Lag der Salomonische Tempel in Spanien?

© 1998 Harald Heinze, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 29/1998

 In SYNESIS Nr. 4/1994, Seite 16-18, hatte Horst Friedrich („In welchem Land lag der Salomonische Tempel?”) die These vertreten, dass der Salomonische Tempel an der Stelle des heutigen Granada in Spanien stand, und nicht in Jerusalem. Die Quellen und Inspiration für diese Hypothese fand Friedrich insbesondere in den Büchern von Jaques Touchet: „La Grande Mystifikation”, 1992, Carcassonne und von Uwe Topper: „Das Erbe der Giganten”, Olten/Freiburg 1977.

Friedrich meint „es ist hohe Zeit, den vorgeschichtlich-geografischen Horizont zu weiten.” In Tat und Wahrheit aber weitet Friedrich nicht, sondern engt ein! Denn die Behauptung, ein „Salomonischer” Tempel habe in Spanien gestanden, schließt nicht aus, dass ein Original dieses Tempels in Jerusalem stand!


 

 Abb. 1: Salomonischer Tempel, Privatsammlung


Friedrich hätte also beweisen müssen, dass es sich bei dem behaupteten „Salomonischen” Tempel in Spanien nicht um einen Tempelnachbau der in der Diaspora (Zerstreuung) lebenden Juden handelte!

Der Verfasser will lediglich darauf hinweisen, dass es solche Tempel außerhalb Jerusalems gab, ohne dass der Salomonische Tempel in Jerusalem damit eine Erfindung sein müsste. Folgende (nicht erschöpfende) Beispiele mögen dies belegen:

A) außerhalb Israels

1) Schon vor der Eroberung Ägyptens durch die Perser (-525) stand in Ägypten ein „Salomonischer” Tempel in einer jüdischen Militärkolonie, der -410 zerstört wurde. Dies geht aus Papyrusurkunden von der Nilinsel Elephantine bei Syene (Assuan) hervor. (1)

2) Auch in Unterägypten stand ein „Salomonischer” Tempel, bei Leontopolis. Der aus Jerusalem geflohene Hohepriester Onias hatte ihn dort etwa -170 nach dem Vorbild des Jerusalemer Tempels gebaut. (2)

B) Tempel Jahwes in Israel/Palästina

aus der Eisenzeit, also z.T. sogar noch vor der Zeit des Salomonischen Tempels standen in:

Bethlehem, Hebron, Nob, Mizpa, Gibea, Silo, Bethel, Sichem, Michas Haus, Ofra, Mizpa, Dan (3). Keiner dieser Tempel schloss die Existenz „des” Tempels in Jerusalem aus!

In Arad (südlich von Hebron) wurde in neuerer Zeit ein weiterer Jahwe-Tempel ausgegraben. Auf einem Ostrakon aus diesem Tempel steht geschrieben: „Das Haus Jahwes” (4).

Damit ist klar bewiesen, dass es in Israel sogar vor der Zeit des Salomonischen Tempels Jahwe-Tempel gab und solche später auch in Ägypten nachgewiesen wurden.

Sollte ein Jahwe-Tempel auch in Spanien gestanden haben, so schließt auch dieser nicht ein Original in Jerusalem aus! Es kann sich auch dort, so wie in Ägypten, um ein Heiligtum von Juden in der Diaspora (Zerstreuung) handeln.

Jetzt gehen wir zum „positiven” Beweis über, dass der Salomonische Tempel in Jerusalem existierte:

C) In Jerusalem

1) Noch heute ist deutlich die gewaltige Aufschüttung des Tempelbergs in Jerusalem zu sehen. Sie umfasst mehrere hundert Meter Kantenlänge in beiden Richtungen (Länge und Breite). Die Archäologie hat längst nachgewiesen, dass der von Herodes dem Großen erweiterte Tempel des Serubabel nicht der erste Tempel dort war und dass die Aufschüttung selbst wesentlich älter als dieser Tempel ist.

Es ist naheliegend, dass diese sehr alte, große künstliche Aufschüttung in Jerusalem einem Gebäude nationalen Interesses zur Grundlage dienen musste. Die Geschichte weiß nur von einem einzigen dieser Bedeutung: dem Salomonischen Tempel!

2) Ein weiterer Beweis wurde 1988 der internationalen Presse vorgelegt: Ein aus Jerusalem stammender Granatapfel aus dem -8. Jahrhundert mit alt-hebräischer Aufschrift: „Zum Hause des Herrn (gehörig), heilig den Priestern”! (5)

3) Der jüdisch-römische Historiker Flavius Josephus (1. Jahrhundert nC) hat in seinen „Antiquitas” Vlll, 3 (6) und in „Bellum Judaicum” V, 5 (7) den Salomonischen Tempel von Jerusalem in vielen Details in punkto Bauweise, Masse und den Beteiligten beschrieben. Es ist klar, dass Josephus für diese detaillierten Beschreibungen sehr alte schriftliche Quellen vorgelegen haben müssen! Josephus führt Daten auf, die über die Angaben im biblischen Text hinausgehen.

Abbildung 2 zeigt die von römischen Soldaten 70 nC geraubten Tempelschätze des von Herodes erweiterten „2.” Tempels, wie sie auf dem Titusbogen in Rom noch heute zu sehen sind. Das Bild zeigt deutlich den siebenarmigen Goldenen Leuchter, Posaunen und den Schaubrottisch, alles Gegenstände aus dem Heiligtum des Jerusalemer Tempels. Die Anfänge dieses Tempels gehen ins -6. Jahrhundert zurück. Dieser Tempel wurde nach dem Vorbild des Salomonischen Tempels erbaut, was aus allen schriftlichen und archäologischen Quellen, die wir noch haben, eindeutig hervorgeht, also aus dem Text der Bibel, Flavius Josephus und Grabungen.

Horst Friedrich hat also, entgegen seinem eigenen Vorsatz, den „vorgeschichtlich - geografischen Horizont” nicht geweitet, sondern eingeengt. Darüber hinaus hat er die biblischen Text-Quellen in typisch moderner Manier als minderwertig erachtet, denn nicht mit einem einzigen Wort erwähnt er sie in seiner Abhandlung.


Abb. 2: Triumphbogen des Titus in Rom, aus: Die Religiösen Altertümer der Bibel, Dan. Bonifacius von Haneberg, J. G. Cotta`sche Buchhandlung, München 1869


Das 1. Buch der Könige, Kapitel 6-7 und das 2. Buch der Chronik Kapitel 3-4 beschreiben nämlich ausführlich den Bau des Jerusalemer Salomonischen Tempels. Beide biblischen Bücher sind in den Qumran-Funden vom Toten Meer enthalten, also als echte Quellen des vorchristlichen Zeitalters erwiesen. Grundsätzlich hätte Friedrich also die biblischen Texte als eine gleichwertige historische Quelle behandeln müssen, bis deren angebliche völlige Unzuverlässigkeit bewiesen wäre! In Wahrheit aber ist es so, dass die biblischen Texte mit jedem Jahr archäologischer Forschung an Glaubwürdigkeit gewinnen und hunderte von Historikern und Archäologen weltweit sie in ihrer Forschung heranziehen.

Friedrichs Geschichtskonstruktion erfordert also das einmalige Geschehen, dass innerhalb von etwa vierhundert Jahren die gesamte Geschichte Israels erfunden sein müsste, inklusive tausende von Namen, Bauwerken, geografischen Verhältnissen u.a. mehr.

Denn dies ist die Zeitspanne zwischen der Zerstörung des Salomonischen Tempels (ca. -586) in Jerusalem gemäß biblischen Quellen und dem Alter der Qumran-Schriften (was die Alttestamentlichen dort gefundenen Bücher betrifft), die z.T. bis ins -2. oder -3. Jahrhundert zurückreichen, unter ihnen die obigen biblischen Bücher der Könige und der Chronik, die den Jerusalemer Salomonischen Tempel detailliert beschreiben.

Inzwischen ist sehr viel des Materials und der Angaben der Alttestamentlichen Bücher von der Archäologie bestätigt. Merkwürdigerweise soll nun der Salomonische Tempel in Jerusalem, das Herzstück israelitischer Geschichte, eine Ausnahme bilden, während in damals kleineren Städten Israels Tempel Jahwes sogar aus der Eisenzeit nachgewiesen wurden. Kürzlich ist in (Tell) Arad sogar einer ausgegraben worden.

Angesichts obiger Beweise für die damalige Existenz des Salomonischen Original-Tempels in Jerusalem sprechen die Fakten eine deutliche Sprache.

Die Jahwe-Tempel der jüdischen Diaspora im Ausland widerlegen in keiner Weise die damalige Existenz des Salomonischen Tempels in Jerusalem.

Friedrich erwähnt ebenfalls in seinem Artikel (Seite 16) die „jüdische Minorität” im damaligen Spanien, und dass die iberische Halbinsel schon immer deren Heimat gewesen sei. Es kann sich also sehr wohl um jüdische Konvertiten in Spanien gehandelt haben, die wie die obigen im alten Ägypten in der Diaspora ihren eigenen Jahwe-Tempel hatten. Dass die iberische Halbinsel schon immer deren Heimat war, schließt in keiner Weise die damalige Existenz von Juden in Israel und deren Original-Tempel aus!

Friedrich bringt (Seite 17) weitere Thesen im Telegramm-Stil, die seine These, dass nicht nur der Salomonische Tempel, sondern auch die Hebräische Sprache und das Reich Salomos im damaligen Spanien ihren Ursprung und alleinige damalige Existenz gehabt hätten:

·        „Die Heimat der Semiten ist der iberische Westen”

·        „Das Reich Salomos befand sich in Spanien”

·        „Auch die Alphabetschrift stammt aus dem iberischen Westen”.

Eine Priorität im iberischen Westen (gegenüber Israel) ist durch Friedrich nicht bewiesen, sondern nur, dass hebräische Tempel, Städtenamen, hebräische Namen und hebräische Sprache auch im damaligen Spanien auftauchten. Derartige Beobachtungen treffen wir aber bis heute in vielen Gegenden und Kontinenten an: in Südamerika oder in den USA gibt es Städte und Orte, die von europäischen Auswanderern gegründet waren und entsprechend Berlin, Moskau, Bern usw. heißen! Auch sprechen Teile dieser Auswanderer noch heute ihre Muttersprache untereinander und tragen deutsche Namen! Wer kennt nicht Siebenbürgen in Rumänien, wo ausgewanderte Sachsen sich niedergelassen haben und ihre Volksbräuche, Namen, Religion und Sprache noch heute, mehr als im heutigen Sachsen, praktizieren! Ein Historiker des zukünftigen 25. Jahrhunderts, der nur über lückenhafte Quellen verfügt (wie wir über die Antike), könnte meinen, die Sachsen kommen von Siebenbürgen!

Friedrich macht sich (Seite 17) mit seiner Quelle Touchet Gedanken, woher die marmornen Löwen am Löwenbrunnen im Patio de los Leones der Alhambra aus der Zeit Davids und Salomos (gemäß Spezialisten datiert) kommen. Der Verfasser hat oben darauf hingewiesen, dass schon in der Eisenzeit (also vor dem Salomonischen Tempel in Jerusalem) Jahwe-Tempel außerhalb Jerusalems existierten. Marmorne Löwen können auch diese geziert haben!

Was Friedrich weiter über die „atlanto-iberische - von Marokko bis Dänemark reichende - Zivilisation” schreibt, ist unbewiesene Behauptung, insbesondere, wenn er dubiose Planetoiden-Einschläge heranzieht, um die Lücken und Widersprüche dieser Hypothesen aufzufüllen respektive zu versöhnen. Was Friedrich weiterhin polemisch (Seite 18) über die „Illusion” der „Bibelfundamentalisten” bemerkt, liegt weit außerhalb echter wissenschaftlicher Forschung und zeigt eine einseitige, mit einem Vorurteil behaftete Geisteshaltung, eine sehr schlechte Basis für objektive Forschung.

Anmerkungen

(1) und (2) Lexikon zur Bibel, Hrsg. Fritz Rienecker, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal und Zürich, Sonderausgabe 1992, Seite 1378

(3)  Jerusalemer Bibellexikon, Herausgeber Kurt Henning, Deutsche Ausgabe Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart, 1990, Seite 863

(4) ebd. Seite 65

(5) factum, Verlag Bruno Schwengeler, Berneck/Schweiz, Februar 1989, Seite 64f

(6) Flavius Josephus: Jüdische Altertümer, Band Nr. l, Joseph Melzer Verlag, Darmstadt ( ohne Zeitangabe )

(7) Flavius Josephus: Geschichte des jüdischen Krieges, Joseph Melzer Verlag, Darmstadt ( ohne Zeitangabe )


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