Jetzt wissen wir, wie die Pyramiden (nicht) gebaut wurden!

© 1997 Gernot L. Geise; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 22/1997

Es geistert mal wieder durch die Presse, und diese nimmt es begeistert auf, hat man doch endlich wieder eine neue Theorie gefunden, wie die tonnenschweren Steinquader zur Baustelle transportiert worden sein sollen, die beim Bau der Gizeh-Pyramiden Verwendung fanden.

Ein britischer „Experte“ der Universität Cambridge, Dr. Dick Parry, hat eine alte Theorie ausgegraben und sie als neue verkauft. Und alle, alle sind am Jubeln, wie etwa „Bild“: „Ein Wissenschaftler fand die Lösung“.

Um was geht es? Dr. Parry stellt die Theorie auf, die Ägypter hätten links und rechts um jeden zu transportierenden Stein vier Wippen befestigt und damit die Steine rollen können. Als „Beweis“ für seine Theorie legt er vor, Archäologen hätten bei den Pyramiden eine Wippe gefunden. Wie gesagt, ist diese Theorie durchaus nicht neu. Sie wurde bereits in den siebziger Jahren entworfen, geriet jedoch - wie ich meine: zu Recht - wieder in Vergessenheit. Sogar Erich von Däniken hat sie in einem seiner Bücher zitiert. Unten sehen Sie die Konstruktion, wie sie ausgesehen und funktioniert haben soll: Links und rechts um die an dem Steinquader befestigten Wippen seien Seile aufgerollt gewesen, wobei dann nur rund zwanzig Männer benötigt worden wären, um einen solchen Steinblock dorthin zu rollen, wo er benötigt wurde. Weiterhin wären mit dieser Methode wesentlich steilere Rampen möglich gewesen als bei den bisherigen Vorstellungen, wobei wir wieder bei der „Rampen-Theorie“ wären, die schon längst ad absurdum geführt wurde, weil sich deren Baumaterial in Luft aufgelöst haben müsste.


So stellt sich Dr. Parry von der Universität Cambridge den Transport der Steinquader vor, mit denen die Gizeh-Pyramiden erbaut wurden (Bild vom 22.03.97)


Ich nehme an, dass Dr. Parry nicht nur einen „Faschingsscherz“ losgelassen hat, sondern sich seine Gedanken machte und alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gegeneinander abwägte, ehe er seine „Lösung“ öffentlich kundtat. Umso mehr muss es erstaunen, dass er - obwohl er angeblich seine Theorie ausprobiert hat - nicht gemerkt haben soll, wie unsinnig sie ist.

Die erste Unmöglichkeit: Es wären acht Wippen pro Steinblock benötigt worden. Voraussetzung wäre jedoch, dass ausnahmslos alle zu transportierenden Steinblöcke die gleiche Größe hätten, sonst hätte ein Lager mit einer Unmenge unterschiedlich großer Wippen angelegt gewesen sein müssen.

Die verwendeten Steinblöcke der Gizeh-Pyramiden sind jedoch durchaus unterschiedlich groß.

Die zweite Unmöglichkeit: Holz war ein ausgesprochen kostbares Material, das zu altägyptischen Zeiten - beispielsweise für den Schiffsbau - für teures Geld aus dem Ausland importiert werden musste. Geht man von einheitlichen Steinblöcken aus, und von nur einer Wippen-Größe, so wären trotzdem tausende dieser Geräte benötigt worden.
Hinzu kommt, dass diese Holzkonstruktionen, bedingt durch das riesige Gewicht der Steinblöcke, einem enormen Materialverschleiß unterlegen wären.

Die dritte Unmöglichkeit: Auf der linken und rechten Seite sollen Seile aufgewickelt gewesen sein, mit denen die Zugmannschaft die Blöcke bewegt hätte. War Dr. Parry sich nicht dessen bewusst, dass bei einer solchen Roll-Methode zusätzlich noch das nicht unwesentliche Gewicht der Seile zum Steingewicht hinzugekommen wäre? Wie dick sollen die Taue eigentlich gewesen sein, um einen bis zu zweihundert Tonnen schweren Steinblock bewegen zu können? (Parry geht jedoch nur von 2,5 Tonnen schweren Steinen aus. Wie sind dann aber die schwereren transportiert worden?) Steinblöcke, die mit unseren heutigen Lastwagen nicht transportiert werden können, nur mit Spezialfahrzeugen.

Die vierte Unmöglichkeit: Ein Steinblock - egal wie leicht oder schwer - lässt sich auf die geschilderte Weise nur einige Meter bewegen, denn dann sind die Seile abgerollt, und man hätte sie wieder neu um die beiden Wippenseiten aufwickeln müssen. Das bedeutet, der Steinblock hätte dazu auf beiden Seiten angehoben werden müssen.

Die fünfte Unmöglichkeit: Das Gewicht des Steinblocks hätte von den relativ schmalen Seitenteilen der Wippen getragen werden müssen, was einen relativ massiven Untergrund voraussetzen würde. Mit den postulierten Schotter-Rampen oder Lehmstraßen für den Transport wäre hier nichts zu machen gewesen. Und durch den an Ort und Stelle vorhandenen Sandboden lässt sich kein Steinblock rollen. Man versuche selbst einmal, mit einem Fahrrad durch Sand zu fahren!

Das ist bei weitem nicht alles, was an dieser Theorie unerklärt bleibt: Wie sollen die Wippen-Seitenteile an den zu transportierenden Steinblöcken befestigt worden sein? Es musste schließlich eine Befestigungsmethode gewesen sein, die eine Wiederverwendung der Holzteile möglich machte.

Mein Resümee: Dr. Parry kann seine Vorstellungen nicht in der Praxis erprobt haben, sonst wäre es ihm aufgefallen, welchen Unsinn er hier vertritt. Muss da erst ein Laie in Sachen Ägyptologie - wie ich einer bin - kommen, um die Unmöglichkeiten zu bemerken?

Diese „neue“ Theorie wäre amüsant, wenn es nicht so traurig wäre, dass immer noch die unmöglichsten Theorien aufgestellt werden, wie der Steintransport vonstatten gegangen sein soll. Es läuft immer wieder darauf hinaus, dass man einfach nicht von den Altägyptern als Baumeister der Gizeh-Pyramiden loskommt. Dabei ist es doch so offensichtlich: Wenn wir mit unserer Hochtechnologie nicht in der Lage sind, eine solche Pyramide mit derselben Präzision nachzubauen, dann konnten es die Altägypter mit ihrer relativ einfachen Technik schon gar nicht!

Wie schon dargelegt (1), wurden die verwendeten Steine offensichtlich mit einer Art Plasmaschneider zurechtgeschnitten. Wer jedoch eine solche Technik einsetzen kann, der kennt auch Transportmethoden, von denen wir uns heute nichts träumen lassen. Jede Spekulation, wie altägyptische Fellachen Steinquader gezerrt, geschleppt oder gerollt haben sollen, ist rein hypothetisch, weil sie nicht zutreffen kann.

Die Gizeh-Pyramiden wurden von Menschen einer Hochtechnologiestufe errichtet, gegen die wir - technisch gesehen - erst in den Kinderschuhen stecken. Die Archäologie verneint zwar vehement das ehemalige Vorhandensein einer solchen Kultur auf unserer Erde, doch vielleicht wird sie doch noch gefunden. Sind die entdeckten Unterwasser-Anlagen (2) bei Okinawa ein erster Hinweis darauf?

Ich bin davon überzeugt, dass wir noch lange nicht alles über unsere geheimnisvolle Vorgeschichte wissen!

 

Anmerkungen

1. Hierzu vgl. Dieter Vogl: „Das Pyramidenmaterial von Gizeh, gesehen mit den Augen eines Cavatori“, in: SYNESIS Nr. 19; ders. „Das Stabilitätsproblem der Cheopspyramide“, in: SYNESIS Nr. 20; Gernot L. Geise: „Die Pyramiden von Gizeh wurden nicht von Altägyptern erbaut“, in: SYNESIS Nr. 20.

2. Hierzu vgl. den Beitrag von Frank Joseph: „»Mu« gefunden?“ (SYNESIS Nr. 22/1997)!


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