Den Bundesbürgern
wurde im Zuge des „Umweltbewusstseins’’, z.T. mithilfe vielfältiger unterschwelliger
Werbung, impliziert: „Umweltpapier schont unsere Umwelt!’’. Eine geschickte
Dauerberieselung durch die Medien zeitigt die gewünschte Wirkung, wie jede Werbung,
die oft genug wiederholt wird.
Diese Behauptung
wird nicht etwa belegt oder erklärt, oh nein, es reicht offensichtlich der vage
Hinweis, dass „Umweltpapier’’ aus Altpapier hergestellt werde und deshalb die
Natur schone. Warum ausgerechnet dieser Vorgang „naturfreundlich“ sein soll,
wird nicht verraten. Anscheinend soll man selbst zu der Erkenntnis kommen, es
würde die "Umwelt" weniger belasten, wenn Altpapier als Rohstoff
verwendet wird. Briefpapier und -umschläge, ja sogar ganze Bücher werden inzwischen
aus diesem minderwertigen, „umweltschonenden Umweltpapier’’ hergestellt.
Toilettenpapier wurde ja schon immer aus Abfallpapier produziert. Der
„Umweltengel’’, der auf Recycling-Briefpapieren und -Umschlägen aufgedruckt
wird, suggeriert denn auch, dass diese Papiere „umweltfreundlich’’ seien. Und
wer möchte schon gern außen vor stehen, wenn es doch um den Erhalt unserer
Umwelt geht? Zumal sich inzwischen auch die Preise denen der
„umweltschädigenden’’ Produkten angeglichen haben.
![]()
Es
sollte besser heißen: „der Müll-Industrie zuliebe die
Umwelt schädigen".
Was hat es damit auf
sich? Wird die „Umwelt’’ durch die Herstellung von „Umweltpapier’’ wirklich
geschont? Wir müssen dazu etwas tiefer in die Fachmaterie einsteigen.
Wir haben, bezogen
auf das Papier, sehr vereinfacht dargestellt, zwei Produkte: das auf herkömmliche
Art hergestellte „Qualitätspapier’’ und das minderwertige, aus „recycletem’’
Altpapier hergestellte „Umweltpapier’’.
Ich möchte hier nur
auf die Druckpapiere eingehen. Natürlich gibt es in der Papierherstellung alle
möglichen hoch- und minderwertigen Papiersorten, u.a. auch Kartonagen und Hygienepapiere.
Eine umfassende Behandlung dieser einzelnen Papiersorten würde jedoch diesen
Beitrag sprengen.

Die
doppelte Täuschung: weder umweltfreundlich noch aus 100 %
Altpapier.
Papiere gibt es in
der unterschiedlichsten Materialzusammensetzung, von holzfreien, das sind die
qualitativ hochwertigsten, bis zu holzhaltigen, den qualitativ minderwertigen,
Papieren. Dabei variiert der Holzanteil je nach Qualität (und Preis).
Papier besteht nicht
etwa nur, wie es landläufig der Bevölkerung von den „Umwelt’’-Organisationen
vorgegaukelt wird, aus schützenswerten, abgeholzten Bäumen. Qualitätspapiere
enthalten beispielsweise überhaupt keinen Holzanteil. Sie bestehen aus
Lumpenfasern (Baumwolle, Leinen, Hanf, Flachs, Ramie-Fasern. Ramie-Fasern sind
Bastfasern einer im Fernen Osten wachsenden Nesselart und eignen sich bevorzugt
zur Herstellung von Banknoten, Aktien- und ähnlichen Papieren), oder aus
Zellstoffen (aus Stroh oder Esparto [eine Grassorte]). Die nächstschlechtere
Qualitätsstufe besteht dann aus verholzten Fasern (rohe Jute, Holzschliff-Zusatz,
Halbzellstoff, Gelbstroh). Weiterhin werden für Qualitätspapiere auch synthetische
Fasern und Abfälle aus der Textilindustrie verwendet. Je besser die Qualität
eines Papiers ist, umso höher ist der Anteil an Hadern (Lumpen), d.h. an unverholzten
Fasern wie Baumwolle, Leinen und Hanf. Holzschliff ist ein minderwertiger
Rohstoff, der in der Regel nur für Zeitungs- und Zeitschriftenpapiere verwendet
wird und aus Abfällen der holzverarbeitenden Industrie (Möbel) besteht. Der
Holzschliff-Anteil in holzhaltigen Papieren kann, je nach Preis und Qualität
des Papiers, zwischen 10 und 80 % betragen.
Alle
Papier-Rohstoffe müssen in einer speziellen Art gemahlen werden, damit die Pflanzenfasern
möglichst erhalten bleiben. Unter Zugabe von großen Mengen Wasser bilden sie in
der entsprechenden Maschine einen Papierbrei, und je länger die Pflanzenfasern
sind, umso besser verfilzen sie im Papierbrei. Das ist wichtig für die
Reißfestigkeit eines Papiers. Durch einen Zusatz von verschiedenen Laugen und
unter Hitze werden die im Papierbrei befindlichen Pflanzenfasern „aufgeschlossen’’
um die Verfilzung der Fasern zu fördern.
Die meisten
Rohstoffe müssen gebleicht werden, weil sie alle ihre Naturfarben haben. Hierzu
kommen beispielsweise Chlorgas, Chlorwasser, Calcium- oder
Natriumhypochlorit-Lösungen, wässrige Chlordioxid- oder Peroxid-Lösungen zum
Einsatz.
Nun werden dem
Papierfaserbrei eine ganze Reihe von Füllstoffen zugesetzt, um dem zu produzierenden
Papier bestimmte Eigenschaften zu garantieren. Füllstoffe bestimmen die Papiertransparenz
und gleichen Unebenheiten der Papieroberfläche aus, damit ein glatteres Papier
erhalten wird. Die Geräuschlosigkeit von Programmpapier oder die Weichheit und
Geschmeidigkeit von Druckpapieren wird ebenfalls damit erreicht. Gefüllte
Papiere nehmen die Druckfarbe besser auf und ergeben beim Bilderdruck eine
plastischere Wirkung. Letztendlich werden Füllstoffe beigegeben, damit das
Papier weißer wird, beim Zigarettenpapier wird damit die Brennbarkeit geregelt
und last not least dienen Füllstoffe der Verbilligung des Papiers.
Füllstoffe bestehen
aus
- Silikaten
(kieselsauren Salzen): Kaolin, Porzellanerden, Talkum, Asbestine.
- Sulfaten
(schwefelsauren Salzen): Gipsfüllstoffen, Schwerspat, Permanentweiß.
- Karbonaten
(kohlensauren Salzen): Magnesit.
Fast
alle Papiere enthalten Farbstoffe, auch weiße Papiere. Farbstoffe garantieren
die Licht-, Alkali- und Säureechtheit eines Papiers. Es sind hauptsächlich
synthetische organische (Anilin-), aber nur selten Mineralfarbstoffe, die hier
eingesetzt werden.

Diesen
Spruch haben Sie bestimmt auch schon irgendwo
gelesen.
Weiterhin enthält
Papier Leimstoffe, die dazu dienen, dass das Papier schreibfähig wird und dass
Farbe oder Tinte nicht, wie beim Löschpapier, aufgesaugt wird. Leimstoffe verbessern
die Zug-, Falz-, Berst- und Abriebfestigkeit sowie die Radierbarkeit eines
Papiers. Hierzu werden Tier-, Wachs-, Harzleime, Kunstharze und Stärke
verwendet. Ihr Anteil liegt je nach Papierqualität bei 1-3%. Zeitungspapier
enthält übrigens kaum Leimstoffe.
Hier setzen nun die
„Umwelt-Fetischisten’’ an, weil durch die Verwendung dieser Chemikalien die
„Umwelt’’ belastet werde. Tatsächlich müssen die zur Herstellung des Papierbreies
kommenden Chemikalien mit Hilfe großer Mengen Wasser wieder aus diesem ausgewaschen
werden. Jedoch - das ist schließlich eine Kostenfrage! - filtert jede
Papierfabrik die Chemikalien wieder aus dem Abwasser heraus, um die Chemikalien
und das Wasser wieder zurück zu gewinnen. Beides wird wiederverwendet.
Die gesetzlichen
Bestimmungen verlangen überdies, dass Abwässer nur nach einwandfreier Klärung
die Papierfabriken verlassen dürfen. Dies geschieht heute mit Hilfe modernster
Abscheider und Eindicker. Abb. 1 zeigt die schematische Arbeitsweise einer
solchen Anlage.
Besteht denn das
„Recycling-Papier’’, wie es der Name aussagen will, überhaupt gänzlich aus
aufbereitetem Altpapier? Nein. Es besteht nur zum Teil daraus, und zwar aus
simplen technischen Gründen. Wieder aufbereitetes Altpapier kann nur bedingt
und als Zusatz zur Papierherstellung verwendet werden, weil die Pflanzenfasern
des Altpapiers, bedingt durch die vorhergegangene Papierherstellung, zu kurz
sind. Ein Papier, das zu 100 % aus Altpapier hergestellt werden würde, hätte
keine Festigkeit und würde zerkrümeln. Deshalb ist auch der Aufdruck mit dem
„Umweltengel’’: „umweltfreundlich, weil aus 100 % Altpapier’’, eine glatte
doppelte Täuschung des Verbrauchers.

Danke??
Sarkastischer geht es wohl nicht.
Hinzu kommt die
kostenintensive Aufbereitung des Altpapiers, die der Grund dafür war, dass
Artikel aus „Recycling-Papier’’ immer etwas teurer als qualitativ bessere
Papiere waren („Es war schon immer etwas teurer...’’). Erst durch die massive
Werbung der „Umwelt-Vereine’’ konnten diese Produkte „salonfähig’’ werden. In
den letzten Jahren konnte in der Papierherstellungsindustrie durch intensive
Rationalisierungsmaßnahmen eine preisliche Angleichung an das billiger herzustellende
„Normalpapier’’ erreicht werden. Es ist nicht damit getan, dass bei der
Papierherstellung Hölzer durch Altpapiere ersetzt werden. Altpapier muss
speziell aufbereitet werden, wozu wesentlich größere Mengen an Chemikalien
benötigt werden als für die „normale’’ Papierherstellung. Die Farben und
Füllstoffe des bedruckten Altpapiers müssen beispielsweise chemisch
herausgelöst werden, ebenso die anderen Verunreinigungen des
Altpapier-Rohstoffes wie Heftklammern. Hierbei fallen neben verschiedenen
Giften u.a. große Mengen an Blei (z.B. als Bestandteile der Druckfarben) und
anderen Schwermetallen an, die gesondert entsorgt werden müssen. Trotz dieser
chemischen Behandlung des Altpapiers können alte Farben und Papierfüllstoffe
nur teilweise herausgewaschen werden, deshalb die graue Färbung des
„Umweltpapiers’’. Es kommt natürlich noch hinzu, dass man bei der Herstellung
dieser Papierarten Bleichmittel und Färbemittel größtenteils weglässt. Dies hat
weniger optische, ästhetische, als vielmehr finanzielle Gründe. Würde man das
minderwertige Recycling-Papier auch noch „weiß machen’’, was durchaus machbar
ist, so wäre es mehr als doppelt so teuer als Papier ohne Altpapier-Zusatz.

So wird
minderwertige Ware gekennzeichnet, um sie als etwas
Besonderes zu verkaufen
Der Vorwurf, ganze
Wälder würden abgeholzt, um damit die Zeitungsproduktion zu garantieren, ist
völlig unhaltbar. Zunächst einmal eignen sich nur spezielle Baumsorten mit
langen Holzfasern, wie beispielsweise Nadelhölzer, zur Papierherstellung.
Laubbäume sind wegen ihrer Kurzfaserigkeit nur bedingt geeignet und kommen
bestenfalls zusätzlich zur Verwendung. Zur Papierproduktion werden hauptsächlich
Holzabschnitte und Holzreste verwendet, die in großen Mengen in den Sägewerken
der Möbelherstellung anfallen. Hinzu kommen die Bruchhölzer von Sturmschäden,
die nicht zur Weiterverarbeitung in Sägewerken verwendet werden können. Und
letztendlich werden ganze Landstriche mit schnellwachsenden Nadelbäumen nur zum
Zwecke der Papierherstellung bepflanzt. Diese Art des Anbaus ist vergleichbar
mit dem Anbau von Weihnachtsbäumen, die auch nur zum Zweck des Abholzens
angebaut werden. Es ist jedoch kein Abholzen von wertvollem Wald, sondern das
„Ernten’’ von angebauten Pflanzen. Niemand regt sich darüber auf, wenn ein
Landwirt seine im Frühjahr angebauten Pflanzen im Herbst aberntet. Mit diesen
speziellen „Papier-Wäldern’’ verhält es sich genauso. Man darf nicht vergessen,
dass die geschlagenen Bäume unmittelbar nach der „Ernte“ wieder neu angepflanzt
werden.

Vernünftig:
chlorfrei gebleicht. Falsch: Mit lösemittelfreien Farben bedruckt.
Farben enthalten immer Lösemittel, sonst lassen sie sich nicht
verdrucken. Richtiger muss heißen: „mit abbaubaren Lösemitteln bzw. mit Wasser
als Lösemittel versehenen Farben".
Hier haben wir wieder
einmal eine der Unwahrheiten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, und die,
wegen der Komplexität der Materie, nur die wenigsten durchschauen. Dem
Verbraucher werden Schlagworte hingeworfen und oft genug wiederholt, bis sie
als Tatsachen geglaubt werden.
Welches sind nun die
Hintergründe? Warum wird das herkömmliche Papier „verteufelt’’ und das
schlechtere Recycling-Papier „in den Himmel’’ gehoben? Niemand wird freiwillig
eine Qualitätsminderung zu höheren Preisen hinnehmen. Oder doch? Es muss also
andere Gründe dafür geben, um dies der Bevölkerung schmackhaft zu machen. Und tatsächlich:
hier haben wir knüppelharte finanzielle Gründe vorliegen, die klammheimlich in
die „schützt die arme Umwelt“-Mogelpackung gesteckt wurden, genauso wie den
Autofahrern die „Kat-Lüge’’ staatlich verordnet wurde. Während noch in den 70er
Jahren für Altpapier als Rohstoff, wenn auch Pfennigbeträge, Geld gezahlt
wurde, muss der „Altpapierproduzent“ heute für die „Entsorgung“ teuer bezahlen.
Obwohl das Altpapier als Rohstoff somit wesentlich preisgünstiger als Bruchholz
ist - es wird ja durch den „Produzenten“ subventioniert -, kann durch die kostenintensive
Aufbereitung keine kostengünstigere Herstellung von „Recycling-Papier“ erreicht
werden. Es ist jedoch eine ganze Industrie um das Altpapier entstanden, von der
Sammlung über den Abtransport, die Lagerung und den Transport bis hin zur
Weiterverarbeitung. Alle verdienen an diesem Abfallprodukt, und, wie wir wissen,
nicht schlecht. Der Gipfel der Frechheit wird erreicht, wenn die
Müllentsorgungsindustrie, wie im Raum Weilheim/Schongau passiert, an die Haushalte
Werbebroschüren verteilt, die natürlich auf „Umweltpapier’’ gedruckt sind, in
denen schlaue Ratschläge erteilt werden,
wie man weniger Müll produziere. Dass deren Werbebroschüren bereits auch wieder
Müll sind, der entsorgt werden muss, merkt wohl keiner...

Schematische Darstellung des Aufbaus und der
Arbeitsweise einer Großanlage zur Reinigung beliebig großer Wassermengen, wie
sie bei der Papierherstellung angewendet wird.
„Umwelt-’’ oder
„Recyclingpapier’’ hat also überhaupt nichts mit einem Schutz der „Umwelt’’ zu
tun, im Gegenteil, es belastet sie mehr als herkömmliches Papier, schon allein
durch die vielen Hin- und Her-Transporte. Es sind einzig und allein finanzielle
Gründe, unter dem Mantel des „Umweltschutzes’’ minderwertige Ware teuer zu
verkaufen.
Genauso raffiniert
gewählt ist der inzwischen allgemein eingeführte Begriff „Umwelt’’. Das Wort
suggeriert, dass dies die Welt um uns herum sei. Das Wort selbst schließt uns jedoch
aus, so dass wir außen vor stehen. Warum redet man nicht ehrlicher von der
„Mitwelt’’? Dieses Wort schließt den Betrachter mit ein und klammert ihn nicht
aus. Denn die Welt ist zwar um uns herum, wir sind jedoch ein Teil davon, die
Welt ist MIT uns und wir sind MIT der Welt. Wir gehören dazu. Und was wir an
unserer Mitwelt schädigen, das trifft auch uns. Auch die Verwendung von mitweltbelastendem
„Umweltpapier’’.
(Abbildungen: Gernot L. Geise)
Gernot L. Geise ist staatlich geprüfter
Techniker des Graphischen Gewerbes und hat unter anderem die Papierherstellung
studiert.