Eine bemerkenswerte These:

Lucas Cranach der Ältere entwarf das Externstein-Relief

© Volker Ritters; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 23/1997

Das Externstein-Relief ist nun in seiner Bedeutung entschlüsselt (1). In seiner Verborgenen Geometrie (2) liegt die Aussage: Der Gral (der Kubus) leitet spirituelle Kräfte in die Erde und in den Erddrachen (3) und öffnet dadurch den Schacht zwischen Himmel und Erde (4), durch den die Seelen auf- und absteigen können.

Die Externsteine im Teutoburger Wald (nahe Horn-Bad Meinberg, südlich von Detmold)

Mit diesen aufgedeckten Bildinhalten ist also ein Schlüssel gegeben für die Suche/ für das Auffinden des Urhebers:
Welcher Künstler hatte diese oder ähnliche Inhalte in einem (ihm eindeutig zugeschriebenen) Bild bearbeitet? Er kommt als Urheber in Betracht, wenn weitere Umstände günstig liegen:

Schon äußerlich ist zwischen dem Externstein-Relief (a) und dem Paris-Urteil (b) viel Übereinstimmendes: Die meisten Figuren sind in beiden Bildern auf einer Bodenlinie aufgereiht. Sie stehen, von geringen Überschneidungen abgesehen, einzeln vor dem Bildgrund. Trotz der einfachen Reihung und der vereinzelnden Isolierung zeigen die Figuren bewegte Umrisse: Kopfneigungen und Hände „sprechen“ beziehungsreich. Die bewegtesten Figuren der beiden Bilder, der Einzuweihende und de Molay (a) und Baum und Fels (b), neigen einander in Form eines Spitzbogens zu. Diese Schrägen liegen im derzeitigen Trend: „Auch in Deutschland bereitet sich um diese Zeit der Übergang zur Diagonalkomposition vor.“ (5) Wichtige symbolische Figuren, Christus [ein Seelengeleiter (6) (a)], und Pferd [ein Seelengeleiter (7) (b)], sind hinter Kreuzbalken und Baumstamm nur halb zu sehen, sie haben eine unbekannte andere Hälfte.

Lucas Cranach d. Ä. Das Urteil des Paris (1530, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

Dann findet das wahrscheinlich von Cranach vorgefundene Relief des Erddrachen (a) eine Entsprechung im Paris-Urteil (b): Der Drache, der in christlicher Symbolik das Böse darstellt (8), ist in Ostasien ein Glückssymbol, das den „Trank der Unsterblichkeit“ hervorzubringen vermag (8). Wenn der verborgene Inhalt des Externstein-Reliefs, die Überwindung einer kirchenchristlichen Trennung von Himmel und Erde durch ein kosmisches Christentum und damit zugleich ein Wandel des tötenden Blickes des Drachen in einen positiv gestaltenden gesehen wird (9), so wird klar, dass mit dem Erddrachen hier in der templerischen Deutung der Verborgenen Geometrie der positive Drache im Sinne des Wassers des Lebens, des Tranks der Unsterblichkeit, gemeint ist.
Reinhold Lück weist auf diese positive Bedeutung hin: „Zu erwähnen sei auch noch der Drache unter dem Externstein-Relief. Er zeigt genau wie die Irminsul ebenfalls Richtung West und versinnbildlicht vermutlich die Thermalquelle bzw. die Adresse, wo sich diese befindet.“ (10) Diese soll nordwestlich, also rechts von diesem Relief (11), jenseits des Stausees auf der Anhöhe am anderen Ufer liegen (10): „Der genaue Standort der Quelle befindet sich beim sogenannten Bärenstein, kurz vor der Burg Drekanfils ...“ (12)
Im Bild des Paris-Urteils liegt vergleichbar unten links (nordwestlich) eine Quelle, die über drei Einheiten (positiv) mit der Gralsburg rechts oben (südöstlich) verbunden ist: Diese Quelle liegt also (in der Geometrie des gemalten Bildes/symbolisch) nordwestlich der Gralsburg, - wie die Quelle bei den Externsteinen (gegenständlich/geographisch) nordwestlich des Reliefs liegt.
Zur Betonung der politischen Dimension möchte ich noch einmal Reinhold Lück zitieren: „Wenn im angehenden Mittelalter wirklich alle Thermen versiegelt bzw. ,zugemauert´ wurden, so war dies der Untergang des ,Bösen´, das die Christen so betonten.“ (13) „Sollte mit der Zerstörung der Irminsul die Zerstörung der Thermalquellen gemeint sein, so war der Verlust dieser Jungbrunnen (alias Thermen) auch vernichtend für das ,keltische´ Volk.“ (14) Wenn mit der Unterwerfung der Sachsen (772-802) und der Zerstörung deren Heiligtümer (15) auch deren warme Quellen (16) zerstört wurden, so wurde mit der symbolischen Aussage des Externstein-Reliefs und des Paris-Urteils beide Male bedeutungsmäßig ausgesagt und energetisch bewirkt, dass das Wasser in der Tiefe und der spirituelle Raum in der Höhe (Erde und Himmel) wieder verbunden und also ganz gemacht und geheilt wurden.

Lucas Cranach d. Ä. Das Urteil des Paris
Der Lichtschacht des Weltenbaumes der Urreligion zwischen Quelle (nordwestlich) und Gralsburg (südöstlich)

Die politische Bedeutung mag nicht nur allgemein in einer Stärkung der Kraft der Templer, sondern speziell in den Zeitumständen gelegen haben: „Albrecht von Preußen (1490-1568) war der letzte Hochmeister des Deutschen Ritterordens und erster Herzog von Preußen. Auf Luthers Anraten wandelte er (Anm.: 1525) den Ordensstaat Preußen in ein weltliches Herzogtum um und führte die Reformation ein.“ (17) „Der Deutsche Orden im Reich, mit dem Deutschmeister an der Spitze, verfügte zu keiner Minute über die Macht, das Geschehen etwa revidieren zu können. ... Dem Deutschmeister ist es in gewisser Weise gelungen, einen Teil der Ordensgebiete im Reich zu einer geschlossenen Herrschaft zu vereinigen. Dennoch bleibt der Abfall Preußens ein schwerer Schlag; der Orden muß zusehen, den Schaden möglichst klein zu halten; er muß alle Anstrengungen unternehmen, dass ihm nicht irgendwelche Territorien im Reich auf gleiche oder ähnliche Weise verlorengehen. Dies gelingt.“ (18)

„Die Wahl eines neuen Hochmeisters hätte bedeutet, dass der Deutsche Orden den Staatsstreich Albrechts und den endgültigen Verlust Preußens anerkennt. Was er aber auf jeden Fall vermeiden will. Nach langen und zähen Bemühungen gelingt es dann dem 1526 gewählten neuen Deutschmeister Walter von Cronberg, seine Anerkennung als Ordensoberhaupt auf Zeit und damit als Administrator des Hochmeisters innerhalb und außerhalb des Ordens durchzusetzen. Die neuen Verhältnisse werden bei einem Ordenskapitel festgeschrieben. Kaiser Karl V. belehnt 1530 Walter von Cronberg mit den hochmeisterlichen Rechten und mit dem Land Preußen. Sitz des Hochmeisters (Anm.: des Deutschmeisters mit hochmeisterlichen Rechten?) ist jetzt Mergentheim. Der Wunsch, somit Preußen wieder in den Herrschaftsbereich des Ordens zu bekommen, bleibt aber auf ewig ein frommer Gedanke.“ (19)

1530 wurde der Deutsche Orden im Reich konsolidiert. Meine These ist, dass zur selben Zeit Cranach das „Paris-Urteil“ malte und das Externstein-Relief entwarf, das eine templerische Arbeitstafel war und ist. - Es liegt auf der Hand, anzunehmen, dass hier ein innerer Zusammenhang bestanden haben mag: Zur Absicherung und Festigung gehörte anscheinend auch eine gute Schulung.


Das Relief an den Externsteinen, geschaffen von Lucas Cranach

Dann spitzte sich die politische Lage 1530 an anderer Stelle zu: „Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen (1468-1532) regierte bis zu dessen Tode gemeinsam mit seinem Bruder, Friedrich dem Weisen (Anm.: 1463-1525). Er bekannte sich entschiedener als dieser zu den Ideen der Reformation und geriet auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 in offenen Konflikt mit dem Kaiser, als er eine auf seine Veranlassung von Melanchthon verfaßte Konfession in eigenem Namen übergeben und durch den Kanzler verlesen ließ.“ (20)

Die templerische Verborgene Geometrie stand mit dem Bekenntnis zum kosmischen Christentum eher der Reformation nahe, und sie stand im Gegensatz zum hergebrachten kirchlichen Christentum, - und 1530 opponierte Cranachs Landesherr gegen den Kaiser. Auch in diesem Zusammenhang schien wohl eine templerische Arbeitstafel ein Instrument für eine innere Klarheit und Festigkeit zu bieten.
Zum besseren Verständnis der templerischen Botschaft aus dieser Zeit wird nun mit MESON Nr. 19 Cranachs „Paris-Urteil“ angeboten: der Schlüssel zum Beweis, dass das Externstein-Relief ein „echter Cranach“ ist. (Anm.: Dieses Buch ist inzwischen vergriffen)

Anmerkungen

(1) Ritters (2) Special 8 (3) Ritters, Abb. 29, S. 113. (4) Ritters, Abb. 33, S. 126. (5) Ameseder, S. 77. (6) Ritters, S. 132 (7) Herder Lexikon, S. 125. (8) Biedermann, S. 97. (9) Ritters, Abb. 30, S. 117 (10) Lück, S. 25 und s. 5. (11) s. Ritters, Abb. 50, S. 177. (12) Lück, S.15 und s. Abb. 20-22, S. 16, 17. (13) Lück, S. 26. (14) Lück, S. 25. (15) Teudt, S. 47 ff, S. 252 ff. (16) Lück („warm“ = über 10 Grad) S. 14. (17) Jahn, S. 614. (18) Zimmerling, S. 326. (19) Zimmerling, S. 326, 327. (20) Jahn, S. 609.

Literatur

Ameseder, Rudolf: „Ein Paris-Urteil Lukas Cranachs d. Ä. in der Landesgalerie zu Graz“, in: Repertorium für Kunst-wissenschaft, XXXIII. Band, Berlin 1910.
Biedermann, Hans: „Knaurs Lexikon der Symbole“, München 1989.
Herder Lexikon: „Symbole“, Freiburg im Breisgau 1978
Jahn, Johannes: „1472-1553 Lucas Cranach d. Ä. Das gesamte graphische Werk“, Herrsching o. J.
Lück, Reinhold: „Thermen, Mühlen und Keltenschanzen“, EFODON DOKUMENTATION Nr. 15, Rüsselsheim 1993 (vergriffen).
Ritters, Volker: „Das Relief an den Externsteinen. Ein templerisches Einweihungs-Bild als Freimaurer-Arbeitstafel“, (EFODON ME-12) Hohenpeißenberg 1997 (vergriffen).
raum&zeit Special 8 „Verborgene Geometrie. Geheimsprache und Geheimlehren in Bildern von Dürer bis Boucher“ (von Volker Ritters), EHLERS Verlag, Sauerlach 1996
Teudt, Wilhelm: „Germanische Heiligtümer“, Jena 1934.

Bildnachweis

Lucas Cranach d. Ä. „Das Urteil des Paris“: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.
Fotos und Zeichnung: © Volker Ritters


[zurück zur Übersicht] [zurück nach oben]