Märchen, Mythen und Paraphrasen
© Heinz Günther Birk; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 18/1996
Wie oft nehmen Eltern oder Großeltern ein Märchenbuch zur Hand, wenn die lieben Kleinen mal wieder nicht zu Bett gehen mögen. Da werden auch bei den Erwachsenen Erinnerungen an die eigene Kindheit wach. Meistens wimmelt es nur so von Hexen, Zwergen, Riesen und Kobolden. Natürlich glaubt niemand an den Wahrheitsgehalt solcher Erzählungen, ,,die Brüder Grimm hatten eben eine tolle Phantasie’’. Den Kindern kann so etwas nicht schaden; immerhin besser als das schlimme Zeug im Fernsehen. Doch sind diese Märchen wirklich harmlose alte Schriften und demzufolge voll von Mythen und Allegorien?
Die Brüder Grimm - um gleich zu Anfang bei den im deutschsprachigen Raum bekanntesten Märchensammlungen zu bleiben - berichteten zu Anfang der Neuzeit vor allem Überlieferungen aus dem Mittelalter - verklausuliert natürlich, gab es doch zur damaligen Zeit nicht das uneingeschränkte Recht auf freie Meinungsäußerung.
Untersucht man nun die bekanntesten Märchen, wie beispielsweise das von Hänsel und Gretel, einmal näher, erkennt man schnell, dass dies keine harmlose Kindergeschichte ist. Schon das Aussetzen des Geschwisterpaares in einem finsteren Wald erscheint recht grausam. Die Geschichte vom Auffinden des Hexenhauses sowie von der letztlich verbrannten ,,bösen” Hexe nährt sich von der nicht allzu lange vor den Brüdern Grimm zu Ende gegangenen Hexenverfolgung. Es ist ein grausiges Fanal des Mittelalters: brennende Scheiterhaufen im Namen Jesus Christus’, versteht sich. Würde sich nicht nur in diesem Märchen die Frage stellen, ob hier nicht der Versuch erkennbar ist, die Frau als Hexe, als an allem Unglück des Menschen schuldige, sündige Eva zu verurteilen, könnte man getrost zur Tagesordnung übergehen.
Doch dem ist nicht so! In ihrem lesenswerten Buch ,,Märchenhafte Gedanken” versucht Gudrun Strüber (1) anhand ihrer Analysen nachzuweisen, dass es irgendwann eine fundamentale Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung gegeben haben muss. ,,Vom Matriarchat zum Patriarchat”, so hat sie ihre Recherchen übertitelt (2). Besonders eindrucksvoll macht sie diesen elementaren Wertewandel am Beispiel des bekannten Märchens ,,Dornröschen” deutlich.
Dort lädt ja der König anlässlich der Geburt seiner Tochter die weisen Frauen seines Reiches zum festlichen Bankett. Wir erfahren, dass es dreizehn weise Frauen gab, jedoch der König nur zwölf Gedecke zur Verfügung hatte. So verfuhr dieser also nach der Devise, besser zwölf als gar keine. Doch die Dreizehnte belegte das unschuldige Dornröschen mit einem Fluch, der sich schließlich in dem hundertjährigen Schlaf des ganzen Reiches erfüllte.
Schon hatte man wieder eine böse Hexe präsentiert. Frau Strüber geht sogar noch weiter, was für unsere Untersuchung noch einige Fragen aufwirft. Sie weist darauf hin, dass das Kalenderjahr ursprünglich in dreizehn Monate unterteilt war. Jeder Monat bestand aus 28 Tagen und war dadurch sowohl mit dem Mondumlauf als auch mit dem Zyklus der Frau identisch. Ein Jahr bestand somit aus 364 Tagen. Erst späterhin habe die Einteilung des Jahres in zwölf Monate mit unterschiedlicher Länge begonnen. Wenn wir also, wie Gudrun Strüber es tut, hier eine Umdeutung vom ursprünglichen Matriarchat zum Patriarchat sehen, können wir in unzähligen Märchen die böse, mit dem Teufel im Bunde stehende Hexe erkennen.
Ob in Europa oder im Orient - immer wieder wird die Verschlagenheit der weiblichen Schlange dargestellt. Doch dies ist nicht überall auf der Welt so. Wie zum Beispiel nordamerikanische Indianer, die Hopi, überliefern, stehen dort die alten und weisen Frauen in hohem Ansehen (3). Vor allem sind sie es, die die Geschichte ihres Volkes tradieren und bewahren. Besonders wenn man ethnologische Untersuchungen betrachtet, sind es vor allem Hochzivilisationen, bei denen die Änderung matriarchalischer Lebensweisen zu beobachten ist. Wenn diese Entwicklung also in prähistorischer Zeit relativ gleichzeitig eingetreten ist, muss die Frage gestellt werden, wo vor einigen tausend Jahren eine solche Hochkultur hergekommen sein könnte.
Man fand ja in vielen Teilen der Welt Figuren von Muttergottheiten, bei denen das weiblich-mütterliche Element besonders betont ist. In früheren Zeiten galten weise Frauen geradezu als heilig. Dies änderte sich offenbar mit dem Entstehen der ersten Hochkulturen in Sumer, Ägypten und Griechenland. Das Weibliche wurde nun zum Synonym für Feigheit und Hinterhältigkeit. So diskutierten tatsächlich noch vor wenigen Jahrzehnten Theologen darüber, was eine Frau denn sei. Ein Mensch nicht, dessen waren sich die Gelehrten sicher; aber inwiefern konnte man sie dem Tierreich zuordnen?
Nachdem ich in Frau Strübers Buch noch weitere Märchen, wie zum Beispiel ,,Der gestiefelte Kater” fand, tauchte die Frage natürlich auf, ob es nicht auch in heiligen Schriften oder in historischen Überlieferungen Bestätigungen für ihre Besprechungen gibt. Tatsächlich fand ich solche Hinweise überreichlich. Der griechische Historiker und Reiseschriftsteller Herodot berichtet solches.
Als der ägyptische Pharao Psammentich ein großes Heer sammelte, um Kanaan zu unterwerfen, soll einer der gegnerischen Stadtstaaten in der weisen Analyse der eigenen Chancenlosigkeit dem Pharao die Kapitulation angeboten haben. Dies gefiel dem Sohn der Sonne nicht, brachte ihn eine solche Feigheit doch um den Ruhm des Sieges. Um dieses Verhalten aller Welt in gebührender Form kundzutun, ließ Psammentich in große Steine eine weibliche Scham einmeißeln. Herodot beschwört dem Leser, dass diese Geschichte wahr sei. Er selbst, so der Grieche, habe noch einen solchen Stein gesehen. Dies war die völlige Umdeutung der zuvor verehrten weiblichen Synonyme wie Mütterlichkeit, Weisheit und Güte in verwerfliche schandbare Feigheit. So wie Herodot dies berichtet, muss man davon ausgehen, dass der Begriff ,,Weib” in der gesamten damaligen Welt bereits negativ besetzt war.
Doch wenden wir uns nun einem anderen Märchenbuch zu. Mancher wird sich allerdings wundern, denn gemeint ist das Neue Testament.
Die synoptischen Evangelien berichten über die arme Sünderin Maria von Magdala. In wie vielen Bibelstunden und Predigten musste diese Frau als Sünderin ihren Kopf hinhalten. Von sieben Dämonen musste Jesus diese „verruchte“ Person befreien.
Nehmen wir hingegen das Evangelium nach Johannes zur Hand, sieht die Geschichte völlig anders aus. Dort erfahren wir, dass Jesus samt seinen Jüngern und seiner Mutter (Frauen werden, wenn überhaupt, in jüdischen Schriften immer zuletzt erwähnt) zu einer Hochzeit in Kanaan geladen war. Dort teilte die Mutter Maria ihrem Sohn Jesus mit, dass die Gäste keinen Wein hätten. Dies ist allerdings verdächtig. Schon seit alters her ist es die Aufgabe der Eltern von Braut oder Bräutigam, für das leibliche Wohl der Gäste zu sorgen. War dies also in Wirklichkeit die Vermählung des Herrn selber? Was sollte späterhin auch eine völlig fremde Frau am Kreuz Jesu? Haben wir hier auch den Grund dafür, dass viele Kirchen in Frankreich, Spanien, im koptischen Ägypten, ja selbst in Äthiopien dieser Maria von Magdala geweiht sind?
Wenn Maria von Magdala mit der Maria von Bethanien identisch ist (wofür eine ganze Reihe von Indizien sprechen), der Frau, welcher der Herr auf den Mund küsste, müssten wir vermuten, dass irgendwer die heiligen Schriften umgedeutet hat. Pontius Pilatus soll, nachdem er Jesus verhört und verurteilt hatte, anlässlich des Pessahfestes dem Volk die Befreiung eines verurteilten Übeltäters angeboten haben. Das Volk, das kurz zuvor den in Jerusalem einziehenden Jesus mit Hosianna begrüßt hatte, entschied sich für den Schwerverbrecher Barabas. Im Gegensatz zu seinen ,,Kollegen” bezeichnet Markus diesen Barabas als besonderen Gefangenen (4). Sollte der Name Barabas (Sohn des Vaters) eine Korrumpierung von Ber Rabbi, einem hochgestellten jüdischen Lehrer, gewesen sein, könnte dieser auch der Sohn des beklagten Jesus sein. Hatte das Volk, das vielleicht in die Dynastie Davids große Hoffnungen setzte, somit die furchtbare Wahl zwischen Vater und Sohn?
Da die heilige Schrift über die Kindheit Jesu nicht viel erzählt, schauen wir in apokryphen Schriften (5) nach. Das Kindheitsevangelium nach Thomas, gefunden im ägyptischen Nag Hammadi, hilft uns weiter. Dort wird geschildert, wie die Mutter des Herrn als Dreijährige von ihren Eltern dem Dienst im Tempel von Jerusalem geweiht wurde. Das ganze Volk Israel jauchzte und jubelte und der Herr segnete das Kind, so steht es geschrieben. Natürlich ist klar und das ist für uns wichtig, dass das Priestertum zur damaligen Zeit niemals Frauen zum Tempeldienst zuließ. Der Verdacht, es handele sich hierbei in Wirklichkeit um die Weihe für die ägyptische Isis, liegt nahe. Der Evangelist Lukas spricht von einer Tochter Aarons, deren Vater, laut Exodus, zum ,,Gott erhoben” wurde. War Aaron ägyptischer Priester und Maria die Gattin des Herrn und gleichzeitig Priesterin der Isis? Das Priestertum stand bei den Juden standesgemäß über der Königsdynastie. Musste daher die Gefährtin des Herrn (siehe Petrus-Evangelium) zur „Sünderin“ und sein Sohn Bar-Abbas zum Schwerverbrecher werden? Wieso verriet Judas Ischariot den Herrn für dreißig Silberlinge, als dieser mit seinen Jüngern, für alle sichtbar, im Garten Gethsemaneh lehrte? Ist dieser Judas vielleicht mit dem mysteriösen Zwilling Thomas identisch, dem Zwillingsbruder des Herrn? Eine spannende Märchengeschichte.
Doch es gibt auch Paraphrasen. So bezeichnet man einige gnostische Schriften, die man unter anderem auch in Berlin sehen kann. Eine dieser Paraphrasen-Schriften ist der Papyrus 502, welcher sich nicht in Nag Hammadi fand. Werner Ekschmitt (6) stellt anhand dieses Textes die Unsinnigkeit gnostischer Tradierung vor und meint zugleich, dass daran jeder erkennen möge, dass der Titel ,,Paraphrase” dafür zu recht gewählt wurde. Dort würde, und dies erwähnt Ekschmitt explizit, von einer ,,umwölkten Jungfrau” bzw. ,,Hymen” gesprochen. Eine klassische Paraphrase?
Dies scheint so. Jedoch teilt der Franzose Charpentier (7) dem erstaunten Leser mit, dass die größten französischen Kathedralen, aus der Luft betrachtet, das Sternbild der Jungfrau bilden. Virgo, die Jungfrau, ist nicht weit vom Orion-Nebel entfernt. Ist diese Nebel-Wolke gemeint? Denn hier hätten wir ein ,,umwölktes Hymen”. Heißt das vielleicht, dass alle heiligen Jungfrauen, Mütter von Heiligen wie Noah, Buddha, Krishna oder Jesus als Heimatadresse Virgo haben? So fand sich unterhalb der Kathedrale von Chartres ein alter Birnbaum, aus dem die heilige Mutter mit dem Kind geschnitzt war. Eine C-14 Analyse erbrachte ein Alter von 2.500 bis 2.600 Jahren.
Howard Carter, welcher 1923 das Grab Tut-Ench-Amuns im Tal der Könige fand, glaubte wohl auch an ein Märchen, als er staunend ein Wandfresko erblickte, das die heilige Familie zeigte - Heiligenscheine inbegriffen; und das lange vor Christi Geburt. Was wäre also, wenn das Märchen ,,Dornröschen” in Wirklichkeit eine Botschaft beinhaltet? Die Dornenkrone als Symbol für den göttlichen Messias und das Röschen als Synonym des priesterlichen Messias? Bedeutet der Schwan in der großen Wagner-Oper ,,Parzival” genau das, was die ,,Qumran-Essener” als Messias aus den Häusern David und Aaron erwarteten? Dann hätte die üble Verfolgung der weisen Frauen bis hin zur Hexe in ,,Hänsel und Gretel” nichts Märchenhaftes mehr an sich.
Es war einmal eine friedliche Welt des Matriarchats. Märchen haben wohl häufig einen realen Hintergrund. Die Verfolgung der Erben des Grals, des Blutes Christi sowie die furchtbare Blutspur durch die Jahrhunderte der Heidenbekehrung hinweg verderben die märchenhafte Stimmung!
Anmerkungen
1 Märchenhafte Gedanken, Gudrun Strüber, Eigenverlag Bilshausen,
2 in EFODON SYNESIS Nr. 14/1996
3 Kasskara und die sieben Welten, Josef Blumrich, Knaur Taschenbuch
4 Der heilige Gral und seine Erben, Lincoln/Baigent/Leigh, Bastei Lübbe
5 Die Apokryphen, Weidinger, Pattloch Verlag
6 Ugarit, Qumran, Nag Hammadi, Werner Ekschmitt
7 Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres, Louis Charpentier, Reinbek bei Hamburg