Es ist immer noch kein Hubschrauber!

Der Hioeroglyphen-Fries in Abydos

© 1998 Gernot L. Geise (veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 30/1998)

Einmal in die Welt gesetzt, sind Spekulationen wohl nicht mehr totzukriegen, auch wenn sie inzwischen längst widerlegt worden sind. So auch der „Hubschrauber von Abydos“, der selbst heute noch mit schöner Regelmäßigkeit hier und dort als angeblicher Beleg für eine altägyptische Hochtechnologie in Büchern, Zeitschriften und Videofilmen zitiert wird. Um was geht es?

Im Jahre 1991 galt es als Sensation (wir berichteten darüber in EFODON NEWS Nr. 1/1991):

Thomas Eickhoff brachte von einer Ägypten-Reise Fotos und die Video-Aufzeichnung eines Türfrieses im Osireion, dem Kenotaph oder Totentempel Sethos' I. in Abydos, mit. Die Bilder zeigten eine Reihe von merkwürdigen Hieroglyphen, die auf einem Türfries über einem Durchgang zu sehen sind (Abb. 2). Ein Teil davon besaß augenscheinlich technische Merkmale. Man konnte darin ohne viel Fantasie einen Hubschrauber, ein U-Boot oder einen Panzer, einen Fluggleiter und Waffen erkennen (Abb. 1).


 

Abb. 1: Der Friesausschnitt aus dem Abydos-Tempel mit der „Darstellung eines Hubschraubers“ (Foto: Eickhoff)


Nachdem es zunächst keine konventionellen Erklärungen und Deutungen gab, standen beide Hypothesen gleichrangig nebeneinander: eine technische und eine herkömmliche Deutung, wobei die technische Deutung natürlich ihren Reiz hatte, wäre damit doch das Weltbild über die Altägypter gekippt worden.

Wir wollten es jedoch genauer wissen und fuhren am 4. Februar 1992 ins Münchener Ägyptologische Institut. Dort legten wir ohne Eigenkommentare kompetenten Fachleuten ein Großfoto des Abydos-Frieses vor und baten sie um eine Erklärung der Hieroglyphen.

Die Überraschung war für uns recht groß, denn so geheimnisvoll, wie sich diese Hieroglyphen zunächst gaben, waren sie gar nicht. Was der Laie erst erkennt, wenn er auf Details hingewiesen wird: ein Teil der dortigen Inschriften wurde irgendwann einmal verunechtet, mit einer Stuckmasse überzogen und neu beschriftet. Vielleicht hat ein Pharao seinem Vorgänger etwas nicht gegönnt und dafür die Inschrift geändert. Jedenfalls zieht sich der Rand der aufgetragenen Masse durch die obere Reihe der Hieroglyphen. Rechts neben den umstrittenen Hieroglyphen ist ein großer Teil dieses Verputzes abgebrochen (siehe Abb. 2), was man jedoch auf der immer wieder zitierten Ausschnittsvergrößerung nicht sehen kann. Dieser obere Rand der aufgetragenen Verputzmasse bildet u.a. die „Rotorblätter” des „Hubschraubers”. Licht und Schatten tun ihr Übriges hinzu. Wird man erst einmal darauf hingewiesen, so erkennt man recht deutlich die Farbunterschiede.


Abb. 2: Der Fries mit den umstrittenen Hieroglyphen (Pfeil). Die Verputzmasse ist rechts daneben weggebrochen (Foto: Eickhoff)


Abb. 3: Der Schriftzug auf dem Fries in Abydos. b) entspricht den umstrittenen Hieroglyphen (Skizze: Riemer).


Die vogelähnliche Figur rechts neben dem „Hubschrauber“ ist eine Beschädigung des Verputzes. Die als „Panzer” gedeutete Hieroglyphe ist die der ausgestreckten Hand, die Finger und der Daumen zeigen nach rechts. Das „Kanonenrohr“ ist ein Riss in der Verputzmasse. Die umgedrehte „Maschinenpistole” ist das Symbol des abgewinkelten Armes, wobei der „Abzugshahn“ wiederum eine Beschädigung des Verputzes ist. Und einen Sinn ergeben diese Hieroglyphen auch noch.

Wir wälzten in der Bibliothek der Ägyptologie eine ganze Reihe gewichtiger, großformatiger Bücher und wurden bei Porter, B. & Moss, R. L. B. „Topographical Biography of Ancient Egyptian Hieroglyphing Texts, Reliefs and Paintings”, Vol. VI, Upper Egypt: Chief Temples (Abydos, Dendera, Esna, Edfu, Kôm Ombo & Philae), Seite 2a ff., fündig. Dort fanden wir eine Seite, in der die merkwürdigen Hieroglyphen abgebildet sind. Das Gebäude selbst ist das Osiraeion (engl.: Osireion) des Sethos I., gebaut von Sethos I. und Merenptah.

Die „geheimnisvollen“ Hieroglyphen (Abb. 3) sind der „Herrinnenname” (Abb. 3b) des Königs Sethos I. Ein Nachfolger, eventuell Sethos’ eigener Sohn Ramses II., hat möglicherweise versucht, diesen Namen zu überschreiben.

Allerdings ist es nicht der einzige Nachweis dieser Inschrift, da in Amice M. Calverly „The Osiris Complex”, London/Chicago 1938, „The Temple of King Sethos I. at Abydos” die Inschriften der zweiten „Hypostyle Hall” (Säulenhalle), „Inscriptions of the Architraves” (Inschriften der Deckenbalken) sogar vierundzwanzig Träger mit der selben Inschrift vorhanden sind. Alle sind mehr oder weniger ähnlich - schon allein wegen der unterschiedlichen Verunechtungen.

Die von uns gefundene Inschrift ist zu finden in: Calverly, Vol. IV, Plate 63 #10g und Plate 80 #3b (vollständig). Wir konnten also vergleichen und den Text genau bestimmen, da nicht bei allen Inschriften versucht wurde, zu überschreiben.

Im „Handbuch der ägyptischen Königsnamen” von Jürgen von Beckerath (München 1984, S. 235) findet sich bei Sethos I. (ca. -1330 bis -1290) als Herrinnenname „N1a“ dieser Teil wieder. Die Lesung bei Beckerath (S. 89) ist „whm-mswt shm-hps dr-pdt”, wobei der Sinn ungefähr lautet: „Der von den beiden Herrinnen Gewünschte (und/oder) Geschützte”.

Der Herrinnenname (auch Nethername) gehört zum Titel eines Pharaos, der mit der Formel „Herrscher über Ober- und Unterägypten” eingeleitet wird. Er wird durch die Hieroglyphen Biene und Binse (Abb. 3a) über dem Zeichen für „ein Teil der Erde” dargestellt. Die weitere Symbolik des Herrinnennamens resultiert in dem Gedanken, dass die Herrinnen Ägyptens Elkâb (Nechbet, geiergestaltig) und Uto (kobragestaltig) (Abb. 3d) als Schutzgöttinnen angesehen wurden, deren Schutz sich ein Pharao unbedingt unterstellen musste. Das wurde mit deren Einbeziehung in seinen Titel vollzogen.

Zu den Abydos-Hieroglyphen zitierte auch Luc Bürgin in Sign Nr. 18/März 1992 eine Stellungnahme des Ägyptologischen Seminars der Universität Basel vom 11. Februar 1992, die ebenfalls aussagte, dass es sich bei besagter Tempelinschrift um eine korrigierte Hieroglypheninschrift handelt. Die Ägyptologen der Baseler Universität gingen aufgrund der Ausbesserung davon aus, dass der Steinmetz zuerst eine Stelle falsch ausgehauen und dann den Text nachträglich korrigiert hat. Sie machen darauf aufmerksam, dass heute sowohl Verputz als auch Farbe fehlen, die in der Antike die Korrektur verborgen haben, und dass die Inschrift deshalb jetzt etwas eigenartig aussieht. Aber mit Flugzeugen, Panzern oder ähnlichem hat es rein nichts zu tun.

Wir veröffentlichten diese Erkenntnisse bereits in EFODON NEWS Nr. 9/1992 (Gernot L. Geise und Thomas Riemer: „Der Absturz des »Abydos-Hubschraubers«”) und können uns nur wundern, wieso es heute noch Menschen gibt, die sich an die „Hubschrauber-These“ klammern.


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