Das "Übersetzungsmodul" in unserem Gehirn

© 1996 Gernot L. Geise


Wir Menschen denken abstrakt, völlig bildhaft. Gedankengänge erzeugen Kombinationen aus verschiedenen Gefühlen, die in ein Verhältnis gestellt werden zu anderen Gefühlen. Und um die ganze Sache noch mehr zu entmystifizieren: Gefühle sind im Grunde genommen nicht mehr und nicht weniger als die Folge körpereigener hormoneller Schwankungen, die sich in elektrischen Impulsen ausdrücken. Diese hormonellen Schwankungen können nicht nur durch Gedankengänge, sondern auch durch alle möglichen Reize ausgelöst oder modifiziert werden.

Unser Gehirn ist bei der Denkarbeit - als Rechenzentrum - natürlich laufend dazugeschaltet und arbeitet mit (meistens), da es letztendlich seine Aufgabe ist. Auch, wenn die Wissenschaft heute zu der - durchaus richtigen - Vermutung tendiert, dass die Denkarbeit des Menschen nur zum Teil im Gehirn stattfindet, dass dort sozusagen „nur“ die Koordination der einzelnen Denkvorgänge vorgenommen wird, während am eigentlichen Denkvorgang nicht nur der gesamte grobstoffliche, sondern auch der feinstoffliche Körper (das persönliche Identitätsfeld oder Aura) beteiligt ist.

Das Gehirnmodul „Übersetzung“ transformiert die gedachten Gedankengänge (fast) zeitgleich in Worte um, d.h. es ordnet dem abstrakten, gedachten Gedanken aus unserem, von klein auf erlernten, „Sprachwörterbuch“ eine dort entnommene Bezeichnung zu, von dem es annimmt, dass sie für jenen Gedankengang am zutreffendsten sei.

Wenn wir beispielsweise denken: ich gehe in das Haus, dann denken wir nicht den Satz, sondern sehen vor unserem »inneren Auge« den bildhaften Vorgang, wie wir das Haus betreten. Erst unser Übersetzungsmodul macht einen Satz in (in unserem Falle) deutscher Sprache daraus. Deshalb ist der eigentliche Denkvorgang auch bei allen Menschen gleich, egal welche Muttersprache sie sprechen. Nur das jeweilige Übersetzungsprogramm variiert sprachenabhängig.

Unser Problem mit Fremdsprachen besteht denn auch einzig darin, dass wir erst das entsprechende „Progamm“ der jeweiligen Sprache in unserem Gehirn speichern müssen. Ist es erst einmal vorhanden, kann ein Gedankengang problemlos in verschienene Sprachen übersetzt und ausgedrückt werden.

Unser Übersetzungsmodul ist nicht etwa vollkommen, wie auch keine Sprache vollkommen ist. Das ist der Grund, warum wir hin und wieder nach Worten suchen, um einen Gedanken korrekt ausdrücken zu können. Unser Gedankengang ist uns völlig klar, jedoch die Umsetzung in die Sprache hakt.

Hier haben wir eine für unser Zusammenleben mit anderen Menschen zwar nützliche, jedoch für unsere Denkleistung hinderliche Bremse. Denn die parallelgeschaltete Übersetzungsarbeit des Gehirns bremst die Denkarbeit. Das ist vergleichbar mit einem schnellen Computer, der seine Rechenoperationen laufend auf einem relativ langsamen Diskettenlaufwerk zwischenspeichert (dieses Beispiel soll nur zeigen, wie das eine durch das andere ausgebremst werden kann). Solange der Speichervorgang läuft, ruht kurzfristig die Rechenleistung des Computers. Würde man in diesen Rechner einen größeren Hauptspeicher installieren, so dass ein Zugriff auf das Diskettenlaufwerk (zur Zwischenspeicherung) entfällt, würde die Rechengeschwindigkeit drastisch ansteigen. Der Vergleich mit dem Gehirn stimmt jedoch nur bedingt, denn erstens können wir unser Gehirn nicht durch eine „Erweiterung“ vergrößern und zweitens ist die Modulfunktion des Gehirns weitaus komplexer. Auch die durch diese Funktion in eine Sprache übersetzten Gedankengänge werden durch das Gehirn zwischengespeichert, sonst könnten wir uns nicht daran erinnern.

Deshalb ist es auch für viele Menschen relativ schwierig, die eigenen Gedanken und Gedankengänge richtig zu artikulieren, denn es handelt sich in jedem Fall um eine Übersetzung eines abstrakten Vorganges. Und jede Übersetzung weicht zwangsläufig immer - mehr oder weniger - vom Original ab.

Ein Beispiel, wie das funktioniert: Wenn wir einem geliebten Menschen gegenüberstehen, dann empfinden wir ein abstraktes, undefinierbares Glücksgefühl. Dieses korrekt in Worte umzusetzen, ist so schwierig, dass es fast unmöglich ist. Denn es bietet sich nur der vorhandene Spachenkatalog an, mit ebenjenen Begriffen, die wir irgendwann gelernt haben, und die auch von anderen Menschen mit denselben Bedeutungen belegt werden. Jenes Glücksgefühl würden wir mit dem ganz lapidaren Wort „Liebe“ beschreiben. Es drückt jedoch nur ganz vage und andeutungsweise das aus, was wir empfinden. Das Wort selbst ist gar nicht in der Lage, die ganze Empfindung, die wir haben, ausdrücken. Hinzu kommt, dass die Worte, die uns zur Verfügung stehen - egal, welche Sprache wir nehmen -, fast alle mehrfach mit verschiedenen Bedeutungen belegt sind. So wird der Sinn eines Wortes, das wir verwenden, oftmals erst im Zusammenhang mit anderen Worten erkennbar. Das zeigt die ganze Problematik auf, in der wir stecken. Und diese Problematik hat beispielsweise bisher auch recht wirkungsvoll die Entwicklung von einwandfreien Übersetzungsprogrammen für Computer verhindert.

Während des eigentlichen Denkvorganges müssen, praktisch zeitgleich, die synonymen Begriffe für das abstrakte Gefühl oder Bild gefunden werden. Begriffe, die oft genug nur einen relativ kleinen Teil des eigentlichen Gedankens widerspiegeln.

Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Leute „aneinander vorbeireden“. Sie benutzen zwar die selben Worte, meinen jedoch beide etwas ganz anderes, weil der abstrakte Gedankengang nur teilweise mit der Übersetzung übereinstimmt. Eine weitere Variation des „Aneinander-Vorbeiredens“ ist die, dass beide zwar dasselbe meinen, jedoch jeder für seinen abstrakten Gedankengang andere Begriffe gewählt hat, die von dem Gegenüber wiederum anders interpretiert werden, weil dieser sie mit einem anderen oder nur bedingt ähnlichen Sinn belegt hat.

Eine optimale, widerspruchsfreie Kommunikation zwischen Menschen kann eigentlich nur auf telepathischem Wege, durch einen Austausch der ganzen abstrakten Gefühlskombinationen, funktionieren. Denn jede Umsetzung in irgendwelche sprachlichen Rahmen erzeugt eine „Verwässerung“ des eigentlichen Gedankenganges.

Um die Unzulänglichkeit der Sprache etwas zu minimieren, verwenden - insbesondere Südländer - denn auch, zur Untermauerung und Ergänzung, zusätzlich zu der akustischen Unterhaltung, alle möglichen Formen der Gestik. Auch dies sind jedoch wiederum nur Hilfskrücken. Für den Urzeitmenschen, der erstmals begann, sich lautlich zu artikulieren, mag seine Sprache noch ausgereicht haben (wir wollen hier nicht darüber spekulieren, wie hoch oder wie niedrig seine Denkleistungen waren!). Heute jedenfalls wirkt sich das Übersetzungsmodul bremsend auf unsere Denkvorgänge aus. Es ist jedoch durch gezieltes Training möglich, dieses teilweise zu umgehen, indem man erst gar nicht versucht, einen Gedankengang zu artikulieren, sondern erst den Gedankengang abstrakt für sich durcharbeitet und nur das Endergebnis in die Sprache übersetzt.

Hier haben wir das interessante Phänomen, dass wir oftmals bei einer Rede, Unterhaltung oder Diskussion, also bei einem akustischen Gedankenaustausch, mit den Gedanken bzw. mit dem Gedankengang bereits einige Sätze weiter sind als das Sprachzentrum, das in seiner Artikulation hinterherhinkt, bevor es den nächsten Gedanken in die Sprache übersetzt (bei Frauen soll das angeblich niemals passieren können...). Das ist dann oft die Situation, wenn wir mitten im Gespräch den „roten Faden“ verloren haben.

Diese Übersetzung in die Sprache oder, umgekehrt, zurück in den abstrakten Gedankengang ist - ob geschrieben oder gesprochen - ein Hemmnis, das uns auch beim Lesen eines Buches auffällt, wenn wir während des Lesens mit unseren Gedanken vom Thema des Buches abschweifen, weil unser Denkgerät in seiner Denkgeschwindigkeit durch das Lesen - die optische Informationsaufnahme - ausgebremst wird und sich zusätzlichen Denkaufgaben widmet. Hier haben sich schlaue Leute einige Tricks einfallen lassen, wie man beispielsweise durch konzentriertes „Querlesen“ eines Buches zum einen die Lesegeschwindigkeit drastisch erhöhen und andererseits die Abspeicherung als Erinnerung vertiefen kann. Dies geschieht im Prinzip einzig durch eine bessere Auslastung der Informationsaufnahme unseres Gehirns.

Das Gehirn als Denkgerät hat seine Kapazität im Laufe der Entwicklung ausgebaut (d.h. die Natur hat es im Rahmen der „Evolution“ so gemacht) und optimiert. Im Vergleich zur Computertechnologie: Der Rechner ist heute kein einfacher PC mehr, sondern er entspricht einem schnellen Pentium-PC. Die daran angeschlossene Peripherie-Hardware - Diskettenlaufwerk, Drucker, Scanner usw. (Vergleich zum Gehirn als Rechner: Sprache, »Übersetzungsmodul«, Kommunikation) - ist jedoch fast unverändert geblieben (Natürlich hat sich die Sprache als solche verändert! Ich meine jedoch prinzipiell die Möglichkeit einer akustischen Verständigung). Die Peripherie-Hardware war ursprünglich auf die - aus heutiger Sicht bescheidenen - Möglichkeiten des »Ur-Rechners« zugeschnitten und hatte problemlos mit ihm harmoniert, war „kompatibel“. Der Hersteller des „Ur-Rechners“ (beim Gehirn: die Natur) hat eine derartig drastische Weiterentwicklung jedoch möglicherweise nicht vorausgesehen.

Es bleibt abzuwarten, welche Verbesserungen - oder besser: Anpassungen - die Natur (1) hier an der „Peripherie“ der „Hardware“ Mensch vornimmt. Schauen wir uns an, wie die Entwicklung der einzelnen Lebensformen vor sich ging, so sehen wir, dass die Natur als Konstrukteur immer auf Veränderungen (beispielsweise auf Umweltveränderungen) reagiert hat, allerdings erst nach einem längeren Vorhandensein der jeweiligen Veränderung, nicht auf kurzfristige oder nur kurze Zeit anhaltende Veränderungen.

Die Biologie kennt Unmengen von Arten - tierische und pflanzliche -, die in ihrer Entwicklung durch die Natur an veränderte Gegebenheiten angepasst wurden, oder die, wo es nicht möglich war, ausgestorben sind.

Beim Menschen kann es eigentlich nicht mehr lange dauern, bis die Natur eine „Konstruktionsveränderung“ vornimmt - es sei denn, sie kommt zu dem Ergebnis, dass die jetzige Entwicklung respektive der Mensch insgesamt eine Fehlkonstruktion ist und durch ein völlig anderes „Modell“ ersetzt werden muss. Auch auf diese Möglichkeit deuten inzwischen recht viele Hinweise hin. Der Mensch pfuscht der Natur derart ins Handwerk, dass sie es nicht mehr lange mitmachen wird. Man denke nur an das natürliche Ausleseverfahren, das wir beim Menschen völlig unterbinden. Von den diversen massiven Eingriffen in die Natur bis hin zur Genmanipulation wollen wir hier gar nicht reden, das ist heute jedem bekannt.

Es muss doch zu denken geben, dass - das belegen recht viele, durchaus seriöse, wissenschaftliche Untersuchungen (2) - die Menschheit offensichtlich relativ kurz vor dem Aussterben steht, vor dem (letztendlich selbsterzeugten) Exitus. Denn unser Untergang ist, auch wenn noch so viele Regenbogenpresse-Journalisten es beschönigen, kaum mehr aufzuhalten. So weit hat uns unsere hochgelobte Zivilisation, auf die wir so stolz sind, gebracht (3).

Doch: war es unsere eigene Entscheidung, oder hat hier die Natur (oder wer auch immer die langen Regie-Fäden zieht) nachgeholfen? Es könnte durchaus sein, dass unser Untergang ein „ganz normaler“ Regelmechanismus der Natur ist. Wissen wir denn, nach welchen Kriterien die Natur arbeitet? Vielleicht war die uns verliehene Intelligenz nur ein „Probeschuss“ der Natur, um auszutesten, in welcher Richtung eine Weiterentwicklung einer ausgesuchten Gattung Lebewesen möglich ist? Dann war der „Probeschuss“ möglicherweise ein „Fehlschuss“, der leider weit am Ziel vorbei ging.

Es ist nur schade, dass wir als einzelne, mit dem Werkzeug „Verstand“ versehene Individuen, die wir nun mal sind, keinen Einspruch gegen das Urteil der Natur vorbringen können.

Anmerkungen
(1) „Natur“ ist durchaus gleichzusetzen mit „Schöpfer“ oder „Schöpfergott“!
(2) Nein, ich liste hier keine einzige auf! Die Nachprüfung dieser meiner Behauptung kann jeder für sich vornehmen, er wird fündig werden!
(3) Hierzu siehe auch meinen Beitrag „Notreaktion“.


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