Christiane Müller & Thomas Ritter

Auf den Spuren der Templer in Indien

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 1/2000)

„Reisen kommt fast einem Gespräch mit Menschen aus anderen Jahrhunderten gleich.” (Descartes)

Wer uns bereits kennt, der weiß, dass wir uns mehr und mehr zu Weltenbummlern entwickeln. Immer wieder treibt es uns an nahe und ferne Orte, von denen wir neue Eindrücke und Erlebnisse, interessante Begegnungen und oft auch aufregende Entdeckungen erwarten. Enttäuscht wurden wir dabei noch nie, doch die Reise, von der wir hier berichten, führte zu ganz besonders überraschenden Erkenntnissen - zu weit mehr, als wir uns je erhofft hatten.

Wenn wir beide unterwegs sind, begleiten wir meist kleine Gruppen von Interessierten in die Länder ihrer Wahl, um ihnen dort ganz individuell und persönlich die schönsten und historisch bedeutsamsten Plätze, die jeweilige Kultur und das heutige Leben der Einheimischen zeigen und erklären zu können. Oft führen wir sie auch zu den Palmblattbibliotheken Südindiens, in denen die sie faszinierende Informationen über ihr Schicksal, ihre Vergangenheit, die Gegenwart und ihre Zukunft erfahren und wertvolle Ratschläge für ihr weiteres Leben erhalten. Gerade diese Reisen bedeuten uns sehr viel, weil es nichts Schöneres gibt, als zu erleben, wie diese Menschen mit Sorgen und Problemen belastet zu uns kommen und sich bei der Rückkehr nach Deutschland glücklich und erleichtert – nicht selten sogar als Freunde – von uns verabschieden.

Für Anfang September 1999 stand wieder einmal dieses Ziel in unserem Terminkalender. Da Thomas kurz vorher eine Reisegruppe nach Tibet und Nepal geführt hatte, bot sich uns die Gelegenheit, zwischen den beiden Touren eine Woche lang einen für uns noch ganz neuen Ort in Indien zu besuchen und zu erforschen. Unsere Wahl fiel auf Vijayanagara, die mittelalterliche Hauptstadt eines südindischen Hindu-Reiches, nahe der heutigen Ortschaft Hampi.


Abb. 1: Blick über das Ruinenfeld von Viyajanagara


Vijayanagara - die „Stadt des Sieges” - erlebte ihre Blütezeit als Hauptstadt des mächtigsten Hindu-Reiches von Südindien und als religiöses sowie politisches Zentrum der Region von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts an bis zum Jahr 1565, als die Stadt von moslemischen Angreifern erobert und zerstört wurde. Nach dieser Niederlage wurde sie nie wieder aufgebaut. Ihre Ruinen blieben fast vierhundert Jahre lang vergessen und unbeachtet. Obwohl die herausragende Bedeutung von Vijayanagara für die Geschichte Indiens unumstritten ist, haben bisher nur wenige Historiker und Archäologen diesen einzigartigen Ort besucht. Wer jedoch dorthin kommt, wird sich dem Zauber des vergangenen Ruhmes und Glanzes der alten Hauptstadt nicht entziehen können, den man noch heute auf dem gesamten Gelände leicht nachempfinden kann.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Hauptstädten der früheren Hindu-Königreiche, von denen nur noch vereinzelte Monumente übrig geblieben sind, finden wir hier eine beachtliche Anzahl von Überresten der verschiedensten Gebäude inmitten einer faszinierenden Landschaft, die von imposanten Granitfelsen geprägt wird und eine natürliche Festung bildet. Trotzdem errichteten die damaligen Bauherren eine komplette Zitadelle mit gewaltigen Mauern, Toren und Wachtürmen, aber auch kunstvolle Paläste und Pavillons, Freilichtbühnen, Festplätze, königliche Bäder, Ställe und Lagerräume. Das fast schon modern zu nennende Bewässerungssystem sucht unter den Anlagen dieser Epoche vergeblich seinesgleichen. Aber auch zahllose einzigartige Tempel und Schreine, die den verschiedenen Göttern der Hindus gewidmet sind, und wunderbare Skulpturen und Reliefs machen diesen Ort zu einer Schatztruhe für jeden, der sich für die Geschichte und Kultur Südindiens interessiert.

Es gibt nur wenige ähnlich gut erhaltene Fundstellen auf der Welt, die uns auf einem so umfangreichen Areal Einblick in die Ausmaße, die Pracht und die Vielfalt eines ehemals geistigen und kulturellen Zentrums wie Vijayanagara vermitteln. Immerhin bedecken die bisher ausgegrabenen Ruinen bereits eine Fläche von 33 km2. Wenn wir die Überbleibsel der vielfältigen militärischen, königlichen, zivilen und religiösen Bauten genau betrachten, gelingt es uns tatsächlich, eine ungefähre Vorstellung von dieser Stadt zu erlangen, die einst so lebendig und bedeutend war und in der mehr als eine halbe Million Menschen lebten.


Abb. 2: Bearbeitete Gesteinsblöcke


Die Ausgrabungen dauern weiter an, und sicher brauchen die Archäologen aus Indien und aus zahlreichen anderen Ländern der Erde noch viele Jahre, bis sämtliche Gebäudeteile und Kunstwerke wie z.B. wertvolle Töpfereien, Stein-, Metall- und Glasbearbeitungen freigelegt und geborgen sein werden und bis mit Hilfe der historischen Aufzeichnungen ein genaues Bild des damaligen Lebens an diesem Ort gezeichnet werden kann.

Dass Vijayanagara inzwischen von der UNESCO zu einem Bestandteil des Weltkulturerbes erklärt wurde und entsprechend geschützt und restauriert wird, war mit Sicherheit eine gute und wichtige Entscheidung.

Nach einer fast einen ganzen Tag dauernden Fahrt über holprige Straßen, durch quirlige Dörfer voller fröhlicher, gastfreundlicher Menschen in bunten Kleidern, durch leuchtend grüne Reisfelder und Palmenhaine und vorbei an riesigen Stauseen und imposanten Felsen von Bangalore nach Hampti konnten auch wir uns endlich von der Faszination dieses einmaligen Ortes gefangen nehmen lassen. Dabei hatten wir zunächst nur eine ziemlich vage Vorstellung von den Ausmaßen der alten Hauptstadt, von der Abdul Razzaq, ein Reisender aus Persien im Jahre 1443 sagte:

„Ich sah eine riesige, wundervolle Stadt mit ihren zahllosen Einwohnern und einen gerechten und Ehrfurcht gebietenden König, dessen Reich sich über Tausende von Meilen ausdehnte. Die verschiedenen Teile seines Imperiums entwickelten sich allesamt prächtig, und er besaß etwa dreihundert Häfen. Zu seinem Hofstaat gehörten tausend Elefanten von der Größe eines Berges und dem Ausdruck eines Dämons. Es war die Stadt Vijayanagara...., und es gibt keinen vergleichbaren Ort auf dieser Welt.”

Als wir endlich zum ersten Mal selbst das Ausgrabungsareal betraten, begannen wir zu verstehen, was dieser Reisende einst gefühlt und gemeint haben musste. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie unsagbar beeindruckend diese Stadt in ihrer Blütezeit gewesen sein muss. Von einem der noch recht gut erhaltenen Gebäude am Eingang zu den königlichen Palästen aus versuchten wir, uns einen allgemeinen Überblick zu verschaffen, was aber kläglich daran scheiterte, dass sich die Ruinen nicht nur bis zum Horizont, sondern noch weit darüber hinaus erstreckten (siehe Abbildung 1).

So waren wir dann zwei ganze Tage lang unterwegs in der „Stadt des Sieges”, und wenn uns dafür kein Auto zur Verfügung gestanden hätte, wäre es selbst in dieser Zeit unmöglich gewesen, auch nur annähernd zu begreifen, welche Kunstwerke, Schätze und Geheimnisse dieser Ort dem aufmerksamen Besucher bietet. Diese zwei Tage wurden für uns zu einer atemberaubenden Entdeckungsreise in eine vergangene Epoche, die wir unbedingt so bald wie nur möglich wiederholen und weiter ausdehnen werden.

Besonders interessant erschienen uns zu Beginn die zahlreichen Legenden, die davon berichteten, dass in Vijayanagara einst die Hindus den „Göttern” begegnet sind. Immerhin wird das Gelände noch heute in das „Königliche Zentrum” und das „Heilige Zentrum” unterteilt. Was hat das zu bedeuten? Würden wir auf Beweise für den Wahrheitsgehalt dieser Sagen und Erzählungen aus längst vergangenen Tagen stoßen?

Bereits auf der Fahrt zum Hotel und von dort zu den Ausgrabungsstätten waren uns die gewaltigen und bizarr erscheinenden Felsformationen überall entlang des Weges aufgefallen, die die Stadt umgeben und auf seltsame Art schon von weit her den Weg dorthin zu weisen scheinen. Nun stellten wir fest, dass sich diese riesigen Granitbrocken, die oft so unwirklich übereinander gestapelt sind, dass sie allen Gesetzen der Physik zu trotzen scheinen und an einen Spielplatz von Riesen oder vielleicht sogar an gewisse gewaltige Markierungen denken lassen, auch überall innerhalb der Stadt und zwischen den Ruinen befinden.

Bei ihrer näheren Betrachtung überraschten uns die eindeutigen Bearbeitungsspuren auf fast jedem dieser Steine, klare Hinweise auf regelmäßige Einschnitte und sogar Bohrungen. Die Kanten einiger Felsbrocken ähnelten dem äußeren Rand von Zahnrädern, und irgendjemand hatte wohl einst versucht, sie zusammenzufügen (siehe Abbildung 2). Aber wer sollte die Kraft haben, das bei dieser Größe und bei dem enormen Gewicht der Felsen zu bewerkstelligen? Selbst der stärkste Kran der heutigen Zeit stünde damit sicher vor einem gewaltigen Problem.

Aber es sollte noch spannender werden. Wie in der Gegend um Mahabalipuram in Tamil Nadu, auf Malta und an zahllosen anderen Orten der Erde wiesen auch diese gigantischen Felsbrocken vollkommen glatte und teilweise sogar verglaste Schnittflächen auf. Wie diese zustande kamen, blieb bis heute ein Rätsel, aber die einzig denkbare Lösung, die uns dazu einfiel, war die, dass die Steine zur Zeit ihrer Bearbeitung weich gewesen sein mussten und jemand wohl ein riesiges Messer angesetzt hatte... Mehr darüber werden wir an anderer Stelle berichten, und auch diesem Geheimnis bleiben wir selbstverständlich auf der Spur.


Abb. 3: Monolithische Felsbearbeitungen in Viyajanagara. Deutlich sind die beträchtlich jüngeren Steinmauern zu erkennen.


Noch unter dem Einfluss der zyklopenförmigen Steinbearbeitungen stehend, erreichten wir schließlich eine Plattform, von der aus man einen herrlichen Überblick über den Bereich der alten Tempel von Vijayanagara hat. Aber gleich nach dem ersten Staunen stutzten wir. Hier musste es sich um zwei nebeneinander und teilweise sogar übereinander angeordnete Anlagen handeln. Unser Fremdenführer bestätigte diesen Eindruck, aber die unterschiedlichen Materialien und Baustile genügten eigentlich auch schon für sich als Beweis dafür, dass hier mindestens zwei vollkommen verschiedene Architekten aus unterschiedlichen Epochen ihre Visitenkarten hinterlassen haben.

Auch hier, wie an so vielen anderen bekannten Kulturstätten, wurden die deutlich älteren und viel dauerhafteren Bauwerke mit einer weitaus komplizierteren Bautechnik aus gewaltigen Monolithen errichtet, während die neueren Abschnitte aus einzelnen Steinen gemauert und viel anfälliger gegen natürlichen Verfall und die äußeren Umwelteinflüsse sind. Wie erklären wir uns also die Tatsache, dass die früheren Bauherren die schwierigeren und selbst heute kaum nachvollziehbaren Baumethoden wählten, während ihre Nachfolger Generationen später anscheinend nicht mehr über das dafür nötige Wissen und die rätselhaften Technologien verfügten?

Bevor wir weiter über diese bedeutsame Frage nachdenken konnten, fiel uns fast gleichzeitig etwas ins Auge, was wir hier an diesem Ort mitten im Süden des indischen Subkontinents niemals erwartet hatten – die älteren Tempel der riesigen Anlage trugen Aufsätze, die in ihrer Form eindeutige Abbildungen der mittelamerikanischen Maya-Pyramiden sind (siehe Abbildung 6), und in einem der Tempel stießen wir dann sogar noch auf eine Wandzeichnung, die die verschiedenen Pyramidenformen der Erde in einem einzigen Symbol zu vereinen scheint. Was wollten uns die Erbauer damit sagen? Soll uns diese Entdeckung einen Hinweis auf die schon vor Jahrtausenden bestehenden Verbindungen zwischen den Völkern und Kontinenten dieser Erde geben und uns zeigen, dass es einst Hochkulturen gegeben haben muss, die uns weit überlegen waren? Ja, es gab keine Spur eines Zweifels mehr – wir hatten Maya-Pyramiden in Indien gefunden! Wenn auch ihre Größe vergleichbar gering ist, ihre äußere Form spricht Bände.

Selbstverständlich wollten wir unsere Entdeckung sofort von allen Seiten her fotografieren, und durch den Sucher der Kamera bemerkten wir dann beide gleichzeitig etwas, das uns den Atem stocken ließ und die Maya-Pyramiden noch übertraf: Am Fuße eines dieser Bauwerke lag – leicht angelehnt – ein schweres, gleichseitiges Kreuz aus Stein – das berühmte Kreuz der Templer!

Wie kommt ein Templerkreuz nach Indien? Die Templer waren doch niemals dort. Oder doch? Im ersten Augenblick wagten wir noch nicht, an eine tatsächliche Verbindung zu glauben, denn wenn es sie wirklich gibt und sie sich beweisen lässt, muss zumindest ein Teil der mittelalterlichen Geschichte Europas und Asiens neu geschrieben werden. Lag dieses Kreuz also nur zufällig dort? – Nein!

In Laufe unserer weiteren Untersuchung der Tempel und Ruinen stießen wir auf so viele eindeutige Beweise, dass wir schließlich jeden Zweifel oder Zufall völlig ausschließen konnten. Im Innenhof eines Tempels fanden wir mehrere gewaltige Steinplatten, die mit einem Relief verziert waren, in dessen oberer linker Ecke sich wiederum das Tatzenkreuz der Templer befindet (siehe Abbildung 4), und selbst die Säulen sämtlicher erhaltener Tempel – und das übrigens nicht nur in Vijayanagara – beinhalten bei genauerem Hinsehen in der Mitte nach allen vier Seiten hin sichtbar das gleichseitige Symbol dieses geheimnisumwitterten Ordens.

Die Krönung unserer Entdeckungen bildete dann ein weiteres Templerkreuz als Bestandteil einer von Darstellungen des damaligen Lebens umgebenen Wandfläche – mitten in einer vollkommen realistisch abgebildeten Jagdszene (siehe Abbildung 5). Hier war es also sogar noch eingearbeitet in das alte Kunstwerk – und das gut erhalten und eindeutig erkennbar. Spätestens an dieser Stelle wurden auch die allerletzten Zweifel beseitigt. Die Künstler, die der Nachwelt so realistische und unverkennbare Abbildungen von den Menschen, Tieren und Landschaften ihrer Zeit hinterlassen haben und auf deren beeindruckenden Reliefs nicht ein einziges, winziges Detail sinnlos oder überflüssig ist, haben ganz gewiss nicht ausgerechnet dieses Templerkreuz ohne eine bestimmte Absicht in diese Szene einbezogen.


Abb. 4: Templerkreuze auf einem Steinrelief in Viyajanagara


Aus dieser logischen Schlussfolgerung entstanden auch sofort zahllose neue Fragen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand der Historiker hat es keinerlei Verbindungen zwischen dem Orden der Tempelherren und Indien gegeben. Doch wenn man bedenkt, dass nach den Erkenntnissen einiger Historiker die Geschichte Vijayanagaras sogar bis in das 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückreicht, so erscheint ein Kontakt zwischen den Rittermönchen und den Angehörigen der mittelalterlichen Hindu-Kultur zumindest theoretisch denkbar. Was sollen uns also diese Zeugnisse einer fernen Zeit sagen? Wurden sie hinterlassen, um uns die Zusammenhänge der Geschichte zu erklären und uns den Weg zu weiteren aufregenden Geheimnissen zu weisen?

Um eine mögliche Antwort darauf zu finden, erinnern wir uns am besten noch einmal in einem kurzen Überblick daran, wer und was die Templer eigentlich waren! Dieser Mönchsritterorden wurde offiziell im Jahr 1127 in Frankreich geschaffen, aber sowohl um seine Entstehung als auch um seine spätere Tätigkeit ranken sich zahllose Legenden. Verbürgt ist, dass sich bereits in den Jahren 1118/19 im Heiligen Land unter Führung der normannischen Adligen Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer neun Ritter zu einer Art Polizeitruppe zusammenschlossen, welche „nach Kräften für die Sicherheit von Straßen und Wegen sorgen” wollten - insbesondere „für den Schutz der Pilger”. Bisher konnte noch kein Historiker zufriedenstellend erklären, wie Hugo de Payns und seine acht Gefährten diese schwierige Aufgabe bewältigen wollten, aber auch in den darauffolgenden Jahren schien die Sicherung der Straßen und Wege im Heiligen Land wohl das perfekte Alibi für die tatsächlichen Aktivitäten dieser Ritter zu bleiben.

In Wahrheit aber unternahmen sie ausgedehnte Reisen, wobei sie diplomatische Kontakte knüpften, archäologische Ausgrabungen durchführten und u.a. riesige unterirdische Gewölbe systematisch erkundeten. Auffällig war besonders, dass sie sich an keiner militärischen Auseinandersetzung beteiligten, sondern viel lieber alte Ruinen erforschten.

Alle neun Gründungsmitglieder des Templerordens waren mit dem Grafen Hugo von Champagne verwandt oder aber dessen Landsmänner. Dies ist vor allem deshalb äußerst bemerkenswert, weil der Grafenhof der Champagne in Troyes zu den aufgeklärtesten Herrschaftszentren des Mittelalters gehörte und sich dort bereits seit dem Jahr 1070 eine angesehene Schule für talmudische und esoterische Studien – Zeichen einer für diese Zeit beispiellosen religiösen Toleranz und des Interesses an den Wissenschaften – befand.

Noch vor der offiziellen Anerkennung der Templer auf der Synode von Troyes im Jahr 1127 erhielten sie auf Betreiben ihres Gönners Bernhard de Fontaine - einen später heilig gesprochenen Zisterziensermönch, der die Abtei von Clairveaux gegründet hatte und zu den bedeutendsten Wortführern und geistigen Architekten des Christentums in jener Epoche gehörte - reiche Schenkungen in Form von Geld, Gütern und vor allem Ländereien. Im Jahr 1128 erließ Bernhard von Clairveaux schließlich ein Traktat, welches er „Das Lob der Neuen Miliz” betitelte und mit dem er die militant religiösen Ziele der Templer zum Ideal und zum Inbegriff aller christlichen Werte erhob.

Ein Jahr zuvor waren alle Gründungsmitglieder des Templerordens nach Frankreich zurückgekehrt, und bereits in der ersten Regel des neu gegründeten Ordens schrieb Bernhard von Clairveaux: „...mit Gottes Hilfe ... ist das große Werk vollendet worden ...”. Welchen Sinn sollte diese Aussage haben, wenn sie sich auf die Aktivitäten der Templer zwischen 1118 und 1127 bezog? Was war in diesem Zeitraum Bedeutendes geschehen? Hatten sie etwa im Heiligen Land statt „die Pilger zu schützen” etwas unendlich Wertvolles gesucht und gefunden, von dem Hugo de Payns während seiner Teilnahme am ersten Kreuzzug erfahren hatte?

Darüber kursieren die seltsamsten Spekulationen. Man spricht von der Bundeslade, dem Heiligen Gral oder dem Grab Christi, aber die Ereignisse, welche unmittelbar nach der Gründung des Ordens begannen, werfen ein völlig anderes Licht auf diese Frage. Mit dem Auftauchen der Templer in West- und Mitteleuropa begann fast übergangslos jenes Zeitalter, das wir heute als „Gotik” bezeichnen und das vor allem in der sakralen Architektur seine eindrucksvollen Spuren hinterlassen hat. Zu jener Zeit entstanden etwa die Kathedralen von Chartres, Reims und Sens, um nur einige davon zu nennen. Scheinbar aus dem Nichts wurden die mit der Errichtung solcher Bauten verbundenen mathematischen, bautechnischen und logistischen Leistungen vollbracht. Woher stammte das Wissen und woher kamen die Mittel zum Bau dieser Kathedralen?

Bis zur heutigen Zeit ranken sich zahllose Rätsel und Geheimnisse um den Orden, der inzwischen zumindest als Finanzier und wahrscheinlich auch als die Quelle der Ideen und Pläne dieser imposanten architektonischen Leistungen anerkannt wird.

Die Überlieferungen berichten von riesigen Mengen an Gold- und Silberbarren, heiligen Gefäßen und nicht näher bezeichneten Wertgegenständen, die sich im Besitz der Templer befunden haben sollen. Oft ist auch die Rede von einem „geistigen Schatz” und von uraltem Wissen, das aus dem alten Ägypten stammen dürfte und sich auf die Geheimnisse der Baumeister der Pharaonen bezieht.

Es ist also kein Wunder, dass Bernhard von Clairveaux die „neue Ritterschaft” so über alle Maßen lobte. Gelangten doch er und seine Zisterzienser durch den Fund der Templer ebenfalls in den Besitz dieses umfangreichen, uralten Wissens, welches sich bei kluger Nutzung als Trumpfkarte im Kampf um geistliche Autorität und weltliche Macht erweisen würde.

In den Jahren nach der Ordensgründung wurden am Hof zu Troyes jedenfalls zahlreiche sehr alte hebräische Texte übersetzt, wozu manchmal sogar Rabbiner aus dem Hochburgund hinzugezogen werden mussten. Dies mag als Beleg für die hier vorgetragene These gelten.

Aus den Statuten des Templerordens geht hervor, dass sie beabsichtigten, ein vollkommen reformiertes Abendland zu schaffen - ein Europa unter administrativer Verwaltung des Ordens, das feudale Strukturen und deren Hemmnisse für Wirtschaft und Handel nicht mehr kannte – also eine Vorwegnahme der heutigen Europäischen Union. Doch die Ideen der Templer zielten weit über das Alltagsleben und die Geschäfte hinaus. Es sollte sich gleichzeitig um ein spirituelles Europa nach dem Vorbild des Ordens handeln, stark und einheitlich nach außen, um sich seiner Feinde zu erwehren und nach innen stets so gestaltet, dass der Einzelne niemals so viel Macht auf sich vereinigen konnte, dass er sie hätte missbrauchen können. Vielleicht sollte am Ende dieses Weges sogar nach der Wiedergewinnung des Heiligen Landes eine Art Eurasischer Union und die Aussöhnung der drei großen alten Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – stehen.

In den darauffolgenden Jahren nahm der neu gegründete Templerorden einen ungeheuren Aufschwung, der wohl selbst die Erwartungen seiner Gründer übertraf. Die Mönchsritter schufen in Europa zahllose befestigte Häuser - Komtureien genannt - welche schon bald für die Entwicklung und die weitere Expansion des Ordens unentbehrlich werden sollten. Wenn jemand den Wunsch verspürte, Templer zu werden, wandte er sich an die nächste Komturei und überschrieb dem Orden seinen Besitz, wodurch sich aufgrund der zahlreichen Schenkungen das Vermögen der Templer erheblich vermehrte.


 

Abb. 5: Fresko mit einem Templerkreuz in Viyajanagara


In Europa bauten die Templer ihre so rasch gewonnene Vormachtstellung auf sämtlichen Gebieten immer weiter aus, und nach und nach wurden sie so zu einer einflussreichen Macht von internationalem Rang. Im Jahr 1139 bestimmte Papst Innocenz II. sogar, dass der Orden keiner weltlichen oder geistigen Macht außer dem Papst selbst Gehorsam schuldete. Damit wurde den Templern vollkommene Unabhängigkeit von allen Königen, Fürsten und Äbten gewährt, so dass sie keinerlei Einmischung seitens politischer oder geistlicher Würdenträger mehr zu befürchten hatten. Das enthob den Orden jeglicher territorialer Eingrenzung, machte ihn zum Herren über ein autonomes, internationales Reich und ließ ihn zum Diplomaten auf höchster Ebene und zum Mittler zwischen Adel und Monarchen und zwischen den christlichen und sarazenischen Herrschern in Palästina werden. Später entwickelten sich die Templer durch das Verleihen großer Geldsummen außerdem zu Bankiers aller europäischen Königshäuser und zu den einflussreichsten Geldwechslern ihrer Epoche. Selbst die Einführung des Schecks, wie wir ihn heute kennen, geht auf die Templer zurück.

In England wurde der Meister des Tempels stets zu den Sitzungen des Parlaments eingeladen und galt darüber hinaus als Oberhaupt aller kirchlichen Orden im Land. Aber auch in der islamischen Welt waren die Templer überall geachtet und angesehen, und in manchen Gebieten zahlte man ihnen sogar Tribut.

Bald schon galt der Templerorden als Umschlagplatz für neue Ideen und Gedanken, übte ein regelrechtes Monopol über die beste und modernste Technik seiner Zeit aus und förderte die Entwicklung des Vermessungswesens und der Kartographie, ebenso wie den Straßenbau und die Schifffahrt. Der Orden besaß eigene Häfen und Werften, und seine Flotte zählte zu den besten ihrer Zeit. Die Templerschiffe gehörten zu den ersten, die mit Magnetkompassen ausgerüstet waren. Manche Historiker sind sogar zu der Auffassung gelangt, dass die Templer in der Wendezeit zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert bereits Schießpulver für Kriegszwecke einsetzten und ihre Galeeren mit den ersten primitiven Geschützen bestückten. Außerdem gibt es durchaus ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass die Westflotte des Ordens von ihrem Heimathafen La Rochelle aus bereits in der Lage gewesen sein muss, den Atlantik zu überqueren und Handelsbeziehungen mit den Völkern Mittel- und Südamerikas zu unterhalten.

Aber auch auf dem Gebiet der Pflege Verwundeter und der Heilung von Krankheiten waren die Templer mit eigenen Ärzten, Chirurgen und Heilerinnen federführend in Europa, und all diese erstaunlichen Leistungen und Erfolge machten es dem Orden möglich, fast zwei Jahrhunderte lang die Geschichte des Abendlandes entscheidend mit zu prägen.

Natürlich schufen sich die Templer so auch eine ständig wachsende Anzahl mächtiger Neider und Feinde, und am 13. Oktober 1307 befahl König Philipp IV. von Frankreich unter ebenso fadenscheinigen wie unsinnigen Behauptungen – so beschuldigte er den Orden u.a. der Ketzerei, der Homosexualität und des Teufelsdienstes -, alle Templer gefangen zu nehmen. Es heißt, dass kurz vor der darauf folgenden Verhaftungswelle eine Gruppe von Rittern um den Schatzmeister des Ordens systematisch ihre Flucht vorbereitete und schließlich das gewaltige Barvermögen, vor allem aber die umfangreichen Ordensarchive, nach La Rochelle an der Atlantikküste, einer Gründung der Templer und dem bedeutendsten Hafen an der Westküste Frankreichs, transportierte. Hier sollen die Wertgegenstände und die Dokumente über ihr geheimnisumwittertes Wissen an Bord von 18 Galeassen gebracht worden sein, die zur sagenumwobenen Westflotte des Ordens gehörten. Diese Schiffe verließen mit unbekanntem Kurs den Hafen von La Rochelle und sind seither verschollen. Mit ihnen verschwanden etwa 1.300 Templer – Ritter und Servanten – im Dunkel der Geschichte.


 

Abb. 6: Tempel in Viyajanagara 


Den Häschern des Königs muss diese kleine Flotte jedenfalls entkommen sein, denn es fehlen jegliche Berichte darüber, dass die Schiffe aufgebracht worden wären. Folgt man dem französischen Historiker Matthieu, so könnten die 18 Galeassen den Atlantik in Richtung Mexiko überquert haben. Demzufolge hätten die Templer in Mittelamerika eine neue Heimat gefunden und dort vielleicht sogar ihren Traum von einem eigenen Ordensstaat verwirklichen können. In der Tat existieren zahlreiche toltekische und Maya-Legenden, die von „weißen Soldaten aus dem Haus des Tempels” berichten, die „aus dem Land der aufgehenden Sonne kamen” und sich an der Ostküste Mexikos niederließen.

Aber wirklich nur dort? Verbindet man diese historisch belegten Fakten mit unserer Entdeckung in Vijayanagara, ergibt sich daraus eine faszinierende Hypothese.

Wenn die Templer kurz vor ihrem endgültigen Untergang in Europa acht­zehn Schiffe zur Verfügung hatten, um ihr herausragendes geheimes Wissen in Form von Aufzeichnungen oder Daten egal welcher Art fern von der Heimat in Sicherheit zu bringen, wäre es dann sinnvoll gewesen, alle achtzehn Schiffe in die gleiche Richtung zu lenken? Eigentlich ist es doch viel logischer anzunehmen, dass diese Elite ihrer Flotte in zwei oder sogar in drei Gruppen aufgeteilt wurde, die mit jeweils einer Ausfertigung der kostbaren Fracht völlig verschiedene Himmelsrichtungen ansteuerten. Schließlich wussten die Templer genau, dass ihre Feinde ihnen dicht auf den Fersen waren und, dass sie ganz sicher auch auf dem Meer weiter verfolgt werden würden. Sie konnten also nicht ausschließen, dass ein Teil der Flotte aufgebracht und vernichtet werden würde, wie es im Mittelmeer dicht unter der italienischen Küste auch durchaus geschehen ist. Hätten es Menschen ihrer Intelligenz in dieser Situation tatsächlich riskiert, alle Schiffe gemeinsam zum gleichen Ziel aufbrechen zu lassen? Ganz gewiss nicht!

Wir wissen zwar mit ziemlicher Sicherheit, dass einige der verschollenen Galeassen die mittelamerikanische Küste erreicht haben müssen, doch wie erklären wir dann die eindeutigen Hinweise auf die Anwesenheit der Templer in Südindien? Ist etwa ein anderer Teil der Flotte nach Osten gefahren, hat schließlich den Subkontinent angesteuert und in Vijayanagara einen Unterschlupf, ein neues Zuhause und sicher auch gelehrige und wissbegierige Schüler gefunden? Sind wir heute endlich reif dafür, die uns dort von den Templern hinterlassenen Hinweise zu verstehen? Haben wir dann auch den Mut, die Geschichte umzuschreiben und zu korrigieren?

Sie können sich darauf verlassen, dass wir auch in Zukunft auf unseren Reisen nach neuen Verbindungen, Erklärungen und Beweisen suchen und Ihnen die Ergebnisse unserer Arbeit nicht nur in weiteren Artikeln, sondern sehr bald auch in einem spannenden Buch vorstellen werden.

Bleiben wir also neugierig und halten wir die Augen offen! Auch am Ende dieses scheinbar so nüchternen Jahrtausends birgt unsere Welt noch unendlich viele Geheimnisse, die es zu enträtseln lohnt, und manchmal erzählen uns uralte Steine die aufregendsten Geschichten, wenn wir ihnen nur aufmerksam zuhören – so wie in Vijayanagara.

Literatur

Fritz, John M. und Michell, George: „City of Victory – The Medieval Hindu Capital of Southern India“, Aperture Foundation, Inc., New York 1991

Ritter, Annett & Thomas: „Rennes-le-Chateau – Das Geheimnis der Pyrenäen“, CTT-Verlag, Suhl 1999

Fotos

Christiane Müller & Thomas Ritter

© 1999 / Alle Rechte vorbehalten

Christiane Müller & Thomas Ritter

 


[zurück nach oben] [zurück zum EFODON-Archiv]