© 1993 Helmut Frings
Die Legende des modernen Geschichtsbildes am Beispiel der
Besiedelung des Schwarzwaldes
„Der Schwarzwald ist der einzige weiße Fleck in der
archäologischen Landschaft Deutschlands ...“ sagte ein Paläo-Biologe des
Instituts für Ur- und Frühgeschichte von der Universität München, als er das
Schlusswort in die Kamera des Deutschen Fernsehens sprach. Das war im Sommer
1985, und wir hatten soeben vier Tage damit verbracht, eine Dokumentation zu
drehen, die beweisen sollte, dass der Schwarzwald, entgegen der Lehrmeinung,
schon seit eh und je Siedelgebiet gewesen war. Dies sowohl für Halbnomaden als
auch für Viehzüchter. Dementsprechend musste auch die Hinterlassenschaft dieser
Menschen vorhanden sein. Und zwar prähistorische Hinterlassenschaft seit mindestens
dem Postglazial der letzten Eiszeit, also etwa seit sieben- bis achttausend
Jahren. Zumal Viehzüchter auf den Handel angewiesen sind, wie am Beispiel der
Besiedlungsgeschichte Nordamerikas in neuerer Zeit unschwer nachzuvollziehen
ist (Rendezvousplätze der Trapper etc.). Und eben diese Hinterlassenschaft war
massenhaft vorhanden: als Gräber, Steinkreise, Quellfassungen, Schalensteine,
Cairns, usw.

Diese
Veröffentlichung entsprach natürlich ganz und gar nicht den vorgefertigten
Meinungen des wissenschaftlichen Establishments. Und so wurde dann auch sofort
- quasi ex cathedra - Protest laut von Fachgelehrten und dem Denkmalamt.
Polemische Artikel erschienen in den Fachschriften der Organe, die sich
wissenschaftlich mit der Archäologie des süddeutschen Raumes befassen.
Interessanterweise waren die Gegner meiner Beweise emeritierte Professoren (die
keine Gegenbeweise wollten gegen das, was sie lange gelehrt hatten). Es waren
Denkmalschützer, die in Fachkreisen als „Römlinge“ oder als „Keltomanen“ galten,
die zugaben, keine Ahnung zu haben, um was es sich hier handeln könne. Die
Argumentation dieser Leute war manchmal schon etwas eigenartig: Man brauche ja
nur in Fachbüchern nachzulesen. Dort stünde, dass der Schwarzwald vor dem
Mittelalter nie besiedelt gewesen sei ...
Höchstens
von Jägern sei er ab und zu besucht worden. Außerdem sei er ohnehin viel zu
düster, er sei doch vollkommen unfruchtbar. Sogar die Römer hätten Angst vor
ihm gehabt (sogar die Römer!), darum seien sie auch immer daran vorbeigezogen
(was längst widerlegt ist). Und überhaupt: Gräber seien auch keine da. Alles,
was ich vorweisen könne, seien Lesesteinhaufen - die armen Bauern müssen
Jahrhunderte ohne Pause Steine gesammelt haben, usw. Dabei sollte jedem klar
denkenden Menschen einleuchten, dass eine Abwesenheit von Beweisen noch längst
kein Beweis für deren Nichtvorhandensein ist!
Aber
genau so sind sie! Niemand auf der Welt kann all die Bärendienste aufzählen,
die unsere so genannten Fachleute der Wissenschaft, und welche die Historiker
der Geschichte der Menschheit erwiesen haben. Diese „großen Geister“ haben uns
vor allem auf historischem Gebiet völlig in die Irre gerührt, und zu den
historischen Wissenschaften zahlt im weiten Sinne ja auch die Archäologie. Sie
haben uns in Sackgassen geführt, indem sie uns ihre „Wahrheit“ als die Wahrheit
verkauften, das heißt: Sie zwangen uns, ihre Versionen der „Wahrheit“
anzunehmen! Doch „ihre Wahrheit“ und „die Wahrheit“ sind ganz und gar nicht
dasselbe!
Im
Allgemeinen verläuft der Prozess der Meinungsbildung vom Lehrer zum Schüler;
dieser muss Examina bestehen, die Ersterer vorschreibt. Lernen auf Examina hin
gleicht einem Programmierungsvorgang. Und so ist es nicht verwunderlich, dass
der examinierte Mensch dem Examinator nachplappert! Die Bildung der
Eigenmeinung wird dabei erheblich eingeschränkt, und so entsteht nach und nach
eine Meinungs-Gleichschaltung, die zwar nach den Seiten hin offen ist, nicht
jedoch nach vorn, und schon gar nicht nach oben! Es ist eine Art
Weiterlernprozess im Wiederkäuerverfahren ... und wenn sie nicht gestorben
sind, dann leben sie noch heute ...
Aus
diesem selben Muster heraus brauchte Mose die bekannten „vierzig Jahre in der
Wüste“, auf dass die Ewiggestrigen ausstarben. Hinzu kommt in unserem Fall
noch, dass die Meinungen weltweit von dem Prestige geprägt werden, das so
genannten „großen Namen“ innewohnt, und das schon deshalb selten in Zweifel
gezogen wird, weil es niemand wagt, um der Wahrheit willen seine Existenz zu
opfern (Ausnahmen sind die Regel; Hut ab vor ihnen!). Infolgedessen hat ein
Außenseiter kaum eine Chance, in die Phalanx des Establishments einzubrechen,
wenn er mit etwas nie Dagewesenem daher kommt ... da könnte ja jeder kommen ...
(1). Genau das jedoch sollte unser Film, sollten die Zeitungsberichte tun! Die
Veröffentlichungen in der Stuttgarter Zeitung, dem Südkurier, der Badischen
Zeitung, der Welt, ja sogar in PAN, sollten ein erster Schritt zum Umdenken
sein. Polemiken solch aggressiver Art, wie sie dann folgten, erwartete ich
nicht. Zwar erklärten die Denkmalschützer empört alles als Lesesteinhaufen,
doch flugs sandten sie mir - quasi für alle Fälle - das Baden-Württembergische
Denkmalschutzgesetz zu! Und der schöne Schwarzwald blieb weiterhin ein weißer
Fleck, und auch die vielen schönen, falschen Schwarzwaldbücher gingen weiterhin
in Druck, mit den gleichen Irrtümern. Das ist schade, denn wenn wir nicht
lernen, Dinge zu sehen, die am Wege liegen, oder auf Worte zu hören, die nie
schriftlich fixiert worden sind, dann werden wir weiterhin den großen Irrlehren
folgen, seien sie kirchlich sanktioniert, oder seinen sie wissenschaftlich.
Gab
es nicht schon zur Genüge Leute wie Virchow, Cartailhac usw.? Wurde nicht
Fuhlrott zum Armenhäusler, weil ihn Virchow mit seinem Hass auf den Neandertaler
verfolgte? Und Cartailhacs „Mea culpa“ kam für den Edelmann Sautuola auch zu
spät. Dieser hatte sich bereits, ob des Zweifels an seiner Redlichkeit, zu Tode
gegrämt. Sterben denn die Ewiggestrigen nie aus?
Doch
der Schwarzwald ist und war seit je besiedelt, sogar von Bauern: quod erat
demonstrandum! So lange, wie Menschen sesshaft sind, leben sie auch bereits im
schwarzen Walde. Und vorher wuchsen Viehherden dort, wo sich das Wild in Mengen
zur Jagd anbot. Das „Heil und Sieg und fette Beute“ galt noch zu Ausonius'
Zeiten, als er seine Sklavin Bissula, die „von der Donau Quellen“ in seine
Hände kam, lobend besang. Und diese Quellen liegen im hohen Schwarzwald. Wo
eine Bissula gedieh, wo Wild und Vieh groß wird, da kann auch ein Bäuerlein
seinen Acker für den Eigenbedarf bebauen. Funde beim Schluchseeablass 1983
beweisen das. Dr. Köhler von der Universität Hohenheim fand bei Pollenanalysen
Spuren von Emmer und Dinkel. Wer's nicht glaubt, kann fragen ...
Ich
sprach zu Beginn von Gräbern. Wollen wir neben den Arte-Fakten die anderen
Fakten nicht vergessen. Fakten, die indirekt auf urgeschichtliche
Siedeltätigkeit hinweisen. Da ist zunächst der etymologische Aspekt zu nennen.
Es fanden sich beispielsweise zwei wunderbar erhaltene Cromlechs (Steinkreise)
an dem Ort Eisenbreche. Unser Eisenbegriff stammt aus dem Ligurischen. Die
Ligurer verarbeiteten dieses Metall lange vor der wissenschaftlich angegebenen
Zeit im heutigen Südfrankreich, in Oberitalien und in Spanien.
Keltisch
„isamo“ stammt aus der Sprache der Ligurer. Aus „eus, eis“, das ursprünglich
„Erz, Stein“ bedeutet, wurden in unseren nördlichen Breiten Begriffe wie
„Esse“, „Eisen“, auch altnord, „ysja“ = Feuer, usw.
Alle
diese Begriffe haben mit dem Ausschmelzen von Eisen aus Erz und Gestein zu tun.
Das hiesige Eisen kam aus Ligurien, es wurde wahrscheinlich gegen Felle und
Ähnliches getauscht.
Ein
Platz, der „EISEN-breche“ heißt, und an dem es kein natürliches Eisen gibt, ist
sicherlich nach dem Feuer so benannt worden und erstmals um -1100 schriftlich
fixiert worden: Ysenbrech.
Die
Steinkreise konnten also ein Feuer-(Opfer?)-Platz gewesen sein. Hinzu kommt,
dass dieser Punkt an der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen liegt: der
Silberstraße (Volksmund) und dem Hotzenweg (überliefert).
Zum
Wort „breche“: breg, brig ist eine Metathesis, wie sie im Keltischen und im
Germanischen oft vorkommt, beispielsweise in Born/Bronn. Der Wortsinn ist
keltisch. Bei „breg“ (brech) etwa „Berg“ (pass). Und genau an einem Pass liegen
die Steinkreise. Folgern wir: Eisenbreche heißt „Feuerstelle am Pass, die zum
Opfern (?) diente“. Gälisch ist „brigg“ heute noch eine Brücke. Und ein
Baustein heißt auf Englisch „brick“!
Der
Hotzenweg, der, wie erwähnt, hier vorbei führt, hat seinen Namen nach den
Riesen, die auf ihm entlang zogen, wobei für die Anwohner „Riesen“ diejenigen
waren, die als Händler reich und mächtig daher kamen. „Hotz“ ist eine
Sinnwandlung im Deutschen eingegangen:
Aus
dem Hotzl-(Hutzel-)Mann, eben dem Riesenwesen „Hotz“, wurde ein Zwerg, ein
„dwarf“. Dasselbe geschah den längsten Menschen Europas. Aus den Schweden, die
sich selbst „Sver(i)ge“ nennen, wurde unser sprachlicher Zwerg, als Begriff.
Und auch die längsten Menschen europäischen Blutes in Nordafrika, die Tuaregs,
sprechen ihren Namen „Twargs“ aus, also „Zwerg“.
Der
Silberabbau (oberirdisch, vorgeschichtlich, in Fingen) ist im gesamten
Schluchseegebiet nachgewiesen. Daher die o. g. Silberstraße.
Nun
sind ja stets die besten Beweise Hinterlassenschaften, die man anfassen, sehen
kann: Eine professionelle Urgeschichtlerin hat in der Zwischenzeit mit den
Vermessungen und mit dem Kartografieren begonnen. Erste Ergebnisse einer Probegrabung
in der Nähe des Titisees ergaben Artefakte unbekannter Kulturen aus dem
ausgehenden Meso- und beginnenden Neolithikum! Doch der ehemalige Ordinarius
einer süddeutschen Universität sträubt sich immer noch. Er meint, die riesigen
Cairns seien „Ifahrtshüsli“ (Einfahrtsrampen für Heu an abgegangenen
Bauernhöfen). Nun, diese Cairns haben mit einem Ifahrtshüsli etwa so viel Ähnlichkeit
wie ein Raumschiff mit einem Dauerlutscher! Unter diesem Aspekt versteht man,
dass ein Fachgespräch zwischen zwei Wissenschaftlern „fachsimpeln“ genannt
wird. Simpel ist ein gutes, verständliches, deutsches Wort!
„A tous les coeurs bien ne que le Foret
Noir“, sagt Voltaire in
einem Brief an Friedrich den Großen. Und ich teile seine Meinung, nur weiß ich
auch, dass eben Voltaire einer der Ersten war, der das Wort „Schwarzwald“
benutzte - was die Gelehrten anscheinend nicht wissen. Sicher, es gibt auf
einigen alten Karten, aus dem 15. Jahrhundert etwa, den Aufdruck „uf den swartzen Walde“, doch ist damit nicht die Landschaft an sich
gemeint, sondern Teile derselben, die mit Fichten aufgeforstet worden waren.
Man übersieht sehr leicht, dass vor dem 12./13. Jahrhundert niemand vom
schwarzen Walde redete. Den Wald heutiger Konvenienz gibt es erst seit der
schnellen Aufforstung der beginnenden Neuzeit, seitdem nämlich die Glashütten
Holzkohle für hohe Temperaturen zur Glaserzeugung benötigten. Schnell wachsende
Fichten - noch dazu bedürfnisarm - werden als Monokulturen angebaut. Vorher gab
es auf diesen Bergen keine Monokulturen. Sie sind - nicht nur bei Wäldern - ein
Zeichen der modernen Zeit. Doch unseren Schwarzwald nennen die Griechen
(Strabon, Herodot etc.) die „Herzynischen Wälder“, und damit meinten sie auch
die anderen Mittelgebirge. Die Römer präzisierten, sie nannten den Schwarzwald
speziell die „silvae Marcianae“. Und die Bewohner der Waldberge, sie sprachen
von den „Abnoba mons“. Die Diana Abnoba war eine keltische Jagd-Göttin (!), der auch die Pferdezucht unterstand,
wie weiter nördlich der Epona, oder etwa die Diana Arduenna in den Ardennen.
Nun
sollte man annehmen, dass Fachleute bei solchen Dingen stutzig werden, zumal
sie doch wissen müssten, dass seit etwa -7000 ein Klimaoptimum begann, mit
Höhepunkten zwischen -5000 und -3000, und einem erstmaligen Absinken der
Temperaturen um -1000. Wir hatten, und das ist erwiesen, zu diesen Zeiten im
gesamten Schwarzwald fast subtropische Klimata zu verzeichnen. Aus diesem
Grunde fand man immer schon menschliche Artefakte, auch in Höhen weit über 2000
m NN in den Alpen, ebenso wie Piktografien. Der Schwarzwald glich zu diesen
Zeiten einer parkähnlichen Laubwaldlandschaft, die nur wenige Nadelbäume trug.
Sie war ideal zur Viehzucht, zur Jagd und zur Pferdezucht geeignet. Und waren
nicht die Helvetier berühmt wegen ihrer Pferde, ebenso wie ihre Vettern, die
Bataver in Holland ...? Später waren es die Alamannen, die dasselbe Gebiet
bewohnten, die den Römern allen Respekt abnötigten, ihrer Reiterei wegen.
Und
noch ein Aspekt, der last not least erwähnt werden soll: Sun Bear sagte im deutschen Fernsehen
wörtlich (vor einigen Jahren): „... and
so is, in my opinion, the Black Forest the strangest spiritual center in the
whole world.“ (2). Wer hat denn
wohl ein Interesse daran, einen hässlichen „schwarzen“ Wald über diesen
„weißen“ Fleck wachsen zu lassen? Und niemand rührt sich! Es ist wie in einer
komischen Oper: Quieta non movere! Die heutige Wissenschaft fällt bei uns
zusammen mit der Idee geheimrätlicher Allgewalt und dümmlicher
Professorenweisheit am grünen Tisch! Bismarck durfte das sagen, und zwar genau
am 19. Februar 1851 vor dem Preußischen Landtag. Nun, ich will einem Mann wie
Bismarck nicht widersprechen. Insbesondere, als sich immer mehr auftut, dass
sich - ganz anders, als die Archäologie glaubt - der Mensch nicht erst seit einigen
Jahrtausenden als Homo inquirens entwickelt ...
Mit
all dem, was oben gesagt wurde, habe ich mich seit langem in den Augen der
hiesigen Wissenschaft „schmutzig“ gemacht. Ich bin jemand, mit dem sie nicht
mehr reden. Doch ich bin in guter Gesellschaft. Kein Geringerer als Prinz
Philipp sagte auf einer Tagung der englischen Historiker: „Es ist unmöglich, Staub wegzublasen, ohne dass eine Menge Menschen
anfangen zu husten.“
Immerhin ist es doch gelungen, so viel Bewegung in
das Szenario zu bringen, dass man jetzt etwas veröffentlichen kann, ohne in den
Ruch zu kommen, man sei noch weniger als ein Amateur. Wenn man jetzt einen Mäzen
interessieren könnte ... Schon Shakespeare wusste: „All
ways do lie open, if money go(es) before.“ Doch gewiss bin
ich nicht, dass man graben würde, denn sicherlich muss noch irgendjemand über
einen verrosteten keltischen Hufnagel eine Dissertation schreiben, mit dem
Titel „Der Rost-Resterhaltungsbestand im
Zusammenhang mit der ökologischen Düngung am Beispiel des Schwertes aus dem
Grab eines Unbekannten auf der Gemarkung XYZ“, etc. Und villae rusticae, von denen man erst einige Tausend
genau kennt, sind stets beliebt, um in Fachzeitschriften glänzen zukönnen.
Ansonsten wird man leicht vergessen! Zu leicht!
Zum
Abschluss eines Artikels zitiere ich immer gerne Albert Einstein. Weil ihn
jeder kennt: „Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern,
als ein Vorurteil zu vernichten ...“
(1) Die „drei deutschen Betriebsregeln“: 1) Das haben wir
noch nie so gemacht. 2) Das haben wir schon immer so gemacht. 3) Da könnte ja
jeder kommen. (Volksmund. Anm. d. Red.)
(2) „... und so ist,
meiner Meinung nach, der Schwarzwald das stärkste spirituelle Zentrum in der
ganzen Welt“ (Übersetzung: GLG)
(Veröffentlicht in
EFODON NEWS Nr. 17/1993)