© Karlheinz Baumgartl

Die Sage als uralte astronomische Berichterstattung

Vom Kampf gegen den Wasservogel und vom Drachenstich

(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 33/1999)

 

Die Sonne ist unser Lebensgestirn. Sie gibt Licht und Wärme und auf diese Weise die Nahrung und alles, was die Menschen zum Leben brauchen. In frühester Zeit wurde die Sonne deshalb als das göttliche Gestirn verehrt. Ihr alljährlicher Gang wurde am Horizont mit Steinen markiert: die Auf- und Untergänge der Winter- und Sommersonnenwenden, die Tag- und Nachtgleichen. Das waren die Stationen der Sonne. All dies wurde fantasievoll in der Kunst dargestellt mit Pferden, die den Sonnenwagen über den Himmel ziehen. Die Sonne war diesen Menschen, unseren Vorfahren, nicht nur der Ursprung des Lebens, aus dem alles entstanden ist. Sie war ihnen nicht nur der Motor des Lebens, der alle Kreisläufe in Bewegung hielt. Ihnen war die Sonne der sichtbare Ausdruck der Schöpferkraft, die ihnen alles gab, was sie zum Leben und zu ihrem Glück brauchten. Und sie gaben ihr dafür Ehrfurcht und Dank.

Alle Kulte der Frühzeit, die Rituale und Kultspiele, stellen den Gang der Sonne durch die vier Stationen des Jahres dar: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Sonnenreligion wer die Religion der Frühzeit. Viel später wurde das göttliche Gestirn in allen Kulturen in verschiedenen Abwandlungen personifiziert: als Gottessöhne, Königssöhne, als Prinzen, ... immer wunderwirkend verkörperten diese die Sonne.

In der Tat ist die Sonne das eigentlich große Wunder, die doch das wundervolle Leben und uns selbst hervorgebracht hat.

Aber die Sonne hat im Mond einen Gegenspieler. Auch der Mond durchläuft vier Stationen in seinem monatlichen Gang um die Erde: zunehmender Halbmond, Vollmond, abnehmenden Mond und Neumond. Der Mond durchläuft diese Stationen in einer viel auffälligeren Weise als die Sonne. Er macht in zwei Wochen z. T. größere Sprünge als die Sonne im halben Jahr. Der Vollmond steht der Sonne gegenüber. Während der Vollmond im Sommer tief am Himmel steht, ist er im Winter ganz oben. Er ist der Beherrscher des Winterhimmels! Bedenken wir, dass im Polarkreis im Winter die Sonne wochenlang nicht aufgeht, und im ganzen nördlichen Kulturkreis die Nächte sehr lang sind. In dieser Zeit ist der Vollmond der Lichtbringer. Dieses wechselhafte Geschehen haben die Vorfahren aufmerksam beobachtet.

Die Vorgänge um Sonne und Mond sind in Wirklichkeit noch komplizierter. Denn von Jahr zu Jahr steigt der Mond höher und immer höher ..., bis er nach 9,3 Jahren wieder heruntersteigt, um in 9,3 Jahren seinen Tiefpunkt zu erreichen. Er pendelt um ± 5 Winkelgrade um den Gang der Sonne. Das heißt: 9,3 Jahre ist der Mond über der Sonne und 9,3 Jahre darunter zu sehen. Dieser 18,6-jährige Mondzyklus war den Vorfahren seit Jahrtausenden bekannt. Es ist deshalb zu erwarten, dass man dieses Geschehen in Geschichten, Erzählungen - fantasievoll ausgekleidet - der Jugend weitergab, um auf diese Weise vom himmelskundlichen Wissen der Frühzeit Kunde zu geben.

Bei dem allmählichen Aufstieg des Mondes über diese Jahre kam dann der Zeitpunkt, wo er über die Ekliptik und somit über die Sonne gelangt ist. Dies bedeutete für die Menschen, dass der Lichtbringer der langen Nächte sich über das göttliche Gestirn erhob. In der bildhaften Denkweise empfand man den Aufstieg des Mondes als eine Anmaßung, die, durch den Sturz nach seinem Höchststand am Himmel, ,,bestraft“ werden musste. Die Überlieferung (z. B. die Apokalypse) berichtet von Luzifer als dem Lichtbringer und Gegenspieler „Gottes“ und von seinem Sturz: ,,Und es war Kampf im Himmel ... mit dem Drachen“. Das entspricht dem astronomischen Geschehen, das noch durch das allmonatliche Auf und Ab des Mondes im Geschehen dramatisiert wurde. Im Volk wurde es Brauch, diese bedeutende Wende des Mondoberlaufes durch einen Kampf und mit einem Helden darzustellen. Das war meistens Michael, der gegen den Drachen (= Drachenmond) kämpft, oder Herkules, der das Ungeheuer besiegt. Denn nach der Großen Mondwende geht es mit dem Mond wieder abwärts. Der Engel wird in die Tiefe gestoßen. Der Drache wird getötet. Und der Sieg der unbesiegbaren Sonne wird im Volksfest gefeiert.

Die Vorgänge am (oder im) Himmel sind zum Teil sehr kompliziert. Erst wenn wir diese Vorgänge durch eigene Beobachtung einigermaßen verstehen, können wir die Überlieferung und somit die Sagen, Märchen und das Brauchtum unserer Vorfahren vorstehen. Der Mond wird deshalb auch als „Drache“ oder „Ungeheuer“ dargestellt, weil er beim Überschreiten der Ekliptik (bezeichnet als Mondknoten = Drachenknoten) die Sonne verdecken (Sonnenfinsternis) kann. In der Bildersprache „frisst“ das Ungeheuer das Göttliche (die Sonne).

Ich möchte das Geschehen verdeutlichen, bevor ich auf die konkreten Geschehnisse in unserer Heimat zu sprechen komme. Da ist einmal der allmonatliche Sprung des Mondes, der die Fruchtbarkeit des weiblichen Menschen regelt. Er ist auch im negativen Sinne wirksam durch seine Sprunghaftigkeit. Er wirkt auf den Säftestrom (nicht nur) des Menschen. Er bewirkt die Stimmung des Menschen. Die Wort „Laune“ ist zurückzuführen auf lateinisch luna = der Mond.

Da ist andererseits das längerfristige Geschehen: die langsame Hinaufentwicklung des Mondes, der sich in Gefilde begibt, die über der Sonne (dem Göttlichen) liegen. Aber sein Höchststand ist schließlich auch sein schicksalhafter Sturz in die Tiefe. Diese langfristigen Vorgänge haben nun große Bedeutung in der Überlieferung, da sie das tiefe himmelskundliche Wissen weitergeben sollen.

In Furt im Walde wird alljährlich mit dem „Drachenstich“ das „älteste deutsche Volksschauspiel“ geboten. Die Einheimischen verbinden historische Reminiszenzen aus der schlimmen Zeit der Hussitenkriege mit Sagenhaftem. Hierin verbirgt sich die Darstellung des Mondes in seinem dramatischen Gang durch 18,6 Jahre. Der „Drachenstich“ bedeutet das Ende des Aufstieges des „Drachenmondes“. Er wird getötet und somit in die Tiefe gestürzt. Die Einheimischen wissen aber nichts mehr über den astronomischen Bezug der Sage. Der Bezug ist die Große Mondwende, die alle 18,6 Jahre stattfindet. Vielleicht wurden diese Vorgänge über die drei Berggipfel in der Nähe beobachtet: die Mitte Burgstall (976 m hoch), im Nordosten der Hahnenberg (555 m) und im Nordwesten über die ,,Further Senke“ der Dachsriegel (826 m). Eigentlich sollte dieses Fest nur alle 18,6 Jahre veranstaltet werden. Aber das Wissen ist verloren gegangen. Um Geld und Touristen anzulocken, führt man dieses Fest als Spektakel jedes Jahr durch.

Auch Schildthurn mit seinem 78 Meter hohen Turm ist ein bedeutender astronomischer Bezugspunkt. Von dort aus bestehen die Visuren (Ausrichtungen) der Wintersonne nach Alt-Neuötting (Schwarze Madonna). Und es bestehen die Auf- und Untergangspunkte am Horizont des Mondes zur Großen Mondwende nach Wurmannsquick (mit dem Wappen des Drachenmondes). Der Name gibt einen Hinweis auf den Zusammenhang: „Wurm“ ist die Schlängellinie des Mondes am Himmel, und „quick“ ist der schnelle Mond, weil er größere und schnellere Veränderungen als jeder andere Himmelskörper am Himmel vorführt. Durch genaue Angaben des Vermessungsamtes Pfarrkirchen und durch astronomische Berechnungen haben sich diese Zusammenhänge eindeutig erwiesen. Wurmannsquick ist die Mondstadt, ähnlich wie in Frankreich Luneville (übersetzt Mondstadt).

Natürlich weiß in Wurmannsquick niemand von diesem „Schicksal“. Aber die Überlieferung hat das Wissen erhalten, wenn auch bruchstückhaft: Der Heimatforscher Albert Vogl aus Hirschhorn-Hetzenberg bei Eggenfelden berichtet von einem historischen Spiel des „Wasservogels“, der als „Lindwurm in den Wassergraben“ gestoßen wird. Dieses Volksfest sei letztmalig 1953 veranstaltet worden. Das ist eine interessante Überlieferung. Einmal kommt hier der „Drachenstich“ in veränderter Form zum Vorschein, also das Ritual des Sturzes oder des Besiegens. Das Ungeheuer - der Lindwurm - wird hier „Wasservogel“ genannt, weil er dabei im Wassergraben (in der Tiefe) landet. Auch die Einheimischen in Wurmannsquick haben ihre Orientierung verloren. Sie wissen nichts von dem Bezug nach Schildthurn. Und sie wissen nichts vom komplizierten Gang des Mondes. Deshalb haben sie ihr Fest des Wasservogels vergessen und seit 1953 nicht mehr gefeiert. Das Fest und Kultspiel gehört eigentlich nur alle 18,6 Jahre veranstaltet, nämlich dann, wenn der Mond seinen höchsten Punkt am Himmel erreicht hat. Das war damals 1955. Die nächste Festlichkeit wäre für das Jahr 2006 vorzusehen. Wer aber wird dieses Brauchtum wieder in Erinnerung bringen?

Das Wissen um den Gang der Gestirne Sonne und Mond ist in Vergessenheit geraten und somit auch die Überlieferung unserer Vorfahren. Aber vielleicht sind unsere Gedanken als Anregungen geeignet, bei einigen heimatverbundenen Menschen das Interesse zu wecken. Es ist ein Genuss besonderer Art, die Vergangenheit, das Wirken unserer Vorfahren und somit im weiten Sinne unsere Heimat wiederzuentdecken. Und es ist natürlich besonders wichtig, die Orientierung für sich selbst wieder zu gewinnen, zu wissen, wo, wann, was am (oder auch „im“) Himmel geschieht.

 


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