Feuerlaufen und die Wahrheit

(c) Gerhard Halbich; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 41 (5/2000)

Ein Bericht über Füße, die alles tragen und die noch mehr ertragen können: Am 27. Mai 2000 fand in Leihgestern (in der Nähe von Gießen) in der Volkshalle der spektakuläre erste "Lindener Feuerlauf" statt. Dazu liefen die Teilnehmer des "Erfolgs-Seminars Power-Weekend" über eine drei Meter lange Glut eines abgebrannten Holzstoßes. Das Seminar wurde von "Mastercoach" Eric Adler (Mondsee/Österreich) geleitet. Die Glut der Holzkohle wurde mit rund tausend Grad Celsius angegeben.

In dem Magazin "P.M." (Ausgabe Juni 2000) konnte man nicht nur lesen, dass die Füße des Menschen aus 26 Knochen, 114 Bändern und 20 Muskeln bestehen, sondern dass diese zwei Treter auch in einem Leben etwa zweieinhalbmal rund um den Globus laufen.

Weiterhin wurden in dieser Ausgabe die "physikalischen Eigenschaften der Gehwerkzeuge" entlarvt. Zwar würde seit einigen Jahren in "New-Age-Zirkeln", in Lebenshilfeseminaren und auf Managerschulungen das Feuerlaufen über glühende Kohlen offeriert, um angeblich Ängste zu überwinden, zum "inneren Selbst" zu finden und den Willen zu stärken, doch dies wäre falsch! Trotz all dem sei das Feuerlaufen schick und angeblich ein Wunder oder Sieg des Geistes über die Materie.

Dabei würde jedoch übersehen, dass Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft diese Phänomen längst als Trick entzaubert hätten. So sei die Kohlenglut in Wirklichkeit nicht 900° C, sondern maximal nur 440° C heiß! Außerdem betrage in der Hornhaut des Feuerläufers die Temperatur sogar nur rund 100° C, was ein jeder Mensch für einen kurzen Moment aushalten könne! Deshalb sei das Feuerlaufen nicht der Sieg des Geistes, denn dies sei jederzeit ohne irgendeine rituelle Vorbereitung möglich!

Ich selbst konnte am 27. Mai in der Nähe von Gießen ein solches "euphorisches Ereignis" als Zuschauer genießen, denn das "Power-Weekend" von 28 Männer und Frauen, angeheizt durch einen "Mastercoach" und von mystischer Musik begleitet, war in Wirklichkeit nur ein Schaueffekt, den man durchaus kritisieren kann:

Von tausend Grad heißer Glut konnte keine Rede sein, denn bei echter glühender Kohle und Flammenstoß hätte dieses Schauspiel ganz anders ausgesehen. Bei der Vorbereitung hatte der Feuerwehrmann zwar einen Schutzanzug angezogen, weil es beim Abbrennen des exakt geschichteten Holzstoßes doch ganz schön heiß wurde. Doch bis zum Beginn des Laufes war das Holz bereits niedergebrannt. Bei Dunkelheit hat die verteilte glühende Asche aus Papier und Holzresten zwar schön geleuchtet, das war jedoch ein beabsichtigter Schaueffekt.

Das Geschehen hinterlässt bei allen Sachkennern ein Kopfschütteln, denn all dies, was hier ohne Technik und Hypnose absolviert wurde, kann man höchstens als eine "mentale Öffnung" der Feuerlaufteilnehmer bezeichnen, weil inzwischen die Forschungen seriöser Wissenschaftler eindeutig die Gründe für ein Gelingen genannt haben. Daran ist nichts Spektakuläres.

Aus diesem Grunde verwundert es immer wieder, dass uninformierte Mitmenschen sich von Scharlatanen zu einem solchen nutzlosen Spektakel verführen lassen!

Darum muss die Frage erlaubt sein, ob intellektuelle Schwäche oder absolute Weltfremdheit bei Feuerläufern zu einer solchen "Beglückung durch Selbstbestätigung" führt?

Letztlich partizipieren am Feuerlaufen nur die "Coachs" und Ausrichter eines solchen Spektakels, weil diese wissentlich meist die Unwahrheit referieren und mit horrenden Preisen die Teilnehmer an einem solchen Ereignis nur abzocken wollen!

Obwohl man heute noch in Kreisen der sogenannten Mentaltrainer das Feuerlaufen als eine "psychische Motivation mit Visualisierung" bezeichnet, scheint es doch an der Zeit zu sein, dass man solchen "Heilsbringern" Einhalt gebietet; zumal sie inzwischen genau wissen sollten, warum die menschlichen Gehwerkzeuge Kohlenglut vertragen können.

Daher sollte man die akademisch verpackten Rechtfertigungen fürs Feuerlaufen durch solche "Coachs" auch als Lüge bezeichnen dürfen!


Feuerlaufen über einen Teppich von glühender Asche (27. Mai 2000 in Leihgestern bei Gießen) (Foto: Gerhard Halbich)

Feuerlaufen über einen Teppich von glühender Asche (27. Mai 2000 in Leihgestern bei Gießen) (Foto: Gerhard Halbich)


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