PECUS - PECUNIA
Über den Vegetarismus
(c) 1998 Karlheinz Baumgartl
In unserer heutigen Zeit, in der sich die Schreckensmeldungen über mit Chemikalien vergiftetem Fleisch, Rinderwahnsinn, Schweinepest usw. gegenseitig ablösen, sollten wir uns Gedanken machen, warum wir eigentlich noch Fleisch essen. Mit gutem Gewissen ist das heute sowieso nicht mehr möglich. Karlheinz Baumgartl hat einige wesentliche Punkte zusammengestellt.
Der Vegetarismus ist eine beachtenswerte Lebensanschauung. Vegetarisch zu leben heißt, zunächst auf Produkte vom getöteten Tier (z.B. Fleisch) zu verzichten. Diese Einstellung wird verschieden begründet:
1) Der gesundheitliche Gesichtspunkt
Ursprünglich war der Mensch Vegetarier. Er lebte von Pflanzen, Früchten, Samen, Wurzeln. Sein Gebiß und seine Organe sind in Jahrmillionen auf diese Ernährungsweise ausgerichtet. Zum Raubtier (Fleischgenuß) fehlen dem Menschen die Voraussetzungen. ,,Vegetabil” heißt belebend. Der radikale Vegetarismus lehnt sogar erhitzte (gekochte, gebackene) Nahrung ab, weil diese dadurch biologisch inaktiviert wird und somit nicht mehr beleben kann.
2) Der ethische Vegetarismus
Demnach hat der Mensch kein Recht, Tiere auszubeuten und zu töten. Es besteht hierzu auch keine Notwendigkeit. Die Tiere gehören genauso in eine ökologische Ordnung wie alles in der Natur, einschließlich dem Menschen. Die Schlachthöfe sind Stätten der Grausamkeit gefühlloser und gedankenloser Menschen. Kein Kind würde solche Grausamkeit ertragen. Deshalb zeigen die fleischessenden Erwachsenen ihren Kindern solche Stätten nicht. Die Schulen machen einen großen Umweg um die Schlachthöfe.
3) Der ökonomische Vegetarismus
Merkwürdigerweise wird dieser Gesichtspunkt meistens ignoriert. Die Vegetarier selber stellen diesen Sachverhalt hintenan. Der Grund dafür ist die politische Brisanz, die dieser Gedanke enthält. Davon soll hier besonders die Rede sein.
Die Fleisch- und Viehwirtschaft ist die unwirtschaftlichste Form der Volkswirtschaft. Der Vegetarismus ist die wirtschaftlichste Form: von der Landfläche, die eine Kuh ernährt, kann man zehn Menschen gesund ernähren. Rechnet man sich diesen Gedanken durch, dann kommt man zu dem verblüffenden Ergebnis, daß allein aus der Landfläche Bayerns ganz Deutschland ausreichend und gesund ernährt werden könnte. Bedenkt man dazu die bessere gesundheitliche Verfassung der Menschen bei vegetarischer Lebensweise, so erkennen wir unschwer die ungeheure Tragweite für die Zukunft der durch Hunger und Krankheit bedrohten Menschheit. Der Vegetarismus ist eine echte Alternative, und man muß sich fragen, warum diese naheliegende Lösung nicht weltumgreifend angestrebt wird.
Die politische Brisanz dieses Gedankens wird offenbar. Unser Grund und Boden wird weitgehend fehlgenutzt durch Anbauflächen für Viehfutter und Weideland. So gesehen liegen die größten Teile der nutzbaren Flächen brach, und das seit langer Zeit. Nur ein winziger Teil wird intensiv für Gartenbau genutzt. Damit werden die Behauptungen der Politiker von notwendigem ,,Lebensraum” oder von notwendigen Spenden für die Gebiete von Hungersnöten ad absurdum geführt. Die Nöte auf der Erde sind unnötig. Die Politiker täuschen uns, bzw. sie verschweigen die Ursache. Die Ursache dieser skandalösen Fehlnutzung des Landes liegt in dem falschen Bodenrecht. Und genau da sind wir bei der politischen Brisanz des Gedankens.
Mit dem Vieh wurde von je her das große Geld gemacht. Durch das viele Fleisch, das man vermarkten konnte, mit den vielen Folgeartikeln aus der Viehvermarktung, wurden riesige Landflächen benötigt. Dafür wurde Wald gerodet, der Mensch und Tier Schutz geben könnte. Und damit wurden die Reichen immer reicher. Der Grundbesitz konzentrierte sich mit der Zeit auf immer weniger Menschen, die zu Großgrundbesitzern wurden. - Und wer das Geld hatte, der hatte die Macht, und wer die Macht hatte, der übte Macht aus.
Pecus (lateinisch) heißt das Vieh. Pecunia (lat.) heißt das Geld. Mit dem Tier wird das schnelle Geld gemacht. An der Fleisch- und Viehwirtschaft hängt ein ganzes Bündel von Industrien. Die Entwicklung differenzierte sich. Mit der Technik wurden die Produktionen effektiver, durch die Arbeitsteilung wurden die Verhältnisse undurchsichtig. Das Geldwesen erlaubte die Geldanlage im Grundbesitz. Die Großgrundbesitzer mit ihren eigenen Jagden und Verpachtungen benötigten nicht mehr unbedingt den Viehreichtum, praktischer für sie wurde nun die Börse. Die Aktie ersetzte den Viehbesitz. Die Verhältnisse wurden immer verwickelter, aber die Basis ist geblieben: das Volk ernährt sich in der großen Mehrheit von Tierprodukten. Die daraus entstehenden Krankheiten werden behandelt mit pharmazeutischen Produkten, die durch Tierversuche entwickelt worden sind. Dieser Mißstand ist inzwischen durchgreifend und hat die Gesellschaft geprägt. Man spricht kaum über den industrialisierten Tiermord, kaum über das Leid der Tiere (Schlachthöfe sind tabu) und man ignoriert den skandalösen Mißbrauch von Grund und Boden. Man schaue sich gründlich um in der Gesellschaft, wer mit was das Geld macht, woher das viele Fleisch kommt und wohin die Subventionen fließen. Das unsagbare Leid der Tiere und die daraus resultierende Not der Menschen ... wen interessiert das?
Heute ist der größte Grundbesitzer der westlichen Welt jene Organisation, die man unter der Bezeichnung ,,römisch-katholische Kirche” versteht. Die Männerbünde von Rom hatten sich einst zum Ziel gesetzt, ganz Europa zu missionieren. Und wer Europa beherrschte, der hatte die Weltmacht. Unter dem Deckmantel der christlichen Ideologie breitete sich der Kapitalismus aus, das Geldwesen, und später das Bankenwesen. Der Anfang war der Viehreichtum und damit der übermäßige Anspruch auf Grundbesitz. Schon im 5. Jahrhundert war der Bischof von Rom der größte Grundbesitzer. Und über den Großgrundbesitz entwickelte diese Organisation mit der Zeit ihre Macht. Die Kirche und ihre Könige herrschten im Mittelalter willkürlich aus dieser Machtposition. Die Großgrundbesitzer ,,verliehen” ihr Land - gegen hohe Abgaben, versteht sich. Die eigentlichen Bearbeiter des Bodens, die Bauern, wurden zu Leibeigenen. Dieses Bodenrecht war ein römisches Recht, von Rom her war es importiert worden. Und das römische Bodenrecht ist die Grundlage der Versklavung der Völker.
Im alten Germanien hat es nie eine Sklaverei gegeben. Es gab das freie Bodennutzungsrecht, das den jungen Menschen kostenfrei das Land gab, aus dem sie das Lebensnotwendige erwirtschaften konnten. Die germanischen Markgenossenschaften verstanden sich nicht als Eigentümer, sondern als Verwalter von Grund und Boden. Dieses freie Bodennutzungsrecht wurde mit der Zeit geändert in das römische Bodeneigentumsrecht. Jetzt konnte man sich zwar Land kaufen, geriet aber dadurch in die Abhängigkeit der geldherausgebenden Mächte. Fast die ganze europäische Geschichte des Mittelalters stand unter der Gewalt der römischen Männerbünde. Sie entwickelten das Privileg des Bodeneigentums, das sie mit Waffengewalt verteidigen ließen. Den Unternehmen zur Anhäufung von Reichtum wurde ein religiöses Mäntelchen umgehängt. Die Menschen wehrten sich gegen das neue Bodenrecht. Überall in Europa kam es zu Bauernaufständen. Und überall wurden diese blutig zusammengeschlagen, ihre Anführer liquidiert. Der Bauernkrieg ging letztlich verloren. Im dreißigjährigen Krieg fiel der letzte Rest der altgermanischen Siedlungsordnung. - Heute ist das römische Recht festgeschrieben.
Diese wichtigen Zusammenhänge werden ignoriert und verschwiegen. Die Machtverhältnisse lassen die Vernunft nicht zu. Schon im Dritten Reich wäre es möglich gewesen, sich darauf zu besinnen. Statt ,,Lebensraum” im Osten zu fordern, wäre ein ökonomisch-vegetarisches Programm revolutionär und vor allem realisierbar gewesen. Stattdessen hat man mit dem größten Grundbesitzer konkordiert, mit der römisch-paulinischen Kirche. Die Zeit nach den Kriegen war und ist erst recht nicht an einer Bodenreform interessiert. Nicht einmal die politisch Grünen besinnen sich auf einen ökonomischen Vegetarismus. Es ist die volle Machtentfaltung der Männerbünde, die inzwischen nicht nur die Kirchen beherrschen, sondern alle Einrichtungen, wo Geld gemacht wird.
Wir leben in einer Diktatur des Geldes.
Literatur
Walter Sommer: ,,Das Urgesetz der natürlichen Ernährung”, Ahrensburg/Holstein 1972; davon die Kurzfassung:
Karlheinz Baumgartl: ,,Der erste Schritt aus dem Teufelskreis - Gedanken zur Lebensschulung nach Walter Sommer (1887-1985)“, Zeilarn/Ndb.
Hermann Dörr: ,,Fünf Beispiele zum Umdenken”, Düsseldorf 1993.