(c) Harry Radegeis

Das heidnische Weltbild

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 1/2000)

Eine grundsätzliche Vorbemerkung zum eigentlichen Thema sei hier gestattet: Ein Germane wird gewöhnlich einem eher gebildeten und kritischen Gesprächspartner gegenüberstehen als einem offenen und unvoreingenommenen Beobachter. Dieser wird im Laufe seines Lebens schon mit mehreren Ideologien, Philosophien und Religionen Kontakt gehabt haben und als kluger Mensch früher oder später die innere Widersprüchlichkeit dieser Denksysteme bemerkt haben. Hinzu kommt, dass ein normaler Europäer von seinem Grundcharakter her zum Kritisch-Analytischen neigt. Daher sollte ein Germane sein Weltbild möglichst allgemeingültig zu formulieren suchen, gleich ob er einem materialistischen Dialektiker oder einem Zeugen Jehovas gegenübersteht.

Vieles im germanischen Denken ist so bekannt und verwurzelt, dass sich viele darüber gar keine Rechenschaft ablegen. Anderes ist uraltes, durch jahrhundertelange Kirchenverfolgung fast ausgestorbenes Wissen. Das Einzigartige und wirklich für Außenstehende Neue daran ist jedoch, dass sich selbst bei jahrelanger Forschung keine grundsätzlichen inneren Widersprüche oder Denkfehler feststellen lassen, wie sie fast allen anderen Weltbildern anhaften.

Fast, d.h. mit Ausnahme anderer, nichteuropäischer heidnischer Naturreligionen, die sich zwar grundsätzlich, aber nicht in allen Einzelheiten auf uns Europäer übertragen lassen.

„Naturreligion“ klingt primitiv, unreif, abergläubisch, zurückgeblieben. Naturwissenschaft dagegen: aufgeklärt, klug, weise, gebildet. Dabei ist der einzige wesentliche Unterschied derjenige, dass Naturwissenschaft sich mit dem Ausschnitt des für uns Erfassbaren beschäftigt, der z.Z. mit den von der Naturwissenschaft selbst aufgestellten und akzeptierten Mitteln beweisbar ist, die Naturreligion jedoch den gesamten Bereich menschlicher Empfindungen in den Zusammenhang mit kosmischen Abläufen bringt und nach Ursprung und vor allem nach dem Sinn allen Daseins sucht. Sie stellt sich durchaus nicht in Widerspruch zu den Naturwissenschaften, sondern versucht, über sie hinauszugehen.

Kein Heide würde von einem anderen verlangen, dass er einfach etwas glauben soll. Aber er wird immer erwarten dürfen, dass der andere offen genug ist, Fragen zu stellen, die er sonst nicht stellt oder meist nur heimlich für sich selbst, und meist unbeantwortet wieder zur Seite drängen muss. In der traditionellen europäischen Kultur gibt es keine gedanklichen Tabus, keine unberührbaren Dogmen.

Aber es gibt ein paar feste Grund­sätze (Prinzipien), die wir aus jahrtausendelangen Beobachtungen der Natur herausgefiltert haben und in folgende Sätze bringen können:

1)    Polarität allen Daseins. Das Einzelne in sich ist unfruchtbar und stirbt in der Natur aus. Die Pole männlich - weiblich, positiv - negativ, hell - dunkel, usw. sind die Urbestandteile der Welt, und die zwischen ihnen erzeugten Funken gebären alles weitere.

2)    Darauf folgt eine Tripolarität, denn die Natur kennt außer den beiden vorgenannten Bausteinen noch die neutralen Teile. Diese haben eine ausgleichende, aber keine zeugende, Funktion. Erst wenn das Neutrum sich zu einem neuen Pol entwickelt, entsteht neue Spannung und damit eine Fortzeugung auf höherer Ebene. (These - Antithese - Synthese).

3)    Hieraus folgt eine Gleichberechtigung der Pole, die sich natürlich auch im sozialen Verhalten der heidnischen Völker ausdrückt.

4)    Der Naturkreislauf. Die Natur erneuert sich aus sich selbst heraus. Jedes Sterben wird von Neugeburt begleitet. In diesem Kreislauf wiederholt sich alles immer wieder, vom grundsätzlichen Inhalt und der Form her. Wir wissen, dass Energie und Materie austauschbar sind. Wir wissen, dass nichts in der Natur „verschwindet“, sondern lediglich chemischen und physikalischen Umwandlungsprozessen unterworfen ist. Jede Substanz enthält ihren Ursprung, ihren geistigen Kern.

5)    Dieser geistige Kern, der sich ein „Gehäuse“ nach seinem Willen schafft, sich also den Aus­druck in der Form verleiht, die seinem augenblicklichen Entwicklungsprozess und damit seinem augenblicklichen Bewusstsein entsprechend ist, ist also wandelbar, aber nicht abschaffbar.

6)    Diese Substanz pflegt ihre Eigenart durch ihren Samen, ihre eigene Geschichte, die zugleich Programm neuer Taten ist. Jeder Entwicklungsprozess ist eine Augenblickserscheinung und auf seiner Ebene nicht wiederholbar. Es wäre also falsch, irgend etwas in der Natur als „fertig“ oder „endgültig“ zu betrachten. Es gibt nur höher und weniger hoch entwickeltes Bewusstsein. Dazu die Edda: „Niemand ist so gut, dass er an sich nichts zu verbessern hätte, und niemand ist so schlecht, dass er zu nichts nütze wäre“.

7)    Daraus folgt zwingend, dass auch das Leben nicht verschwindet, sondern sich lediglich in einer wiederkehrenden Polarität von Leben und Tod wandelt. Da nach der vierten Jahreszeit wieder die erste kommt, jedoch in einem neuen Jahr, d.h. neuen Entwick­lungsabschnitt, beginnt auch beim Menschen oder Tier nach einer Tot-Phase (Ruhephase) eine neue Lebens- (Schaffens-) -phase. Natürlich auch bei allen anderen Wesenheiten, denn nichts in der Natur ist seelenlos. Auch Steine oder Wasser haben eine „Seele“, wie auch vom Menschen Erschaffenes, z.B. ein Schiff, von dem jeder Seemann weiß, dass jedes seine eigene „Seele“ hat.

8)    Somit ist der Unterschied zwischen einem Tier, einem Menschen oder einer Gottheit kein prinzipieller, sondern lediglich ein gradueller, d.h. entwicklungsbedingter. Götter sind nicht allmächtig und nicht allweise, nur meist unverständlich, weiter fortgeschritten als der Mensch. Und über ihnen gibt es wieder höhere Gottheiten/Wesenheiten. So wie ein technisches Produkt, wie ein Auto, eine gemeinschaftliche Schöpfung von Mensch und Gottheit ist (der Gott schuf den Menschen aus sich heraus, zuerst eine Idee, dann eine fortwährende Entwicklung, ein „Selbstläufer“), so schuf der hiermit ausgestattete und beseelte Mensch nunmehr „sein“ Produkt, sei es Technik, Philosophie oder Kunst.

9)    Hieraus ergibt sich weiter, dass vor jeder sichtbaren Form eine geistige Idee vorangegangen sein muss. Erst der Wunsch als Vater des Gedankens, dann der Plan, dann die Ausführung. Es ist also nicht so wie bei den Materialisten, die sagen, „das Sein bestimme das Bewusstsein“ (dann wäre keinerlei Änderung denkbar), oder wie bei den reinen Idealisten („Das Bewusstsein bestimmt das Sein“, dies verleugnet eine Wirkung der Umgebung auf das Wesen, die zweifellos stattfindet), sondern wir erkennen als Motor der Evolution eben diese Wechselwirkung aus den beiden Prinzipien.

10)  Entwicklung heißt Fortgang, d.h. etwas „Eingewickeltes wird entwickelt, ausgewickelt“. Dies meint, dass in der Natur ungeheure Möglichkeiten von ihrer in Ideen angelegten Substanz enthalten sind, die nach und nach „ent-deckt“ werden müssen, um ihnen auf die Spur zu kommen.

Hierin ist offensichtlich ein Plan zu einer größer werdenden Vielfalt angelegt, die sich in zunehmend mehr verschiedenen Wesenheiten ausdrückt.

11)  Jedes Wesen hat außer Verschiedenheiten aber auch auffallende Gemeinsamkeiten. So sieht für einen Menschen jedes Pferd auf den ersten Blick gleich aus, zumindest in seiner Körperform. Erst nach genauerem Hinsehen werden Details wie Farbe, Beinlänge, Brustweite, Kopfform, Ausdauer, Schnelligkeit und schließlich Charaktereigenschaften bemerkt.

Die gleichen Gesetze gelten natürlich auch bei anderen Tierarten und bei Menschenarten. Es gibt also eine Gruppeneigenart und eine Einzeleigenart. Dies selbstverständlich nicht abrupt, sondern säuberlich abgestuft, wie alles in der Natur: Gattung - Art (Rasse) - Volk - Stamm - Sippe - Familie - Einzelwesen. Das Zusammenwirken aller Beteiligten in bestimmten, allen gemeinsamen Eigenschaften und Zielen entsprechenden Weise über viele Generationen lassen den besonderen Charakter und darin Einzelaufgaben in den verschiedenen o.g. Stufen erkennen.

12)  Hierin kommt eine Analogie zum Ausdruck, die zeigt, dass sich die wesentlichen Inhalte prinzipiell entsprechen. Ob eine heutige Hausfrau im Supermarkt einkauft oder eine Jagdgemeinschaft auf Beute ausgeht, hat lediglich einen unterschiedlichen Ausdruck. Das gemeinsame Motiv ist der Wunsch nach Sättigung. Die Feinabstimmung ist dann das Zusammenwirken verschiedener Eigenschaften, die gerade für den jeweiligen Zweck angemessen sind. Um bei diesem Beispiel zu bleiben, es wird allgemein als ebenso unangemessen empfunden, heute mit Hilfe eines Jagdspeers einkaufen zu gehen wie umgekehrt mit einer dicken Brieftasche das Wild zu bestechen, um es in den Kochtopf zu locken.

Diese Analogie lässt sich nach oben und unten beliebig ausweiten. Ein Atom funktioniert - zumindest im Modell - nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie ein Sonnensystem. Es ist lediglich eine Frage des angemessenen Maßes, was sich im Wort „Gesetzmäßigkeit“ ausdrückt. Das einmal Gesetzte wiederholt sich auf verschiedenen Ebenen.

13)  Das gilt natürlich auch für die Zeit. Wie wir an den Jahreszeiten sehen, wiederholen sie sich, obwohl jeder Augenblick an sich neu ist. Auch die Zeitabläufe unterliegen den Entwicklungsgesetzen. Wir alle wissen, dass „die Zeit für etwas reif ist“, dass es „an der Zeit ist, etwas Bestimmtes zu tun“, dass es einen „Zeitgeist“ gibt usw. Trifft die Zeitqualität auf einen bestimmten Charakter, so reagieren diese miteinander in einigermaßen vorausberechenbarer Weise (Ausnahmen bestätigen die Regel) und lösen damit ein Ereignis aus.

14)  Seit alters her messen alle Kulturvölker die Zeit. Kalenderanlagen sind aus verschiedenen Perioden bei den unterschiedlichsten Völkern gefunden worden. Hieraus entstand nach und nach durch Beobachtung der Gestirnestellungen und gleichzeitiger Beobachtung irdischer und menschlicher Vorgänge die älteste Wissenschaft der Welt: Die Astrologie. Von dieser stammen alle modernen Wissenschaften ab.

Die Astrologie misst nicht nur Einzelereignisse und menschliche Charaktere anhand einer riesigen kosmischen Uhr, sondern erkennt auch die Qualität ganzer Zeitalter.

Jedes Mal, wenn sich der Frühlingspunkt um ein Tierkreiszeichen verschiebt, was im Mittel alle 2160 Jahre geschieht, beginnt ein neues Äon, ein Zeitalter, das völlig andere Grundeigenschaften aufweist als das Vorangegangene. Es war den alten Völkern bekannt, wie ihre Sagenwelt, wie die Edda beweist, dass eine für sie dunkle Zeit kommen würde, die alles alte Wiesen auf den Kopf stellen würde und die in ungeheure Grausamkeiten münden würde. Dieses „Fischezeitalter“ der klassischen Astrologie wird in unserer Überlieferung „Njörd/Eir-Zeitalter“ genannt, nach dem Götterpaar, das dem Meere zugeordnet ist und damit dem Kontakt mit fremden Völkern, die auf diese Weise Einfluss und Macht gewinnen würden. Die ersten Christen lebten unter dem Zeichen der Fische, erst später kam das (Kirchen-) Kreuz auf, in welchem die Senkrechte durch ihre Verlängerung die Frau (Waagerechte) in seiner Symbolik geradezu durchbohrt. Nicht, wie im altgermanischen Radkreuz, das die Jahreszeiten symbolisiert, oder wie im Pluskreuz, was Mehrung durch gleichberechtigte Senkrechte (Mann) und Waagerechte (Frau) andeutet. Jeder Geschichtsgebildete weiß um die millionenfache Ketzer- und vor allem Hexenverfolgung durch die Kirche.

In den kirchlichen Lehren wird immer wieder vom „Endgericht“, von der „Endzeit“, von der „Apokalypse“ gesprochen. Sie wussten also von vornherein, dass die Zeitspanne ihrer Macht begrenzt sein würde. Die etwa zweitausend Jahre Christenterror entsprechen der überlieferten Götterdämmerung Ragnarök.

Seit etwa 1950 hat rechnerisch der Übergang in das Wassermann/Heimdall-Zeitalter begonnen, die Wiedergeburt der alten, volkseigenen Religionen. Tatsächlich bemerken wir eine stärker werdende Naturbegeisterung und zunehmendes Interesse für Naturreligionen, eine endgültige Absage an das biblische Raubbau-Prinzip „Macht euch die Erde untertan!“. Und die Kirchen werden spürbar leerer, unbedeutender.

15)  Auch diese Ablösungen sind nicht zufällig. Es gibt keine Zufälle, sondern bestenfalls noch nicht erkannte Gesetzmäßigkeiten. Sie sind Teil des Weltenschicksals und damit Teil unseres persönlichen Schicksals. Nun denkt sich in der Vorstellung des europäischen Heidentums nicht irgendeine unerreichbare Gottheit unser „Kismet“ aus. Wir verursachen es selbst.

Wir sollen möglichst viel über die Naturabläufe lernen und werden daher dauernd vor neue Situationen gestellt, um sie zu bewältigen und daraus zu lernen. Wir müssen natürlich auch Kontakt zu dem uns Schädlichen bekommen, weil wir es sonst nicht erkennen können und damit keine Schutzmaßnahmen für uns entwickeln können („Auslese der Besten“).

Wie weit wir vom Schicksal abhängig werden, wie weit wir nach oben oder unten geführt werden, hängt lediglich von unserem Begriffsvermögen ab. Ein tastender Versuch an der heißen Herdplatte kann den gleichen Lerneffekt haben wie das volle Draufsetzen, wenn man rechtzeitig kapiert, was los ist. Wer dann nicht fühlen, riechen und denken kann, muss eben auch noch erheblichen Schmerz erfahren.

Wir haben ein dynamisch-kausales Denkmodell als Grundlage unseres Schicksals. Keine Wirkung ohne Ursache! Das sollte jeder beherzigen. Wenn Unerklärliches im Guten wie im Schlechten über uns kommt: wir selbst haben die Ursache dazu gesetzt. Ob in diesem oder einem früheren Leben, das ist lediglich eine Frage des Ineinanderpassens von Ereignis und Zeit.

Damit ist auch die alte Astrologenfrage weitgehend beantwortet: Wie weit sind wir selbstverantwortlich, wie weit sind wir vorbestimmt?

Die Antwort: Je mehr wir über die Zusammenhänge von Natur und Mensch, von uns selbst und unserer Umgebung wissen und die erkannten Gesetze beachten, desto weniger abhängig sind wir von unbekannten Ereignissen. Von der Natur wird uns nicht mehr als nötig zugemutet. Aber auch nicht weniger.

Daher kann jeder Naturmensch stolz und frei zu seinen begabteren Verwandten, den Göttern, aufblicken, die in ihren verschiedenen Aufgabenbereichen für den Menschen wie Vorgesetzte erreichbar sind. Wir sind demütig aus Stolz, diesem erhabenen Natursystem angehören zu dürfen und im Rahmen unserer Möglichkeiten mitentscheiden und mitwirken zu können, und nicht demütig aus Kriechertum und Ohnmacht, wie man es uns zwei Jahrtausende aufgezwungen hat. Diese Zeit neigt sich ihrem Ende zu, langsam, wie meist in der Natur, damit auch für den Letzten genug Lernzeit bleibt. Zweitausend Jahre waren Zeit zu begreifen, dass fremde Religionen nicht unser Heil sein können.

Wer es nun noch nicht versteht, wird Schwierigkeiten bekommen. Die Natur ist hart, aber sie tut nichts grundlos.

So können lange geknechtete Menschen aufatmen und endlich wieder sie selbst sein. Lange genug hat man es ihnen vorenthalten!


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