Das Turiner Grabtuch:
eine gut gelungene »Fälschung«

© Gernot L. Geise; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 15/1996

Die Diskussion um das sogenannte Turiner Grabtuch - "Sacra Sindone'', wie das Tuch im Italienischen heißt - scheint wieder aufzuflackern und neue Aspekte aufzuweisen. So bringt Heinz Günther Birk das von Brand- und Wasserspuren arg mitgenommene Leinentuch in Verbindung mit Leonardo da Vinci (1), eine Theorie, die bestechend ist. Allerdings frage ich mich, wieso das Tuch bereits lange vor Leonardo erwähnt wird, wenn dieser doch erst 1452-1519 gelebt hat?

Verfechter der Echtheit der Reliquie behaupten, sie sei im 7. Jahrhundert von Pilgern in Jerusalem verehrt und später in die Kapelle des Kaiserpalastes von Konstantinopel gebracht worden. Nach einigem Hin und Her wurde das Tuch im Jahre 1205 von Kreuzfahrern aus Konstantinopel nach Frankreich gebracht. 1357 wurde es erstmals in der französischen Stiftskirche von Lirey bei Troyes ausgestellt. Pierre d'Arcis war der damals zuständige Bischof, er protestierte beim Papst Clemens VII. gegen die Zurschaustellung, weil sie Ströme von Pilgern anlockte. Er schrieb: "...Nicht aus Gründen der Frömmigkeit, sondern um Gewinne zu machen, besorgte sich ... der Dekan der Stiftskirche ... ein gewisses kunstvoll bemaltes Tuch. Darauf ist in subtiler Weise das doppelte Bild eines Mannes, nämlich Vorder und Rückansicht, gemalt...'' (2) (Hervorhebung durch den Autor).

Übrigens bestritt der Grabtuch-Experte Prof. Luigi Gonella, Physiker und Ingenieur für Messtechnik, dass es sich um eine Fälschung handele, mit den Worten: "Wenn es ein Fälscher war, hätte er Leonardo da Vinci in den Schatten stellen müssen, auf technischem Niveau''. (3)

Nun, wir sollten uns nicht an den Jahreszahlen festhalten, denn es ist natürlich durchaus möglich, dass hier einmal mehr die christlichen Zeitfälscher am Werk waren. Warum ausgerechnet hier nicht? Wo sie doch auch an anderen "unmöglichen'' Stellen gefälscht haben, was das Zeug hielt.

Wissenschaftler aller Gattungen stritten und streiten sich noch um die Datierung des vergilbten Leinentuches, das 4,36 Meter lang und 1,10 Meter breit ist, die einfach nicht so klappen will. Die einen datieren das Tuch ins Mittelalter (14. Jahrhundert), die anderen ins Jahr Null (etwa). Die einen belegen ihre chronologischen Einordnungen mit Radiokarbon-Datierung der Flachsfasern, die anderen mit Pollenanalyse. Doch selbst in Kreisen der Wissenschaft hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass eine Radiokarbon-Datierung (C14) noch ungenauer ist als ein reines Ratespiel, doch merkwürdigerweise werden Datierungen, die einmal mit dieser Methode vorgenommen wurden, nur selten bezweifelt. Im Fall des Tuches argumentieren die Datierungsgegner jedoch, dass eine genaue Zeit-Analyse zwangsläufig falsch sein müsse, weil die natürliche Kohlenstoff-Konzentration durch die Brandflecken verfälscht sei. Diese Flecken stammen aus dem Mittelalter, als der Aufbewahrungsort des Leinens in Flammen aufging und das Tuch nur in letzter Sekunde geborgen werden konnte. Doch da waren die Ecken des zusammengefalteten Tuches bereits angebrannt.

Die Pollenanalyse des Paläobotanikers Max Frei von 1973 stellte mehrere Dutzend Pflanzenarten fest, wovon die meisten von ihnen im Nahen Osten heimisch seien. Das hat jedoch nicht zwangsläufig zu bedeuten, dass auch das Abbild des Bärtigen aus jener Gegend stammt, denn - egal ob zu Zeiten der "Römer'' oder im Mittelalter - es herrschte immer ein gewisser Handel, auch zwischen dem Nahen Osten und Europa.

Was die Verfechter beider Datierungstheorien nicht verstehen wollen, das ist, dass beide Datierungen stimmen, denn als die christliche Kirche im frühen Mittelalter gegründet wurde, hat sie sich - wie wir aus den von ihr selbst produzierten "Urkunden'' schließen können - selbst flugs zurückdatiert (4). Mit ihrer erfundenen Vorgeschichte verlegte sie natürlich auch ihre eigenen Legenden zurück. Wenn also das Grabtuch bei Gründung der Kirche erzeugt wurde - und wer käme vorher auf die Idee? -, dann muss es zwingend aus dem Mittelalter stammen.

Das "Turiner Grabtuch''

Das "Turiner Grabtuch''. Die dreieckigen hellen Flecken sind herausgeschnittene Brandflecken aus dem Mittelalter. Die abgebildete Figur ist nur zu ahnen. Bei besseren Bildern wurden die einzelnen Details erst durch eine Kontrast-Überzeichnung sichtbar gemacht.


Das "Turiner Grabtuch'', Vorderseite Das "Turiner Grabtuch'', Rückseite

Vorderseite (links) und Rückseite (rechts) der auf dem Turiner Grabtuch abgebildeten Person.

Deshalb ist es echt, obwohl die katholische Kirche schlauerweise niemals die Echtheit dieser Reliquie erklärt hat. Nur: ob es wirklich "Jesus von Nazareth'' war, den das schwach rostfarbene Abbild des 1,75 Meter großen, bärtigen Mannes darstellt, muss so lange offen bleiben, wie die begründeten Zweifel großer Gelehrter zur historischen Person ebendieses "Jesus von Nazareth'' nicht überzeugend ausgeräumt sind. Immerhin wurden offensichtlich mehrere historische Vorbilder in der Person des legendären Begründers des Christentums zusammengefasst.

Der Jesus der Bibel ist bisher weder historisch noch archäologisch nachweisbar! Doch über dieses Thema gibt es genügend Spezialliteratur, so dass ich hier nicht in die Details gehen muss. Wir sollten vielleicht zunächst einmal den Nachweis der historischen Identität jenes »Jesus von Nazareth« abwarten, ehe wir anfangen, über seine echten oder gefälschten Grabtücher zu spekulieren.

Birk stellt fest, dass der Körper des Bärtigen, der in besagtem Tuch eingewickelt war, zum einen nicht tot gewesen sein kann, sonst wäre kein reines Blut ausgetreten. Andererseits gehört der Kopf des Abbildes anscheinend nicht zu dem Körper, weil er proportionsmäßig nicht so recht passt (das muss allerdings nicht unbedingt ein Grund sein). Andererseits weise er einen unnatürlichen Winkel zum Körper auf.
Dass es sich bei der Körperflüssigkeit auf dem Tuch wirklich um geronnenes Menschenblut (und nicht etwa um Tierblut!) handelt, das hat bereits 1978 ein internationales Wissenschaftler-Team nachgewiesen. Auch diese Wissenschaftler sprachen nicht etwa von einer Leiche, sondern von einem verwundeten menschlichen Körper, der in dem Tuch gelegen habe. Allerdings fanden auch sie keine Erklärung dafür, wie das Abbild eines gefolterten und gekreuzigten Mannes auf das Tuch kam (5). Dabei ist es relativ einfach: Jede Fälschung zeigt einen Hinweis auf ihre Entstehungszeit. Und das Tuch zeigt Stilmerkmale der Gotik.
Warum stimmen die Proportionen des abgebildeten Körpers nicht? Das liegt daran, dass sich rundplastische Objekte wie ein Kopf nicht ohne Verzerrungen und leere Zwickel auf einer ebenen Fläche (dem Tuch) abwickeln lassen. Die Künstler der Renaissance kannten diese Probleme der Anamorphose (6), die Künstler der Gotik jedoch nicht.
Es gilt als bewiesen - so heißt es -, dass das Abbild "nicht von Menschenhand'' stamme. Als Beweisgrund wird angegeben, dass es weder aus organischen noch aus mineralischen Farbpigmenten besteht. Das "negative'' Abbild entstand durch eine oberflächliche Vergilbung der Fasern, hervorgerufen durch eine Licht- oder Wärmeeinwirkung. Es ist teilweise so schwach, dass es erst durch fotografische Kontrastbearbeitung sichtbar wird. Mit einer egal wie gearteten Maltechnik ist das nicht machbar. Daher wurden hier auch diverse "Wunder'' bemüht - wie immer, wenn ein Vorgang mit den derzeitigen Erkenntnissen nicht erklärbar ist - : beispielsweise soll Christus einen überirdischen Blitz erzeugt haben, um sein Abbild auf das Tuch zu bannen. Andere behaupten, das Abbild stamme von seiner Seele, als sie aus ihrem irdischen (eingewickelten) Körper fuhr.
Die Herstellung des Abbildes auf dem Leinentuch ist jedoch durchaus einleuchtend erklärbar. Bereits im Jahre 1983 hatte der Anthropologe Vittorio Pesce Delfino das Rätsel gelöst (7). Er wies nach, dass ein Bronzerelief, das auf 230 Grad erhitzt ist, einem darüber gelegten Tuch ein Abbild aufsengt. Man kann es etwa vergleichen mit Sengspuren, die ein heißes Bügeleisen hinterlässt. Allerdings verursacht nur ein Flachrelief jenen Versengungseffekt, wie er auf dem Tuch dargestellt ist. Die scheinbare Dreidimensionalität entsteht durch den unterschiedlichen Abstand zwischen Metall und dem Stoff. Ein solcher Vorgang hinterlässt dann auf dem Stoff Proportionen wie auf dem Turiner Grabtuch. Vittorio Pesce hat selbst praktische Versuche unternommen, um den Nachweis zu erbringen. Zusammen mit dem Bildhauer Nicola Gagliardi hat er ein Modell für Reproduktionen hergestellt, dessen Abdrücke sich nicht von dem Turiner Tuch unterscheiden - abgesehen von den Brandspuren und den Alterserscheinungen des "Original-Grabtuches" (s. Abb.).

Somit sind alle Spekulationen um die Erzeugung des Abbildes gegenstandslos geworden. Es ist eine künstliche Darstellung, die von dem Hersteller nachträglich mit menschlichem Blut versehen wurde, um eine mystische Echtheit zu suggerieren. Dabei ging der Hersteller bewusst davon aus, dass der "Normal-Gläubige'', der ja beeindruckt werden sollte, nicht wusste, dass eine Leiche kein Blut mehr verliert, sondern nur noch relativ farblose Körperflüssigkeit - und Jesus sollte lt. kirchlicher Vorgabe schließlich am Kreuz gestorben sein.
Man sollte nicht außer Betracht lassen, dass es gut belegt ist, wie viele verschiedene Grabtücher Christi der blühende Reliquienkult des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts kannte.


Das "Original-Abbild" als Negativ Das "Original'' in kontrastverstärkter Auflösung

Die von Vittorio Delfino hergestellte Bronze-Maske, mit der er einige "Kopien zog'' und damit den Beweis erbrachte, wie das Abbild auf dem Leinentuch hergestellt wurde. Negativ-Darstellung einer von ihm hergestellten Kopie

Von Delfino hergestellte Kopien Von Delfino hergestellte Kopien

Oben links: Das "Original-Abbild" als Negativ. In der negativen Darstellung sind manche Details besser erkennbar.
Oben rechts: Das "Original'' in kontrastverstärkter Auflösung.
Mitte links: Die von Vittorio Delfino hergestellte Bronze-Maske, mit der er einige "Kopien zog'' und damit den Beweis erbrachte, wie das Abbild auf dem Leinentuch hergestellt wurde.
Unten rechts und links: Von Delfino hergestellte Kopien, die - man vergleiche mit den obigen Abbildungen - sich in nichts vom "Original'' unterscheiden.
Mitte rechts die Negativ-Darstellung einer von ihm hergestellten Kopie.

(Alle Abbildungen oben aus Dietmar Polaczek: "Mit Computer und Verstand dem Wunder auf der Spur?'', in: Neue Ärztliche Allgemeine, 16.05.88.


Kontrastverstärkte Wiedergabe des Oberkörpers

Kontrastverstärkte Wiedergabe des Oberkörpers. Am Hals ist eine "Schnittstelle'' erkennbar.

Von allen wurde von den jeweiligen Besitzern behauptet, sie seien echt. Jeder Hersteller eines solchen Tuches wollte sein Werk als "echt'' verkaufen, verkaufen im wahrsten Sinne des Wortes, denn es ging um viel Geld, das die Gläubigen zu jeder Zeit bereit waren, zu spenden. Und je "echter'', sprich: unerklärbarer, eine Darstellung war, umso mehr Geld brachte (und bringt) sie ein.

Das Turiner Grabtuch hat die Jahrhunderte (nicht Jahrtausende!) mit seinem Mythos überdauert, und auch heute noch glauben Millionen Menschen an seine Echtheit. Selbst in unserer heutigen Zeit wird versucht, anhand dieses Abbildes das angebliche Gesicht von "Jesus'' zu rekonstruieren, zuletzt mithilfe modernster Computertechniken (8). Der kanadische Porträt-Künstler Curtis Hooper erstellte Anfang 1995 mittels eines "Morphing''-Programmes (9) mit einem NASA-Rechner ein quasi-realistisches Bild des Kopfes (s. Abb.).


Original (negativ!) "Rekonstruktion''

Mittels eines Computer-"Morphing''-Programmes von dem kanadischen Porträt-Künstler Curtis Hooper hergestellte "Rekonstruktion'' des sogenannten Jesuskopfes. Links das kaum erkennbare Original (negativ!), rechts die "Rekonstruktion'' (aus: Bild, 17.01.95)

Die Herstellung des Abbildes ist geklärt. Als Streitpunkt bleibt das Alter des verwendeten Materials. Eine Beantwortung dieser Frage sagt jedoch nichts über den Zeitpunkt aus, wann das Abbild auf das Tuch aufgebracht wurde. Der mittelalterliche Künstler - und es muss durchaus einer gewesen sein, egal aus welchen Motiven er das Werk schuf - hatte die Zielvorstellung, ein Grabtuch zu schaffen, das so echt wie irgend möglich wirken sollte, einschließlich der Nichterklärbarkeit der Darstellung, so dass "göttliches Wirken'' unterstellt werden konnte. Da ist es naheliegend, dass er als Material ein Leinentuch verwendete, das bereits im Mittelalter "uralt'' war bzw. auch aus der Region des Nahen Ostens stammte. Und hier kommt wieder Leonardo ins Spiel, denn diesem hochintelligenten Künstler wäre erstens durchaus die Herstellung mit der nachgewiesenen Methode zuzutrauen und zweitens auch die Auswahl des am besten geeigneten Materials.

Und - wie gesagt - an die Jahreszahlen, wann Leonardo da Vinci gelebt hat und wann das Tuch erstmalig erwähnt wurde, sollte man sich nicht allzu sehr festklammern, denn unsere konventionelle Chronologie hat sich auch in der Wissenschaft inzwischen als falsch herausgestellt. Sie wird nur deshalb noch beibehalten, weil "echte'' - also nicht gefälschte - Dokumente fehlen und eine korrekte Datierung deshalb verhindert wird (10).

Anmerkungen
1 Heinz Günther Birk: "Das Turiner Grabtuch - eine Botschaft Leonardos?'', EFODON SYNESIS Nr. 14/1996.
2 (o.A.) "Listiges Leinen'', Der Spiegel Nr. 41/1988.
3 Spiegel-Interview mit Prof. Gonella: "Es bleibt eine große Ikone der Passion'', Der Spiegel Nr. 41/1988.
4 Hierzu ist an herausragender Stelle dieser Forschungen Dr. Heribert Illig mit seinen Veröffentlichungen zu nennen.
5 ORF-Teletext vom 07.02.87.
6 Anamorphose [gr.-nlat.]: die für normale Ansicht verzerrt gezeichnete Darstellung eines Gegenstandes (Kunstw.). (Duden-Fremdwörterbuch, 1993.)
8 (o.A.) "Sah so Jesus aus?'', in: Bild, 17.01.95.
9 morpho..., Morpho..., morph..., Morph... [griech.], Bestimmungswort von Zusammensetzungen mit der Bedeutung Gestalt (Duden Bedeutungswörterbuch, 1993).
Mit einem Morphing-Programm ist es beispielsweise möglich, einen fließenden Übergang zwischen zwei völlig verschiedenen Abbildern zu schaffen. Wie im vorliegenden Fall kann bei einem vorhandenen Bild, bei dem nur Bildinformationsreste vorliegen, diese noch vorhandenen Reste "optimiert'', also hochgerechnet und ergänzt werden. Das Ergebnis kann - je nach Berechnungsaufwand - fast dem Original entsprechen.
10 Auch hierüber gibt es reichhaltige Literatur. Ich verweise stellvertretend beispielsweise auf: Wilhelm Kammeier: "Die Fälschung der deutschen Geschichte'', Viöl 1993, oder auf das Standardwerk: Wattenbach/Dümmler/Huf: "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, Frühzeit und Karolinger, Teil 1 und 2'', Kettwig 1991.
In Bezug auf eine Chronologie-Revision sind insbesondere zu nennen Dr. Heribert Illig und Prof. Dr. Gunnar Heinsohn mit zahlreichen diesbezüglichen Veröffentlichungen.

Quellen
Heinz Günther Birk: "Das Turiner Grabtuch - eine Botschaft Leonardos?'', in: EFODON SYNESIS Nr. 14/1996.
(dpa) "Turiner Grabtuch stammt aus dem 14. Jahrhundert'', in: Frankfurter Neue Presse, 29.09.88
(KNA) "Turiner Grabtuch im Labor'', in Frankfurter Rundschau, 01.02.88.
(o.A.) "Listiges Leinen'', in: Der Spiegel Nr. 41/1988.
Dietmar Polaczek: "Mit Computer und Verstand dem Wunder auf der Spur?'', in: Neue Ärztliche Allgemeine, 16.05.88.
Spiegel-Interview mit Prof. Gonella: "Es bleibt eine große Ikone der Passion'', in: Der Spiegel Nr. 41/1988
u.a.m.

Abbildungen, soweit nicht anders angegeben: Archiv des Autors.


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