Des „romanischen Rätsels“ Lösung

(c) 1994 Horst Friedrich, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 2/1994

 

Mit seiner originell-unorthodoxen Fragestellung zum „lateinischen Mirakel’’ hat W. Marold (1993) außerordentliches Verdienst erworben. Man kann sich nur wundern, dass nicht schon von den Renaissance- und Barockgelehrten - etwa Gesner (1555), Megiser (1603) oder Scaliger (1605) - das Problem gesehen wurde. Waren wir alle blind, über 400 Jahre lang? Oder hat eine ganz spezielle Voreingenommenheit uns unkritisch die - jeder geschichtlichen Erfahrung zuwider laufende - These akzeptieren lassen, zwischen dem Latein der römischen Besatzungsmacht und den romanischen Sprachen bestehe, genealogisch und damit auch zeitlich, ein Mutter-Töchter-Verhältnis?

Marold (op.cit. 40) konstatiert und begründet gänzlich einleuchtend, dass die romanischen Sprachen niemals Töchter, nur Schwestern des Latein gewesen sein können. Der Verfasser möchte hier präzisieren: mindestens gleichaltrige, wenn nicht gar - in ihrer quasi proto-romanischen Form - ältere Schwestern! Ja, es muss sogar mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass das Latein eine Kunstsprache, ein Esperanto-artiges Amalgam aus diversen italischen Sprachen war, erfunden für die administrativen, militärischen und literarischen Zwecke des Imperium Romanum. Dafür spricht, dass die aus dem Latein - mit seiner Logik und Grammatik - so gerne hergeleitete "lateinische Klarheit des Geistes" so gar nicht zur stets „barocken" europäischen Mentalität passen will1.


Eine überzeugende Lösung des „romanischen Rätsels’’ scheint ihm nur möglich durch Einführung eines bisher nicht richtig erkannten protoromanischen Substrats für weite Gebiete des späteren Imperium Romanum, von Iberien und den Britischen Inseln bis nach Rumänien. Die von Marold (loc.cit.) vorgetragene These, die Italiker seien zu den Kelten zu rechnen, dürfte in dieser Form unhaltbar sein. Das hier beschriebene Szenario hingegen vermag eine realistischere Erklärung dafür zu liefern,

1) woher die vielen - nota bene vor-normannisch-französischen - angeblich „lateinischen’’ Worte im Englischen kommen, oder

2) warum eine südslawische Sprache wie das Kroatische, verglichen etwa mit Russisch oder Polnisch, so „mediterran’’ klingt.

 

Geht man von dem hier postulierten proto-romanischen Substrat aus, so hätten wir für die oben umrissene Region mit folgenden ethno-linguistischen „Ablagerungsschichten’’ zu rechnen:

Der Verfasser möchte betonen, dass mit seiner These zunächst nur ein Diskussionsbeitrag beigesteuert sein soll, über dessen Wert oder Unwert letztlich die Linguisten und Prähistoriker zu befinden haben werden. Er meint aber, dass bei unserer derzeit noch so überaus großen Unwissenheit über das vorgeschichtliche Europa es nicht nur erlaubt, sondern sogar höchst willkommen sein muss, wenn jemand alternative oder ergänzende Szenarien vorträgt. Nur auf diese Weise ist bekanntlich in den Wissenschaften voran zu kommen.

Zweifellos wird es im Zusammenhang mit dem hier postulierten proto-romanischen Substrat notwendig sein, sich intensiver als bisher mit dem Übergang - vermutlich als Folge der letzten Kataklysmen - Europas aus der „iberischen’’ oder „räto-berberischen’’ in die keltische Phase zu beschäftigen. Waren etwa die Ligurer vielleicht zunächst ein hamito-berberisch sprechendes, erst später „indogermanisiertes’’ Volk? Die ganze Problematik unserer „Indogermanen-Scholastik’’ wird an solchen Fragen offenbar. Auch die vielberufenen Illyrer - bisher nicht viel mehr als eine These, ein Schlagwort - gehören hierher. In welchem Verhältnis standen sie zu den Iberern? Auch unser Wissen über die in diesem Zusammenhang entscheidend wichtigen „Keltiberer’’ ist noch überaus dürftig. Welches war genau der Charakter der keltischen Überlagerung? Handelte es sich bei den Trägern der keltischen Sprache und Kultur nicht vielleicht nur um ein dünnes Superstrat? Dies würde verständlich machen, dass nach Besiegung der Kelten durch Caesar und Integration Galliens ins Imperium Romanum das proto-romanische Substrat wieder durchbrach, womit dann, nach Einverleibung eines germanischen Superstrats, die romanische Sprache Französisch entstand.

 

 

Inwiefern die hier vorgetragene These sich als fruchtbar erweist, kann sich nur an einer Betrachtung der einzelnen Teil-Regionen (Britannien, Iberien, Gallien, Deutschland, Italien, Balkan-Halbinsel) herausstellen. Es soll am Beispiel Galliens skizzenhaft gezeigt werden, welche ethno-linguistischen Schichtungen respektive einander folgenden Phasen sich dann ergeben würden.

Ein ähnliches, wohl noch komplizierteres und interessanteres Szenario dürfte sich für die Iberische Halbinsel ergeben. Für die Balkan-Halbinsel dürfte aus der hier vorgetragenen These das Postulat abzuleiten sein, dass das Rumänische keinesfalls seinen Ursprung im Latein der römischen Legionen und Verwaltungsbehörden haben kann, die dort nur rund eineinhalb Jahrhunderte anwesend waren, sondern dass es Relikt aus einer Zeit ist, in der sich eine breite proto-romanische Brücke zwischen Adria und Schwarzem Meer erstreckte. Nun ist jene postulierte proto-romanische Brückenregion just das Gebiet, in dem - neo-scholastischem Fabulieren zufolge - das Kernland jener schemenhaften Illyrer gelegen haben soll, in denen gewisse Ideologen die gemeinsamen Vorväter der südslawischen Nationen sehen. Nur am Rande sei hierzu angemerkt, dass es bis heute noch nicht einmal gelungen ist, auch nur annäherungsweise eine illyrische Sprache zu rekonstruieren. Es wird also zu untersuchen sein, ob und inwiefern sich hinter den mythischen Illyrern, die - etlichen begeisterungsfähigen aber unkritischen Forschern zufolge - halb Europa, auch den süddeutschen Raum, bewohnt haben sollen, die bisher übersehenen Proto-Romanen verstecken.

 

Quellen

Gesner, Conrad: „Mithridates. De differentiis Linguarum etc.’’, Zürich 1555.

Marold, Winni: „Das lateinische Mirakel. Wurzelprobleme der Romanistik’’, in: VORZEIT-FRÜHZEIT-GEGENWART 2/1993.

Megiser, Hieronymus: „Thesaurus polyglottus etc.’’, Frankfurt am Main 1603.

Scaliger, Joseph Justus: „Europaeorum Linguae’’, in: Merula, Paul: „Cosmographia’’, Amsterdam 1605; abgedruckt in: Zeller, Otto: „Problemgeschichte der vergleichenden Sprachwissenschaft’’, Osnabrück 1967.

 

Anmerkung

Auch unter den Denkern Frankreichs - etwa Descartes - soll sich, einer unkritisch weitergetragenen Legende zufolge, diese „lateinische Klarheit des Geistes’’ noch erhalten haben. Ausgerechnet in Frankreich mit seinen tief verwurzelten gallisch-„barocken’’ Traditionen und Denkmustern! Gerade Descartes ist ein typisches Kind des Barock-Zeitalters. Sein naturwissenschaftliches Weltbild ist ein der Mentalität jener Epoche entquellendes, „barock’’-wucherndes Phantasie-Gemälde.


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