Musik Königin aller Künste
© 1997 K. Laura Bräuer; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 20/1997
Sie waren neun Musen. Sie hießen nach ihrer Königin. Musik war ihr erster Ausdruck. Und die Neun war die Zahl der Vollendung.
Eine lange und gelehrte Abhandlung über den Begriff ,,Musik" steht in allen Lexika mit vielen Literaturhinweisen auf andere Lexika. „Musik'’ war der Oberbegriff aller Künste der griechischen Mythologie. In Griechenland wurden die Tonarten nach ihrer Wirkung benannt und eingesetzt. Das Lexikon bringt als Erklärung für ihre Namen soziologische, medizinische und kosmologische Hintergründe. Erst viel später wurden sie geändert nach Land- bzw. Volkszugehörigkeit. Wobei noch immer offen ist, warum man in diesen oder jenen Landstrichen gerade die eine oder andere Tonart bevorzugte. Sogar den Satz: „...der Ursprung kommt aus dem kultischen Tanz und religiösen Zauberglauben“ fand ich dort. Ob derjenige, der das geschrieben hatte, noch selbst etwas wusste, fühlte oder entdeckte?
In Indien waren die Gesetze streng: sie verlangten von den Musikern, dass nur ganz bestimmte Tonarten und Melodienbewegungen in den dazugehörigen Monaten erklingen durften. Bei Zuwiderhandlung würden irreparable Störungen in der Atmosphäre entstehen und das Wetter, dieser Garant von Wachstum und Ernte, negativ beeinflusst. Jedes (musikalische) Eingreifen in kosmische Abfolgen konnte katastrophale Folgen haben.
Die Barden, ein Studienzweig der gelehrten Druiden, waren wohlbewandert in der Kunst der Musik. Wurde doch auf diesem Wege dem Volk Geistigkeit nahe gebracht, die Brücke zum Universum geschlagen. Hans Haid („Kult und Mythen in den Alpen“) bringt ein wunderschönes und sehr trauriges Lied, in welchem menschliche Charakterschwäche die natürliche Ausgewogenheit von Natur und Lebewesen zerstört.
Feststeht, dass Musik Wirkung hat: messbare, fühlbare, sichtbare. Beispielsweise hat man Beobachtungen an Pflanzen gemacht, denen man durch das klingende Wort Energie zukommen ließ, und jene dann darauf reagierten. Energieübertragung? Das machte mich bald stutzig. Eine Energieübertragung ist immer ein schöpferischer Akt, er bewirkt etwas. Auch In der Bibel steht das geheimnisvolle: „... und nichts wurde ohne das Wort”. Ohne das ausgesprochene Wort? Wenn wir einmal annehmen, dass die Schöpfung, von der unsere Erde mit all seinen Lebewesen auch ein Teil ist, in sich harmonisch aufgebaut bzw. angelegt ist, und wenn wir weiter annehmen, dass die in Schwingung versetzten Energien, sprich Töne, in dieser Harmonie weiterführende Auswirkungen haben, dann liegt es nahe, dies eine Macht zu nennen, die fähig ist, innerhalb der Schöpfung etwas zu tun, etwas zu verändern.
Nun bin ich tatsächlich der Überzeugung, dass die Schöpfung, als sie ins Leben gerufen wurde, vollkommen harmonisch war. Änderungen waren weder am Platz noch notwendig. Goldenes Zeitalter. Jedoch war wohl das Herausfallen aus der Harmonie mit Hilfe des menschlichen Verstandes ebenfalls vorprogrammiert. Nach dem ,,Essen vom Baum der Erkenntnis" entstanden wohl auch die ersten unharmonischen Fehlhandlungen der dazu ausersehenen Menschen. Ganz gleich, auf welchem Planeten auch immer. Die Neugier auf die Auswirkung der eigenen Verstandeshandlungen beherrscht ja noch heute unser Denken. Das Wissen-Wollen entstand als Gegenstück zum intuitiven Wissen. Trotzdem hatten die damaligen Menschen viel Respekt vor jenen, die noch das Wissen fühlten. Es wurde geradezu als rettend empfunden, von Menschen zu wissen, deren Aussagen nicht nur durch Verstand geprägt waren. Man nannte sie Weise, Seher. Und vertraute ihnen mehr als sich selbst.
Ein solcher Weiser musste es wohl gewesen sein, der, von der wachsenden Veränderung erschreckt, darauf sann, wie die ursprüngliche Harmonie wieder herzustellen sei. Seine Fühligkeit brachte ihn (oder sie) auf die Fähigkeit des Menschen, in seiner Kehle und mit seinem Atem Töne zu erzeugen. Die Vögel mochten es ihm vorgemacht haben. Ob der erste Tanz und das erste Lied parallel ,,erfunden“ wurden? Jedenfalls ergänzten sich diese beiden Formen der Bewegung hervorragend, und da sie eine Notwendigkeit - im wahrsten Sinne des Wortes - waren, so setzte sich dieses Tun weltweit durch. Nichts ist dem Menschen näher, ursprünglicher und zugleich wichtiger, als zu tanzen und zu singen. In diesem Tun fühlt er sich eins mit seiner ihn umgebenden Wirklichkeit und ist zugleich zu einer Wichtigkeit emporgehoben, deren Sinn er zwar nicht mit dem Verstand begreifen kann, die er aber nichtsdestotrotz mit starkem Gefühl empfindet.
Nun erhebt sich aber sofort die Frage nach der richtigen Musik; war da jede Form von Klang, Rhythmus und Zusammenstellung heilbringend? Waren das Grollen des Donners, der sturmgepeitschten Wogen des Meeres, das Tosen des Wasserfalles und das Dröhnen eines Erdbebens oder Orkanes die rettenden Laute? Das waren Töne, die Angst erzeugten. Noch ganz unabhängig von der direkten Auswirkung erzeugten sie zusätzlich noch Angst. Woran lag das? Wir wissen heute wieder, dass es u.a. die tiefen Frequenzen sind, die tiefen Schwingungen, die zerstörerisch sind. Man hat Berichte, wo tiefe, laute Glockentöne Erschöpfung, Schmerzen und sogar Tod hervorrufen. Das tiefe Brummen von Motoren entzieht den Menschen mehr Energie, als es fehlender Schlaf tut. Patricia Joudry1 beschreibt in ihren Büchern sehr eindringlich, wie die Zerstörung unseres Hörsystems immer weiter fortschreitet und wie man diesem Geschehen möglicherweise Einhalt gebieten kann. Dazu kommt noch eine Beobachtung von mir: Seit Festlegung des „Kammer-A“ auf 435 Doppelschwingungen im 19. Jahrhundert und seine weitere Steigerung, im Jahre 1939, auf 440 Doppelschwingungen, eine Erhöhung der Frequenz also, mehrt sich die Anzahl der Menschen, die die Begabung der Fühligkeit wieder in sich entdecken. Es erscheint mir, als ob die Vorherrschaft des Wissen-Wollens (Wissenschaft) zugunsten des Wissen-Könnens (Weckung vorhandenen Wissens im eigenen Körper) abnimmt in dem Maße, als die Folgen unserer „Verstandesarbeit“ deutlich und grausam hervortreten. Das wäre auch gewissermaßen logisch, denn die Schöpfung ist nicht auf Zerstörung angelegt, sondern auf Bewegung. Und mögen auch heutzutage die ,,Weissagungen” noch so tragisch sein, als Widerspiegelung unserer Entwicklung, die nähere und weitere Zukunft ist nicht unbeeinflussbar! Wenn es uns gelingt, uns von zerstörenden Tönen und ihren Wellen zu befreien, und heilende Töne und Wellen selbst in Bewegung zu setzen, indem wir jene Töne singen, die uns als ,,heilend” bereits bekannt gemacht worden sind, wenn wir bewusst und mitverantwortlich in das eingreifen, was da anscheinend so hoffnungslos den Bach hinuntergeht, ja, dann haben wir uns als würdig erwiesen, Mensch zu sein.

„Kinderreigen auf der Frühlingswiese“, Gemälde von Hans Thoma (aus: „Der junge Musikant“, München 1950)
Dass diese Töne, die heilen können, bereits in uralter Zeit bekannt waren und benutzt wurden, und dass dies auch in anderen Planeten-Zivilisationen möglicherweise versucht worden war, dringt halb verschlüsselt aus Mythen und Sagen zu uns. Das klingende Weltall; der Gesang der Sphären; der ewige Lobpreis der Engel vor Gott; sind dies wohl nur unbegründete Fantasien? Was ist denn ,,Musikalität” im Menschen? Es gibt so unendlich viele wunderschöne Formulierungen über dieses Phänomen in allen Kulturen der alten und neuen Zeit, wer wollte da noch bezweifeln, dass diese Gabe wichtig sei! Gerade auch ihre Unterdrückung, Verfälschung, Nutzbarmachung und Verwendung zu eigennützigen Zwecken beweist, dass ihre Macht riesig ist.
Um es noch einmal genau zu sagen: Es geht nicht darum, in Tönen zu schwelgen, die uns gerade so durch unser Gefühlssystem rollen. Es geht auch nicht darum, sich unbeherrscht von Zwängen befreien zu wollen, ohne Richtung und Verständnis. Wir sollen unsere Verzweiflung nicht herumschreien in sogenannten Urlauten. Wir sollten gezielt und sorgfältig, unter Einschaltung unseres Verstandes, die Mittel und Wege beschreiten, die uns bekannt gemacht wurden.

„Das Konzert“, Gemälde des „Meisters der weiblichen Halbfiguren“ (aus: „Der junge Musikant“, München 1950)
Da gibt es die Arbeit von Wilhelm Mitschke2, der sein ganzes Leben lang nach den Urformen bekannter und immer gesungener Lieder geforscht hat und sie in einem Buch zusammenstellte. Da gibt es die Arbeit der o.g. Patricia Joudry, da gibt es die versteckten Hinweise in den ganz offiziellen Lexika. Da gibt es die selbständigen Ableitungen von Hinweisen, die uns in vielen „gechannelten“ Büchern geboten werden. Und da gibt es unser eigenes, ganz inneres Gefühl, welches uns Wege weist. War es nicht immer wieder das Lied eines Vögleins in unseren Märchen, welches dem Helden den Weg wies? Öffnete nicht das richtige Wort Tür und Tor? Wir selber sind Resonanzkörper, wir selber sind klingendes Instrument, wir selber haben die Aufgabe, mit diesem mächtigen Material sinnvoll und im Einklang mit der gesamten Schöpfung zu arbeiten. Macht dies etwa keine Freude? Bringt es uns vielleicht kein Glück? Ja sogar Glückseligkeit? Ist „Glücklichsein” denn nicht das heimliche Ziel aller unserer Bemühungen? Hier liegt das Feld offen. Haben wir ruhig den Mut zur Arbeit mit dieser ganz und gar herrlichen Tätigkeit, mit dieser göttlichen Kraft. Wir können es ja in Demut tun. Ich sehe es als den rettenden Weg an.
Sie sind mir bis hierher gefolgt. Ist Ihnen aufgefallen, dass ich so viele Fragezeichen gesetzt habe? Dass ich Ihnen die Arbeit überlasse, je nach Ihrem Interessegrad in den entsprechenden Büchern selbst nachzulesen, was ich dort gefunden habe? Dass ich Ihnen kein Patentrezept anbiete, sondern Sie eher auffordere, selbst nachzudenken und Ihre Fantasie spielen zu lassen. Ich könnte Ihnen sagen, dass die Dolmen von Roses3 ein idealer Platz wären, um die Laute A-E-I-O-U in einer kleinen Gemeinschaft von fünf oder sieben Leuten zu singen, weil das vor langer Zeit schon einmal dort versucht wurde. Jetzt vielleicht mit besserem Erfolg. Ich könnte Sie auch auf die Forschungen eines Viktor Schaubergers hinweisen, der an Vögeln und Fischen die Kreisbewegung und ihre Wirkung beobachtet hat. Vielleicht kennen Sie selbst schon Literatur, die sich mit der Himmelsmacht Musik und ihrer Bewegung auseinandersetzt. Ich habe ein wunderbares Vorbild:
Sokrates. Er regte die lernwillige Jugend an, ihre Probleme selbst zu beantworten, indem er sie mit seinen Fragen lenkte. Er war der erste bekannte Pädagoge, der alles und jedes hinterfragte und hinterfragen ließ. Wenn der Ernst und die Ehrerbietung vor den noch unerklärten Wundern dazu führt, diese einordnen zu können, ihren Platz kennen zu lernen, ihren Sinn zu respektieren, dann dürfte dies zu einer guten Symbiose von Wissen-Wollen und Wissen-Können führen. Der „Umweg“ über den Verstand, der uns fast alles gekostet hätte, mündet vielleicht doch noch in ein höheres Menschsein, in ein „gotterhobenes“ Leben.
Anmerkungen
1 Patricia Joudry: „Hören wie Pan“, Südergellersen 1987; „Gesundheit aus dem Walkman“, Südergellersen 1984
2 Anm. d. Red.: Diese herausragende Arbeit wird im Rahmen unserer EFODON-Edition MESON erscheinen.
3 Vgl. meinen Beitrag in SYNESIS Nr. 19/1997: „Die Dolmen bei Roses - eine besondere Aufgabe?“