(c) Thomas Ritter & Christiane Müller
Im Lande der Katharer
(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 1/2000)
„So oft ich in der Bibel lese, finde ich dort eine ganz andere Religion, als wir sie heute haben.”
(Bischof Johannes VI. von Meißen)
Es war einmal... So beginnen alle Märchen und so beginnen auch viele Geschichten. Es war einmal... So beginnt manchmal auch Geschichte.
Also es war einmal ein wunderschönes Land am Fuße des Pyrenäengebirges, das Okzitanien genannt wurde. Hier entwickelte sich im Mittelalter eine Gesellschaft, gegründet auf phönizische und phokäische Überlieferungen, gewachsen in der Tradition keltisch-iberischer Theogonie und bereichert durch gnostisch-manichäische Einflüsse, die von der katholischen Kirche als ketzerisch erklärt, gnadenlos bekämpft und schließlich nahezu ausgerottet wurde - die Gemeinschaft der Katharer.

Die Citè - das alte Carcassonne
Ihre Lehre war dualistisch, ihre Weltsicht von tiefem Pessimismus geprägt, ihr Glaube hingegen voller Hoffnung. Die Erde stellte für sie eine Schöpfung des urbösen Demiurgen - des „Nach-Bildners” dar, der im Alten Testament unter dem Namen Jahwe agiert. Die Ewigkeit hingegen war die Wiedererlangung der reinen Existenz in einer Welt „jenseits der Sterne”, einer Welt des Geistes, geschaffen vom wahren Gott des Lichtes und der Liebe. Die Menschen begriffen sie als gefallene Engel, „Multiplikationen des Urverführers Luzifer”, ihr Leben auf dieser Erde als bloßen Zwischenzustand, erfüllt von Leiden, um der Buße und Läuterung willen. Jesus von Nazareth war für sie nicht die irdische Inkarnation Gottes, sondern ein Bote des Lichtreiches - daher sein Kreuzestod, eine Passion des Scheinleibes, aber keine Menschheitserlösung.
Über die Lehren der Katharer ist im Lauf der Jahrhunderte oft und heftig gestritten worden. Wer sie wirklich waren, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, denn mit den „Reinen” (vom griechischen „katharos”) oder Guten Menschen, wie sie sich selbst nannten, starb auch ihre reiche Literatur auf den Scheiterhaufen. So ist es nicht verwunderlich, dass Voltaire in ihnen eine Variante der Waldenser erblickte, später erachtete man sie für Frühsozialisten oder gar Kommunisten. Autoren neuerer Werke sehen in ihnen Bogumilen, Anhänger einer bereits im 10. Jahrhundert in Bulgarien entstandenen Sekte. Dieser Streit ist jedoch eher akademischer Natur - was die Katharer für immer im Gedächtnis eines jeden human empfindenden Menschen erhalten wird, ist das Schicksal, das ihnen die katholische Kirche bereitete.
Die Katharer waren in ganz Europa verbreitet - Chronisten belegen sie mit zahlreichen Namen: Patarener, Publikaner, Manichäer, Albigenser, Arianer etc. - in Deutschland wurden 1143 zu Köln die ersten bekennenden Katharer dem Scheiterhaufen überantwortet.
Die eigentliche Heimat der Katharer aber war das heutige Südfrankreich - die Corbieren, das Minervois, Okzitanien - das „Ketzerland”. Die katholische Kirche war in jener Region der Verachtung anheim gefallen und in der Tat stark gefährdet. Doch sämtliche Ursachen für dieses Desaster hatte sich der Klerus aufgrund seines Lebenswandels selbst zuzuschreiben. In altbewährter Manier jedoch versuchten die Geistlichen, den Katharern dafür die Schuld zuzuschieben und die Lehren der Reinen als Götzendienst und Teufelsanbetung zu verunglimpfen.
Da solcherart von den Kanzeln aus geführte Verleumdungsfeldzüge nicht die gewünschten Wirkungen zeitigten, griff man auf Seiten der Catholica zu anderen Mitteln. Im Jahr 1163 verhängte das Konzil von Tours zunächst eine völlige Wirtschaftsblockade gegen Okzitanien, während das III. Laterankonzil dann den offenen Krieg gegen die Ketzer beschloss. So überfiel im Jahr 1181 ein „Kreuzheer” unter Führung des Abtes Heinrich von Clairveaux die Grafschaft Toulouse, um nunmehr mit Feuer und Schwert die Ketzer zum „einzig wahren Glauben” zu bekehren. Die Katharer aber übten eine besondere Art des passiven Widerstands. Sie unterwarfen sich scheinbar, um nach dem Abzug der Kreuzfahrer erneut zu ihrem friedlichen Glauben zurückzukehren. Nichts lag ihnen ferner, als die Waffen zu ergreifen und die kreuztragenden Banditen gewaltsam aus ihrem Lande zu werfen. Der erste Kreuzzug gegen Okzitanien geriet der Catholica zum Pyrrhussieg. So verwundert es auch nicht, dass 1184 Papst Lucius III. den Bannfluch wider alle Häretiker schleuderte.
Elf Jahre später gelangte in Toulouse Raimund VI. zur Herrschaft, ein mächtiger und fast unabhängiger Vasall der französischen Krone, unter dessen toleranter Herrschaft den Katharern nochmals eine friedvolle Zeit beschieden war. Seine Exkommunikation durch Papst Cölestin nahm er gelassen hin. Die Kurie vergaß und verzieh ihm dies nie...
In Papst Innocenz III., der am 22.02.1198 den Apostolischen Stuhl bestieg, erwuchs den Katharern ein unversöhnlicher Gegner. Sein Legat Rainier und nach ihm die Zisterzienser Peter von Castelnau und Radulf versuchten - allerdings mit nur geringem Erfolg - den Herren von Toulouse das Versprechen abzupressen, die Katharer aus der Stadt zu treiben. Als dies misslang, stellte ihnen der Papst einen weiteren Mann zur Seite: Arnold Amalrich von Citeaux, dessen Vollmachten eindeutig waren: „...gewähren wir Euch uneingeschränkte Vollmacht, zu zerstören, zu vertilgen und auszureißen, was Ihr als zerstörens-, vertilgens- und ausreißenswert erkennt...”
Da jedoch der Grund für einen offenen Angriff fehlte, mussten sich die Legaten notgedrungen mit der Waffe des Wortes begnügen, was unter den solcherart Attackierten aber keinerlei nennenswerte Wirkung zeigte.

Ruinen der Katharerburg von Coustaussa
Die Situation veränderte sich dramatisch, als im Jahr 1208 der Legat Peter von Castelnau auf einer seiner Reisen durch Okzitanien von einem Unbekannten getötet wurde. Für den Vatikan war der Fall klar - niemand anderes als die Katharer konnten diesen Anschlag geplant und ausgeführt haben.
Im Auftrag des Papstes ließ Abt Amalrich von Citeaux seine Zisterzienser den Kreuzzug wider die Ketzer predigen und brachte mit derartiger Propaganda den Abschaum Europas unter seine Fahnen. Im Juni 1209 versammelte sich ein raubgieriges „Kreuzheer” vor den Toren der Stadt Lyon, darunter solche erlesenen Zeitgenossen wie die „Ribautz” und die „Truands” - die „Hurenböcke” und „Leichenfledderer”.
Die Stadt Beziers, gewarnt von ihrem jugendlichen Vicomte Ramon Roger de Trenceval, war das erste Ziel der Kreuzfahrer. Sie forderten die Auslieferung sämtlicher Ketzer, die sich innerhalb der Stadtmauern aufhielten. Die Bürger Beziers wiesen dieses Ansinnen empört zurück „Sie wollten lieber als Ketzer sterben, denn als Christen leben.” Und so starben sie - als die Stadt erobert wurde, begann „...ein Morden, wie es seit der Sarazenenzeit wohl niemals so wild beschlossen worden ist und ausgeführt...”
Als ein Feldhauptmann Abt Arnold von Citeaux fragte, wie man denn Katholiken und Katharer unterscheiden solle, da antwortete der „Gottesstreiter” lakonisch:
„Erschlagt sie alle! Gott wird die Seinen schon erkennen.”
Und so geschah es.
So begann jenes finstere Kapitel des Mittelalters, das unter dem unzutreffenden Namen „Albigenserkriege” in die Geschichte eingehen sollte. Und so ging es weiter - zwanzig Jahre lang. Überall verbrannten die Reinen, die Guten Menschen auf den Scheiterhaufen, da sie „lieber sterben, denn als Christen leben wollten.”
Ihre mitleidlosen Henker waren Arnold von Citeaux und Simon de Montfort, von dem es hieß: „Alle Ketzer, deren er habhaft werden konnte, ließ er eines grausamen Todes sterben...”
Erst der „Friede von Paris” brachte im Jahr 1229 vorläufige Ruhe für das gepeinigte Land. Nach langem Zögern hatte sich der französische König schließlich doch in die Kampfhandlungen eingeschaltet und den Krieg zu seinen Gunsten entschieden. Okzitanien büßte seine Unabhängigkeit für immer ein - seine Kultur war zerstört, die Wirtschaft lag am Boden, viele Bewohner waren tot oder geflohen.
Dennoch - die Lehre der Katharer lebte fort. Noch existierte jener Ort, an dem die Reinen den Parakleten behüteten, den Tröster, den sie auch die „Manisola” nannten. In den Pyrenäen ragt ein 1200 m hoher, schroffer, kahler Berg auf - eine Felspyramide, so wuchtig und wild, so abweisend und unzugänglich, dass sie ihresgleichen sucht auf der Welt. Auf dem Gipfel, in den reinen, klaren Himmel Okzitaniens hinein, erheben sich die Mauern einer gewaltigen Burg - des Montsegur.
Nach den verheerenden Mord- und Raubzügen der allerchristlichsten Kreuzheere, nach mehr als dreißig Jahren Scheiterhaufen, Blut, Feuer und Tod, als Okzitanien nur noch eine verödete, zerstörte und fast menschenleere Gegend war, da ragte der Montsegur noch immer unbezwungen über Chaos und Leid empor. Hierher flüchteten sich Ritter, Troubadoure, Bürger, Bauern - alle die dem katharischen Glauben anhingen oder ihm nahe standen. Auf dem Montsegur versammelte sich auch die überlebende katharische Elite - „Perfecti” genannt - unter ihrem greisen Führer Bertrand d’En Marti. Hier fanden sie Zuflucht - so nahe den Sternen, nach denen sie sich sehnten und so ferne den Menschen, von denen sie doch nur Verfolgung und Tod zu erwarten hatten.
„Gott ist reiner Geist und Liebe,” so pflegten die Katharer zu lehren, „diese Erde ist die Hölle.”
Und von dieser Hölle sollten auch sie verschlungen werden.

Puivert - Überreste der bekannten Burg der Troubadoure
Im Jahr 1243 begann ein Kreuzfahrerheer, aufgeboten von Pierre Amiel, dem Erzbischof von Narbonne, mit der Belagerung der Festung. Anlass für diesen Kreuzzug war der Tod von 2 katholischen Inquisitoren und ihrem Gefolge, die so furchtbar unter der Bevölkerung gewütet hatten, dass die Menschen keinen anderen Ausweg mehr sahen, als sich ihrer Peiniger gewaltsam zu entledigen. In der Stadt Aviognet wurden die Inquisitoren durch Soldaten aus der Festung Montsegur, die von den Bewohnern zu Hilfe gerufen worden waren, hingerichtet. Daraufhin befahl das Konzil von Beziers die Zerstörung der Burg. Im Mai 1243 schloss eine 6000 Mann starke Truppe unter dem Oberbefehl des Seneschalls von Carcassonne, Piere de Arcis, den Belagerungsring um die Festung. Auf dem Montsegur befanden sich zu dieser Zeit ca. 350 Katharer und eine unter dem Kommando von Pierre-Roger de Mirepoix stehende Garnision mit einer Stärke von 150 Mann.
Mehr als ein Jahr hielt die Festung den Belagerern stand, und oft hatten die Kreuzfahrer große Mühe, die Belagerung des windgepeitschten Berges überhaupt aufrecht zu erhalten. Obwohl Montsegur vollständig von den Gegnern eingeschlossen war, funktionierten der Nachschub an Proviant, Ausrüstung, Waffen und Munition sowie ein ausgezeichnetes Nachrichtensystem in dem unübersichtlichen Gelände - vermutlich durch eine riesige, natürliche Höhlenanlage unter der Festung, deren Eingänge heute jedoch verschüttet sind.
Eine Zeit lang schien die Lage der Eingeschlossenen doch nicht so hoffnungslos, zumal sich hartnäckig das Gerücht hielt, der deutsche Kaiser Friedrich II. werde Montsegur mit dem Reichsheer zu Hilfe eilen. Der gekrönte deutsche Pragmatiker hatte jedoch anderes im Sinn, als ein paar hundert Häretiker vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Seine Hilfe wäre ohnehin zu spät gekommen, denn zu Winterbeginn hatte Pierre de Arcis Söldner aus der Gascogne angeworben, die den Kampf am Berg gewohnt waren. Den Montagnards gelang es, den Gipfel des Montsegur zu erklimmen und sich nach blutigem Kampf des Roc de la Tour genannten Vorwerkes zu bemächtigen. Dort wurde unter Leitung des Bischofs Durand von Albi eine Wurfmaschine installiert, welche in der Lage war, die Hauptburg des Montsegur mit schweren Steingeschossen einzudecken. Die Angriffe dieses „Trebuchet” genannten Belagerungsgerätes beantworteten die Verteidiger des Montsegur mit einem Katapult, das der Kriegsingenieur Bertrand de la Baccaria de Capdenac konstruiert hatte. Noch drei Monate dauerten die Duelle der Wurfmaschinen. Im März 1244 zeichnete sich ab, dass die militärische Situation der Katharer auf dem Montsegur hoffnungslos war. Daher entschlossen sich die Kastellane des Montsegur, Pierre Roger de Mirepoix und Ramon de Perellha, zu Verhandlungen mit den Belagerern. Im Ergebnis wurde den Verteidigern des Montsegur im Austausch gegen Geiseln ein 15-tägiger Waffenstillstand gewährt. Ferner durften die Soldaten der Festungsgarnison mitsamt Fahnen, Waffen und ihrer nicht unbeträchtlichen Kriegskasse die Burg nach der Übergabe als freie Männer verlassen. Auch sollten alle Katharer, die bereit waren, ihrem Glauben abzuschwören, freigelassen werden. Andernfalls aber erwartete sie der Scheiterhaufen. Einige Soldaten ließen sich während der Waffenruhe von dem greisen Ketzerführer Bertrand d’En Marti in die Gemeinschaft der Katharer aufnehmen, obwohl sie wussten, welches Schicksal sie mit diesem Entschluss gewählt hatten..
Am 16. März 1244 übernahmen die bischöflichen Belagerer die stark zerstörte Festung, während Pierre Roger de Mirepoix mit seiner Garnision abrückte. Die Schlacht um den Montsegur hatte der Festungskommandant zwar verloren, doch er dachte nicht daran, den Widerstand aufzugeben. Bis zu seinem Ende befehligte er den Kampf der letzten freien Fürsten Okzitaniens von der Burg Montgaillard aus.
Die Katharer verließen den Montsegur unter Führung ihres geistlichen Oberhauptes Bertrand d’En Marti. Der Erzbischof von Narbonne forderte sie auf, ihrem „Irrglauben” abzuschwören. Doch die Gefangenen blieben fest - nicht ein einziger verspürte den Wunsch, im Zeichen des Kreuzes „gerettet” zu werden. So erlitten sie das Schicksal, welches die Kurie zu jener Zeit und auch noch danach allen bereitete, die es wagten, die Dogmen dieser Institution in Frage zu stellen - sie wurden verbrannt.

Montsegur - die wohl berühmteste Festung der Katharer
Zweihundertfünf - andere Quellen nennen zweihundertfünfundzwanzig - Frauen und Männer starben an einem Ort, dessen Name auch heute noch die Erinnerung an jenes furchtbare Geschehen wach hält, Camp de Cremat, das Feld der Verbrannten, der Scheiterhaufenacker. Unter den Ermordeten waren Esclarmonde de Perellha, die Tochter des Kastellans und auch seine Frau, Corba de Perellha.
Doch das Symbol des lichten Parakleten überdauerte ihr Ende. Es war vor den Feinden rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Aus den Berichten der Inquisitoren geht hervor, dass sich in der Nacht vor dem Fall des Montsegur vier Katharer vom Gipfel aus in Richtung Lassetschlucht abseilten, um den „Ketzerschatz” in Sicherheit zu bringen. Drei der „Perfecti” kennen wir sogar mit Namen: Amiel-Alicart, Hugo und Potevin sowie einen vierten, dessen Name jedoch unbekannt ist. Sie brachten einen Gegenstand, den die Inquisitoren als „ad pecuniam infinitam” („von nicht mit Geld aufzuwiegendem Wert”) bezeichneten, zur verborgenen Festung von Usson im Tal der Aude. Dort verliert sich ihre Spur.

Gedenkstein für die am 16. März 1244 ermordeten Katharer am Fuß des Montsegur
Wie könnte dieser „Schatz” beschaffen gewesen sein, für dessen Rettung die Katharer solch ein Risiko eingingen? Vielleicht ist die Antwort einfach. Ein Schatz verbirgt oft einen zweiten. Hinter materiellen Kostbarkeiten versteckt sich möglicherweise ein spiritueller Schatz. Es mögen Manuskripte von höchster religiöser und spiritueller Bedeutung gewesen sein. Vielleicht war es auch die Verkörperung dessen, was für die Katharer von größter Wichtigkeit und das Wertvollste überhaupt für sie war auf dieser Welt, etwas, das unter keinen Umständen den Feinden in die Hände fallen durfte - es war der Paraklet, der Tröster, die Manisola oder der heilige Gral.
Mit dem Fall des Montsegur hatten die Katharer ihr geistiges Zentrum verloren und die okzitanische Kultur ihren Todesstoß erhalten. Den Reinen blieben die Höhlenfestungen von Ornolac und Bouan, die Pyrenäenwälder und die Burg von Queribus. Die Garnision des Wolkenschlosses verteidigte sich unter ihrem Kommandanten, dem überzeugten Katharer Chabaret de Barbeira, noch bis 1256.
Dieser aussichtslose Kampf der Katharer und der letzten freien okzitanischen Ritter dauerte noch mehr als achtzig Jahre - im Jahre 1324 starben die letzten bekennenden Katharer auf dem Scheiterhaufen.
Ihre Verfolger versuchten vergeblich, ihnen das Geheimnis des Parakleten zu entreißen. Doch sie erfuhren nie, wo jener Gegenstand verborgen war, den die vier Perfecti in jener Märznacht des Jahres 1244 vor den Häschern der Inquisition gerettet hatten. Die Reinen nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab.
Vielleicht aber war es zu jener Zeit auch schon niemandem mehr möglich, in den Besitz des Parakleten zu gelangen, denn einer Sage der Pyrenäen zufolge entfernt sich der Gral um so weiter von der Menschheit, desto unwürdiger sie seiner wird. Doch diese Legende berichtet auch von Belibaste, einem der letzten Katharer und Troubadoure, der auf seinem Weg zum Scheiterhaufen gesagt haben soll:
„Al cap des set cens ans verdegeo le laurel”,
was zu deutsch bedeutet:
„Am Kap der siebenhundert Jahre wird der Lorbeer wieder ergrünen.”
Dieser Satz von hohem Symbolwert wird oft so gedeutet, dass, dem Glauben der Katharer nach die Seele alle siebenhundert Jahre auf der Erde wiedergeboren wird, in neuem Gewand und neuer menschlicher Hülle, um so den Zyklus der Reinkarnationen von Prüfung zu Prüfung fortzusetzen, der die Seele schließlich zu ihrer wahren Heimat in einer Welt des reinen Geistes, des Lichtes und der Liebe führt.
LUX LUCET IN TENEBRIS
UND DAS LICHT LEUCHTET IN DER FINSTERNIS