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Thomas Ritter
(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 2/2000)
Die meisten Kulturen der
frühgeschichtlichen Zeit hatten durch den noch unentwickelten Verkehr zwischen
den oft sehr weit auseinander liegenden Siedlungsgebieten einen zu geringen
Kontakt miteinander, um ihr geografisches Weltbild entscheidend erweitern zu
können.
Eine Ausnahme hiervon bildeten allerdings die Phönizier. Sie waren im 2. Jahrtausend v. Chr. durch den Migrationsdruck anderer Völker auf den schmalen Streifen zwischen Libanongebirge und Meer im heutigen Palästina gedrängt worden. Hier gab es keine ausgedehnten Ebenen, die sich für extensiven Ackerbau oder Viehzucht geeignet hätten. So entwickelten die Phönizier eine rationelle Landwirtschaft, dafür aber ein um so bedeutenderes Handwerk. Das Meer wurde diesem Volk der Fischer und Seefahrer zur zweiten Heimat. Sie vervollkommneten im Laufe mehrerer Generationen ihre Schiffbautechnik derart, dass bald das gesamte Mittelmeer zu ihrem Einflussbereich gehörte. Dabei entdeckten die Phönizier so manche Küste, die den anderen Völkern des Altertums noch unbekannt war.
Sicher ist, dass einige
phönizische Seefahrer bereits im 12. Jh. v. Chr. die Straße von Gibraltar
passierten und in Gades (Cadiz) eine eigene Handelsniederlassung errichteten.
Um 800 v. Chr. dann erreichten phönizische Segler Madeira und die
Kanarischen Inseln. Die Phönizier kontrollierten so den gesamten Überseehandel
der Antike. Sie hatten Verbindungen zu allen drei Erdteilen, die in der Alten
Welt bekannt waren, und besaßen geografische Kenntnisse, die erst 2.300 später,
im Zeitalter der großen Entdeckungen, wieder erreicht wurden. Für diesen
Umstand gab es jedoch besondere Gründe. Die Berichte der phönizischen Kapitäne
über neu entdeckte Küsten, ihre Bewohner und die Handelsmöglichkeiten dort
wurden in den geheimen Archiven der Handelsherren von Sidon und Tyros
aufbewahrt und gingen so der Nachwelt verloren. Die Phönizier betrachteten den
Seehandel als ihr alleiniges Monopol. Daher wurden ihre Kenntnisse buchstäblich
mit Gold aufgewogen.
Es lohnt sich, einmal darüber
nachzudenken, wie die Geschichte der geografischen Entdeckungen wohl verlaufen
wäre, wenn die großen Denker der Antike, von Homer bis Ptolemäus, die
umfangreichen Kenntnisse dieses Seefahrervolkes hätten nutzen können. Wie viele
Fehlinterpretationen und falsche Schlüsse wären ihnen erspart geblieben, wenn
die Phönizier ihre Entdeckungen nicht allein aus dem engen Blickwinkel des
Geschäftsinteresses betrachtet hätten.
Manchmal jedoch schlossen sich
die Phönizier bei ihren Unternehmungen mit anderen Völkern zusammen. Dann
konnte es vorkommen, dass in den Schleier ihrer Geheimhaltung Löcher gerissen
wurden, die uns heute gestatten, ein wenig mehr von den damaligen Geschehnissen
zu erfahren.
Denn mit Sicherheit hat der
phönizische König Hiram nicht gedacht, dass die per Staatsvertrag mit seinem
Nachbarn, dem König von Judäa, getroffene Vereinbarung für eine geheime Fahrt
der Nachwelt ganz offen überliefert würde. In der Bibel steht unter 1. Könige
9:
„Und Salomo machte auch Schiffe
zu Ezeon Geber, das bei Eloth liegt am Ufer des Schilfmeeres im Lande der
Edomiter. Und Hiram sandte seine Knechte im Schiff, die gute Schiffsleute und
auf dem Meer erfahren waren, mit den Knechten Salomos. Und sie kamen gen Ophir
und holten daselbst 420 Kikkar (Zentner) Gold und brachten es dem König Salomo
... dazu die Schiffe Hirams, die Gold aus Ophir führten, brachten sehr viel
Ebenholz und Edelgestein ... denn das Meerschiff des Königs, das auf dem Meer
mit dem Schiff Hirams fuhr, kam in drei Jahren einmal und brachte Gold, Silber,
Elfenbein, Affen und Pfauen.”
So kam der König der Juden in
den Besitz von 420 Zentner Gold. Die Phönizier werden keinen geringeren Anteil
erhalten haben, sofern diese Zahlenangaben wahrheitsgetreu sind. Hiram muss ein
kluger Herrscher gewesen sein. Offenbar ahnte oder wusste er sogar, dass der
Vorschlag König Salomos ein gutes Geschäft versprach. Daher setzte er sich über
alle Sitten seines Volkes hinweg und schickte Salomo seine erfahrenen Seeleute.
Woher aber hatte Salomo, der
sich mit der Seefahrt nun aber wahrhaftig nicht auskannte, die Kenntnis von
einem Land, das nur auf dem Wasserweg erreichbar war? Dies lässt sich relativ
leicht erklären.
Der Überlieferung zufolge
heiratete König Salomo, nachdem er im Jahr 969 v. Chr. die Regentschaft
von seinem sterbenden Vater David übernommen hatte, eine Tochter de Pharao
Psussenes II. Der Legende nach errichtete Salomo seiner Frau ein so prächtiges
Haus aus wertvollem Gestein und Zedernholz, geliefert von seinem phönizischen
Bundesgenossen Hiram, dass es selbst der verwöhnten Pharaonentochter ausnehmend
gut gefiel. Vielleicht vertraute sie aus Dankbarkeit daher dem König die Kunde
von jener Quelle an, aus der den Pharaonen seit Jahrtausenden das Gold zufloss,
welches ihren märchenhaften Reichtum begründete.
Doch niemand außer Salomo und
den Pharaonen wusste, wo Ophir zu finden ist. Das sagenhafte Goldland wurde
deshalb zum Streitobjekt in der gelehrten Welt. Zahlreiche Untersuchungen
ergaben ebenso viele verschiedene Ergebnisse. Ophir liegt in Indien, so ist
behauptet wurden, es soll in der Südsee zu finden sein, in Peru oder in Santo
Domingo. Diese fantasievollen Theorien überschätzen jedoch den geografischen
Horizont der Menschen des Altertums, so erstaunlich er auch für die damalige
Zeit gewesen sein mag.
Viel wahrscheinlicher ist
Salomos sagenhaftes Goldland im Süden Afrikas zu suchen. Die phönizischen
Segler könnten nach einer Fahrt entlang der afrikanischen Ostküste auf etwa 20
Grad südlicher Breite bei Sofala, in der Gegend des heutigen Beira vor Anker
gegangen sein. Gestützt wird diese These durch die ebenso umfangreichen wie
rätselhaften Ruinenfunde, die im Jahr 1871 durch den deutschen Forscher Karl
Mauch im Hinterland von Beira gemacht wurden und deren Mittelpunkt
Groß-Simbabwe war. Es ist unweit des Golddistrikts gelegen, aus dem einst auch
die Männer Hirams und Salomos ihre Schätze bezogen haben könnten.
Die Ruinen von Simbabwe haben
keine unmittelbaren Anhaltspunkte für diese Annahme ergeben. Das Geheimnis von
Groß-Simbabwe blieb bis heute ungelöst. Um dies zu verdeutlichen, sollen im Folgenden
zwei tschechische Reisende zu Wort kommen, die den Ort in den fünfziger Jahren
des 20. Jahrhunderts besuchten:
„Auf Grund von Forschungen
wurde Simbabwe von den gleichen Ägyptern gebaut, die auch dem Niltal Leben
gaben. Simbabwe erbauten die Phönizier, Perser, Sumerer, die auch die Anregung
zur Erbauung Babylons gaben. Simbabwe erbauten die Araber und dann wieder
rätselhafte Völker, die auf ungeklärte Weise aus dem Innern Afrikas
hervorbrachen, um Simbabwe zu erbauen, und wieder geheimnisvoll verschwanden,
vielleicht nur deswegen, um es den Archäologen als Steinbaukasten zu
hinterlassen.
Schweigend durchschritten wir
die Ruinen dieser unbekannten Kultur und hatten dabei ein ganz neues,
erleichterndes Gefühl von Freiheit. Denn die, die Simbabwe erbauten, hat es
wenig gekümmert, ob darin in fernen Jahrhunderten Touristen mit französischen
oder englischen Baedekern herumgehen werden. Das war ihnen gleich; sie wussten
auch nichts von Mörtel und legten beim Bau ihres Werkes keinen Wert auf
Unsterblichkeit wie die ägyptischen Pharaonen. Sie stellten ganz einfach
zweckmäßige Bauten her.”
Lediglich der Vollständigkeit
halber sei erwähnt, dass inzwischen sogar Außerirdische als Erbauer
Groß-Simbabwes „verdächtigt” wurden.
Wo mag das gesuchte Ophirland
nun wirklich zu finden sein? Zahlreiche ernsthafte Forscher tendieren dazu, die
Gegend um Simbabwe tatsächlich als das gepriesene Land Ophir anzusehen. Damit
wäre auch die Bemerkung im Alten Testament, dass eine Fahrt damals drei Jahre
dauerte, hinreichend erklärt.
Das Reich der Pharaonen hatte
zum Zeitpunkt der in der Bibel erwähnten Fahrt nach Ophir einen Tiefpunkt im
ständigen Auf und Ab seiner langen Geschichte erreicht. Es kam daher als
Abnehmer des ostafrikanischen Goldes nicht mehr in Betracht. Die Händler Ophirs
mögen froh gewesen sein, in den Männern Hirams und Salomos nun plötzlich neue
Käufer für ihren Goldüberschuss gefunden zu haben. Im Tausch gegen Zedernholz,
Öl und Farbstoffe wechselte das Gold seinen Besitzer.
Schwer beladen mit einer
kostbaren Fracht, die neben Gold auch aus Silber und Elfenbein bestanden haben
dürfte, kehrten die Schiffe nach einer Fahrt von mehreren tausend Kilometern
wieder in den Hafen von Ezeon Geber, bei dem heutigen Akaba, im Nordosten des
Roten Meeres, zurück.
Wie die Phönizier mit ihrem
Anteil an der Beute verfuhren, blieb bis auf den heutigen Tag ihr Geheimnis.
Salomos Geschichtsschreiber hingegen berichten, dass der König nach der
Rückkehr seiner Flotte 200 Schilde, jedes zu 600 Stück Gold, anfertigen ließ,
und außerdem seinen Thronsessel aus Elfenbein, sechs Stufen hoch, mit purem
Gold überzog. Vielleicht beeindruckte er deshalb auch die sagenumwobene Königin
von Saba, die ihm im gleichen Jahr ihren Besuch abstattete. Sie brachte
ebenfalls 120 Zentner Gold mit, die den Reichtum Salomos mehrten. Seiner
angetrauten Frau - der Pharaonentochter - recht bald überdrüssig, umgab er sich
mit einem Harem von 700 der schönsten Frauen aus allen damals bekannten
Ländern. Er starb schließlich im Zwist mit seinem eigenen Volk, wohl ahnend, dass
sein Reich ebenso wie sein Reichtum bald zerfallen werde.
Mehr als einhundert Jahre
später versuchten die Israeliten erneut, ihre Staatskasse durch eine Reise in
das Goldland Ophir aufzubessern. Wieder berichtet die Bibel von diesem
Unterfangen:
„Und Josaphat hatte Schiffe
machen lassen aufs Meer, die nach Ophir gehen sollten, Gold zu holen. Aber sie
gingen nicht, denn sie wurden zerbrochen zu Ezeon Geber.” (1.
Könige 22).
So endete dieser zweite Versuch
der Israeliten, diesmal ohne die Hilfe der erfahrenen phönizischen Seebären das
Land Ophir zu erreichen, mit einer Katastrophe, kaum, dass die Schiffe den
schützenden Hafen verlassen hatten.
Die Phönizier jedoch haben in
der Folgezeit ihre Fahrten durch das Rote Meer bis nach Südarabien sehr
erfolgreich fortgesetzt.
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