Gernot L. Geise

Der Gizeh-Komplex

© 2005 – veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 4/2005

Was kann man heute als Tourist sehen, wenn man Kairo mit den Gizeh-Komplex besucht? Man hört und liest zwar die verschiedensten Gerüchte, auch über die mysteriöse Mauer um Gizeh, deshalb wollte ich mir ein eigenes Bild davon machen und flog Anfang Juni selbst dort hin.

Die Gizeh-Pyramiden (diese Schreibweise hat sich in Deutschland eingebürgert, in Ägypten nennt man den Komplex Giza) liegen am südwestlichen Stadtrand von Kairo auf einem flachen Plateau und sind selbstredend ein gigantisches Monument. Zu Recht zählen sie zu den sieben Weltwundern. Es ist aber ein riesiger Unterschied, ob man diese Bauwerke auf Bildern oder in Filmen sieht oder ob man selbst davor steht. „Gigantisch“ ist dabei noch fast untertrieben.


In den Randbezirken von Kairo dominieren die Gizeh-Pyramiden das Stadtbild. Hier die Cheopspyramide.


Der Pyramidenkomplex

Der Pyramidenkomplex besteht aus insgesamt zehn Pyramiden, wovon heute nur noch neun erhalten sind. Die drei großen Pyramiden, die auch heute noch den Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos zugeschrieben werden, wobei die des Mykerinos die kleinste der drei Pyramiden ist, bilden natürlich die Hauptsehenswürdigkeit. Die eigentlichen Erbauer des Gizeh-Komplexes sind nach wie vor nicht bekannt, auch wenn die Ägyptologen hartnäckig auf den drei Pharaonen bestehen. Mir kommt es dabei so vor, als wenn irgendwann ein Autowrack gefunden wird und man zwar anhand der Fahrgestellnummer den letzten Besitzer herausfinden kann, dann jedoch behauptet, dieser habe das Fahrzeug entwickelt und gebaut.

Die rings um die drei großen befindlichen kleinen so genannten Königinnenpyramiden wurden sichtbar in einem anderen Stil mit kleinen Steinen erbaut und befinden sich teilweise in einem jämmerlichen Verfallszustand. Weiterhin ist das ganze Plateau mit Resten ehemaliger Gebäude übersät - u. a. dem Totentempel des Chephren -, die in der Literatur nur selten erwähnt werden. Vor der Cheopspyramide steht ein hässlicher länglicher Betonbau, in dem sich eine „Sonnenbarke“ befindet, die man am Fuß der Cheopspyramide ausgegraben hat, und die dem Pharao Cheops zugeordnet wird. Man hat inzwischen ein weiteres Boot gefunden, das jedoch noch nicht geborgen worden ist. In der Nähe der Pyramiden soll ein neues, riesiges ägyptisches Museum gebaut werden, und nach dessen Fertigstellung werden die beiden Boote dann dort ausgestellt werden.


Die Gizeh-Pyramiden. Von links: Mykerinos-Pyramide mit Königinnenpyramiden, Chephren-Pyramide, Mykerinos-Pyramide.


Als ich das Pyramidenplateau betrat, hatte ich spontan den gefühlsmäßigen Eindruck, hier nur die kleine Spitze eines riesigen „Eisblocks“ zu sehen. Sicherlich sind hier jahrhundertelang Ausgrabungen vorgenommen worden, aber es kann unmöglich schon alles ergraben worden sein. Vielleicht hat man auch unter dem Gesichtspunkt, hier ungestört weitere Untersuchungen anstellen zu können, die Hightech-Mauer um Gizeh errichtet.

Die Außenverkleidungen der Pyramiden fehlen, mit Ausnahme eines Restes an der Spitze der Chephren-Pyramide, der aus Rosenquarz-Granit besteht (und nicht etwa aus Kalkstein, wie es immer noch behauptet wird!). Von den beiden anderen Pyramiden nimmt man an, dass sie einst mit Kalksteinblöcken verkleidet gewesen seinen, die man abgetragen und teilweise zum Bau von Kairo verwendet habe.

Ob diese These jedoch stimmt, ist höchst fraglich. Soweit ich sehen konnte, wurde in Kairo zwar Sandstein verarbeitet, Kalksteinblöcke sah ich hingegen keinen einzigen. Das passt wiederum zu der Untersuchung, die der Steinfachmann Dieter Vogl schon in den Neunzigerjahren angestellt hat („Das Baumaterial der Cheops-Pyramide“, EFODON-DOKUMENTATION DO-39), wonach Kalkstein für eine Pyramidenverkleidung absolut ungeeignet ist, weil die unteren Lagen durch das riesige aufliegende Gewicht regelrecht zerbröseln müssten, während die weiße Farbe von Kalkstein bereits nach mehreren Jahren Witterungseinfluss ihre strahlende Schönheit eingebüßt hätte. Wie passt das zu Bauwerken, die „für die Ewigkeit“ gebaut wurden?

Ob die untere Lage der Cheopspyramide, von der noch einige Steine erhalten sind, von denen es heißt, es seien die Reste der ehemaligen Verkleidung, überhaupt dieser zuzuordnen sind, ist zumindest fraglich. Wenn man sich jahrhundertelang der Pyramiden als Steinbrüche bedient hatte, so hätte man logischerweise zunächst diese Steine entfernt, ehe man höher gelegene abbaute.


Cheopspyramide

Der Autor vor der Cheopspyramide


Die Cheops- und die Chephren-Pyramide können innen besichtigt werden, der Eintritt kostet für die Cheopspyramide hundert ägyptische Pfund (d. i. ca. 15 Euro), für die Chephren-Pyramide zwanzig ägyptische Pfund (d. i. ca. 3 Euro). Für beide Pyramiden wird täglich nur eine limitierte Besucherzahl zugelassen, es kann also zu Zeiten des größten Touristenstroms passieren, dass man zu spät kommt und nicht mehr eingelassen wird. Fotografieren oder Filmen ist innerhalb der Pyramiden heute leider verboten, Kameras müssen am Zugang abgegeben werden. Allerdings wird man vom Inneren der Pyramiden enttäuscht sein, denn man kann darin kaum noch etwas besichtigen.

Eine der größten unbeantworteten Fragen ist immer noch, wie man die tonnenschweren Steinblöcke transportiert und dann millimetergenau aufeinander getürmt hat. Wenn man unmittelbar vor dieser gigantischen Steinaufhäufung steht, werden alle Theorien illusorisch, dass man hier mit irgendwelchen Holzgerüsten gearbeitet haben könnte. Den Transport oder den Hebevorgang dieser schweren Klötze hätte kein Holzgerüst überstanden, vielleicht für ein, zwei Blöcke, aber dann wäre es zerbröselt.

Allein der Transport der tonnenschweren Blöcke wäre heute nur mit Spezial-Tiefladern möglich, für die allerdings speziell befestigte Straßen mit verstärktem Unterbau angelegt werden müssten, denn sie können beladen nicht auf normalen Straßen fahren, geschweige denn durch Wüstensand. Dabei wäre aber immer noch die Frage offen, wie die tausenden Blöcke millimetergenau aufeinander gesetzt wurden.

Wer auch immer dieses Logistikproblem gelöst hatte, das Wissen um den problemlosen Transport auch schwerster Steinblöcke müssen auch spätere Pharaonen bzw. deren Fachleute noch gekannt haben, denn die riesigen Säulen, Obelisken oder Kolossalstatuen der Tempel aus allen pharaonischen Zeiten sind ja vorhanden - also dorthin transportiert worden - und stehen großenteils noch.

In der Cheopspyramide

Ich entschloss mich, die einst 146 Meter (heute nur noch rund 137 Meter) hohe Cheopspyramide auch innen zu besichtigen. Der Zugang erfolgt über den Stollen, den der Kalif Mamoun im 9. Jahrhundert in die Pyramide geschlagen hat, während der originale Zugang, der damals hinter Verkleidungssteinen verborgen war, heute verschlossen ist.

Man kommt zum Aufsteigenden Gang, der mit einer Höhe von rund 1,20 Metern nur gebückt begangen werden kann. Wenn man die rund vierzig Meter in gebückter Haltung über eine Art Hühnerleiter, die auf dem stufenlosen Boden befestigt ist, endlich zurückgelegt hat, kommt man in die Große Galerie, die sich im gleichen Winkel nach oben fortsetzt.

Die Große Galerie wirkt - insbesondere nach der Kriechtour durch den Aufsteigenden Gang - gigantisch, wie ein großes Kirchenschiff. Und nun kommt die erste Enttäuschung: Der Zugang zur so genannten Königinnenkammer, der sich am Fuß der Großen Galerie befindet, ist durch ein Gitter und große Vorhängeschlösser verschlossen.

Die Große Galerie zeigt trotz ihrer Erhabenheit sehr deutliche Verfallsspuren, was darauf hin deutet, dass man in der Zeit seit der Öffnung der Pyramide nicht gerade zimperlich mit ihr umgegangen ist. Wer eine Taschenlampe mitgenommen hat, kann hier jedoch noch sehr gut erkennen, mit welcher unglaublichen Präzision die glatten Granitquader der Seitenwände verbaut wurden. Es ist kaum vorstellbar, dass es heutigen Spezialisten gelänge, metergroße Blöcke derart genau zu bearbeiten, dass sie ohne Zwischenraum passgenau aufeinander liegen wie hier. Der oft benutzte Vergleich, man könne keine Rasierklinge zwischen die Blöcke schieben, ist noch stark übertrieben. Es ist überhaupt kein Zwischenraum vorhanden, man erkennt nur eine hauchdünne Linie, wo zwei Blöcke aneinander sitzen. Wie dies vollbracht wurde, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Es stellt auch einen deutlich sichtbaren Unterschied zu den verbauten Außenblöcken dar, die vergleichsweise lieblos aufgehäuft erscheinen und nur grob behauen sind, was wohl auch völlig ausreichend war, wenn ursprünglich noch eine zusätzliche geglättete Außenverkleidung aufgebracht war.


Das Gizeh-Plateau, gesehen von der Cheopspyramide. Von einer Mauer ist hier für die Touristen nirgends etwas zu sehen.


Auch die Große Galerie enthält am Fußboden eine Art Hühnerleiter zum Aufstieg, zur Hilfe sind zusätzlich Geländer angebracht. Nach rund 47 Metern erreicht man einen kleinen Korridor, der nur wenig höher als einen Meter ist und nach rund sieben Metern in eine enge Vorkammer zur so genannten Königskammer führt. Hier kann man auch die mächtigen so genannten Verschlusssteine sehen, deren Zweck bisher unbekannt ist, da sie zwar seitlich in Führungen verlaufen, jedoch den Gang niemals ganz abschließen konnten, denn ihre seitliche Auflage befindet sich in rund einem Meter Höhe.

Die so genannte Königskammer ist ein rechteckiger, völlig schmuckloser Raum von rund fünf auf zehn Metern und rund sechs Metern Höhe. Die Wände sind glatt verarbeitet, in der Südwand befindet sich das unregelmäßige Loch eines Luftschachts, das mit einem Gebläse zur Entlüftung versehen ist.

In der Kammer steht der leere Granitsarkophag (ca. 2 x 1 x 1 Meter), der an einer Ecke beschädigt ist. Die in der Literatur immer wieder vertretene (voneinander abgeschriebene) Ansicht, die Wände des Sarkophags seien spiegelglatt bearbeitet, ist schlichtweg falsch. Wenn man mit der Taschenlampe an seinen Wänden entlang leuchtet, sind auch heute noch deutliche Bearbeitungsspuren von einer Art Säge zu erkennen.

Über der Königskammer befinden sich die so genannten Entlastungskammern, von denen in der Königskammer allerdings nichts zu sehen ist. Auch außerhalb ist kein Zugang dorthin erkennbar. In der Decke der Königskammer befinden sich jedoch vereinzelt Risse, die zum Teil mit Metallklammern versehen wurden, wobei man sich fragen muss, was einige kleine Klammern bei den Gewichten der verbauten Granitblöcke eigentlich halten sollen?

Obwohl keine Aufsichtsperson mit in die Pyramide gekommen war (das ständige Auf- und Absteigen wird wohl eine zu große Anstrengung sein), befinden sich überall an den Wänden Überwachungskameras.

Das ist im Prinzip alles, was ein Besucher in der Pyramide heute noch zu sehen bekommt. Alle anderen Gänge und Schächte sind durch starke Metallgitter und Vorhängeschlösser versperrt.

Die Temperatur innerhalb liegt bei geschätzten zwanzig bis fünfundzwanzig Grad (im Gegensatz zu der Temperatur außerhalb, die weit über vierzig Grad beträgt), allerdings ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch, sodass man schwitzt wie in einer Sauna.

Irgendwelche „esoterischen“ Gefühle konnte ich nicht feststellen, allerdings hatte ich nach der Rückkehr zum Ausgang rund eine halbe Stunde Kreislaufstörungen, obwohl ich damit sonst keine Probleme habe.


Wenn man darauf achtet, kann man die unauffällig wirkende Gizeh-Mauer schon während der Fahrt zu den Pyramiden erkennen. Hier im Hintergrund.


Die Mauer

Über die rund sieben Meter hohe Mauer, die in den letzten Jahren um das Gizeh-Plateau gebaut worden ist, ranken sich nach wie vor viele Spekulationen. Das kommt wohl daher, weil sie unauffällig gebaut wurde und von den Touristen nur dann in der Entfernung gesehen werden kann, wenn man sich bis zum abschüssigen Rand des Gizeh-Plateaus begibt. Ein weiterer Grund dürfte in ihrer Höhe bestehen und in ihrer frappierenden Ähnlichkeit zu der Mauer zwischen Israel und Palästina. Die Mauer besteht aus aneinander gefügten Fertigbetonplatten, auf die ein Metallgitter aufgesetzt ist. Offiziell wird sie bisher ignoriert und nicht erwähnt, obwohl sie offenbar mit dem künftigen neuen ägyptischen Museum zusammenhängt. Ist dieses erst einmal vollendet, wird man den Gizeh-Komplex wohl komplett für Touristen sperren und kann dann ungestört und unbeaufsichtigt in aller Ruhe weitere Ausgrabungen und Untersuchungen vornehmen, deren Ergebnisse dann nicht unbedingt der Öffentlichkeit mitgeteilt werden.


So viel sieht man in Sekundenbruchteilen während der Busfahrt von der Gizeh-Mauer.


Das neue ägyptische Museum soll das größte Museum der Welt werden und dann auch die Fundstücke des bisherigen Ägyptischen Museums in Kairo aufnehmen. Dieses ist schon seit geraumer Zeit viel zu klein geworden, weshalb trotz seiner relativen Größe für die Besucher immer nur eine sehr geringe Menge von Objekten gezeigt werden kann. Unser einheimischer Reiseführer sprach von rund zwei Prozent dort ausgestellter Objekte, während die restlichen 98 Prozent irgendwo eingelagert bzw. teilweise für andere Ausstellungen ausgeliehen worden seien. Mit dem neuen Museum hofft man, den größten Teil - wenn nicht alles - der vorhandenen Fundstücke ausstellen zu können.


Teilstück der Gizeh-Mauer, aufgenommen vom Rand des Gizeh-Plateaus. Man muss schon bis zum Rand gehen, um sie sehen zu können.


Über die Gizeh-Mauer haben am Ausführlichsten und Genauesten die beiden Autoren Armin Risi und Rico Paganini („Die Giza-Mauer“) recherchiert (siehe Buchbeschreibung in SYNESIS Nr. 3/2005). Sie dokumentierten auch den Hightech-Aspekt der Mauer, weil innerhalb der Betonplatten Rohre und Kabel verlegt sind.


Vom Rand des Gizeh-Plateaus aus sieht man die Gizeh-Mauer, die hier den Stadtrand Kairos begrenzt.


Dass an der Mauer Soldaten patrouillieren, hat weniger etwas damit zu tun, dass diese geschützt werden soll. In Ägypten sieht man ganz allgemein sehr viel Militär und bewaffnete Polizisten auf den Straßen. Das hängt schlicht und einfach damit zusammen, dass man Angst vor irgendwelchen terroristischen Anschlägen hat, die sich sofort auf den Tourismus auswirken würden. Letztendlich ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens. Demgemäß sind Soldaten und Polizisten zu Touristen überaus freundlich und hilfsbereit. Wie sehr sich der Terrorismus auf den Tourismus auswirkt, konnte ich erkennen, denn etwa drei Monate vorher gab es zwei Anschläge, und nach Aussage unseres Reiseführers ist seither der Tourismus um etwa die Hälfte zurückgegangen.

Die Mauer begrenzt den Stadtrand von Kairo, was unbedingt sinnvoll ist, weil er sich sonst unkontrolliert weiter in Richtung auf die Pyramiden ausbreiten würde. In Ägypten herrschen andere Verhältnisse als bei uns. Jeder baut seine Hütte dorthin, wo Platz ist. Ich hatte auch einige vereinzelte Wachtürme erkennen können, was übrigens ebenfalls nicht ungewöhnlich ist. Auch beispielsweise am Rand von Überlandstraßen befinden sich bei Kontrollstellen militärisch genutzte Wachtürme. Wie weit sich die Mauer weiter in die Wüste erstreckt, konnte ich nicht nachprüfen. Nach Risi und Paganini soll sie ein riesiges Gebiet umzäunen. Man darf also nach wie vor über ihren künftigen Verwendungszweck spekulieren.

(Fotos © Gernot L. Geise)


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