Das Märchen als Spiegel der Bewusstseinsgeschichte

© 1996 Petra Muths; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 18/1996

Der sehr interessante Artikel ,,Vom Matriarchat zum Patriarchat” von Gudrun Strüber (SYNESIS Nr. 14/1996) regte mich dazu an, die Diskussion des Themas ,,Märchen” fortzuführen. Ich möchte meinen Beitrag keinesfalls als Widerlegung verstanden wissen, sondern als einen Ergänzungsversuch, der vielleicht Informationen beizusteuern vermag, die das Wahrnehmungsspektrum noch etwas erweitern können. Auch für mich stellen sich Märchen als Schlüssel zu dem dar, was während des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat in der kollektiven Psyche geschehen sein muss, jedoch kann ich die Notwendigkeit einer kritischen Lesart nicht genug betonen. Märchen sind freischwingende, kulturgeschichtliche Energiefelder, die wie ein Spiegel unsere Seelengeschichte mit all ihren Konflikten reflektieren, allerdings sind diese Konflikte und deren Lösungen jeweils historisch bedingt und repräsentieren eine ganz bestimmte Bewusstseinsstufe. Für das Märchen als Spiegel der Übergangsphase vom Matriarchat zum Patriarchat sei hiermit darauf hingewiesen, dass Märchen durchaus auch gesellschaftlich missbraucht werden können, um ein bestimmtes Normensystem, das seelisch internalisiert werden soll, zu untermauern. Die Konfliktlösungsstrategien, die ein Märchen uns anbietet, müssen demzufolge kritisch dahingehend überprüft werden, ob sie ein echter Spiegel kultureller Inhalte sind oder lediglich ein didaktisches Instrument, das eine bestimmte Gewaltstruktur legitimieren und gesellschaftlich erwünschte Erziehungsmuster festigen soll.

Wir dürfen keinesfalls außer acht lassen, dass die meisten unserer Märchen aus einer langen Tradition mündlicher Überlieferung herausgerissen und schriftlich fixiert wurden: Die bekannteste Märchensammlung ist die der Brüder Grimm, die, aus den Jahren 1812-15 stammend, sich (kritisch) als eine Kristallisierung des damaligen Zeitgeistes, des aufstrebenden Bürgertums im 19. Jahrhundert, lesen lässt. Mit der schriftlichen Fixierung erstarrt jedoch das Märchen, verliert an jener Beweglichkeit, die die mündliche Tradierung so auszeichnet, und wird schon dadurch verfälscht. Aber es ist nicht allein der Bruch mit dieser Tradition: Die Brüder Grimm arbeiteten im Auftrag der Universität Göttingen, die eine Jesuiten-Gründung ist, und so bedarf es kaum kriminalistischen Spürsinns, um sich auszumalen, welche Art von Werten sich in unseren ,,Hausmärchen” verbirgt: Die Grimmsche Moraldidaktik bezieht sich auf ,,christlich”-patriarchale Normen, die kraft der Lektüre internalisiert werden sollen. Damit werden die Märchen als Träger bestimmter Erziehungsziele missbraucht, und uns obliegt es, diese Ziele zu identifizieren und kritisch zu hinterfragen.

Ihre Funktion als Spiegel der Kulturgeschichte der menschlichen Psyche haben die Märchen zwar nicht verloren. Allerdings verändert sich diese Funktion im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Dieser Übergang ist vor allem durch einen Wandel des Bewusstseins gekennzeichnet, wonach der Mensch nicht mehr eingebunden ist in eine mythische Welt, in der alles zum Symbol für eigene intrapsychische Vorgänge wird, sondern sich als Einzelner (Subjekt) der Welt (Objekt) gegenüberstellt und diese wiegt, misst, chronometrisiert, analysiert und zerteilt (womit er sie dann zu beherrschen meint). War früher alles Teil des Ganzen, so zerfällt nun die Welt. Licht und Schatten, Tag und Nacht, als einstmalige Anteile ein- und derselben Polarität, wirken nun nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander - Dementia Dichotoma! Dies impliziert zweierlei: Erstens, dass die Götter der alten, mystischen Welt entmachtet werden, zweitens, dass die neue mentale Welt jene entmachteten Götter jetzt für ,,böse” erklärt, um sich von der alten Welt und ihrem Bewusstsein abgrenzen zu können - denn die Fähigkeit zur Abgrenzung, zur Unterscheidung, ist es ja gerade, worin der neue Schritt der menschlichen Bewusstseinsentwicklung im Wesentlichen besteht. Hier entstehen Normen und Gesetze, und zugleich leider auch die Abspaltung und die Projektion, denn was ich nicht als mir gehörig empfinden kann, muss ich in die Außenwelt ,,verbannen”. Da meist nur das verbannt wird, was der Norm und dem Gesetz, das nun mein Leben regelt, nicht entspricht, werde ich Angst haben, sobald das Verbannte mir in der Welt begegnet.

Wenn das Märchen ein Spiegel ist für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, so muss das Märchen der mentalen Bewusstseinsstruktur ein Spiegel sein für die Norm, wie auch für die ,,Verbannung” all dessen, was ihr widerspricht, so dass sich die Grimmschen Märchen also durchaus als ein Spiegel für kollektive Angstbewältigungsmechanismen des Bürgertums im 19. Jahrhundert, insbesondere für die Verdrängung des Schattens (1), lesen lassen. Was wir hier keinesfalls vergessen dürfen, ist die Tatsache, dass das menschliche Bewusstsein sich beständig weiterentwickelt, und so stellt sich die - wohl berechtigte - Frage, ob diese Märchen für den heutigen Menschen überhaupt noch Relevanz besitzen - oder ob der Spiegel nicht vielmehr schon längst zerbrochen ist.

Ich möchte im folgenden versuchen, die Inhalte des Schattens wie der Normen, die die Grimmschen Märchen geprägt haben, anhand eines konkreten Textbeispiels darzulegen. Das Märchen von Hänsel und Gretel erscheint mir hierzu besonders geeignet, da das Thema der ,,bösen Hexe’’ typisch ist für patriarchale Normen und deren Legitimation. Es soll mir gleichermaßen darum gehen, die didaktischen wie die seelischen Inhalte des Märchens aufzuzeigen. Das heißt: Welche neurotischen Konfliktlösungsstrategien werden von diesem Märchen favorisiert? Und welches unbewusste Material der kollektiven Psyche wird gespiegelt?

Hier lässt sich die Beobachtung einflechten, dass Norm und verdrängtes Unbewusstes gleichsam untrennbar miteinander verflochten scheinen (und so verhält sich das Märchen wie das ganz reale Leben!). So wird in Hänsel und Gretel, wie in vielen anderen Märchen auch, stets das ,,Gute” belohnt und das ,,Böse” bestraft. Dieses dichotomisierende Schwarz-Weiß-Denken kennzeichnet eben die mental-rationale Bewusstseinsstruktur (jene, die Jean Gebser in ,,Ursprung und Gegenwart” beschreibt), die mit dem Aufdämmern des Patriarchats das magisch-mythische Weltbild ablöste. War in der Welt der Göttin noch alles Teil des großen Ganzen, steht jetzt der - gottgleiche - Mensch dem Ganzen gegenüber und vermag Gut und Böse zu unterscheiden. Dies ist zwar ein umgänglicher Schritt, ohne den die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins nicht möglich gewesen wäre, doch drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Inhalte des Guten wie des Bösen im Patriarchat nicht mehr den Prämissen ,,dem Leben dienend” und ,,dem Leben schadend” untergeordnet sind, sondern von verdrängten Ängsten bestimmt werden, das heißt: Normen ergeben sich nicht mehr aus dem Lebensvollzug, sondern entstehen aus irrationaler Furcht, mit der man sich nicht einmal bewusst auseinandersetzt.

Beispielsweise erscheint es mir durchaus plausibel, einen Menschen für Kannibalismus strafen zu wollen (wobei allerdings auch hier ein kulturelles Tabu wirksam wird), sofern diese Bedrohung real gegeben ist. Doch ist sie dies wirklich? Da es sich bei diesem gefährlichen Menschen um eine Frau handelt, eine sogenannte ,,Hexe”, müssen wir uns vielmehr fragen, ob wir es nicht vielmehr mit einer - patriarchalen - Angstphantasie zu tun haben, einem Motiv, das uns in Gestalt der ,,verschlingenden Muttergöttin” erscheint. Und wird hier nicht gerade diese Angst verdrängt und daraus die Norm abgeleitet, dass solch bedrohliche Frauen zu strafen sind? Kaum einer hat jemals die kindliche Delinquenz problematisiert, die darin besteht, dass Hänsel und Gretel eine alte Frau dem Feuertod preisgeben und obendrein noch ihr Vermögen an sich bringen! Wir sehen an diesem Beispiel, wie wichtig es ist, die vom Märchen suggerierten Normen zu relativieren und auf ihre wahren Motive zu verweisen.

Zurück zum aktuellen Stand des menschlichen Bewusstseins und zurück zur Psychologie. Nach Jean Gebser ist inzwischen das integrale Bewusstsein in der Entwicklung befindlich, ein Bewusstsein, das alle bisherigen Bewusstseinsstufen integriert hat, transparent macht und damit transzendiert - auch die mental-rationale Stufe. In der Psychologie entspricht dieser Entwicklung in etwa der lndividuationsbegriff (ich folge hier der hypothetischen Gleichung ,,Phylogenese = Ontogenese”, das bedeutet für das menschliche Bewusstsein, dass die Entwicklung des Menschheitsbewusstseins mit der Entwicklung des einzelnen Menschen vom Kind zum Erwachsenen gleichgesetzt werden kann).

Der Individuationsprozess, wie C. G. Jung ihn verstand, umfasst die Schritte von der vorbewussten Einheit des Kindes (bei Gebser das magisch-mythische Bewusstsein) über das Aufbrechen der Symbiose und die Entdeckung des Ich (mentales Bewusstsein) hin zur Entdeckung des ,,Selbst” (integrales Bewusstsein). Dieser Prozess impliziert allerdings die Integration des Schattens - im Sinne dessen, was nicht verstanden und der Norm unterworfen werden kann und also als ,,böse” verbannt wird. Wird diese Integration nicht geleistet, missglückt die Entwicklung vom Vorbewusstsein der Kindheit zum Erlebnis des „Selbst”. Die Integration des Schattens finden wir auch im Märchen wieder, als ,,Prüfung des Helden durch gute oder böse Mächte”. Versteht man nun das Märchen als Ausdruck des unbewussten Materials der kollektiven Psyche, so lässt sich an den Märchen ablesen, ob die Individuation, die Integration des Schattens in der kollektiven Psyche einer Kultur gelungen ist oder nicht. Da die Grimmschen Märchen zu einer Zeit entstanden sind, in welcher das integrale Bewusstsein noch nicht aufgebrochen war, kann in diesen Märchen die lndividuation natürlich nicht gelingen. Vielmehr wird am Beispiel des Märchens von Hänsel und Gretel vor allem mentales Bewusstsein deutlich, d.h. wie das Patriarchat mit dem Schatten der alten matriarchalen Göttin verfährt und welche Normen aus diesem Umgang mit dem Schatten abgeleitet werden. Verfolgen wir also die Geschichte einmal aus dieser Perspektive.

Zu Beginn der Geschichte leben Hänsel und Gretel, die Kinder aus unserem Beispiel, noch in einem Zustand des vorbewussten Ganzsein, bis sie die traumatische Erfahrung machen müssen, aus diesem Ganzsein ausgestoßen zu werden. Hier demonstriert das Märchen ein durchaus kollektives Trauma, das den Abschied aus der Symbiose der Kindheit zum Inhalt hat. Darüber hinaus tritt hier jedoch schon der kollektive Schatten in Erscheinung, in Gestalt der Mutter, auf deren Initiative die Kinder ausgestoßen werden, so dass sie plötzlich als lebensbedrohlich wahrgenommen wird. Die zweite Phase des Individuationsprozesses, die ,,Realisation des Schattens”, tritt ein, und ich erinnere daran, dass wir uns hier tatsächlich im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat befinden: Die Mutter, die das Leben der Kinder bedroht, ist bereits eine projektive Umdeutung der Gestalt der weiblichen Göttin, der Herrin über Tod und Erneuerung des Lebens, ist also der kollektive Schatten des Patriarchats. Dass diese Göttin, deren Souveränität darin besteht, Leben geben oder nehmen zu können, ohne einem moralischen System unterworfen zu sein (da die Ethik sich ja erst im mentalen Patriarchat entwickelt), zu einem Schatten wird, den das bewusste Ich ablehnt, verdrängt und projiziert, steht durchaus in Einklang mit dem Übergang vom matriarchalen zum patriarchalen Bewusstsein: Je mehr der Mensch sein Logos kultiviert, je vorrangiger das ethische Prinzip des Ordnens das kollektive Bewusstsein beherrscht, um so mehr wird die Unbegrenztheit des Lebens, die in Gestalt der Göttin verehrt wurde, als Chaos gesehen. Sie steht nun für die Gefahr, in jenes Urdunkel, aus dem wir alle stammen und das sie symbolisiert, zurückgezogen zu werden und wird daher zur Verkörperung des Bösen.


Hänsel und Gretel“: Gretel stößt die Hexe in den Backofen. (Zeichnung: F. Stassen, aus: Hans Traxler: „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, Reinbek 1983).

Was also Hänsel und Gretel als Schatten begegnet, ist die für das patriarchale Kollektiv angstbesetzte Seite des produktiv-schöpferischen Aspekts der Natur, den das mentalrationale Bewusstsein nur deshalb als ,,böse” fürchtet, weil man ihn erstens nicht messen, teilen oder gar kontrollieren kann und weil er andererseits den (für die Erneuerung der Natur unerlässlichen) Tod impliziert. Für die Entwicklung der Kinder ist die Begegnung mit diesem Schatten jedoch essentiell, denn sonst blieben sie ein Leben lang der Symbiose mit der Mutter verhaftet und wären niemals in der Lage, sich als getrennte Individuen zu begreifen. Wie aber reagieren die Kinder nun auf den Schatten, den sie, um solche Individuen werden zu können, integrieren müssten?

Zunächst versuchen sie ihn zu verleugnen und in die Ungetrenntheit zurückzukehren auf jenem Rückweg, den Hänsel mit seinen Kieselsteinen markiert hat. Doch der Schatten bleibt unerbittlich, die Seele fordert ihren Tribut an Entwicklung ein, und beim zweiten Mal haben Vögel (übrigens ein Symbol der Seele) den Rückweg unmöglich gemacht. Phase 3 des Individuationsprozesses erfolgt am Knusperhäuschen, die Integration des Schattens, des abgespaltenen Aspekts des Urtümlich-Weiblichen, wird nun zwingend erforderlich. Dieser tritt nun den Kindern in Gestalt einer ,,bösen Hexe” entgegen. Da er zunächst verleugnet wurde, kehrt er in überzogener, ins Extrem gesteigerte Form wieder: als menschenfressende Unholdin - nur wer selbst seinen eigenen Schatten erlöst und integriert, seine Projektion schon enttarnt hat, wird dahinter den Archetyp der alten, weisen Frau erkennen. Die Kinder können dies nicht, und so müssen sie in der weisen Frau, die sowohl die lebensspendenden als auch die lebenszerstörenden Kräfte ihr eigen nennt, jene böse Hexe sehen, die als Projektionsleinwand dient für die eigenen existentiellen Todesängste. Die eigene Mutter gab sie dem Verhungern preis, und hier wird die Angst zu verhungern umgedeutet in die Angst, gefressen zu werden.

Auch an dieser Stelle weist sich das Märchen als ein Spiegel für unseren Umgang mit kollektiven Ängsten aus: Der Märchenleser, der sich mit den Helden identifiziert, wird natürlich die Projektion des Schattens, die hier quasi im ,,Modellversuch” vorgeführt wird, übernehmen und an die ,,böse Hexe” glauben, vor allem, wenn er in seinem eigenen Bewusstsein die fürs Märchen typische Dichotomie von ,,Gut und Böse’’ noch nicht überwunden und in ein komplexeres Denken, „Ambiguitätstoleranz” genannt, überführt hat. Oder, um mit Gebser zu sprechen: wenn er das defizient gewordene mentale Bewusstsein noch nicht überwunden und sich ins integrale Bewusstsein aufgemacht hat.

Leider zeigt die anhaltende Beliebtheit und Bekanntheit dieses Märchens, dass wir vom integralen Bewusstsein noch meilenweit entfernt sind, vielmehr es noch immer vorziehen, die dunklen Anteile unserer Psyche abzuspalten und zu dämonisieren, wie es - ganz extrem - de facto ja auch die Inquisition tat, deren Spuren auch im Märchen von Hänsel und Gretel zu finden sind. Auch das nun folgende „Abenteuer des Helden” liest sich bei weitem nicht als die geglückte Initiation, als die so mancher Märchendeuter es gerne betrachten würde.

Initiation meint hier die Integration des Schattens und bezeichnet das Erlebnis, bei dem der Held seinen Schatten konfrontieren muss. Der symbolische Tod, den er dabei erleidet, um als neuer - erwachsener - Mensch wiedergeboren zu werden, entspricht dieser Integration als Phase des Individuationsprozesses, und die Wiedergeburt ist die des ganzen (integralen) Menschen, der seine Aspekte nicht mehr abspaltet und auf andere projiziert, sondern in sich aufgenommen und sich mit ihnen versöhnt hat. Bei vielen Naturvölkern wie auch in vielen alten Kulturen ist der Übergang vom Kindesalter zum Erwachsensein von Initiationsriten begleitet, denen die jungen Menschen in der Pubertät unterzogen werden. Diese Hingabe des alten Ichs wird unter anderem auch durch das Verschlungenwerden durch ein Ungeheuer symbolisiert.

Eben dieses Motiv finden wir auch in ,,Hänsel und Gretel”: das drohende Verschlungenwerden durch den projektiv umgedeuteten Archetyp der matriarchalen Göttin lässt sich hier als Übergang von der Kindheit ins Erwachsenendasein verstehen, als Sterben des alten Ichs und Wiedergeburt des ganzen Menschen. Allerdings wird im Grimmschen Märchen ausschließlich der Aspekt des Verschlungenwerdens thematisiert, nicht jedoch der Aspekt der Wiedergeburt (der ja auch mit der matriarchalen Göttin verbunden ist), und so haben wir hier ein eindeutiges Indiz dafür, dass mit diesem Märchen patriarchale Normen transportiert und legitimiert werden: Durch (bewusste?) Auslassung des lebensspendenden Anteils der Initiation wird dieselbe nicht mehr zur reinen Erneuerung des Lebens, sondern zur ,,Bewährungsprobe”, die die Vernichtung von Leben bewusst in Kauf nimmt - ja, nehmen soll, weil ja nur ,,böses” Leben vernichtet wird.

Hätten Hänsel und Gretel einem Naturvolk angehört, die Initiation wäre vermutlich so verlaufen, dass sie sich bereitwillig hätten verschlingen lassen, um dabei zu entdecken, dass es ihre eigenen Phantasien und Ängste waren, die sie „aufzufressen” drohten. Sie hätten diese ,,Hexe” liebevoll angenommen und die Reichtümer, die sie ihr im Märchen entwenden, wären unter allen aufgeteilt worden.

Was tun aber diese Kinder einer westlichen angehenden Industrienation? Zunächst versuchen sie, ihre eigene Seele zu überlisten, indem Hänsel durch Hinhalten eines Knochens statt des eigenen Fingers (wir erinnern uns an die ,,Mastkur”) den Moment des Verschlungenwerdens hinauszögert. Die Angst, die er während dieser vier Wochen im Käfig empfinden muss, mag in ihrer Intensität wohl dem Widerstand entsprechen, den er seinem Abschied von der Kindheit leistet. Zu guter Letzt wird die Initiation, das Verschlungenwerden durch die dunkle Göttin, tatsächlich vereitelt und in ihr Gegenteil verkehrt, und zwar durch die menschliche Vernunft in Gestalt Gretels, die die ,,Hexe” überlistet und in den Ofen stößt. Und dies entspricht auf kollektiver Ebene auch der Leistung der Zivilisation, die mit dem Aufdämmern der patriarchalen, mentalen Bewusststeinsstruktur Herrin über die Natur und ihre magisch-numinose Göttin wird.

Von zentraler Bedeutung für die Geschichte ist jedoch der Tod des ,,Schattens” in den Flammen: Feuer ist von alters her als reinigende Kraft bekannt, und so erhält die Absicht der ,,Hexe”, Hänsel und Gretel im Ofen zu braten, einen ganz neuen Aspekt, nämlich den der Läuterung der Psyche, durch die Konfrontation mit ihren Schattenanteilen in der Initiation. Statt diese zu vollziehen, wird hier jedoch der Schatten selbst ins Feuer geworfen, und dies ist durchaus rechtens, da es sich ja um eine ,,gottlose” Hexe handelt - schaurige Analogie zur Inquisition, die ihre kollektiven Schatten auf dem Scheiterhaufen verbrannte (und ich vermute, die Institution Kirche wird mit dem überlieferten Wissen um die Qualität des Feuers durchaus vertraut gewesen sein).

Gerade diese Analogie macht einen Blick auf den Inhalt dieses Schattens um so zwingender. Was ist es denn, wovor die Kinder im Märchen sich so fürchten, und was ist es denn, was die Inquisition so gnadenlos verfolgte? Ich möchte es mir an dieser Stelle ersparen, den Anima-Begriff zu bemühen, vielmehr eine viel allgemeinere Definition dieses Schattens versuchen. Und danach ließe er sich wohl als das Prinzip der Lebenskraft identifizieren, das Prinzip der schöpferischen Kräfte der Natur, der - auch menschlichen - Urinstinkte, auch: der Sexualität, für die das erwachsen werdende Individuum Verantwortung übernehmen muss. In der projektiven Verzerrung: Die mysteriöse Gewalt, die den Zyklus von Leben, Tod und Wiedergeburt regiert, also für die Erschaffung von Leben den Tod in Kauf nimmt (und das unterscheidet die ,,Göttin” von der Gewalt des Patriarchats, denn da dient der Tod nicht der Erschaffung von Leben, sondern der Zerstörung desselben, d.h. allein sich selbst!), sich dabei nicht kontrollieren lässt und ergo böse ist. Der erwachsene Mensch beherrscht seine Instinkte, sobald er sie in der Initiation entdeckt und liebevoll angenommen hat. Verdrängt und dämonisiert erst, werden sie tatsächlich zu jenen zerstörerischen Mächten, als die man sie gefürchtet hat, da das Gesetz von der Wiederkehr des Verdrängten auch hier wirkt und sie sich dann durch eine ,,Hintertür” Einlass in unser Leben sowie Gehör als ,,realisierter Schatten” verschaffen (Die Gewaltexzesse in unseren Medien und auf unseren Straßen illustrieren dies recht drastisch, wie ich meine).

Gerade diese Verdrängung und Dämonisierung wird jedoch in Märchen wie ,,Hänsel und Gretel” als patriarchaler Subtext mitgeliefert und als Norm verinnerlicht: Hier wird nicht nur die Integration des Schattens verweigert, er wird nicht nur verdrängt, sondern sogar eliminiert durch ein archaisches Ritual der ,,Reinigung vom Unreinen”. Wie wir sehen, ist die Initiation Hänsel und Gretel gründlich missglückt, und zugleich treten hier auch kollektive Angstbewältigungsmechanismen in Erscheinung, welche versuchen, die abgelehnten Anteile, die unkontrollierbaren Kräfte der Natur einfach zu vernichten, um sich nicht der Auseinandersetzung mit ihnen stellen zu müssen. Das vereinfachende Schwarz-Weiß-Denken des Märchens billigt und rechtfertigt diese Mechanismen, der moraldidaktische Aspekt des Märchens setzt neue Normen, die tatsächlich verlangen, dass der Schatten verdrängt werde, die Indiviudation missglücken soll. Denn mit der bloßen Vernichtung des Schattens ist tatsächlich die gesamte Individuation in Frage gestellt. Die letzte Phase, die ,,Entdeckung des Selbst”, des nach Jung dem Ich übergeordneten Seelenzentrums, kann erst nach Integration des Schattens geleistet werden. Insofern ist die Rückkehr Hänsels und Gretels nach Hause, mit der das Märchen schließt, auch keineswegs als glücklicher Abschluss eines Pubertätskonflikts zu werten, sondern, ganz im Gegenteil, als sein Scheitern. Versteht man den Schluss als Ausdruck der kollektiven Sehnsucht eines im 19. Jahrhundert aufstrebenden Bürgertums, sich die Natur, auch und gerade die eigene, untertan zu machen und das ,,Böse” in Gestalt des Weiblichen zu beherrschen, so impliziert diese Sehnsucht die Verweigerung einer Integration der Natur, wie sie heutzutage in der Glorifizierung der Technokratie gipfelt, und - auf der psychischen Ebene - die Weigerung, den Pubertätskonflikt zu lösen und erwachsen zu werden.

Der Schatz, den Hänsel und Gretel im Haus der Hexe finden und der durchaus für das zu entdeckende ,,Selbst“ stehen könnte, muss nun ebenso in einem anderen Licht gesehen werden. Dieser positive Verstärker für gewalttätiges Verhalten ist von dem Begriff des ,,Selbst“ weit entfernt. Vielmehr drückt sich hier die bürgerliche Moral des ,,Vernichte, was Dir angst macht, bezwinge das Leben, und Du wirst reich sein und herrschen!” sehr deutlich aus. Der Leser oder Zuhörer, der sich mit seinem Helden identifiziert, wird vermutlich genau diese Moral internalisieren - was um so gefährlicher ist, wenn es sich dabei um Kinder handelt, die ja heutzutage die Hauptadressaten von Märchen sind. Für mich stellt sich hier allerdings die Frage, ob wir uns heute eine solche Moral überhaupt noch leisten können.

Was in dem Märchen von Hänsel und Gretel als kulturgeschichtliches Energiefeld mitschwingt, ist eine Norm, die angesichts der Entwicklung der Menschheit hin zum integralen Bewusstsein untragbar wird. Die Aufforderung, die Natur zu vernichten, könnte heute zum globalen Ökozid führen; die Empfehlung, den Schatten zu verdrängen, endet bei einer wachsenden Anzahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Gewalttätigkeit. Die Entwicklung eines wirklichen Ich erfordert zwar durchaus die „Disziplinierung” des Schattens, allerdings im - integralen - Sinne eines verantwortungsbewussten Umgangs mit ihm. Die Verdrängung und Vernichtung des Schattens, von den Brüdern Grimm implizit empfohlen, hat mit solch einem Umgang jedoch nicht das leiseste zu tun. Und so müssen wir das Märchen in seinen historischen Kontext zurückverweisen und ihm durch kritische Lesart Grenzen setzen, jene Lesart, die es als Spiegel der kollektiven Psyche eines Bürgertums im 19. Jahrhundert und als moraldidaktisches Instrument jesuitischer Prägung auffasst - nicht mehr und nicht weniger.

Anmerkung
(1) Ich verwende hier den tiefenpsychologischen, der Jungschen Schule entstammenden Schattenbegriff, wonach es sich beim Schatten um die „Dunkelheit des persönlichen Unbewussten” handelt, die sich im kollektiven Unbewussten als „archetypisches Böses” zeigt. Vereinfachend gesagt: Der Schatten besteht aus all jenen Anteilen, die von einer Kultur ausgegrenzt und verdrängt werden, weil sie nicht verstanden und also als Gefährdung empfunden worden sind.

Literatur
Gebser, Jean: Ursprung und Gegenwart, München 1992.
Geise, Gernot L.: Die Hexen. Die Verunglimpfung der Weisen Frauen, Wessobrunn 1995.
Jung, C. G.: Werke (ohne Rücksicht auf Verlagsort und Erscheinungsjahr).
Voss, Jutta: Das Schwarzmond-Tabu, Zürich 1988.
Whitmont, Edward: Die Rückkehr der Göttin, Reinbek 1993.


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