Leonardo der Grabtuchketzer

© 1997 Heinz Günther Birk; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 21/1997

Das Grabtuch von Turin, 4,36 Meter lang, 1,10 Meter breit, einem langen und schmalen Tischtuch vergleichbar, ist wohl der geheimnisvollste Stoff, der die Gemüter seit langer Zeit erhitzt. Aber was ist dieses Tuch - die größte Reliquie der Christenheit oder der größte Schwindel? Vermutlich seit Beginn des 16. Jahrhunderts liegt es in einem Schrein im italienischen Dom von Turin und wird der Öffentlichkeit nur alle dreißig Jahre gezeigt.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der sich ständig verbessernden Fototechnik, weiß man, dass auf dem Stoff das schwache Abbild eines unbekleideten Mannes zu sehen ist - und darüber hinaus noch einiges mehr, wie bisher vorliegende Untersuchungen zeigen. Gemeint sind Blutflecken entlang des Körpers, welche sich zum einen mit den Schilderungen der neutestamentlichen Evangelien decken, zum anderen - gemäß neuzeitlicher Ergebnisse modernster Gerichtsmedizin - ausnahmslos aus vitalem Blut, d.h., aus einem intakten Blutkreislauf, entstammen.

Dieses für ein Leichentuch wohl recht seltsame Resultat hat zu Überraschungen und sensationellen Erkenntnissen geführt. So wertet dies Holger Kersten (1) neben anderen hierzu passenden Indizien als den schlagenden Beweis dafür, dass Jesus die Kreuzigung überlebt habe, um dann in Indien hochbetagt zu sterben. Außer diesen, den Hieben der römischen Geißelung zugeschriebenen Verletzungen am Körper des ca. vierzigjährigen Mannes erkennt man weitere Verletzungen am Kopf - und zwar solche, die von der Dornenkrone herrühren sollen, die Jesus zur Verspottung aufgesetzt wurde. Spuren von im Orient gebräuchlichen Kräutern zur Wundbehandlung Schwerstverwundeter wie Aloe und Myrre scheinen zudem Holger Kerstens Beurteilung von der lebend überstandenen Kreuzigung Jesu zu stützen.

Die alles entscheidenden Frage ist und bleibt, wen dieses Tuch tatsächlich zeigt. Haben wir wirklich das Gesicht des Jesus von Nazareth vor uns? In diesem Fall hätten wir hiermit die wertvollste Reliquie der Christenheit, wie es z.B. vehement von Organisationen behauptet wird, die die Echtheit des Tuches beweisen wollen (2).

Ganz im Gegensatz dazu stehen die offiziellen Verlautbarungen der römisch-katholischen Kirche. Obwohl man vermuten sollte, dass geraden die Kirche alles daransetzen würde, um auch nur die kleinsten Chance auf die mögliche Echtheit des Tuches wahrzunehmen, hat gerade ihr Handeln zu scharfen Protesten geführt. Vor allem der vor einigen Jahren unter großem Medienrummel an renommierte Institute erteilte Auftrag, mittels C14-Datierung das Alter des Tuches bestimmen zu lassen, hat weltweit Kritik hervorgerufen.

Einer der führenden Grabtuch-Experten, der Jesuiten-Pater Prof. Werner Bulst (3), sprach offen von Betrug. So seien zum Beispiel die Proben der zu untersuchenden Fasern ohne Beisein der in Turin anwesenden Institutsvertretern versiegelt worden. Nun schien das Ergebnis, nach mehreren Monaten wiederum unter weltweitem Medienrummel verkündet, für eine Fälschung des Mittelalters zu sprechen. Der Stoff sei zwischen 1260 und 1390 hergestellt worden, somit sei eine Fälschung erwiesen.

Zwischen den beiden Extrempositionen schlug das Buch zweier englischer Sindonologen (Leichentuchforscher) wie eine Bombe ein (4). Ja, es sei eine Fälschung, sogar ein Foto, hergestellt von einem der größten Genies der Menschheit. Vorliegende und eigene Untersuchungen wiesen klar und eindeutig auf Leonardo da Vinci hin (5). Mit seiner Grabtuchfälschung hätte der als Großmeister der verbotenen Templer Verdächtigte auf den wahren Christus, auf den unter König Herodes geköpften Johannes den Täufer aufmerksam machen wollen. Dies ist genau das, was Täufersekten, Katharer und andere ,,Ketzer” immer behaupteten.

Tatsächlich ist auf jeder auch nur einigermaßen brauchbaren Fotografie des Tuches eine klar erkennbare Zäsur zwischen Kopf und Torso zu erkennen. Außerdem, quasi als weiterer Hinweis des Künstlers an spätere Generationen gedacht, ist der Kopf im Vergleich zum Torso eindeutig zu klein. Bei allen lebenden Menschen gibt es im Verhältnis zur Körpergröße bestimmte anatomische Präferenzen, die weder über- noch unterschritten werden.

Leonardo da Vinci hätte, so die englischen Sindonologen weiter, den Torso eines Gehenkten ins Tuch gewickelt, sowie eine Gipsmaske, die vermutlich das Gesicht des Künstlers zeigt, für sein Werk verwendet. Im Zuge ihrer recht schlüssigen Beweisführung machen die Autoren auf eine weitere, eine wie auch immer zu vermutende Echtheit des Tuches widersprechende Eigentümlichkeit aufmerksam. So faltet der erkennbare Mann seine Hände über der Scham. Dabei ist jedoch für die Hände ein intakter Muskeltonus erforderlich, was, wie man es sich denken kann, nach dem Eintreten des Exitus nicht möglich ist. Anschließend soll er auf den - selbst von ansonsten nüchtern denkenden Schulwissenschaftlern ernsthaft diskutierten - ,,überirdischen Energieblitz” gewartet haben, wobei dann mittels der verwendeten Kräuter ,,zufällig” das Foto entstanden sei... Nach den beiden Sindonologen käme also nur eine Fälschung in Betracht. Niemals hätte das „züchtige“ Mittelalter eine offen erkennbare männliche Scham toleriert. Da die Indizien, die hier vorgelegt werden, zwingend erscheinen, müsste die Frage nach der Motivation und des Umfeldes des geheimnisvollen Täters gestellt werden. Auch der Tatort, wo er sein Werk herstellte, ist von hoher Bedeutung, zumal zur damaligen Zeit die Inquisition langsam in Mode kam. Nun gab es einen solchen Tatort tatsächlich, sogar konspirativ, in heiligen Räumlichkeiten der Kirche.

In seiner hervorragenden Biographie zeigt uns der Franzose Serge Bramley (6) eine Fülle von höchst verdächtigen Zusammenhängen auf, die zumindest für ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren ausreichen sollten. ,,Als er in Florenz am Karton der Schlacht von Anghiari arbeitete, wurde ihm eine Werkstatt im Hospital Santa Maria Novella eingerichtet. Dort bot sich ihm die Gelegenheit, verschiedene Sektionen zu sehen und auch selbst durchzuführen.”

Dies tat er, und nicht nur für kurze Zeit, wie aufgefundene zeitgenössische Schriften glaubhaft machen. So ist ein Brief des Abtes des Klosters erhalten, worin sich dieser über die allzu langsame Arbeit Leonardos am Fresko beschwert. Dies erscheint verständlich, befand sich sein Atelier doch im Speise- und Gemeinschaftsraum der Mönche.

Auch aus den Schriften Leonardos, vor allem dem Codex Atlanticus, lässt sich eindeutig herauslesen, dass er allerlei anatomische Studien über Jahre hinweg betrieben haben muss. Er brauchte nach eigenen Angaben mindestens achtzehn Leichen, um seine Anatomie des Menschen darzustellen. Für je eine der von ihm angekündigten sechs Fragestellungen brauchte er drei Leichen, weil diese gar zu schnell verwesen würden.

Auch an seinen speziellen medizinischen Besprechungen lässt sich intensive und zeitraubende Forschung ablesen. Ausführlich befasste sich der Künstler mit den Herzkranzgefäßen. Er verglich die eines verstorbenen Greises mit denen eines zweijährigen Kindes. Seine Analysen legen nahe, dass er die Arteriosklerose bereits einwandfrei erkannt hatte. Seine präzisen Beschreibungen der menschlichen Anatomie waren bis hinein ins 19. Jahrhundert maßgebend. Dies allerdings nicht deshalb, weil nach seiner Zeit die medizinischen Kenntnisse späterer Generationen stagniert hätten, sondern weil unter der immer mächtiger werdenden Inquisition der Kirche anatomische Studien als Teufelswerk diffamiert, so gut wie nicht mehr möglich waren. Grundsätzlich war dies in der Renaissance keineswegs anders - auch hier waren das Öffnen von Leichen und die Entnahme von Organen kirchlicherseits nicht so einfach toleriert worden. Doch in Florenz existierte - gerade zu Leonardos Zeiten - eine Art Grauzone. Mehr noch, es gibt Grund zu der Annahme, dass der Künstler vor allem durch das Angebot, anatomische Studien betreiben zu können, von Mailand nach Florenz zurückging.

Für den Karton der Schlacht von Anghiari hatten sich eine ganze Reihe von - zu jener Zeit renommierten - Künstlern beworben. Doch Leonardo hatte einen für ihn entscheidenden Fürsprecher in der Regierung der Republik Florenz. Sein Name war Machiavelli, aus Sicht der Kirchenfürsten eine mehr oder weniger dubiose Gestalt und immer verdächtig, etwas mit Häresien und Ketzerei zu tun zu haben. Mit jenem Machiavelli muss Leonardo früh recht eng befreundet gewesen sein. Neben einigen anderen Faktoren ist es zur Hauptsache diese recht gut dokumentierte Freundschaft, die ihn in den Verdacht brachte, insgeheim als Großmeister der verbotenen Templer zu fungieren.

Dieser geheimnisvolle Ritterorden des Mittelalters, dessen Mitglieder sich selbst als die ,,armen Ritter des salomonischen Tempels” bezeichneten, könnte der Schlüssel dazu sein, einerseits Leonardo weiterhin als Grabtuchfälscher zu belasten und andererseits die Identität des im Tuch abgebildeten Mannes zu lüften. Doch beginnen wir unsere Recherchen zunächst viele Jahrhunderte, bevor der geheimnisvolle Zisterzienserabt Bernhard de Clairvaux in der französischen Stadt Troyes offiziell die Gründung des Ordens verkündete.

Mindestens bis ins 1. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung müssen wir auf unserer Spurensuche zurückgehen. In die Zeit, wo nach offizieller Lehre die Wurzel des Christentums zu suchen ist. Nimmt man die vier Evangelien des neuen Testamentes zur Hand, stellt man bei vergleichendem Studium nicht nur fest, dass über den Lebens- und Leidensweg des Jesus von Nazareth nicht nur recht wenig, sondern vor allem mit krassen Widersprüchen berichtet wird. Theologen und Bibelhistoriker erklären diesen auch von Laien erkennbaren Umstand damit, dass keines der Evangelien von einem Zeitgenossen und Lebensgefährten des Gekreuzigten geschrieben wurde. Selbst wenn dies zutreffen sollte, so existieren dennoch Schriften im Neuen Testament, welche justament zu Lebzeiten des Rabbi Jesus und dessen Zeitgenossen entstanden sein sollen.

Gemeint sind hier natürlich die Briefe des Paulus und die Apostelgeschichte nach Lukas. Die Briefe des Paulus, so heißt es allgemein, seien Sendschreiben des bekehrten Sünders Saulus an die von ihm auf seinen Missionsreisen gegründeten Gemeinden. Weil Paulus unter viel Mühsal, wie er in seinen Briefen selbst schreibt, den armen Heiden die frohe Botschaft gebracht hatte, wurde er in das Apostelkollegium aufgenommen. Die Apostelgeschichte berichtet dem gläubigen Bibelleser vom Leben und der Mission des Paulus. Doch wer glaubt, er könne in diesen angeblich ältesten Schriften mehr über das Leben Jesu erfahren, wird schnell enttäuscht werden.

Schon der Oxford-Gelehrte und Qumran-Editor der ersten Stunde, Prof. John M. Allegro, stellte nach den ersten Studien im Jerusalemer Rollensaal der Ecole den Bibliquen in einer Rundfunksendung der britischen BBC im Jahre 1957 erstaunt fest: ,,Es scheint so zu sein, als wenn der Apostel Paulus den Jesus von Nazareth gar nicht zu kennen scheint.”

Noch erheblich weiter geht der in Berlin als evangelischer Pfarrer amtierende Dr. Hermann Detering (7). Intensive Studien der Paulus-Briefe, der Apostelgeschichte, sowie Gespräche mit Exponierten bei der sogenannten holländischen Radikalkritik ließen ihn zu dem Ergebnis kommen, sämtliche Paulus-Briefe, sowie die Apostelgeschichte, seien Fälschungen. Nun sind solche Erkenntnisse nicht völlig neu; Theologen und Bibelhistoriker halten mindestens sieben der vierzehn (zählt man den Hebräerbrief mit) Paulus-Briefe für falsch oder verfälscht. Auch die Apostelgeschichte blieb nicht verschont. Selbst die bekannte Theologie-Professorin Uta Ranken-Heinemann verglich diese gar mit Grimms Märchen. Doch wenn alle diese Schriften falsch sein sollen, was ist dann mit dem theologischen Gerüst des neuen Testamentes? Folgen wir nun den mehr als interessanten Argumenten Deterings.

Da Paulus Zeitgenosse des Jesus von Nazareth gewesen und er selbst gar mit den Aposteln gesprochen haben soll, ist es schier unglaublich, dass in allen seinen Schriften keine einzige Gestalt aus Jesu Umfeld erwähnt wird. Nichts, aber auch gar nichts enthalten seine Schriften von dem, in den vier Evangelien erwähnten, doch recht großen Personenkreis. Selbst die der Kreuzigung Jesu angeblich vorausgegangene Verurteilung durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus, bei der ja - laut den Passionsgeschichten - ,,viel Volk” dabei gewesen sein soll, erwähnt Paulus mit keinem einzigen Wort.

Dies ist überaus merkwürdig, es sei denn, der von Detering als ,,fiktiver Paulus” Deklarierte sei ein völlig anderer gewesen; vielleicht gar kein ,,bekehrter und reuiger” Sünder. Vielleicht, oder sogar recht wahrscheinlich, war er am Ende das genaue Gegenteil. Im Sprachgebrauch der dogmatischen Geistlichkeit hieße dies: ein Ketzer, ein Häretiker oder gar ein falscher Apostel.

Aus der Apostelgeschichte kennt der Bibelleser die angeblichen Streitgespräche zwischen Paulus und Petrus in Rom über die ,,wahre Verkündigung”. Selbst aus den Paulus-Briefen geht eine erbitterte Gegnerschaft zwischen ihm und den Brüdern des Herrn hervor. So strotzt zum Beispiel der 2. Korintherbrief von mehr als herben Vorwürfen. ,,Wir meiden schandbare Heimlichkeit, gehen nicht mit List um, fälschen nicht Gottes Wort. Wir weisen durch Offenbarung die Menschen auf Wahrheit vor Gottes Angesicht hin, fälschen dessen Wort nicht und verdecken nicht sein Evangelium!” (2. Kor. 4, 1 - 3)

Ähnliches wiederholt er auch in ,,seinem” Brief an die Galater. Dass hier schwerwiegende Gründe und offene Feindschaft vorliegen, soll, stellvertretend für andere Stellen im neuen Testament, nochmals der 2. Korintherbrief illustrieren (2. Kor. 11, 12 - 14): ,,Was ich aber tue, das will ich auch weiterhin tun, damit ich die Ursache abschneide denen, die Ursachen suchen, sich rühmen zu können, sie seien wie wir. Denn solche Apostel sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. Und das ist auch kein Wunder, denn selbst der Satan verstellt sich als Engel des Lichtes. Darum ist es nichts Großes, wenn sich auch seine Diener verstellen; deren Ende wird sein nach ihren Werken!”

Obwohl gerade letztere Versteile an die im Wadi Qumran gefundene Abhandlung über die Werkgerechtigkeit erinnern, verbleiben wir, der Verständlichkeit halber, bei „offiziellen“ Chronologien. Wenn diese hier beispielhaft wiedergegebenen Texte einen Eindruck vom angeblichen Streit á la Apostelgeschichte zwischen Paulus und Petrus in Rom wiedergeben sollten, ist ein Vergleich mit sogenannten Apokryphen des neuen Testamentes aufschlussreich (8) - hier vor allem die sogenannten Paulus-Akten (9). Dort wird der angebliche Streit zwischen Paulus und Petrus in Rom als Auseinandersetzung zwischen Petrus und dem Zauberer und geheimnisvollen Magier Simon Magus wiedergegeben. Wechselseitige Beschuldigungen ,,falscher Apostelvolksverführer” und dergleichen skizzieren die Auseinandersetzung der jeweils beiden, sich auf das wahre Amt eines Apostels Berufenen.

Vor allem, und das ist für unser Thema wichtig, schildern diese Paulus-Akten nur eine einzige Reise des geheimnisvollen Herrn; nicht mehrere wie in der Apostelgeschichte. Eine Reise, die diesen Apostel von Thyrene aus über mehrere Stationen eben zu den Galatern, den Kolossern, den Korinthern usw. führte. Den Schlusspunkt dieser apostolischen Reise bildete die ewige Stadt, Rom, wo dieser Simon von Thyrene nach mehreren Predigten, wo ,,viel Volk” zusammenkam, den Märtyrertod erlitten haben soll.

Nun liegt der Ausgangspunkt der Reisen dieses Simon, die Stadt Thyrene, nicht in Judäa, sondern - hier wird es spannend - in Samarien. Samarien und das ebenso nördlich von Judäa gelegene Galiläa war den Hütern des Gesetzes Gottes, den auf dem Jerusalemer Tempelberg residierenden Priestern, schon immer suspekt. Standen die Menschen im Norden doch schon immer im Verdacht, die Thora nicht ,,genügend zu beobachten”.

Wenn wir davon ausgehen, dass weder Galiläer noch Samariter Juden waren, sich diese aber dennoch zum Volk Gottes (Isra = Volk, El = Gott) zugehörig fühlten, lichten sich langsam die Nebel.

In Judäa selbst tobte wohl hinter den Kulissen der römischen Oberherrschaft (10) ein erbitterter Machtkampf um die recht ergiebigen ,,Fleischtöpfe” des Jerusalemer Tempels. Versuchten also irgendwelche ,,Brüder” des Herrn in der jüdischen Diaspora, im Imperium Romanum, mit der Botschaft, die Ankunft oder Wiederkehr des Messias stünde unmittelbar bevor, sowohl materielle als auch personelle Unterstützung zu bekommen? Vielleicht war dies auch eine Gruppierung, die Chancen darin sah, die gegnerischen Machthaber vom Tempelberg zu verjagen.

Dann wäre klar, dass Simon von Thyrene mit seiner Forderung nach Wahrhaftigkeit diese Politik der ,,falschen Apostel” durchkreuzte. Man musste ihn daher unter allen Umständen aus dem Verkehr ziehen - eine Logik, die wohl auch den Jüngern oder den Anhängern des Simon klar war.

Die jeweiligen Geheimdienste des solchermaßen ,,geteilten Christus” funktionierten wohl bestens. Nach immer mehr schädlichen Predigten ergriff man in Rom den ,,Lügenapostel”, den seinen Gegnern den finanziellen Brunnen abgrabenden Zauberer und Magier, und hing ihn, ganz wie in den Paulus-Akten beschrieben, an den Pfahl.

Dies alles natürlich unter strikter ,,Beobachtung” der Vorschriften der Thora, des Gesetzes Gottes. Dort ist bindend vorgeschrieben, dass ein Verurteilter nicht über die Tageswende hinaus am Holz hängen bleiben soll. Ansonsten sei er ein von Gott Verfluchter. Will heißen, einem ordentlichen Gericht oblag sehr wohl die Gewalt über Leben und Tod eines Angeklagten. Das Urteil über die Seele hingegen stand allein dem Allmächtigen zu. ,,Mein ist die Rache!”, wie es im Habakuk-Pesher aus Qumran geschrieben steht.

Dem Folge leistend durchbohrten ihn seine Häscher mit einem Spieß, eine Tat, die laut jüdischem Talmud schon bei den Israeliten in der Wüste zum Ritual gehört hatte. Anschließend legte man den Körper des Simon von Thyrene in reines Leinen, in ein Grabtuch. Hier muss nun der biblische Joseph von Arimathea, auch als Hüter des Gral bezeichnet, in Aktion getreten sein. Wenn wir analog der Evangelien, welche den Schwamm mit Essig und Galle beschreiben, der dem Delinquenten gereicht wurde, als Darreichung einer stark sedierenden Droge verstehen, begreifen wir nun, was geschah. Schon damals gab es Drogen, vermutlich aus Ägypten stammend, welche klar erkennbare Exitusparameter auf ein derartig niedriges Niveau reduzieren konnten, dass nur ein sehr erfahrener Arzt noch Leben oder Tod diagnostizieren konnte (11).

Man nahm dann den Simon von Thyrene vom Kreuz ab, übergab diesen dem Joseph von Arimathea, was, im Gegensatz zur immer wieder angeführten Absurdität, im Hinblick zu angeblich ,,römischen” Kreuzigungsvorschriften, absolut legal war. Wenn also der an den Pfahl gehangene Simon, vollgepumpt mit sedativen Drogen, nicht tot war, erhält die angebliche Vorsorge des Joseph von Arimathea einen Sinn. 35 kg Aloe und Myrrhe stellen auch nach heutigen Wertmaßstäben noch ein Vermögen dar. Dies galt erst recht für die damalige Zeit, was die Existenz einer mächtigen Organisation hinter den Kulissen wahrscheinlich macht.

Was nun geschah, ist anhand des ebenfalls apokryphen Petrus-Evangeliums nachvollziehbar. Dort wird ja geschildert - wie immer auch der wahre Autor heißen mag -, dass das Grab, in dem man den Herrn bestattet hatte, am nächsten Morgen leer war. Lediglich weißgewandete Fremde seien dort gesehen worden. Wir können uns nun, im Besitz neuartiger Physik, zusammenreimen, was im Grabe tatsächlich geschah. Für die von den Peinigern zugefügten Wunden waren Kräuter wie Aloe und Myrrhe, im Orient seit alters her als ,,Kekik” bezeichnet, tatsächlich hilfreich. Ja, hier fehlt noch etwas: der scheinbare fotospezifische Negativ-Charakter beim Grabtuch von Turin.

Dazu hätte es, um ein Foto - das erste vor Erfindung der Fotografie - herzustellen, einer Wärmequelle bedurft. Darüber hinaus für ein von Picknett & Prince impliziertes Ganzkörperbild wie das Turiner Grabtuch eine Belichtungszeit von 12 bis 14 Stunden. Genau diese Zeit hätte Leonardo an einem italienischen Hochsommertag in der Toskana auch zur Verfügung gehabt. Doch zurück zum Petrus-Evangelium und den dort beschriebenen Mysterien um die geheimnisvollen Weißgewandeten:

Neben den Kräutern, dem Schwerverletzten ständig mit Kompressen auf seine Wunden gelegt, bedurfte es zu seiner Genesung und Wiederauferstehung zumindest eines: der Wärme. Hiermit ist vor allem zusätzliche, physikalische Wärme gemeint. Natürlich, ganz einfach, eine stark exponierte Öllampe, sehr warm, wurde sehr nahe an den mit Myrrhe und Aloe drapierten Leib gebracht, der umwickelt war mit einem Schweiß und Sekret absaugenden Leinentuch, denn dies war die einzigste Chance, den Überlebenden genesen zu lassen. Das Vorhaben muss gelungen sein. Von unbändigem Willen erfüllt, stand der wohl immer noch schwer Gezeichnete von seinem Lager auf und wandelte umher. Selbst seine eigene Mutter soll ihn, ob seines geschwollenen Gesichtes, nicht erkannt haben. Wenn dieses ganze Szenario so gewesen wäre wie dargestellt, ließe sich eine ähnliche Regie hinter den Kulissen - Drogen inbegriffen, wie einst in der Wüste zu Zeiten des Mose am Berge Sinai - vermuten (13).

Wenn dieser solcherart ,,Erweckte” anschließend seinen Jüngern oder Anhängern, die nicht in die geheimen Mysterien mit eingeweiht waren, im Leibe erschien, mussten diese an die Auferstehung von den Toten glauben. Natürlich muss dies alles an dieser Stelle Spekulation bleiben. Denkbar wäre auch ein anderer Ablauf der Dinge. Schon immer kursierten in Freimaurerkreisen Gerüchte, man hätte ,,ihn” lebendig begraben.

Um nun weitere Hinweise zu erhalten, dass Paulus mit diesem Simon von Thyrene identisch sein könnte, werfen wir noch mal einen Blick in die Paulus-Akten. Dort begegnet uns nicht der Jude Paulus, sondern ein hellenischer Prediger mit einem asketischen Lebenswandel und Frömmigkeitsstil. In der zu den Paulus-Akten gehörenden Schrift ,,Von den Taten des Paulus und der Thekla” ist für uns der Abschnitt interessant, welcher (lt. Detering) die ikonographische Darstellung des Paulus bis in die Gegenwart hinein beeinflusst hat: ,,Er sah Paulus kommen, einen Mann, klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und krummen Beinen, in edler Haltung, mit zugewachsenen Augenbrauen und ein klein wenig hervortretender Nase, jedoch voller Freundlichkeit. Bald erschien er wie ein Mensch, bald hatte er eines Engels Angesicht.”

Genau dieser Text könnte dafür sprechen, dass wir in der Person des Paulus in Wahrheit einen anderen vor uns haben, vielleicht tatsächlich den ,,Vater der Häresie”, wie sich z.B. Tertullian ausdrückte, einer der ersten Bischöfe der Frühkirchen. Hermann Detering weist vor allem darauf hin, dass die Übersetzung ,,Saulus” zu Paulus” nicht korrekt sei.

Es gab tatsächlich einen Prediger, einen Priester, der mit dem griechischen Hermes-Heiligtum auf Samothrake in Verbindung gebracht wird. Dieser taucht auch in römischen Quellen des 1. Jahrhunderts auf. Sein tradierter Name ist Schaulus, was zu deutsch ,,der Bucklige” bedeutet. Mehr noch als zu heutiger Zeit war ja in der hellenistischen Welt das Ansehen eines Menschen vom Grad der körperlichen ,,Wohlgestaltigkeit” abhängig. Dies galt, wie es in mehreren antiken Schriften immer wieder geschrieben steht, als Gnade der Götter.

Nun klingt, anders als in Beschreibungen der Apostelgeschichte, in selbstbiographischen Versen der Paulinischen Briefe exakt der ,,Bucklige”, Schaulus heraus. Zum Beispiel im Brief an die Galater (Gal. 4, 14): ,,Und was euch anfocht an meinem Leib, das habt ihr nicht verachtet noch verschmäht, sondern wie einen Engel Gottes nahmet ihr mich auf, ja wie Christus Jesus.”

In diesem Vers haben wir komprimiert alle notwendigen Argumente für unsere Thesen. Man hat ihn wegen seiner wenig schönen Gestalt nicht verachtet, was für seine Zeit von hoher Bedeutung war.

Der zweite Teil widerspricht klar und eindeutig allen, die Paulus als jüdischen Prediger fest auf dem Boden der Thora stehend beschreiben. Niemals hätte sich ein Jude mit einem Engel Gottes verglichen, mit dem Sohn des Allmächtigen am allerwenigsten. Aber der ,,Heidenbekehrer” Paulus, aus Samarien stammend, mit einem Priester des Hermes-Heiligtums von Samothrake vergleichend? Nun findet sich interessanterweise eine weitere Quelle, die genau auf diesen buckligen Schaulus hindeutet.

Gemeint ist der ebenfalls fraglicherweise als jüdisch etikettierte Flavius Josephus. Neben originären griechischen Quellen, römischen Historien oder dem Alexandriner Philo ist Josephus eine der wichtigsten Quellen zu Beginn unserer Zeitrechnung. Neben seinen beiden großen Hauptwerken interessieren uns seine weniger bekannten ,,kleineren Schriften” (14). Vor allem seine Selbstbiographien, worin der mit griechischer Lebensart bestens vertraute Josephus auf Einschätzungen seiner Zeit reagiert, die Juden hätten keine derart bedeutenden Vorfahren wie die Hellenen oder Ägypter. ,,Meine Vorfahren stammen direkt von den Gründern des Priestertums, nämlich von Gersear und Eleazar ab. Eleazar war ein vor langer Zeit geachteter Hohepriester Israels, man nannte ihn den »Buckligen.«“ Meint hier Josephus den gleichen buckligen Priester, den Simon von Thyrene?

Der Grieche Herodot beschreibt Samothrake unzweideutig als Hermes-Heiligtum. Dies sei, so liest man in seinem zweiten Buch, von Pelasgern gegründet worden. Jene Pelasger seien ursprünglich keine Hellenen gewesen, seien von Norden gekommen und hätten die Verehrung des Hermes mit nach Samothrake gebracht. Dort hätten sie dem Hermes ein Heiligtum errichtet. Für uns ist im Moment wichtig, dass dieser Hermes-Kult schon von frühen Geistlichen der römisch-byzantinischen Kirche als die Wurzel des rund ums Mittelmeer entstehenden Ketzertums angesehen wurde.

Doch vielleicht gab es zwei ketzerische Magier in Rom. Dann könnte, wenn, trotz Drogen und Heilungsmethoden im Grabe, der Gerichtete nicht wieder ins Leben zurückkehrte, eine Erklärung in den zahlreich kursierenden hermetischen, häretischen und gnostischen Schriften zu finden sein.

Neben den schon angesprochenen Thomas-Akten existieren noch die sogenannten Thekla-Akten. Darin erfährt der Leser zunächst, dass besagte Thekla die Lehren des Schaulus über Keuschheit und Reinheit dermaßen verinnerlicht hatte, dass sie den Entschluss, unberührt bleiben zu wollen, sogleich ihrem versprochenen Bräutigam mitteilte. Solch einen ,,Unfug” wollte man natürlich nicht dulden. Die eigene Mutter der Thekla forderte daraufhin deren Verbrennung. Gesagt, getan, man schleppte Thekla in den Zirkus und stellte sie auf den Scheiterhaufen. Dort geschah dann das Wunder ihrer Rettung, wie es die Thekla-Akten berichten:

„Als Thekla auf dem Scheiterhaufen stand, suchte sie, wie ein Lamm in der Wüste sich nach dem guten Hirten umschaut, nach Paulus. Und als sie über die Volksmenge hinwegschaute, sah sie den Herrn in der Gestalt des Paulus sitzen.” Nun geschah das Wunder. Plötzlich aufkommender Regen löschte den gerade entzündeten Scheiterhaufen.

Ein solcher Paulus im Aussehen des Herrn geistert durch diversen Schriften. Werfen wir nun einen Blick in die apokryphen Thomas-Akten (Thomas = Zwilling): ,,Ein Jünger sah den Herrn im Aussehen des Zwillings Thomas. »Ich bin nicht Judas mit dem Zunamen Thomas, ich bin sein Bruder!«“

Noch eindringlicher ein weiterer Vers des Thomas-Evangeliums: ,,Zwillingsbruder des Messias, Apostel des Höchsten und mit eingeweiht in das verborgenen Wort des Messias - der du seine verborgenen Aussprüche empfängst...” Oder in der Übersetzung eines koptischen Urtextes: ,,Sei gegrüßt, mein verehrungswürdiger Beschützer Petrus. Sei gegrüßt Thomas, mein zweiter Messias.“

Heißt dies also, man hätte beim allseits bekannten Martyrium des Paulus, besser: des buckligen Schaulus, gar nicht den Herrn, sondern den zweiten Messias ,,im Aussehen des Herrn” umgebracht? Wenn dies nur die Eingeweihten wussten, mussten anschließend allen, die den ,,Herrn im Aussehen des Apostels” sahen, an dessen Wiederkehr aus dem Totenreich geglaubt haben. Resultiert vielleicht aus einem solchen Erlebnis die quer durchs Mittelalter bis in unsere heutige Zeit hinein immer wieder auftauchende Sage von unheimlichen Wiedergängern? Ein derartiges Szenario legt eine Schrift nahe, welche 1948 im ägyptischen Nag Hammadi gefunden wurde. In der zweiten Abhandlung über den großen Seth (ein undatierter Kodex) wird möglicherweise der Herr ,,im Aussehen des Apostels” mit dessen Rede in der Ich-Form genauso wiedergegeben, wie Texte es in den Thekla-Akten und im Thomas-Evangelium nahe legen: ,,Ich unterlag ihnen nicht, wie sie es erhofft... und ich starb nicht wirklich, ich tat nur so. Der Tod, den sie mir zugedacht hatten, traf einen der ihren. Es war ein anderer, ihr Vater, der die Galle trank und den Essig, nicht ich war es. Sie schlugen mich mit Ruten. Es war ein anderer, Simon, der das Kreuz auf seinen Schultern trug. Ein anderer war es, dem sie die Dornenkrone aufsetzten. Ich jedoch lachte über ihre Unwissenheit.”

Was bedeutet dies alles - ein geheimes Stück hinter irgendwelchen Kulissen? Sind wir dem geheimnisvollen Bild des Turiner Grabtuches, so wie es Leonardo hergestellt haben soll, auf der Spur? Ein großer Torso mit ,,passenden” Verletzungen und ein viel zu kleiner Kopf, so erkennt man dies auf dem Grabtuchfoto. Reisen wir nun vom Beginn unserer Zeitrechnung durch die Jahrhunderte bis hin zu Leonardo da Vinci. Beginnen wir in Samothrake, dem laut Herodot die Pelasger, die anfangs keine Hellenen waren, den Hermeskult mitbrachten und dort einen geheimen Bund bei ihrem Heiligtum gründeten.

Wir hatten ja bereits gesehen, dass gerade die hermetischen Lehren der ,,Bodensatz der Häresie“ gewesen sein sollen (15). Auf jeden Fall, für uns wichtig, sollen Teile der häretischen Katharer, welche sich im Laufe der Jahrhunderte in Südfrankreich ansiedelten, als sogenannte Bogomilen ihren Weg von Griechenland oder Kleinasien aus, über den Balkan, entlang der Donau, genommen haben. Dort trafen sie im Süden Frankreichs ein und siedelten bis zu den Pyrenäen hin. Carcassonne und Montsegur, sowie das ,,jüdische” Herzogtum des Languedoc, das im 13. Jahrhundert als Brutstätte der Häresie und als ,,Aussatz des Südens” (so ein zeitgenössischer Bischof) galt, ging unter den furchtbaren Schreien der Gefolterten, deren Scheiterhaufen die Nacht zum Tage machten, während des Kreuzzuges in Flammen auf.

Doch waren die Bogomilen nicht die einzigsten Ketzer, die nach Südfrankreich und die iberische Halbinsel gelangten. Weitere, der Häresie äußerst verdächtige Personen, gelangten auf einem anderen Weg dorthin. Diese zogen vom koptischen Ägypten - auch dort gab es ja Heiligtümer, wo Hermes verehrt wurde - aus in Richtung ,,Ketzerland”. Allerdings, wie uns Herodot berichtet, verehrten diese nicht den Hermes der Pelasger aus Samothrake.

Der in Ägypten verehrte Hermes sei, so Herodot, von Libyen aus ins Land des Nil gelangt. Dennoch sei die Verehrung in vielen Dingen und Riten recht ähnlich gewesen. Eine - wie auch immer - gemeinsame Quelle, aus Urzeiten stammend, die für uns bedeutend sein könnte. Diesen möglichen anderen Weg der hermetischen oder häretischen Lehren finden wir just in Geschichtsbüchern wieder - beschritten von den angeblich mit Feuer und Schwert einfallenden heidnischen Mauren.

Diese fielen, über die nordafrikanische Küstenstraße oder per Schiff reisend, sicher bedeutend weniger mordlüstern, als allgemein überliefert, über die iberische Halbinsel her. Die berberischen Mauren gründeten in Spanien große Städte. Zu nennen sind Granada mit der weltberühmten Alhambra, Königsstädte wie Ronda oder die Hauptstadt Andalusiens, Sevilla, mit der berühmten Kathedrale, die Stadt Cordoba mit der Mesquita und vor allem die Stadt am Guadalquivir, Toledo. Genau dort entstand ein Ort der Gelehrsamkeit, der in Europa kaum seinesgleichen hatte - die berühmte arabische Universität von Toledo. Hier war ein großer Teil des Wissens Arabiens konzentriert und hier wurden auch die Kabbala und andere Schriften aus alten Zeiten studiert.

Diese ,,Ungläubigen” brachten „Hexen“ und „Zauberer“ mit ins Land, jedoch waren ihnen damals die in Europa üblichen Epidemien wie Pest und Cholera nahezu unbekannt. Die Heiden sorgten dafür, dass Christen, Juden und Anhänger des Propheten Muhammad in Frieden leben konnten. Dies war eine Zeit, wo in Europa noch Mönche ein Gelübde ablegten, sich nur Weihnachten und Ostern waschen zu wollen. Die heidnischen Ungläubigen sorgten zur gleichen Zeit für die Verbreitung wesentlich hygienischerer orientalischer Badehauskultur.

Das ,,seltengewaschene” Kreuzfahrerheer brachte im Gepäck einiges mit ins Heidenland, neben Pest und Cholera noch Typhus, Paratyphus, und was sonst noch üblich war. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten die Bewohner des Languedoc mit den Mauren in Frieden. Doch auch noch vier Jahrhunderte später (folgen wir der konventionellen Geschichtsschreibung) schienen die häretischen und ketzerischen Lehren nicht ganz vergessen zu sein.

Bevor die neun tapferen Gründungsritter zum Schutz von Pilgerwegen Richtung heiliges Land abreisten, machten sie einen Abstecher ins ,,heidnische” Toledo. Dort fanden sie offenbar das geistige Rüstzeug für die Fahrt nach Palästina. Sie nahmen Schriften mit und kehrten mit diesen zum Abt der Zisterzienser, Bernhard de Clairvaux, nach Troyes zurück.

Hier fanden nun emsige Aktivitäten statt. Mit Hilfe jüdischer, dem Hebräischen mächtiger Gelehrter wurden die mitgebrachten Schriften entziffert und erst im Anschluss hieran sei die Mission ,,heiliges Land” geboren worden. Was fanden die Adeligen in Toledo und vielleicht auch noch in der zwangsläufig durchreisten Provinz Languedoc?

Die Katharer und Häretiker sprachen ja immer geheimnisvoll von einem ,,Tröster”. Könnte dieser vielleicht, im Kontext unserer Besprechungen, nicht der einbalsamierte, mumifizierte Leichnam des schon in Samothrake verehrten ,,Meisters” gewesen sein? Ein Leichnam, der mit dem Wissen noch damals existierender Weiser nach der Technik der alten Pharaonen konserviert wurde? Dieser könnte - hält man sich ein von Herodot beschriebenes siebzigtägiges Natronbad vor Augen - Unwissenden wie ein Stein vorgekommen sein.

In den zahlreichen Sagen des Mittelalters spielt immer ein mysteriöser Stein eine Rolle. Peredur, Percival oder Parzival - immer wurde ein Stein von Weisen und Reinen zurückgelassen. Doch neben diesem Stein taucht auch ein Kopf immer wieder auf - ein ,,Kopf-Idol”, um es präziser auszudrücken. Wenn wir den ,,Kreuzzug des Südens” als die Suche nach dem Lapis Exillis, der Steinmumie ansehen, taucht zum Schrecken der Überbringer der Botschaft ein Teil dieses Steines wieder auf, nur ein Kopf, was aber fatal an heidnisches Wiedergängertum erinnert. Diese Erkenntnis, dass die sündige Hydra, die Schlange, nachgewachsen war, führte nun zum nächsten Streich - zur brachialen und keineswegs weniger grausamen Verfolgung der Templer. Wie aus den Gerichtsakten reuiger, weil gefolterter, Sünder hervorging, bestand die Sünde und Blasphemie der Templer darin, einen Kopf anstelle des Gekreuzigten angebetet zu haben. Mehr noch, darüber hinaus hätten ,,Eingeweihte” gar das Kruzifix bespuckt. Da man dies alles niederschrieb und dem (zumindest offiziell) letzten Großmeister der Templer, Jaques de Molay, vor seiner Hinrichtung vorlas, schauen wir uns das Urteil einmal genauer an.

Die Templer hätten, so der Vorwurf, einen kleinen, leuchtenden Kopf angebetet, mit seltsamen, nahezu zugewachsenen Augen, einer Glatze, sowie einer etwas vorstehenden Nase. Dies klingt beinahe so wie die Texte aus den zitierten Thekla-Akten. Gefunden hätte man dieses Kopf-Idol trotz ,,peinlicher Verhöre” dennoch nicht. Auch irgendwie ,,glänzend” sollte dieses angebetete Idol, auch Baphomet genannt, gewesen sein. Tauchte dieses in der Zeit der Wende des 15. zum 16. Jahrhunderts in Oberitalien wieder auf? Gelangte der Kopf in die Hände Leonardo da Vincis?

Der geheimnisvolle Künstler soll ja schon in jungen Jahren, als ihn sein Vater mit nach Florenz nahm, um ihn in die Lehre des berühmten Meisters Verocchio zu geben, mit hermetischen Lehrern in Verbindung gekommen sein. Kam er möglicherweise über diese irgendwann in den Besitz des Templeridols Baphomet?

Benutzte der Schöpfer der Mona Lisa diesen Templerkopf, um damit der Nachwelt sein größtes Werk zu hinterlassen? Machte er damit genau das, was Picknett & Prince in ihrem Experiment mit einem ,,Teufelskopf” darstellten? Nahm der für seine Zeit erstaunlich kenntnisreiche Physiker einen sogenannten Brenneiseneffekt (16) zu Hilfe? War dies der ,,Fehler”, den erst heutige High-Tech-Methoden ans Licht des Tages bringen können?

Wenn dieser Baphomet die Züge des Herrn, des Schaulus, wiedergegeben hätte, wäre klar, was Leonardo als Botschaft übermitteln wollte. Wie heißt es im Kommentar des Propheten Habakuk, gefunden in Qumran: ,,Herr, schau auf den Durchstochenen!”. Und der entscheidende Vers des kanonischen Buches Habakuk, wobei ,,Tafel” auch ,,Stein” bedeutet, lautet (Hab. 2, 2): ,,Der Herr aber antwortete mir und sprach: »Schreib auf, was du geschaut hast, deutlich auf eine Tafel, dass es lesen könne, wer vorüberläuft«“. Nahm sich Leonardo diesen oder einen ähnlichen Spruch zu Herzen? Korrigierte er in Wirklichkeit nur, ,,schuf” und ,,fälschte” er kein Grabtuch von Turin?

Prof. Bulst folgt ja den Spuren des Tuches durch die Geschichte. Zum Ende des 15. Jahrhunderts soll es im Besitz des französisch-stämmigen lombardischen Herzogtums von Anjou gewesen sein. Genau dort - Reliquien waren immer kostbar - soll dies Tuch, in älteren Quellen als ,,Schweißtuch der Veronica” bezeichnet, in einem Schrein gelegen haben. Wie uns immer wieder Leonardo-Biographen überliefern, soll dieser im Garten der Anjous eine Bildhauerplastik erstellt haben. Der Künstler wäre demnach dem Reliquienschrein nahe gewesen. Tauschte er nun ,,sein” Tuch gegen das Schweißtuch der Veronica aus? Nahm er dieses, inklusive des mittels Brenneiseneffekt aufgedruckten Baphomet-Kopfes, legte es statt des echten in den Schrein und verschwand, ohne sein Bildhauerwerk zu vollenden?

Irgendwer muss jedoch irgendwann dem Betrug auf die Spur gekommen sein. Nichts Genaues weiß man zwar nicht, aber: wehret den Anfängen. Der Versuch, sowohl Kapellen und Schrein in Brand zu stecken (Brand- und Wasserspuren sind auf dem Tuch erkennbar), muss nicht unbedingt hundert oder zweihundert Jahre zurückdatiert werden. Was mag Leonardo mit einem solchen Austausch bezweckt haben und vor allem: was machte er mit dem ,,echten” Tuch?

Natürlich, da er wusste, dass er sterblich war und sich dem Gesetz Gottes verpflichtet fühlte, ließ er seine sterbliche Hülle darin einwickeln. Wo man diese findet? Genau dort, wo - der Sage nach - der erste Gralshüter, der Eingeweihte, Joseph von Arimathea, begraben sein soll: im Norden Spaniens, in der phantastischen Kathedrale von Santiago de Campostela! Dort liegt vielleicht der Gral, zu einem Stein mumifiziert, eingewickelt im echten Tuch, das Ziel der Jakobspilger, welche alljährlich von Aachen nach Santiago hin aufbrechen.

Der Weg des Sterns, der Sternsinger, bis hin zum Campo, dem Platz, dem Stein, dem Stern Davids? Wohin pilgern diese ,,Jakobs-Jünger”? Gehen sie zum Gral? Sind sie die eingeweihten Gerechten?

Et in Arcadia ego - es waren Hirten auf dem Felde. Leonardo, Hüter des Gral - der Grabtuchketzer?

Literatur und Anmerkungen


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