Neue Überlegungen zur Deutung von „GEISPOINT“:
Ein altes keltisches Brunnenheiligtum?

© Hans Guggemos; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 18/1996

Bisher ging der alte Name Geispoint - für das heutige Wessobrunn - in der Literatur unter. Die Legende, nach der Tassilo um 750 nach unserer Zeitrechnung, im Zusammenhang mit einem gewissen Wezzo, hier ein Kloster gegründet haben soll, sie gibt nur Aufschluss über das Kloster selbst, das fortan „Wezzo Brunn“, Weßenbrunn, (Wessofontanis) und eben Wessobrunn hieß.

Und so hieß eben nur dieses alte Kloster in den Fluren von Geispoint, bis ins 19. Jahrhundert. Dass der alte Name für diesen Ort so unterdrückt wurde, dürfte auf dem Irrtum beruhen, dass dieser Ortsname von den vielen Ziegen (Geißen), der „Kuh der armen Leute“, abgeleitet wurde.

Das Wort Geiß lässt jedoch mehrere plausible Erklärungen zu!

Ziegen = Geis; -point, Point = Ort, Stelle, Punkt; Geis-Point = Ziegen-Ort.

Oder nach den Gessti, den keltischen Speerwerfern. Damit wäre die Bedeutung also „Speerwerfer-Krieger-Ort“ (vgl. die Ortschaften Kotgeisering, Geisenfeld, Geisenbrunn u.a.m., sie führen ihre Namen darauf zurück).

Keltische Sprachelemente finden wir auch noch bei alten Gewässer- und Flurnamen und -Bezeichnungen. Wie zum Beispiel die Rott (= Rhoat - Ruatha = gälisch „der Bach“). Oder die Ach, das „fließende Gewässer“. Der Bierschaum heißt heute noch mundartlich Foam, und der hölzerne Pflugbaum der Holzpflüge unserer Vorfahren hieß Grindl, genau wie im gälischen Sprachraum.

Das sogenannte ,,Lechrainische“, ein oberbayerischer Lokaldialekt, stirbt leider langsam aus. Damit verschwinden natürlich viele sehr alte Redewendungen. Kaum ein jüngerer Wessobrunner beherrscht noch diese Dialektsprache (Herr Duden schlägt immer noch zu: ,Dogmen des 19. Jh. - die ,,reine deutsche Sprache“'). Schade! Kein Satz mehr: „Voarnächt isch g'wesa“ (Vorgestern ist es gewesen) oder „Nächt ho'n i's don“ (Gestern habe ich es getan). Sehr schade!

Birgt doch nicht zuletzt dieser, mit gälisch-keltischen Resten durchsetzte Dialekt noch manche Erklärungen für Dinge, die im „Duden“ oder in der Germanistik nicht zu finden sind. So ist es weiter nicht verwunderlich, dass die - meiner Meinung nach - plausibelste Erklärung des Namens Geispoint nie beachtet wurde.

Der lechrainische Dialekt entstand möglicherweise durch die Grenzsituation dieses Gebietes am Lech in der bayerischen Frühgeschichte. Durch eine hier erfolgte Isolation erhielt sich ein likatisches Sprachrelikt. Durch die Likatier oder Licates - gälischstämmigen Keltoromanen - entstand ein Lokaldialekt, der durchsetzt ist mit alemannischen und älteren Sprachresten.

Lengyel und Jean Markale - nebst anderen Keltenforschern und Linguisten unseres Jahrhunderts - eröffnen hier neue Wege.

Zum Gälischen
Gälisch gehört zu den wenigen alten Sprachen in Europa, die es vermocht haben, allen „sprachimperalen“ Bestrebungen zu trotzen. Es gibt natürlich noch die Reste des Goidelischen, des Rätischen, des Baskischen und des Friaulischen. Das alles sind noch lebendige keltisch-beeinflusste und miteinander verwandte Sprachen. Teilweise sind sie erst im letzten Jahrhundert durch sprachimperalen Druck in Gemeinsprachen aufgegangen, beispielsweise in Großbritannien das Walisische oder in Frankreich das Bretonische.

Viele Worte aus diesen alten Sprachen sind inzwischen längst Bestandteil unserer gängigen Schulsprachen geworden, und kaum jemand denkt noch über ihren Europa-verbindenden keltischen Ursprung nach.

Für Bayern wäre beispielsweise die Vor- und Nachsilbe Ach (für fließende Gewässer) typisch. Dass auch diese, uns noch erhaltenen Linguismen noch ältere Vorläufersprachen enthalten, ist heute kein Geheimnis mehr. Das Gälisch bietet sich hier als eine der am besten literarisch aufgearbeiteten keltischen Sprachen an. Vielleicht kann man es als Schlüssel für das Lechrainische anwenden.

Geis - Gessa
Der alte Wortstamm Geis - Gessa (der übrigens auch im deutschen „Gesetz“ enthalten ist), hat im Gälischen die Sinnentsprechung „Dogma, Tabu, Verwünschung, Gesetz (auch das „ungeschriebene“), Bann, Eid, Schwur auf das Gesetz“, jeweils im Zusammenhang mit

Point - Poin - Poen

Point, Poin, Poen oder Peunt, Beunt hat die Bedeutung „Ort, Stelle, Punkt, begrenzte Einfriedung“ usw.

In seinem Zusammenhang mit Geis könnte also Geispoint mit großer Wahrscheinlichkeit ein Ort des Gesetzes, oder ein mit besonderen Eigenschaften versehener Ort gewesen sein. Das ganze Umfeld erhärtet diese Hypothese.

Damit wäre das keltische Geispoint sogar älter als das Tassilonische Wessobrunn (nach einer Legende aus dem 12. Jh.). Das sogenannte ,,Wessobrunner Gebet” weist ohnehin sehr viele vorchristliche Aspekte auf (es stammt aus dem Ende des achtes Jahrhunderts). Es ist in Mittelhochdeutsch abgefasst, einer hier nicht heimischen Hochsprache (vgl. die „Merseburger Zauberverse“).

Die Tassilo-Gründungslegende
Dass Tassilo III. (?) ein großer Jäger gewesen sein soll, verwundert niemanden. Große Jagdzüge mit dem niederen Adel waren für diese Zeit und ihre Fürsten eine Verbindlichkeit. Sie waren gleichzeitig auch Machtdemonstrationen zur Einschüchterung renitenter Vasallen. Im übrigen war der Lechrain damals das Grenzgebiet zu den alemannischen Schwaben. Tassilo III., damals ein Knabe von 5 - 8 Jahren, soll hier - beim heutigen Wessobrunn - ein Jagderlebnis (mit nachfolgender Klostergründung) gehabt haben - das ist doch recht unwahrscheinlich. Die Klostergründung könnte, wenn schon, eine Stiftung unter der Vormundschaft seiner Mutter sein. Da gibt es dann noch die Sache mit dem Wasser („Wezzos Brunnen“, nicht „Taringas“ Brunnen), den drei Quellen, und der „Jakobsleiter“ mit den Engeln, die Tassilo im Traum erschienen sein sollen.

Wasser gibt es im umliegenden Gelände wahrlich genug, um den Durst zu stillen. Außerdem dürften einige Packpferde Getränke mitgeführt haben (Schläuche aus Ziegenleder, wie es damals üblich war). Somit scheiden durch Durst erzeugte Halluzinationen, die für die „Träume“ verantwortlich gemacht werden, aus. Das 12. und 13. Jahrhundert ist jedoch für seine blumige Literatur, mit oft zweifelhaftem Wahrheitsgehalt, bekannt. Tassilos Person ist ebenso real oder unreal wie die Karls des Großen. Ob es sein Schreiber Einhard oder der Mönch Gottschalk mit den Tatsachen so genau nahmen bei ihren Aufzeichnungen um Tassilo, muss offen bleiben. Die „Tassilos“ selbst bieten einige Widersprüchlichkeiten. Die Historiker interpretieren hier eine Reihe voneinander abweichender Stammbäume für die Agilolfinger (hier haben wir die Problematik der Archäologie: die fundlose Zeit zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert). Im Zusammenhang mit der Vita Buroiensis (Benediktbeuern) werden die Huosi als Stifter und Vögte für die Klöster Sandau, Wessenbrunn, Polling, Buron, Kochel see und Neuburg-Staffelsee, genannt.

Für das Gelände des heutigen Klosters Wessobrunn ist kaum bereits im 8. Jh. eine größere bestehende Anlage anzunehmen, wie sie für das Kloster Benediktbeuern als erwiesen gilt. Bei den Grabungen im Wessobrunner Klosterareal (im 18. Jh.) kam nichts zutage, was auf eine vormittelalterliche Anlage schließen ließe. Die ältesten ergrabenen Reste stammten aus dem 10.-11. Jahrhundert.

Bleiben nur die engeren geographischen Zusammenhänge. Das römisch-keltische Abodiacum mit einer Verbindungsstraße zu dem an der Ammer gelegenen, ebenfalls römisch-keltischen Urusia. Das keltische (gälische) Geispoint, ein altes Quellenheiligtum, lag an der Strecke. Und die vorhandene altbekannte „Demutsabweichung“, wie sie für alle alten, heiligen Plätze typisch ist, lässt diese Version von Geispoint logisch erscheinen.

Quellen
Vita Buroensis
Lech-Isar-Land: Raisting-Urusia
Lexikon der keltischen Mythologie
Lengyel, geheimes Wissen der Druiden
Gaelic-English-Dictionary, 1988
Christopher Bird, Alte Kultplätze
Dr. Horst Friedrich, Noch immer rätselhaft: Die Entstehung der Baiern, EFODON-ME 4
Jean Markale, Die Druiden, Augsburg 1995
Archäologische Jahrbücher, Karten röm. Straßennetz
Thomas Fischer, Römer und Bayuwaren an der Donau
Dollinger, Bayern
Wessofontanum, Grabungsbericht Ausgrabungen
Rudolf Reiser, Tassilo III.

Hans Guggemos ist der Autor der EFODON-DOKUMENTATION DO-30: „Andechs und die Huosi. Fragen zur offiziell propagierten baierischen Frühgeschichte“ (vergriffen).


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