© 1994 Inga Bötel
Eine Erklärung der Keltenschanzen?
Bis zum 31. Oktober 1994 lief im Heuneburgmuseum in Herbertingen-Hundersingen (Lkr. Sigmaringen, siehe Kartenskizze) eine Ausstellung über »spätkeltische Viereckschanzen an der Donau und in Oberschwaben«. Gegen ein Eintrittsgeld von DM 3,- konnte sich der geneigte Besucher im oberen Stockwerk des Museums etwa fünfzehn Tafeln ansehen, die ihm klar und übersichtlich einen ersten Eindruck über besagte Keltenschanzen vermitteln sollten.

Die ersten Tafeln zeigten zwei, drei Luftbildaufnahmen, auf denen man »zufällig« einige Schanzen entdeckte. Beeindruckend für mich war dabei, wie deutlich sich die Umrisse in den seit mehreren Jahrzehnten mit Kunstdünger und Hochtechnik bearbeiteten Äckern abzeichneten.
Eine weitere Tafel zeigte bestimmte
Kennzeichen der Schanzen. Dabei wurden folgende Aussagen über die
Keltenschanzen gemacht, wie beispielsweise:
•
Keltenschanzen sind nicht an bestimmte Geländeformen gebunden,
•
ausgesprochen militärische Positionen fehlen,
• die Formen sind leicht unregelmäßig,
sie nähern sich einem Rechteck oder Quadrat,
•
der Graben ist durchgehend, die Ecken sind scharf geschnitten,
• Überhöhungen der Wall-Eckbereiche,
• nur ein Zugang, etwa in einer
Seitenmitte gelegen, jedoch niemals nach Norden,
• Zugang über eine Brücke.
Aufgeführt sind auch sehr interessante
Namen der Schanzen in dieser Gegend: etwa »Ruchenholz,
Speckhau, oberer Tannenwald, Kreuzbühl, im Durchgang, Höllflau,
Junkersghau, Hardt, Langhau, Gertholz. Klinge, Schlichten, Schloßbühl,
Schelmburg, Hagbrunnen, Schanzgrubenhau«. (Hervorhebung von mir).
Dann folgten die Tafeln mit den großen
Fragezeichen:
• HEILIGTÜMER? Dazu gab es Zitate von Caesar,
die mit Schanzen rein gar nichts zu tun hatten, aber auch gezeichnete
Karikaturen des 19. Jahrhunderts zu Menschenopfern. Fazit: »... rituelle
Vorschriften könnten maßgebend gewesen sein« und »... um seiner
Kulthandlung nachzugehen, grenzt der Augur aus dem weltlichen Umfeld ein
Viereck ab. Die Viereckschanzen waren somit mit dem keltischen Druidentum
verknüpft, dessen religiösen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rang antike
Schriftquellen andeuten. Rechteckige Kultplätze sind jedoch nicht genannt.« Klingt das etwa nicht logisch?
• AHNENKULT?
»Löst man sich von der Heiligkeitsvorstellung der Schanzen, so darf die Frage
gestellt werden, ob nicht eine Siedelgemeinschaft bewusst die Nähe zu
Grabhügeln wählte, um ihre Verbundenheit mit den Ahnen auszudrücken ...«

Stele vor dem
Heuneburgmuseum

Tafel mit Fundstücken aus der Keltenschanze in Schmiden bei Stuttgart.
• OPFERSCHÄCHTE? Die sieben, zwanzig und
fünfunddreißig Meter tiefen Schächte werden aufgrund von brandhaltigen
Einfüllungen mit Phosphat-Rückständen (von Blut- und Fleischopfern) als solche
erkannt.
Und endlich begannen die Daten,
Fakten usw.:
Tafel 7 zeigte Details von der Keltenschanze in Schmiden (bei Stuttgart/Waiblingen): Im 20 m tiefen Schacht, der mit Tiermist gefüllt war, entdeckte man eine Holzbohle, zwei geschnitzte Ziegenböcke, jeweils mit einer Hand und einem geschnitzten Hirsch (Cerunnus - dem Hirschgott - geweiht?) (siehe Foto). Die Schnitzereien weisen noch geringe Farbspuren auf. Man folgerte daraus, dass sie vielleicht einen Brunnen kunstvoll verzierten.
Die restlichen sieben Tafeln zeigten lauter Bauspuren, Grabungsergebnisse in Form von Daten, messbarer Wissenschaft - doch wo bleibt oder entsteht daraus ein Sinn?
Die letzte
Tafel zeigte denn noch Funde von Gefäßen, ein Kleinkindergrab, Grubenhäuser mit
Schmiedeschlacke und Handwerksreste.
Großes Fazit
der ganzen Ausstellung:
»Indizien sprechen dafür, Viereckschanzen als ländliche Siedlung anzusehen. Als Herrenhof gedeutet, könnten sie gesellschaftliches, wirtschaftliches, religiöses und rechtliches Zentrum im ländlichen Raum sein.«
Dem
interessierten Bürger wird ein recht einseitiges, dafür aber wissenschaftlich
fundiertes Bild gezeigt, das von Energien, Kräften oder Gefühlen - ob religiös
oder freudig mettrunken - natürlich nichts weiß. Es ist schon seltsam: Entweder
soll etwas weiß-der-Himmel-wie heilig sein, oder recht gewöhnlich. Dass damals
die Menschen ihren Glauben, ihre Rückbindung und ihre Religion vom Alltag (wie
unsereins) nicht trennten, sondern ihr ganzes Leben eine Einbindung in die
lebende Natur war, kann man/frau von heute schwer visualisieren, geschweige
denn Herr Doktor oder Professor. Und so kommt der Eindruck zustande, Schanzen
seien »bloß« eine ganz normale ländliche Siedlung mit einer Durchschnittsgröße
von 80 x 90 Metern gewesen. Na denn, prost!

Rechts unten »Opferszene und Kultbaum«: ein liegender Lebensbaum, links
davor ein Mann, der ein Kind opfert.

Die Tafel mit den Fragezeichen.
(Fotos:
Inga Bötel. Karte: GLG)
(Veröffentlicht in EFODON NEWS Nr. 22/1994)