Das Pantheon
als neulateinisches Bauwerk
(c) Christoph Pfister; veröffentlicht in EFODON SYNESIS Nr. 2/2001
Einleitung
Unlängst hat Eugen Gabowitsch in dieser Zeitschrift (EFODON-SYNESIS Nr. 1/2000, 11 ff.) über die frühe Verwendung von Beton referiert und dabei festgestellt, dass die alten Hochkulturen sehr wohl diesen Werkstoff kannten, und kein Grund zur Annahme besteht, dass dessen Gebrauch zwischenzeitlich vergessen wurde, wie uns die konventionelle Kunstgeschichte weismachen will. Der technologische Aspekt ist allerdings hochinteressant, scheint man sich doch bisher kaum Gedanken gemacht zu haben, worin der Unterschied zwischen Mörtel und Beton besteht. Nur so ist es zu erklären, dass man wie selbstverständlich feststellt, dass die "Römer" Beton für Gewölbebauten verwendeten, dass die anderen antiken Kulturen dieses Material nicht kannten und es erst im 19. Jahrhundert wieder erfunden werden musste.
Gabowitsch erwähnt in seinen Ausführungen auch einige wichtige römische Bauten, die in Beton aufgeführt wurden, unter anderem das Pantheon in Rom, dessen tatsächliche Entstehungszeit er aber ins 17. oder 18. Jahrhundert setzt (S.12). Hier wird das leidige Problem der Zeitstellungen angetippt, das ebenso schwer zu lösen ist wie die richtige Verortung eines alten Bauwerkes in einen architekturgeschichtlichen Zusammenhang. Doch gerade beim Pantheon und bei anderen "antiken" Bauten in Rom hat sich der Autor in der letzten Zeit einige Gedanken gemacht und möchte den Anlass benützen, darüber zu berichten.
Rätsel Rom im Mittelalter
Für die Allgemeinheit ist die Antike mit ihrer Geschichte, ihren Zeitstellungen und ihrer kulturellen Überlieferung immer noch sakrosankt und unwidersprochen. Nur die Leser dieser Zeitschrift wissen, dass Gernot L. Geise bereits vor einigen Jahren Zweifel an dem Bild von den "Römern" und dem "Römerreich" geäußert hat ("Wer waren die Römer wirklich?"). Es ergibt sich, dass es ein Römisches Reich in irgendeiner Form wohl gegeben hat, dass wir über dieses aber fast nichts Sicheres wissen. Die "antike" literarische Überlieferung muss als Fälschung des Spätmittelalters und der Renaissance verworfen werden. Die Zeitstellungen sind sowieso völlig arbiträr und in den gleichen Epochen erfunden worden. Und die Dauer dieser griechisch-etruskischen Kulturepoche, die man fälschlich "römisch" nennt, ist völlig überzogen. Der Autor hat schon 1998 vorgeschlagen, den Beginn der sogenannten Römerzeit auf frühestens 1000 vor heute anzusetzen (Pfister, 1998).
Die Stadt Rom in Italien ist in diesem Zusammenhang ein besonderes Problem. Geise meint, dass dieser Ort ursprünglich gar nicht so geheißen hat, weil es im ganzen Reich wohl Dutzende von Roms gegeben hat. Sicher scheint, dass jenes Rom unmöglich das Zentrum des besagten Reiches gewesen ist dieses lag wohl eher in Gallien und am Rhein. Dass die antike Stadt am Tiber zum Mittelpunkt eines Weltreiches hochstilisiert wurde, ist offenkundig eine raffinierte Fälschung des kurz nach 1400 entstandenen römisch-katholischen Papsttums, wie das bereits Wilhelm Kammeier in scharfsinniger Weise dargelegt hat (Kammeier, 1979). Das Ziel war, den Papst zum Rechtsnachfolger des Römerreiches zu machen, um so dessen imperialen Anspruch weiterführen zu können.
Rom in Italien soll eine Weltstadt gewesen sein. Aber betrachten wir die Quellen zur Geschichte dieser Stadt kritisch, so müssen wir feststellen, dass es bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts kaum verlässliche Nachrichten über jenen Ort und seine Bauten gibt. Ferdinand Gregorovius widmete dem mittelalterlichen Rom zwar sein klassisches achtbändiges Werk, aber auch er kann nicht mehr als erdichtete Geschichte erzählen. Zu Recht betitelte deshalb Kammeier eine 1938 über jenen Ort veröffentlichte Betrachtung mit "Rätsel Rom im Mittelalter". Der Autor übertreibt aber sicher, wenn er Rom vor 1400 nur als Dorf und große Ruinenstätte anerkennen will. Doch Kammeier hat klar erkannt, dass die Totalität der "Großen Aktion", der Umschreibung und Neuerfindung der Geschichte, es nicht bei literarischen Fälschungen bleiben lassen werde: "Die literarischen mussten durch archäologische Fälschungen ergänzt werden" (Kammeier, Rätsel Rom, 57) Also ist nicht nur die schriftliche Überlieferung über die Antike als gefälscht anzusehen, sondern zu einem Teil auch deren Artefakte, also die Münzen, Inschriften und Bildwerke. - Die gleiche Behauptung hat übrigens schon um 1700 der geniale Jesuit Jean Hardouin geäußert.
Abb. 1b: Grundriss Hadrians Villa bei Tivoli (William I. MacDonald/John A. Pinto: "Hadrian's Villa and its legacy New Haven", London 1995, S. 82)
Wenn Gegenstände gefälscht wurden, so wäre es in logischer Konsequenz auch möglich, dass Bauten in antikem Stil errichtet wurden und einem behaupteten Altertum unterschoben wurden. Kammeier hat diesen Gedanken leider nur angetippt und versprochen, ihn später auszuführen was nie geschehen ist. So soll denn hier diese Fährte wieder aufgenommen und ausgeführt werden: Ist es möglich, dass etliche "antike" Bauwerke in Rom gar nicht aus jener behaupteten Antike stammen, sondern erst zu Beginn des späten Mittelalters vielleicht im 14. oder 15. Jahrhundert errichtet wurden?
Der Verdacht besteht: Rom ist eine riesige Trümmerstätte, und die meisten Strukturen sind bis auf die Grundmauern zerstört. Aber wie durch ein Wunder gibt es darin eingesprenkelt etliche Monumente, denen weder der Zahn der Zeit, noch die "Barbaren", noch der Hunger des Mittelalters nach Baumaterial etwas anhaben konnten. Man denke etwa an die Triumphbögen des Titus, des Septimius Severus und des Konstantin, an die Bildsäulen von Trajan und Mark Aurel, aber auch an den Riesenbau des Kolosseums und an die großen Kaiserthermen. Und vor allem fällt ein "antiker" Bau mitten in der Altstadt von Rom auf, der gar wunderbar gut erhalten ist: das Pantheon.
Fragen zu den antiken Bauwerken Roms
Auch die offizielle Archäologie und Kunstgeschichte anerkennt den merkwürdigen Umstand, dass wir von den Bauten der Stadt Rom fast alles wissen Entstehungszeit, Urheber, Zweckbestimmung, Veränderungen von den Monumenten in den "römischen" Provinzen jedoch so gut wie nichts. Die schriftliche und inschriftliche Überlieferung ist extrem romzentriert und damit auch schon verdächtig und widerlegbar.
Abb. 2a: Der Kuppelraum der Großen Bäder in der Hadriansvilla bei Tivoli nach einer Zeichnung von Piranesi, ca. 1775. Die Ähnlichkeit mit dem Pantheon ist offensichtlich. (Nach: L. McDonald/John A. Pinto; Hadrian's Villa and its legacy; New Haven-London 1995, S. 158)
Aber auch wenn die antike Literatur gefälscht ist, so muss sie dennoch berücksichtigt werden. Denn es fällt auf, dass dieses Schrifttum viele Monumente Roms nicht oder nur selektiv wahrnimmt und nur mit bestimmten Eigenschaften. Es entsteht der Eindruck, dass mit einer namentlichen Erwähnung eines Bauwerkes ein bestimmter Zweck verfolgt wird. Nehmen wir als Beispiel eine Passage des lateinisch schreibenden griechischen Schriftstellers der Spätantike, Ammianus Marcellinus. Dessen Res Gestae sollen in ihrer ältesten Abschrift aus dem 10. Jahrhundert AD (= anno Domini = nach Christus) stammen; doch bekannt wird das Werk erst gegen 1430 im Umkreis des bekannten humanistischen Fälschers Poggio Bracciolini). Ammianus beschreibt einen Einzug des Kaisers Constantius II. in Rom, wobei er bei gewissen antiken Monumenten regelrecht ins Schwärmen gerät:
"Bäder, ... großräumig wie Provinzen angelegt; die Riesenmasse des Amphitheaers, festgefügt aus tiburtinischem Stein, dessen obersten Kranz kaum eines Menschen Blick zu erreichen wagt; das Pantheon, wie ein kreisförmiges, zu wundervoller Höhe aufgewölbtes Stadtviertel; mit Wendeltreppen im Inneren versehene Säulen, darauf die Standbilder früherer Kaiser; die Tempel der Stadt; das Forum des Friedens; das Theater des Pompejus; das Odeum, das Stadium und andere Schmuckbauen der Ewigen Stadt. Als jedoch der Kaiser auf das Trajansforum kam, dieses einzigartige Bauwerk unter dem weiten Himmel, das unserer Auffassung nach selbst die Götter als Wunder gelten lassen müssen, war er starr vor Staunen und ließ seine Gedanken um die riesenhaften Baukörper schweifen ..." (Ammianus Marcellinus, 112 f.).
Neben der "antiken" Literatur existieren für Rom auch "mittelalterliche" Reiseführer.
Sie beginnen mit der sogenannten Konstantinischen Regionsbeschreibung der Stadt Rom (Kammeier, Fälschung, 231 ff.), gehen weiter mit dem Anonymus von Einsiedeln (Gregorovius, III, 499 ff.) angeblich aus "karolingischer" Zeit und von Poggio während des Konstanzer Konzils "entdeckt" und dem sogenannten Magister Gregorius und den anonymen Mirabilia urbis Romae. Aber alle diese Werke verunklären mehr als dass sie aufhellen.
Doch auch aus baugeschichtlicher Sicht gibt es gewichtige Einwände gegen die antike Entstehung von gewissen Monumenten: Der Boden Roms wurde im Mittelalter und auch noch in der beginnenden Neuzeit angeblich ständig nach Marmortrümmern durchwühlt, denn aus diesen brannte man Kalk. Trotzdem blieben etliche Bauten ganz oder teilweise erhalten. Der Zahn der Zeit scheint in der Stadt nur selektiv gewirkt zu haben. Und wie die ganze Geschichte, so enthält auch die Baugeschichte Roms Widersprüche. Beispielsweise soll unter Papst Nikolaus V. um 1450 Travertin von der Fassade des Kolosseums als Baumaterial weggenommen worden sein. Aber gleichzeitig brach man solchen Stein auch in der Umgebung von Tivoli.
Die Legende des Pantheons
Nun ist jeder fragwürdige antike Bau in Rom von einer Legende umgeben. Die Legende versucht, den Ursprung und das Schicksal eines Bauwerkes innerhalb des fingierten Geschichtsbildes zu erklären und liefert dabei oft erstaunlich detaillierte Einzelheiten. Von gewissen Bauten des Altertums in der Tiberstadt kennen wir deshalb sogar die Architekten, wir erfahren von Vorgängerbauten, hören von der Beschädigung durch Blitzschlag und Feuer, von Renovierungen, Umbauten und Neubauten. Auch die Einbeziehung von pseudohistorischen Ereignissen, wie dem großen Stadtbrand unter Kaiser Nero, gehört dazu.
Dabei können Pseudo-Fakten als Chiffren aufgefasst werden, welche bestimmte Absichten verbergen. Der erwähnte "Neronische Stadtbrand" zum Beispiel ist vielleicht als nützliche Begründung aufzufassen, welche umfangreiche Neubauten und die Zerstörung alter Bausubstanz in der Fälscherepoche erklären soll.
So gut wie das Pantheon erhalten ist, so spärlich wird es in der "antiken" Literatur erwähnt. Neben der bereits erwähnten euphorischen Charakterisierung durch Ammianus Marcellinus erwähnt Dio Cassius den Bau, wobei er die Kuppel in der Übersetzung von Shelley als "the visible image of the universe" bezeichnet (Urbs Roma, 189), dabei aber den ersten Bau von Agrippa meint.
Abb. 2b: Rotunde der Großen Thermen (Nach: L. McDonald/John A. Pinto; Hadrian's Villa and its legacy; New Haven-London 1995, S. 236)
Die obskure Historia Augusta, welche gegen Ende des 15. Jahrhunderts "entdeckt" wurde, bringt als erste das Pantheon mit Kaiser Hadrian in Verbindung, behauptet aber, dieser habe den Tempel nur restauriert (Urbs Roma, a.a.O.). Diese Quelle wendet sich also klar gegen die gültige Behauptung, dass wir heute einen hadrianischen Bau vor uns haben.
Dann gibt es auch eine Inschrift von Septimius Severus und Caracalla, die von einer Renovierung des Pantheon spricht, der wegen seines Alters zusammengefallen sei (vetustate corruptum) (Urbs Roma, 187). Da aber gerät die ganze Baulegende durcheinander: Wir hätten also nicht den Bau Hadrians vor uns, welcher nach nur siebzig Jahren zur Ruine geworden war! Das, was wir heute fast als Weltwunder bestaunen, müsste also ein Werk der Severer sein! Unter dieser Kuppel angeblich also um 200 AD wiedererrichtet scheint die Zeit stillgestanden zu sein, trotzt doch das Pantheon angeblich seit rund tausendachthundert Jahren erfolgreich dem Unbill der Zeiten und allen äußeren Einwirkungen wie Feuer, Wasser, Erdbeben, Kriegszerstörungen. Doch auch für den phantastisch guten Erhaltungszustand hat die Legende eine Erklärung parat: Der antike Wölbungsbau sei deswegen so gut erhalten, weil er zeitig (kurz nach 600 AD) in eine christliche Kirche umgewandelt wurde. Aber erstens altern und verfallen auch Kirchen. Und nach offizieller Zeitstellung hätte das Pantheon zwischen Hadrian und dem beginnenden 7. Jahrhundert nach Christus sich ein volles halbes Jahrtausend auf die christliche Obhut gedulden müssen!
Die Legende des Pantheons wird durch eine mittelalterliche Fabel ergänzt, geschrieben von einem Anonymus aus Salerno, angeblich aus der Zeit um 1000 AD (Gregorovius, III, 502 ff.). Erwähnenswert ist an dieser abstrusen Geschichte nur, dass darin Agrippa, die Schwaben (!), Sachsen (!) und Perser (!) auf der gleichen Ebene genannt werden. Vor dem 15. Jahrhundert kann auch dieser Gallimathias nicht entstanden sein.
Die größte Kuppel vor der Renaissance
Das Pantheon (Abb. 1a) ist nicht nur das besterhaltene angeblich antike Bauwerk Roms; es ist auch trotz aller Erforschung noch immer rätselhaft (MacDonald, 11). Aber vielleicht ist das Aenigma von den Erbauern gewollt und gibt uns einen Fingerzeig auf die mutmaßliche Zeit der Errichtung.
Schon baugeschichtlich ist das Pantheon einmalig, bedeutet es doch die radikale Abkehr vom griechisch inspirierten Bauschema des römischen Tempels, indem der künstlerische Ausdruck ganz auf den Innenraum verlagert wird. Trotzdem soll die Rotunde "das römischste aller Bauwerke" sein (Wachmeier, 24). Denn der Gedanke eines überwölbten Rundbaus wurde bei vielen anderen "römischen" Bauten in Italien nachgeahmt: bei dem Caldarium der Caracalla-Thermen in Rom, dann auch beim achteckigen Speisesaal der Domus Aurea beim Kolosseum, beim sogenannten Tempel der Minerva Medica an der Via Appia und beim sogenannten Merkurtempel in Baiae. Dabei gerät aber schon hier die chronologische Ordnung durcheinander; ist doch bei allen erwähnten Bauten unklar, welche vorzeitig, gleichzeitig und nachzeitig sind.
Aber der größte Ruhm gebührt dem Römer-Pantheon im Rahmen der Wölbungskunst. Gemäß der offiziellen Meinung ist dieser Rundbau mit einem Gewölbedurchmesser von 43,2 Metern der größte Kuppelbau der römischen Antike. Erst in der Renaissance seien mit der Kuppel des Domes von Florenz und der Kuppel des Petersdomes in Rom diese Masse wieder erreicht und übertroffen worden. Schon die damit implizierten Zeitdifferenzen zwischen Antike und Renaissance machen stutzig und fordern den gesunden Menschenverstand heraus: Wie soll man glaubhaft erklären, dass mehr als zwölf Jahrhunderte verstreichen mussten, bis man eine bestimmte Bautechnik wieder erlernte und anwendete?
Aber es scheint da einen Einwand zu geben. Die Römer bauten die erwähnten Kuppeln aus opus caementicium, also einer Art Beton; während die Kuppeln der Renaissance aus Ziegelsteinen gefügt waren.
Da stellt Gabowitsch (2000) zu Recht einige unbequeme Fragen, nämlich ob 1) die Römer den Beton entdeckt hätten, 2) ob sie diese Erfindung nur für Kuppelbauten nutzten und 3) ob es sein könne, dass eine so nützliche Technik für lange Zeiträume wieder vergessen wurde. Für den Autor ergibt sich, dass die Erfindung des Beton zeitlich viel später anzusetzen ist, dass also die sogenannten antiken Kulturen in eine Epoche verbracht werden müssen, die gemäß konventioneller Chronologie von dem hohen oder besser dem späten Mittelalter ausgefüllt wird. Der Grundsatz einer kontinuierlichen Kulturentwicklung zwingt uns, die alten Kulturen viel näher an die Jetztzeit zu rücken.
Das Pantheon in Rom kann unmöglich zum klassisch-römischen Baubefund der Stadt gezählt werden. Dem widerspricht die phantastisch gute Erhaltung, dann aber der im Grunde unrömische Charakter des Tempels und eben die Bautechnik des Gussmörtels, die einer späteren Epoche anzugehören scheint.
Das Pantheon ist also nicht "römisch" im klassischen Sinne, zählt aber auch nicht zur Renaissance. Welchem Stil ist es denn zuzurechnen? Es muss dies ein "neulateinischer" Stil gewesen sein - den übrigens auch schon Ferdinand Gregorovius für das Rom kurz vor der Renaissance postuliert (Gregorovius, VII, 622). Wenn die Päpste nach Kammeiers scharfsinnigen Darlegungen erst um 1420 Rom zu ihrer Residenz gewählt haben, so muss die neulateinische Kunst in Rom und in Unteritalien vermutlich im 14. und 15. Jahrhundert geblüht haben.
Die Erwähnungen des Pantheons in der "antiken" Literatur, etwa bei Ammianus Marcellinus und Dio Cassius, schaffen weitere Anhaltspunkte. Diese Autoren müssen gemäß der Geschichte der Großen Aktion gegen 1430 vorgelegen haben, schaffen also einen zeitlichen Endpunkt für die Entstehung der Kuppel. Das Gleiche gilt für die bildlichen Darstellungen der Stadt Rom, die wie die übrige Literatur in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts einsetzen (vgl. Wiesel) und alle die Kuppel des Pantheons zeigen.
Die Kunstgeschichte ist in Verlegenheit. Sie behauptet zum ersten, dass sich die Kunstgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart in Rom lückenlos darstellen lässt. Auf der anderen Seite muss sie zugeben, dass nach dem Altertum das Marsfeld wo das Pantheon steht erst im späten Mittelalter zum Zentrum der neuen Stadt wurde. Und der Kuppelbau steht dort mittendrin, fast flankiert von ebenso perfekt erhaltenen "antiken" Monumenten wie den Bildsäulen des Trajan und des Mark Aurel. Das Pantheon ist unter dieser Sicht mehr das Zentrum der neuen Altstadt von Rom, denn ein antikes Bauwerk.
Eine zeitliche Verortung des Kuppelbaus des Pantheons in das späte Mittelalter drängt sich auf. Diese ist nicht nur plausibel; sie macht es auch unnötig, die gute Erhaltung des Gewölbes mit Argumenten wie einer angeblichen Umwandlung des heidnischen Tempels in eine christliche Kirche in einer nichtexistenten frühmittelalterlichen Zeit stützen zu müssen.
Die offizielle Kunstgeschichte selber muss zugestehen, dass die architektonische Entwicklung Roms von derjenigen im nördlichen Europa abweicht: "Rom nimmt daran keinen Anteil, es bleibt wirtschaftlich und kulturell unproduktiv, es bleibt hinter der allgemeinen Entwicklung weit zurück". Weiter: "Die Kunstepochen der Romanik und Gotik ... streifen Rom ... nur von fern; die altehrwürdige Basilika spätantiker Herkunft behauptet das Feld, bis sie beinahe unvermittelt von der Renaissance abgelöst wird. Alles in allem: die fast tausendjährige Epoche des Mittelalters ist für Rom fast nur eine Zeit der Schrumpfung und Rückbildung" (Seidelmayer, 166 f.). Aber wenn man die verschiedenen Kulturepochen zeitlich zueinander rücken würde, müsste man nicht eine fiktive tausendjährige Verfallszeit und kulturelle Rückständigkeit in Rom postulieren.
Bauliche Querverweise
Das Pantheon ist nicht nur rätselhaft, sondern bewusst so konstruiert: Der kreisrunde Grundriss, die sphärische Raumstruktur und die Siebenzahl der Wandnischen deuten ausgeprägte astrologische, astronomische und kosmologische Vorstellungen an. Diese aber passen eher zum Spätmittelalter und zur Renaissance als zur klassischen Antike. Der Rückgriff auf die Ideengeschichte würde also ausreichen, um die nachantike Entstehung des Rundbaus zu begründen.
Die Apologeten einer "hadrianischen" Entstehung des Rundbaus haben zwar neben der Gewölbetechnik noch andere bauliche Argumente, die aber nicht beweiskräftig genug sind. So wird darauf hingewiesen, dass das Pantheon auf dem antiken Stadtniveau gebaut ist, das unterhalb des heutigen liegt. Doch ob "antik" oder "mittelalterlich", ist ein tieferes Fußbodenniveau bei einem alten Bau alleweil zu erklären.
Oder man verweist auf die Ziegelstempel am Pantheon, die alle aus hadrianischer Zeit stammen. Jedoch ist diese Materialkennzeichnung zur Datierung mehr als problematisch; sie begann in Rom in Julisch-Claudischer Zeit und läuft bald nach Hadrian wieder aus (MacDonald/Pinto, 8). Ziegelstempel sind also auf die klassische römische Kaiserzeit beschränkt und die Probleme der fingierten "römischen" Geschichte sind damit erst noch ausgeklammert.
Dem Rätsel des Pantheons lässt sich nur so näherkommen, indem man die baulichen Querverweise und Zitate genauer betrachtet.
Die dem Pantheon ähnlichen Gewölbe in Rom und bei Neapel wurden schon erwähnt. Angefügt werden soll für Rom die Engelsburg, also das im Oberbau ebenfalls kreisrunde "Hadrians"-Mausoleum.
Der interessanteste Vergleichsbau zum Pantheon aber ist das sogenannte Teatro Marittimo in der Hadriansvilla bei Tivoli (Abb. 1b). Diese kreisförmige Konstruktion ist "eine Architekturschöpfung, die gleichsam modellhaft eine philosophische Daseinsform repräsentiert" (Wachmeier, 137): ein ringförmig geschlossener Bezirk, ganz auf das Innere gerichtet und nur im Inneren strukturiert. Und besonders bemerkenswert: Der Außendurchmesser des Teatro Marittimo entspricht auf einen Fuß genau demjenigen des Pantheons in Rom! Beide Anlagen müssen also aus der selben Zeit stammen; und wenn sie nicht "hadrianisch" sind, so muss diese Chiffre doch irgendeine Berechtigung haben.
So wie das Pantheon rätselhaft ist, so zeigt der Teatro Marittimo eine "unendlich vielfältige, rätselhafte Struktur" mit einer "reichen sinnbildlichen und semiotischen Bedeutung" (Stierlin, 170; Übersetzung: CP). Man sieht, dass hier ähnliche Begriffe für die Charakterisierung des Teatro gebraucht werden, wie für den Kuppelbau in Rom. Überhaupt finden sich in verschiedenen Gebäuden der Hadriansvilla Zitate des Pantheon-Gewölbes: im Heliokaminus-Bad, in der sogenannten Akademie von Athen, im Brunnenhof, im Wasserhof, aber am deutlichsten in der Rotunde der Großen Thermen (Abb. 2a); letztere hat auch eine ähnliche kreisrunde Lichtöffnung wie in Rom.
Der Teatro Marittimo wirkt übrigens von der Forschung ausdrücklich festgestellt (Stierlin, 180 f.) - wie eine Realisierung des Aviariums von Terentius Varro, dem römischen Architekturtheoretiker. Aber Varro ist das Alter Ego des bekannten Renaissance-Architekten Leon Battista Alberti. Ist Alberti etwa der tatsächliche Architekt von "trajanischen" und "hadrianischen" Großbauten?
Überhaupt ist die ganze sogenannte Hadriansvilla als baulicher Rätselkomplex zu betrachten und legt mit seinem Eklektizismus der verschiedenen Bauten, den vielen kreisförmigen, halbkreisförmigen und kurvigen Grundrissen und den griechischen und ägyptischen Zitaten eine nichtantike Entstehungszeit nahe. Diese Baulandschaft erinnert sehr an die künstlerischen Vorlieben der Renaissance und ihre platonischen und neuplatonischen Ideen. Man hat den Eindruck, dass die Villa nie vollendet wurde, dass sie bewusst als Ruinenlandschaft angelegt wurde trotz der umfangreichen, auch unterirdischen, Infrastruktur.
Der erste, der die Hadriansvilla beschrieb, war übrigens 1461 der "Fälscherpapst" Pius II. Piccolomini mit seinem Sekretär Flavio Biondo.
Die Bauzitate zum Pantheon beschränken sich aber nicht nur auf die Umgebung von Rom und Neapel. Unbedingt muss in diesem Zusammenhang auf das sogenannte Herodion hingewiesen werden, eine merkwürdige, kreisrunde Festung auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, 15 km südlich von Jerusalem (MacDonald/Pinto, 87 f.; Abb. 3 oben). Die sonderbare, mehrstöckige Palastburg mit einem Durchmesser von ungefähr 70 Metern, mit drei halbrunden Türmen und einem sonderbar mittelalterlich anmutenden Rundturm, wirkt weder antik noch neuzeitlich und kann nur als übermeerischer Vergleichsbau zum römischen Pantheon richtig verstanden werden. Da ist es schon aus geographischer Hinsicht hochinteressant, dass sich dieses bauliche Zitat in Palästina findet. Es bestehen also deutliche Bezüge zum römisch-katholischen Universalkirchentum, das nach 1400 in Rom entstanden ist.
Das Herodion soll von Herodes dem Großen erbaut worden sein daher der Name. Aber die Forschung stört sich nicht daran, dass in dieser Festung auch eine "byzantinische Kapelle" und sogar eine "Synagoge" nachzuweisen sind.
Grundriss des Herodions in Israel (oben) und der Kirche Santo Stefano Rotondo in Rom (unten): Die Ähnlichkeit im Grundriss beider Bauten ist frappant, besonders wenn man die große geografische Distanz und die angeblich verschiedenen Entstehungszeiten bedenkt. (Oben: nach: William L. MacDonald/John A. Pinto, Hadrian's Villa and his legacy; New Haven-London 1993, S. 87. Unten: Wilhelm Koch, Baustilkunde; München 1991, S. 45)
Von Palästina kehren wir wieder nach Rom zurück. Hier gibt es die "frühchristliche" Kirche Santo Stefano Rotondo (Abb. 3 unten), die ebenfalls aus mehreren konzentrischen Kreisen aufgebaut ist und vier ähnliche halbrunde Ausbuchtungen an der Außenfassade hat wie das Herodion dazu noch mit einem ähnlichen Außendurchmesser. Welches Bauwerk hat hier welches beeinflusst?
Salomons Rundbauten und Kuppeln
Die richtige Verortung des Pantheons in Rom kann hier nur skizziert werden. Sie ist im Zusammenhang mit der erwähnten Entstehung des "konstantinischen", "frühchristlichen" und "katholischen" Christentums zu sehen, dessen Entstehung Kammeier richtig ins spätere Mittelalter setzt. Und örtlich ist ein Spannungsdreieck zwischen dem italischen Rom und Unteritalien, dem byzantinischen Rom (Konstantinopel und auch Ravenna) und dem himmlischen Rom (Jerusalem) zu bezeichnen. Die christliche Kirche grenzt sich mit Rundtempeln oder Rundkirchen von der heidnischen Vergangenheit ab. In Rom entstehen so der "Tempio di Romulo" auf dem Forum Romanum heute das Vestibül der Kirche SS Cosma e Damiano, die Kirchen Santo Stefano Rotondo und Santa Costanza. Und so gut wie in Rom das Pantheon entsteht, konkurriert Konstantinopel das italienische Bauwerk mit der Hagia Sophia. Und in Jerusalem, dem himmlischen Rom, wird die "konstantinische" Grabeskirche mit dem kreisrunden Zentralbau, der Anastasis, errichtet. Den letztgenannten drei Bauwerken sind Kuppeln gemeinsam, und alle spielen sie in versteckter Weise auf den Tempelbau des legendären Königs Salomon an.
Nicht von ungefähr erzählt die Sage, dass der oströmische Kaiser Justinian, als er den fertigen Bau der Hagia Sophia besucht habe, ausgerufen haben soll: "Salomon, ich habe dich übertroffen!" Wenn jener Bau also in eine salomonische Tradition gestellt wurde, so gilt das Gleiche auch vom Pantheon in Rom. Wen immer man als den König Salomon in Rom vermutet, das Pantheon muss als sein dortiger Tempelbau angesehen werden. Aber weit vor der geschichtlich fassbaren Zeit ab dem 15. Jahrhundert kann das nicht gewesen sein.
Literatur
Ammianus Marcellinus (1974): Das römische Weltreich vor dem Untergang. Sämtliche erhaltenen Bücher übersetzt von Robert Veh. Eingeleitet und erklärt von Gerhard Wirth; Zürich München
Dudley, Donald D. (1967): Urbs Roma. A source book of classical texts on the city & its monuments; Aberdeen
Gabowitsch, Eugen (2000): Betonbauten der Römer, Kelten und Aegypter; in: SYNESIS Nr. 37, 11 20
Gregorovius, Ferdinand (1903 1908): Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter. Vom V. bis zum XVI. Jahrhundert; Bd. 1 8; Stuttgart Berlin
Kammeier, Wilhelm (2000): Die Fälschung der deutschen Geschichte; Viöl
Kammeier, Wilhelm (1979): Die Wahrheit über die Geschichte des Spätmittelalters; Wobbenbüll
MacDonald, William L. (1976): The Pantheon. Design, meaning, and progeny; London
MacDonald, William L./Pinto, John A. (1995): Hadrian's Villa and ist legacy; New Haven London
Pfister, Christoph (1999): Zur langen Baugeschichte des Mittelalters. Kritik an der überlieferten Chronologie und Versuch einer Neubestimmung; in: Zeitensprünge, 1, 139 166
Seidlmayer, Michael (1989): Geschichte Italiens; Stuttgart
Stierlin, Henri (1996): The Roman Empire; vol. 1; Köln
Wachmeier, Günter (1975): Rom. Die antiken Denkmäler. Mit Villa Hadriana, Ostia antica und Praeneste; Zürich München
Wiesel, J.M. (1962): Visioni di Roma nelle stampe antiche dal XIV° als XIX° secolo; Firenze