Das Grabtuch von Turin — drei Schritte vor, zwei zurück

© Hans Günther Birk; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 25/1998

Liest man diesen Titel, denkt man beinahe an seine Jugend zurück, an den Kurs der Tanzschule zum Beispiel. Drei Schritte vor und zwei zurück ist natürlich Tango, ein so genannter lateinamerikanischer Tanz, kreiert in der argentinischen Hauptstadt. Mag diese Taktik für einen Tanzabend sehr unterhaltsam sein, muss dies, rein ökonomisch betrachtet, an einen Streich der Bürger von Schilda, besser: an einen Schildbürgerstreich, denken lassen. Nun haben ja Völkerkundler den Tango als ein Konglomerat von heidnischen und christlichen Bräuchen bezeichnet. Die Zahl drei stünde für ,,hin” zum Missionserfolg, die Zahl zwei für ,,zurück” zum Heidentum.

Steter Tropfen höhlt den Stein, das wäre noch ein Motiv. Nachvollziehbar, wenn der Weg das Ziel wäre. Allerdings können Rückzüge taktischer Art nur dann sinnvoll sein, wenn eigener Schaden auszuschließen ist. Aus übergeordneten Gründen - taktisch natürlich - müssen, des Erfolges wegen, auch Verluste hingenommen werden. ,,Kanonenfutter” soll dies der ,,Alte Fritz”, Friedrich II. von Preußen, genannt haben. Aber was mögen militärisch-taktische Überlegungen mit dem Grabtuch von Turin zu tun haben?

Mehr, als es auf den ersten Blick erscheint. Vor allem, wenn man sich an dieser Stelle in verkürzter Form die Informationspolitik der Amtskirche bezüglich des Grabtuches vor Augen hält. Seit etwa hundert Jahren weiß man, dass das Grabtuch, als Negativfoto, das Abbild eines etwa vierzigjährigen, unbekleideten Mannes zeigt. In den sechziger Jahren wurde der Fotocharakter durch Experten der Firma Kodak zweifelsfrei bestätigt. Jedoch sind es gerade die Details des Tuches, welche im Laufe der Jahrzehnte einen unübersehbaren Berg von Geschriebenem anwachsen ließen (1).

Die deutlich sichtbaren Blutflecken, die exakt an die von den neutestamentlichen Evangelien geschilderten Verletzungen Jesu, als Folge der Geißelhiebe der römischen Legionäre, erinnern - beispielsweise Schwellungen im Stirnbereich des Kopfes, wie sie charakteristisch für Verletzungen durch eine Dornenkrone sind -, waren schnell der Stoff für erbitterte Dispute. Es ist nicht schwer, sich die Bedeutung für die Christenheit vorzustellen, würde der Beweis erbracht werden, dass Jesus nach der Abnahme vom Kreuz in dieses Tuch eingewickelt wurde. Nicht nur für die Christenheit, auch im Islam und im Judentum (2) käme einem eventuellen Echtheitszertifikat sehr hohe Bedeutung zu.

Man sollte also an dieser Stelle vermuten, dass die Amtskirche alles daransetzen würde, um diese spannende Frage möglichst zweifelsfrei zu klären. Jedoch gerade dies ist, wie mittlerweile auch bekannt, nicht geschehen. Nachdem man zuerst das Tuch unter Verschluss genommen und es höchst widerwillig im dreißigjährigen Turnus den ,,lästigen” Fragern präsentierte, entschloss man sich zur Vorwärtsverteidigung. Um - wie es in offiziellen Stellungnahmen hieß - die Fragen zum Grabtuch zweifelsfrei zu klären, wurde eine Altersbestimmung des Leinens in Auftrag gegeben. Unter Beteiligung weltweit bedeutender Medienvertreter wurden im Turiner Dom, dem Aufbewahrungsort des Grabtuches, hochoffiziell führende Institute mit der Erstellung einer C-14-Analyse beauftragt. Dass hier, wie leicht erkennbar, nur die absolute Creme der Wissenschaft in Frage kam, liegt nahe. Nur renommierte Institute, welche in Bezug auf ihre Methodik und die beteiligten Wissenschaftler über jeden Zweifel erhaben schienen, konnten hier Klarheit bringen. Merkwürdigkeiten während der Probenentnahme führten jedoch in der Folgezeit dazu, die Diskussion in voller Schärfe wieder aufleben zu lassen. Begab sich doch der Kardinal zum Auffüllen der Probengefäße allein in einen separaten Raum des Turiner Domes. Von Betrug und falschem Spiel war die Rede (3). Nach einigen Monaten, wiederum mit Beteiligung führender Medienvertreter, schien das verkündete Ergebnis den Intentionen der Auftraggeber zu entsprechen. Zwischen 1260 und 1390 lagen die meisten signifikanten Werte der C-14-Bestimmungen. Die seitens der kirchlichen Vertreter auf einer offiziellen Pressekonferenz verkündete Schlussfolgerung, es handele sich um eine Fälschung des Mittelalters, erscheint folgerichtig. Mit diesem Kernsatz wurden die Neuigkeiten sodann auch weltweit verbreitet. Eine andere Aussage dieser Pressekonferenz wurde hingegen entweder nur am Rande oder gar nicht publiziert. Doch gerade diese ist von enormer Bedeutung, wie wir noch sehen werden. Im Kontext beider Teile liest sich die Stellungnahme so: „Wie die hier vorgestellte Altersbestimmung von Faserproben des Grabtuches zeigte, ist es eine Fälschung des Mittelalters. Das Tuch darf jedoch weiter als Reliquie verehrt werden.”

Bei aufmerksamem Studium dieser Stellungnahme fällt eine ansehnliche Liste von Ungereimtheiten ins Auge. Wenn denn wirklich irgend jemand im Mittelalter auf die Idee gekommen wäre, ein Grabtuch zu fälschen, um der Gemeinschaft der Gläubigen arglistige Täuschung vorzuschwindeln, in diesem Tuch hätte der Erlöser der Menschheit gelegen, wäre es - nach der gültigen Doktrin der Kirche - schlicht und einfach Blasphemie gewesen. Eine überaus ketzerische und frevelhafte Tat. Das Fälschen einer Reliquie ist - gemäß kirchlicher Lehre - beinahe gleichbedeutend mit Gotteslästerung. Gemäß der Aussagen zum Grabtuch darf also, wenn auch nur in diesem einen Fall, eine Fälschung als Reliquie verehrt werden. Aufbewahrt in einem kostbaren Schrein im Dom zu Turin. Auch die sich hier anschließende Frage, was eine gefälschte Reliquie ist, dürfte hochbrisant sein.

Nun ging ja der schöne Plan, mittels publicity-trächtigen Veranstaltungen endlich Ruhe in die Grabtuch-Debatte zu bekommen, gründlich schief. Neben dem schon erwähnten Jesuitenpater Prof. Bulst sorgte das Buch zweier englischer Sindonologen (Leichentuchforscher) für helle Aufregung (4). Sie bestätigten - sehr zum Grimm der Amtskirche - die Aussage, dass es sich um eine Fälschung des Mittelalters handele. Nur - und dies ist die eigentliche Brisanz der gekonnten Präsentation - sei der Urheber der Blasphemiker niemand anders als Leonardo da Vinci (5).

Eines der Hauptargumente der Engländer ist die dezidierte Darstellung des zwangsläufig vorhanden gewesenen, hochtechnisierten Wissens, um ein solches Falsifikat herstellen zu können (6). Nach allem, was man wisse - so die Autoren Picknett/Prince -, käme für ein solches Geniewerk nur jemand in Betracht, der seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war. Nur Leonardo, den sie als das größte Genie der Menschheit bezeichnen, könne dies sein. Ein gefährliches Gebräu für die Amtskirche (7), wie sich unschwer erkennen lässt. Auch hatte man, sicher ungewollt, Geister gerufen, die man nun nicht mehr loswurde. Bereits in den sechziger Jahren publizierte wissenschaftliche Erkenntnisse kamen nun, wie ein Geist aus der Flasche, wieder ans Licht der Öffentlichkeit.

Wenn in einem Buch (8) dezidiert gefundene Spuren von Aloe und Myrrhe - im Altertum probate Mittel zur Wundbehandlung Schwer- und Schwerstverwundeter - ausgiebig diskutiert werden, zusammen mit Erkenntnissen moderner Gerichtsmedizin, in diesem Tuch könne kein Toter gelegen haben (9), wird klar, warum die Kirche kein Echtheitszertifikat ,,gebrauchen” konnte. Wenn in diesem Körper, dessen Konturen deutlich sichtbar sind, eindeutig Leben gesteckt habe, könne dies nicht Jesus von Nazareth gewesen sein. Denn dieser ist, wie das Neue Testament lehrt, von den Toten auferstanden. Kein Wunder also, wenn diese Tatsache immer wieder (und nicht nur von Kersten) zum Anlass genommen wird, Jesus nach Indien fliehen und dort mit den Lehren des erhabenen Buddha weiterpredigen zu lassen.

Bis zu diesem Punkt könnte man die hier kurz dargelegten Positionen auch unter der vom Vatikan auch heute noch ,,zum Wohle der Gläubigen” notwendigen Geheimhaltung einsortieren (10). Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Irgendwann und irgendwie würde schon Gras über diverse Seltsamkeiten wachsen. Doch so manches Mal, wie im Leben nur allzu oft, entwickeln solche Dinge eine nahezu unheimliche Eigendynamik. So, wie die heilige Schrift von Wundern berichtet, tut sich bei Mutter Kirche scheinbar, wenn auch im Moment nur vorsichtig, gar Wundersames.

Genau wie im Gleichnis vom Senfkorn mit dem kleinen aber mannigfaltigen Samen geistert eine kleine Meldung durch die Welt.

,,Anastasio Balestrero, Kardinal aus Italien, behauptet, dass das Turiner Grabtuch doch echt sei, also aus der Zeit Christi stamme. In den achtziger Jahren durchgeführte Labortests, die das Linnen auf das Mittelalter datiert hatten, seien nicht sorgfältig genug abgeschlossen worden.” (11)

Diese Aussage stammt nicht von irgendwem, von keinem Eugen Drewermann oder ähnlich. Ein vom heiligen Vater ernannter Kardinal steht der Kurie natürlich sehr nahe. Das Motiv dieses Würdenträgers liegt auf der Hand. Es ist der erste, wenn auch vorsichtige, Versuch, in der Grabtuchfrage eine gekonnte Volte, eine Rolle rückwärts oder - im Sinne unseres Titels - einen neuen Tango (drei Schritte vor, zwei zurück) zu kreieren.

Dass man seitens der Amtskirche immer sorgsam und bedächtig vorgeht, zeigt sich beispielsweise deutlich am durch den aktuellen Papst erst in diesem Jahrhundert posthum aufgehobenen Urteil gegen Galileo Galilei. Wenn hier also schrittchenweise die Echtheit des Tuches, unter Hinnahme des entstandenen Schadens für die Reputation der an der C-14-Analyse beteiligten Institute, billigend in Kauf genommen wird, kann dies nur bedeuten, dass die Echtheit, im Vergleich zu einer ,,Fälschung des Mittelalters”, das kleinere Übel ist. Ahnt man vielleicht, dass der unwürdige Zirkus, der im, dem Täufer-Johannes geweihten Dom von Turin stattfand, ein Teufelaustreiben mit Beelzebub war? Das Motto könnte heißen: lieber echt als Leonardo!

Literatur und Anmerkungen

1    „Das Grabtuch von Turin - eine Botschaft Leonardos“, in: EFODON SYNESIS Nr. 14, vom Verfasser dieser Arbeit.

2    Zwar weist die jüdische Lehre das Postulat, Jesus von Nazareth sei der von Gott gesandte Messias gewesen, zurück, erkennt jedoch die Bedeutung Jesu als hochgelehrter Rabbi an.

3    „Betrug am Turiner Grabtuch“, Prof. Bulst, Knecht Verlag 1988

4    „Die Jesus-Fälschung“, Picknett/Prince, deutsch: Bastei 1995.

5    „Das Turiner Grabtuch - Leonardos Mysterien“, in: EFODON SYNESIS Nr. 15, vom Verfasser.

6    Präzise Darstellungen zu der auch in SYNESIS vorgestellten Grabtuchdiskussion gibt in EFODON SYNESIS Nr. 15 Gernot L. Geise in seinem Artikel ,,Das Grabtuch von Turin, eine gut gelungene Fälschung”.

7    Siehe ausführlicher: ,,Leonardo der Grabtuchketzer”, in: EFODON SYNESIS Nr. 21 vom Verfasser bzw. ,,Das Jesus-Puzzle” (DO-35).

8    „Jesus lebte in Indien“, Holger Kersten, Bastei 1994.

9    Laut Befund der Gerichtsmedizin fand sich vor allem in den Blutflecken kein Albumin-freies bzw. postmortales Blut.

10  Um diesem ,,Wohl der Gläubigen” zu entsprechen, unterhält der Vatikan in Rom eine Geheimbibliothek mit „furchterregenden“ Ausmaßen: durchschnittlich 2 - 3 Meter hoch, ca. 25 englische Landmeilen lang.

11 Zitiert aus IPE-lnfo 5/97, der Rubrik „PA Insider News“, von Hans Werner Sachmann. Nähere Infos: IPE e.V., Wintgenstr. 26, in 45239 Essen.


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