechische Wort für Pfeil. – Aber auch lateinisch telum ergibt den Namen Tell (Topper, Horra, 64 f.).

Die Tatsache, dass nordische und griechische Sagen in gleicher Weise die Tell-Sage enthielten und gestalteten, hätte eigentlich auf eine gleiche Zeitebene schließen lassen – eben die der Grossen Aktion der Renaissance und des Barocks.

 

 

Wilhelm Tell (Radierung von Daniel Chodowiecki, 1781, aus: Wilhelm Tell. Ansichten und Absichten; Zürich 1991, S. 28)

 

Auch hätte ein technologisches Argument gebracht werden können. Wilhelm Tell ist nicht Bogen- sondern Armbrustschütze. Diese Schusswaffe aber ist auf älteren, „antiken“ Abbildungen nirgends zu finden. Die Armbrust verrät allein schon die späte Entstehungszeit der Sage.

Aber das hauptsächliche Augenmerk bei der Tell-Betrachtung galt bisher dem Mythos, der auf dieser Heldengestalt aufgebaut wurde. – Die zahlreichen bildlichen Darstellungen schon im 17. Jahrhundert belegen die Beliebtheit dieses Vorwurfs. In der Französischen Revolution wurde Wilhelm Tell zum revolutionären Freiheitshelden hochstilisiert und durch Friedrich Schillers Drama von 1804 erlangte der angebliche Freiheitsheld der Urschweiz endgültig Kultstatus und Weltruhm. – Der nationale Patriotismus des 19. Jahrhunderts festigte den Mythos – ungeachtet der Kritik einzelner Historiker.

Tell – eine humanistische Erfindung?

Wilhelm Tell hat auch heute noch seinen festen Platz in der allgemeinen historischen Vorstellungswelt. Das führt zu teilweise grotesken Erscheinungen. In der Schweiz etwa kommt es sogar vor, dass sich Befürworter und Gegner einer politischen Sache in gleicher Weise auf die Legendengestalt berufen.

Wie gesagt haben die Versuche im 20. Jahrhundert, Tell wieder als historische Gestalt anzusehen fehlgeschlagen. Aber die Forschung der letzten Jahrzehnte beließ es bei referierenden Darstellungen des Tell-Phänomens, wofür etwa die Werke von Lilly Stunzi (1973) und Jean-François Bergier (1990) stehen. – Erst kürzlich wurde erstmals ein analytischer Ansatz vorgelegt.

Der Aufsatz von Walter Koller (2002), in einem Sammelband über den Historiographen Aegidius Tschudi erschienen, bietet trotz einiger Mängel den ersten und entscheidenden Schritt, um die Tell-Gestalt zu durchleuchten.

Zuerst stellt Koller ausdrücklich fest, dass der Inhalt des Weißen Buches Literatur und nicht Geschichte ist. – Bis anhin waren Forscher immer noch der Meinung, man könne und müsse aus dieser Quelle einen Wahrheitskern herausfiltern.

Dann erkennt Koller nicht nur in der Tellen-Geschichte, sondern auch in den anderen Elementen der Befreiungsgeschichte eine humanistische Erfindung:

Der Bauer im Melchi spielt auf eine Stelle im Buch Samuel an; die Nötigung der Frau von Altsellen auf die altrömische Geschichte von Lucretia. - Die Geschichte des Burgenbruchs durch die Waldstätte gibt einen Topos der Renaissance wieder, nämlich dass die Burg aus einem ursprünglichen Zufluchtsort zu einem Hort des Lasters geworden sei.

Wilhelm Tell wird ebenfalls als humanistisches Märchen erkannt. Dabei wird auf die Bedeutung des Tyrannenmordes im Denken des Humanismus verwiesen.

Aber eben hier muss die Kritik am guten Ansatz von Walter Koller einsetzen. Entgegen dem Titel seines Artikels wird keine tiefer gehende Analyse der Tellen-Geschichte geboten. Der Meisterschütze bleibt ein Tyrannenmörder. Ungewollt erliegt Koller damit ebenfalls der bisher vorherrschenden Interpretation von der Wirkungsgeschichte her: Weil die meisten in Tell einen Freiheitshelden gesehen haben; der ein Volk von Unterdrückung und Tyrannei erlöst, so gilt diese Ansicht weiter. – Aber eine fundierte Analyse kann sich nicht zufrieden geben, gängige Meinungen zu kolportieren.

 

 

Wilhelm Tell und sein Äpfelschuss (Holzschnitt aus der gedruckten Chronik von Petermann Etterlin, angeblich „1507“ – nach dem Autor aber etwa um 1630 anzusetzen)

Die Parallelitäten zu Wilhelm Tell

Kollers Ansatz ist gut, greift aber zu kurz. Um die Geschichte von Tell in seiner ursprünglichen Absicht fassen zu können, braucht es weitere geschichtsanalytischer Ansätze.

Der Nachweis von Parallelitäten ist der Königsweg zu einer richtigen Deutung. Dies ist teilweise geschehen, aber nicht vollständig. - Fomenko hat als Erster erkannt, dass die Textbücher der alten Geschichte sich inhaltlich und formal entsprechen. Ich habe diese Gedanken weiter verfolgt und sehe mit anderen Forschern eine Matrix, eine Grosse Aktion, eine Übereinstimmung in Motiven und Absichten bei der Abfassung der alten Geschichten.

Zentral ist für mich die Erkenntnis, dass alle alten Geschichten, gleich ob sie „biblisch“, „antik“ oder „mittelalterlich“ sind, religiös geprägt sind und die Glaubensvorstellungen ihrer Entstehungszeit widerspiegeln.

Könnte nicht auch die Geschichte von Wilhelm Tell einen solchen religiösen Aspekt haben?

Ebenfalls erst vor wenigen Jahren ist aus der Feder von Francesco Carotta (1999) ein Werk erschienen, das wie kein zweites als Schlüssel zu einer neuen Deutung der Gestalt von Wilhelm Tell dienen kann.

Der Autor erkennt dort die absolute Parallelität zwischen den Taten von Julius Caesar und Jesus von Nazareth. Die Evangelien sind eine wortwörtlich übersetzte, missdeutete und verdrehte Version der Vita Caesaris: So wie Caesar zum Beispiel in Gallien wirkte, so Jesus in Galiläa. Wie jener in Rom einzog, so dieser in Jerusalem. – Und beide werden Opfer einer Verschwörung und sterben den Märtyrertod durch einen Stich in die Brust.

Vertieft man sich in diese inhaltlichen Parallelitäten zwischen den verschiedenen Textbüchern, so tut sich ein faszinierendes neues Feld der historisch-philologischen Forschung auf. – Ich habe in meiner Matrix eine Fülle von solchen Vergleichen zusammengetragen – wie schon Fomenko vorher.

Zentral ist dabei die Erkenntnis, dass man, um den Charakter einer Sagengestalt der erfundenen Geschichte richtig und in allen Aspekten zu erfassen, womöglich mehrere Parallel-Gestalten vergleichen muss.

Die Seefahrt von Tell und Gessler ist gleich der Meerfahrt von Jesus und Caesar

Analysiert man unter diesen Aspekten die Tell-Sage, so wundert, dass bisher noch niemand die doch teilweise offenkundigen Anklänge an die Jesus-Geschichte erkannt hat.

Zentral ist dabei die Episode von der Fahrt über den Vierwaldstättersee. Nach dem Äpfelschuss in Uri lässt Gessler Tell binden und fährt zusammen mit ihm und ein paar Knechten in einem Boot über den Urner See nach dem Schwyzer Ufer. Ein Sturm kommt auf. Die Knechte raten ihrem Herrn, den Schützen loszubinden, da nur er das Unwetter besänftigen könne. Dem entfesselten Tell gelingt es tatsächlich, die Gefahr zu bannen – aber auch zu fliehen. – Wilhelm Tell eilt auf dem Landweg nach Küßnacht, wo er dem Vogt Gessler in der Hohlen Gasse auflauert und ihn mit einem Pfeil erschießt.

Erkennt niemand, dass es sich bei der Fahrt Gesslers über den Urner See um eine fast wörtliche Übersetzung einer entsprechenden Stelle aus den Evangelien Markus handelt?

Nach Markus 4, 35 ff. nehmen die Fischer Jesus mit auf der Fahrt über das Meer. Während der Überfahrt schläft der Heiland auf einem Kissen. Ein Sturm entsteht. Die Mannschaft weckt den Christ, der daraufhin den Sturm beruhigt.

Die Parallelen zwischen Tell und Jesus sind mehr als offensichtlich. Tell ist nicht der Heiland, aber auf dem Urner Meer spielt er dessen Rolle. Dabei wird die Geschichte dialektisch abgehandelt: Tell ist gefesselt, ein Sturm kommt herauf. Das Unwetter kann nur durch die Entfesselung von Tell besänftigt werden. – Dem ruhig gestellten Schützen entspricht also in den Evangelien der ruhende Jesus. Indem dieser geweckt wird, kann er die unruhige See beruhigen.

Der Nachen von Gessler landet ohne Tell am Schwyzer Ufer. Die Parallelstelle in den Evangelien nennt die Landungsstelle, es ist die Landschaft der GERASENER (Markus, 5, 1). – Der Ort am Vierwaldstättersee ist unschwer zu erraten; es ist GERSAU, ein Name, der sich von CHRISTUS ableitet.

Weil die Geschichte Caesars die Vorlage für die Evangelien-Geschichte darstellt, so muss auch diese betrachtet werden, um die Erzählung ganz zu verstehen.

Nachdem Caesar aus Gallien in Rom einmarschiert ist, verfolgt er die Pompejaner, die sich nach Osten zurückgezogen haben. In Brindisi = Brundisium sammelt der Heerführer eine Legion und setzt mit ihr die Adria nach Ionien über. Dabei gerät Caesar in einen Seesturm. Trotzdem gelingt es ihm, die jenseitige Küste zu erreichen. Dort wird Caesar gegen die Felsen der CERAUNIER = GERASANER = GERSAUER getrieben.

Als Landschaft der Gerasener gilt heute das Ost-Jordanland mit der römischen Ruinenstadt GERASA. – Aber alle alten Ortsnamen im Osten des Mittelmeers wurden in nachantiker Zeit – im späten 16. Jahrhundert - aus dem Westen importiert.

Bei den Gerasenern nun gibt es einen Besessenen, den man nicht mehr fesseln kann, der in einer Höhle wohnt und der Legion heißt.

 

 

Wilhelm Tell (Gemälde von Ferdinand Hodler, 1897, aus: Tell. Werden und Wandern eines Mythos; Bern und Stuttgart 1973, S. 307)

 

Ein Mann, der Legion heißt, ist ein Widersinn. – Aber das beweist, wie mangelhaft, um nicht zu sagen liederlich die Vita Caesaris von den Evangelienschreibern übersetzt worden ist.

Ein Höhlenbewohner namens Legion, der besessen ist. –Die Evangelisten haben hier die Geschichte von der Überfahrt der Legion über die stürmische See zu einem unverständlichen Brei vermengt. Aber durch den Vergleich mit den beiden Blaupausen gelingt es, die Erzählstränge zu entwirren.

Im Evangelium heilt Jesus den Besessenen, indem er dem unreinen Geist des Geraseners befiehlt, den Körper zu verlassen und statt dessen in eine Herde Schweine zu fahren. Die Sauherde stürzt sich darauf ins Meer. – Das predigen nachher die Christus-Jünger als Wunder ihres Herrn.

In der Caesar-Geschichte liest sich die Episode bei den Gerasenern so: Dem Feldherr gelingt es nicht, die in Albanien verschanzten Pompejaner zu besiegen. – Zudem bricht unter seinen Truppen eine Seuche aus.

Bei der Plünderung der Stadt Gomphoi in Ionien erbeuten die Caesarianer jedoch reiche Vorräte an Wein. Die Legion betrinkt sich, und so wird die Krankheit aus den Körpern der Soldaten vertrieben. – Diese Heilung gilt nachher als eines der Wunder Caesars.

Hier haben wir die missverstandenen Parallelen: Indem sich die Legion betrinkt, wird sie wieder gesund. – Man könnte auch sagen: Indem sie durch Weintrinken die Sau herauslässt, verscheucht sie die Seuche.

In der Tellen-Geschichte ist Tell nach der Landung am jenseitigen Ufer des Vierwaldstättersees ein Besessener. Dieser sinnt auf Rache an Gessler und lauert ihm in der Hohlen Gasse bei Küßnacht auf.

Das aber ist ebenfalls eine absolute Parallelstelle zum Evangelienbericht: Bei den Gerasenern wohnt der Verrückte in einer HÖHLE; Tell aber lauert Gessler in der HOHLEN Gasse auf.

Aber wer ist dieser Gessler?

Gessler ist Jesus Christus

Der Name von Wilhelm Tells Hauptfeind hat drei Aspekte:

Zuerst ist Gessler der Sage nach Vogt. Dieser Name leitet sich von lateinisch advocatus ab. Das kann der Fürsprecher oder Sachwalter eines Königs oder Kaisers sein. Aber da ein römischer Kaiser sich auch als Gott verehren lässt, so haben wir schon hier die Bedeutung eines Stellvertreters Gottes, eines Gottessohnes.

Wer sich weigert, dem Stellvertreter des Allmächtigen zu huldigen, begeht Majestätsbeleidigung. – Tell der Waldmann tut dies und begeht damit einen religiösen Frevel.

Dann hat der Name GESSLER einen Anklang an GEISSLER. – Aber diese Anspielung ist richtig. Carotta weist nach, dass die Evangelienschreiber hier das griechische Verb flein = dringend fordern mit lateinisch flagellare = geißeln falsch übersetzt haben (Carotta, 334).

Der Zusammenhang ist dieser: Caesar bittet seinen Rivalen Brutus dringend, den Frieden zu wahren. – In den Evangelien ist es Pontius Pilatus, der Jesus ausfragt und nachher binden und geißeln lässt.

Gessler ist also zuerst Pontius Pilatus. Als solcher lässt er Tell fesseln und will ihn später geißeln. – Aber der gleiche Vogt ist auch Caesar. Diesem wird vorgeworfen nach der Königswürde zu streben. Und als Herrscher könnte er verlangen, dass man seinen Hut grüßt.

Nun aber hat Gessler noch einen zweiten Namen. Dazu aber muss wiederum auf die älteste Berner Geschichtsschreibung und dessen führenden Kopf Michael Stettler zurückgekommen werden. Dieser Berner Historiograph der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erwähnt Gessler ebenfalls. Aber sowohl handschriftlich als auch im Druck nennt Stettler ihn GRYSSLER. - Dieser Name nun ist leicht zu deuten. Dahinter verbirgt sich CHRISTUS. – Im Grunde verständlich, denn wenn Caesar eine Christus-Figur ist, so muss es auch die Caesar-Parallele Gessler sein.

Und sowohl Caesar wie Jesus fallen einem heimtückischen Anschlag zum Opfer und werden mit einem spitzen Gegenstand umgebracht. – Was für Caesar und Jesus gilt, muss deshalb auch auf Gessler zutreffen: Der Vogt wird aus einem Hinterhalt heraus mit einem Pfeil, also einem spitzen Gegenstand, in die Brust getroffen und getötet. – Und auch Tell gelingt es zu fliehen. Er kehrt nach Uri zurück.

Sogar der Ort, in dessen Nähe die Hohle Gasse liegt, könnte eine Bedeutung haben. Das Dorf heißt KÜSSNACHT. Die Konsonantenfolge CSNT aber lässt sich als SNTS lesen (C und S sind austauschbar). Daraus aber liest man das lateinische Wort SENATUS heraus. – Caesar wurde bekanntlich im Senat ermordet. Ebenso wurde Jesus im Synedrion, dem griechischen Wort für Senat verurteilt.

Wilhelm Tell ist in der ursprünglichen Absicht der Geschichte ein Jesus-Mörder.

Tell ein Danaer-Geschenk der Berner Geschichtsschreibung?

Wir wiederholen, dass die Befreiungsgeschichte der Waldstätte von Bern vorgegeben und übermittelt wurde. – Das muss schon nach der Glaubensspaltung gewesen sein. Das protestantische Bern lieferte den katholischen Waldstätten freundeidgenössische Hilfe in Sachen Geschichtsdichtung.

Nun kann man annehmen, dass Bern diese historische Unterstützung nicht ganz uneigennützig geleistet hat. In der Gestalt Wilhelm Tells hat man einen Tyrannenmörder in die Befreiungsgeschichte der Waldstätte hineingearbeitet. Und dieser angebliche Held gegen die Unterdrückung entpuppt sich bei genauerer Analyse nicht als Tyrannen- sondern als Jesusmörder. – Die Empfänger dieser Geschichte haben dies aber offenbar nicht bemerkt.

Die ältesten Chroniken können nicht genug sorgfältig auf verborgene Anspielungen und Bedeutungen untersucht werden. – Das gilt auch für das Weiße Buch von Sarnen als erste Quelle für die Tellen-Geschichte.

Nun muss man annehmen, dass die Beschenkten zu ihrer Zeit noch gewusst haben, welche nur schwach verhüllte Tendenz in jener Sage vom Meisterschützen Wilhelm Tell verborgen war: Die Schwyzer Waldleute am Vierwaldstättersee werden als verbohrtes Volk dargestellt, welche sich dem neuen Glauben an Gottes Sohn entgegenstellen und diesen sogar töten.

Sobald sich die Tellen-Sage verbreitete, sind Zweifel an der Geschichtlichkeit dieser Gestalt aufgetaucht. Die Tell-Kritik begann schon im 17. Jahrhundert. – Aber bisher ist keine Stimme bekannt, welche an der verhüllten wahren Bedeutung dieses angeblichen Freiheitshelden Anstoß genommen hätte.

Zum heutigen Zeitpunkt lässt sich noch nicht sicher sagen, ob die Berner ihren Miteidgenossen in der Innerschweiz tatsächlich eine Art Danaer-Geschenk gegeben haben.

 

Literatur

Bergier, Jean-François (1990): Wilhelm Tell. Realität und Mythos; 1990

Carotta, Francesco (1999): War Jesus Caesar? 2000 Jahre Anbetung einer Kopie; München

Koller, Walter (2002): Wilhelm Tell – ein humanistisches Märchen; in: Aegidius Tschudi und seine Zeit; Basel; 237 – 268

Marchi, Otto (1971): Schweizer Geschichte für Ketzer oder die wundersame Entstehung der Eidgenossenschaft;; Zürich

Pfister, Christoph (2003): Die Mär von den alten Eidgenossen. Bern und die Entstehung der Schwyzer Eidgenossenschaft im Lichte der Geschichtskritik; Zürich (in Vorbereitung)

Pfister, Christoph (2001): Die Matrix der alten Geschichte. Analyse einer religiösen Geschichtserfindung; Fribourg

Salis, Jean-Rodolphe von (1973): Ursprung, Gestalt und Wirkung des schweizerischen Mythos von Tell; in: Tell - Werden und Wandern eines Mythos; Bern und Stuttgart

Topper, Uwe (2002): Horra. Die ersten Europäer. Die Entstehung der Metallzeit in neuer Sicht; Tübingen

Wilhelm Tell: Ansichten und Absichten (1991); Zürich

Zelger, Franz (1990): Der manipulierte Held – Das Beispiel Wilhelm Tell; in: Historienmalerei in Europa, Mainz; 389 – 406

 


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