Zur Diskussion gestellt:
© 1999 Harry Radegeis
Heiden
in heutiger Zeit
(Veröffentlicht in EFODON-SYNESIS
Nr. 6/1999)
Ein
Gespenst, welches noch vor wenigen Jahren völlig unbekannt war, geht in aller
Welt um. Überall taucht es gleichzeitig auf: in Peru, in Mauretanien, in
Indien, in den USA und zuletzt auch in Europa: das Heidentum.
Was ist das
überhaupt, was sind das für Leute, die überholtem Aberglauben anzuhängen
scheinen, von denen man nichts weiß, außer, dass sie jahrhundertelang in aller
Welt von den Kirchen blutig verfolgt wurden?
Was wollen
diese Leute? Wozu gibt es sie überhaupt? Sind sie nicht Anachronismus in einer
modernen, zivilisierten Welt? Sind sie nicht vielleicht gefährlich? Gibt es
heute wirklich keine anderen Probleme, als sich mit Hexenritualen und antiken
Gottheiten zu befassen? Mit mittelalterlicher Mystik, mit Zaubersprüchen?
Das
Auffällige ist, bei näherem Hinsehen, dass es bei aller Verschiedenheit der
Auffassung zwei Gemeinsamkeiten gibt:
Erstens,
alle diese Überlieferungen sind uralt und beschreiben Zeiten bis vor der
Entstehung der ersten Menschen.
Zweitens,
bei allen unterschiedlichen Schattierungen sind die Grundzüge der Lehren bei
allen Völkern weltweit gleich, ungeachtet unterschiedlicher Entwicklungsstufen.
Aber was
sind denn nun Heiden? Die Kirchen bezeichnen alle Nichtchristen, also auch
Moslems, Buddhisten, Hindus usw. als „Heiden“, also nicht nur Naturreligionen,
sondern auch Buchreligionen.
Die
Buchreligionen nehmen für sich in Anspruch, die niedergeschriebene Offenbarung
göttlichen Willens durch von ihm auserwählte Propheten zu sein und damit
unfehlbare Wahrheit, Wort für Wort. Diese Anmaßung teilen sich vor allem drei
Bücher: das Alte Testament, das Neue Testament und der Koran. Nach der
Auslegung des Korans sind Christen „Ungläubige“, nach der Auslegung der Bibel
die Muslime „Heiden“. Aber der Begriff „Heide“ wird auch auf Gottlose, also
Atheisten, angewandt. Oder auch auf Satanisten, die auf biblischer Grundlage den
Gegenpol zu den Kirchen zu bilden vermeinen.
Wir sollten
dieses Gewirr aufräumen. Denn aus heidnischer Sicht sind Muslime ebenso wenig
„Heiden“ wie die Christen, während, aus muslimischer Sicht, sowohl Christen als
auch Heiden „Ungläubige“ sind.
So will ich
das allgemeine Weltbild der heidnischen Völker erklären und besonders auf
unsere eigenen, alteuropäischen Überlieferungen zurückgreifen.
Immer
wieder wurde ich von Menschen angesprochen, ob es ein Buch gibt, welches dem
interessierten Anfänger dieses ihnen fremde Weltbild anschaulich erläutern
kann. Es gibt jedoch meines Wissens keines, das einigermaßen umfassend ist,
neutral, und noch dazu dem Anfänger verständlich.
Der Begriff „Heide“ aus heidnischer Sicht
Eigentlich
bezeichnen die Wissenschaftler die Heiden mit dem griechischen Wort
„Pantheisten“, also Vielgötteranbeter. Das ist richtig, spricht sich aber
schlecht aus. Die Heiden selbst haben sich keine Definition gegeben. Religion
war Rückverbindung, verlangte kein besonderes Bekenntnis, sondern war ganz
einfach da, selbstverständlicher Teil des Lebensablaufes, und erklärte, woher
man selbst und die Mitwelt kamen.
Ebenso wie
die meisten Stammesnamen in aller Welt in ihrer jeweiligen Sprache einfach nur „Mensch“
bedeuten, so verlangte die Gottheit auch keine besondere Definition, sondern
hatte nur in den jeweiligen Sprachen für ähnliche „Funktionen“ verschiedene
Namen. Vielen wird die Wesensgleichheit zwischen dem römischen Jupiter, dem
griechischen Zeus und dem germanischen Donar schon aufgefallen sein. Der Thor
der Wikinger heißt beispielsweise bei den Polynesiern Taroa usw.
Der
germanische Sonnengott Baldur oder Phol hieß bei den Griechen Apollo, bei den
Mesopotamiern Baal, ist sprachverwandt mit unserem Sonnenball. Diese Liste
lässt sich fortsetzen. Alles Zufälle? Gibt es überhaupt Zufälle, oder sind es
noch nicht erkannte Gesetzmäßigkeiten? Dem ausgebildeten Esoteriker ringen
solche einfachen Suggestivfragen nur ein müdes Lächeln ab, aber schließlich schreibe
ich dies nicht für ihn.
Für den
Erfahrenen gibt es heute mehr Literatur, als dieser lesen kann. Wir halten also
fest: Für jeweils erkannte Naturgesetze wurde bei allen Naturvölkern eine
bestimmte Gottheit als zuständig erkannt. Sie wurde als Ursprung und
Verwalterin des Gesetzes gleichermaßen angesehen. Diese Gottheiten standen
untereinander in bestimmten harmonischen oder disharmonischen Verhältnissen. So
wie Feuer und Wasser, je nach ihrem Mengenverhältnis zueinander, Verschiedenes
bewirken können, oder, je nach dem Zuviel oder Zuwenig, allein nützlich oder
schädlich sein können. Ein kleines Feuer wärmt das Leben, ein großes verbrennt
es. Wasser löscht das Feuer oder kann, richtig eingesetzt, den nützlichen Dampf
erzeugen. In diesem Sinne sind alle Naturgesetze von ihrem Prinzip und ihrer
Handhabe her zu sehen.
Der Heide
kennt diese Gesetze und lebt danach. Er hat als Kriterium für sich und seine
Mitwelt seine praktisch nachvollziehbaren Erfahrungen und braucht nichts zu
glauben, was er nicht selbst nachprüfen kann. Er hat die Erfahrung gemacht,
dass die Natur sehr vielfältig und verschieden ist und er von ihr lernen muss,
mit diesen Verschiedenheiten fertig zu werden. Lernt er es nicht, sinken seine
Überlebenschancen rapide. Aus diesem Grunde sind keine Definitionen möglich
oder nötig, denn diese Erfahrungen sind für jeden offensichtlich. Er braucht
also wirklich keinen Katechismus oder sonstige Bücher über die Mitteilungen
einer Gottheit an einen Propheten. Er sammelt seine Erfahrungen über viele Generationen
und teilt sie seinen Kindern immer wieder mündlich mit. Die Schrift war
zumindest den europäischen Heiden bekannt. Sie wurde aber nur sparsam
angewendet, um zwei Nachteile zu vermeiden:
Erstens,
die mündliche Überlieferung schult das Gedächtnis besser. Man denke nur an die
Märchen, die die Kinder sehr aufmerksam Wort für Wort behalten. Zumindest war
das vor Einführung der Computer so.
Und
zweitens, um der Erstarrung des Niedergeschriebenen zu einem Dogma vorzubeugen,
wie es bei den Buchreligionen hinterher passiert ist. Alles, was
niedergeschrieben wird, kann nur den Erkenntnisstand des Schreibers und den
seiner Zeit widerspiegeln. Mehr nicht. Wird dieses Niedergeschriebene aber zur
einzigen Wahrheit erhoben und genügt Jahrhunderte später den Anforderungen
nicht mehr, weil die Welt naturgesetzmäßig weiterentwickelt worden ist, kommt
die Stunde der Tüftler. Diese müssen an dem unberührbaren Dogma so lange
herumdeuten, bis das herauskommt, was ihnen gerade wünschenswert erscheint. Auf
diese Weise haben es die Christen und die Muslime immerhin erreicht, ein paar
hundert Sekten zu bilden, die sich im Namen der Liebe zu Gott so spinnefeind
sind, dass sie die jeweils anderen Sekten als „Teufelskram“ und „Ketzerei“
bezeichnen.
Um auch
hier sprachlichen Verwechslungen vorzubeugen: Der „Ketzer“ ist ein Christ, der
von anderen Christen als „abtrünnig vom ursprünglichen Glauben geworden“
bezeichnet wird.
Der „Heide“
ist ein Nichtchrist, der von den Christen so verfolgt wurde, dass er seinen
Gottesdienst nur heimlich auf der Heide verrichten konnte, also in
unzugänglichen Gebieten, wo er vor der Verfolgung einigermaßen sicher war.
Die
Anhänger des „lieben Gottes“, Jehovas oder Allahs bilden sich sehr viel darauf
ein, den Schritt von der „Vielgötterei“ zum „Monotheismus“ erreicht zu haben.
Allein dieses primitive deutsche Wort und daneben der erhabene (griechische)
„Monotheismus“!
Heiden
wissen sehr wohl, dass alles aus einem Ursprung kommt. Die atlantischen alten
Religionen sahen „Allvater und Urmutter“ als die beiden Triebkräfte des Alls an
und sahen unter diesen die für Einzelbereiche zuständigen Gottheiten, die die
Aufgabe hatten, in Übereinstimmung mit den anderen die Schöpfung weiter zu
entwickeln. Genau, wie auf der menschlichen Ebene ein Erfindergenie seine
Ingenieure anweist, diese ihre Helfer (Geister) haben und die Ausführung in die
Hände der Arbeiter (Menschen) legen.
Der
Ursprung aller Dinge ist also die spannungsgeladene Polarität zwischen dem
männlich-geistigen und dem weiblich-materiellen Prinzip. Diese Einteilung ist
nicht willkürlich, sondern spiegelt die Erkenntnis wieder, dass die Frau die
Trägerin des Lebens ist, die Mutter-mater-mater-ia. Während das männliche Wesen
eher im Erfinden, d. h. Verändern, liegt, so das weibliche im Bewahren. Da
im Heidentum beide Begriffe gleichwertig sind, kann es keinen Streit geben, was
besser oder wichtiger sei. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Ohne
Positiv und Negativ gibt es keinen Strom, ohne Erkenntnis des Richtigen keine
Erkenntnis des Falschen usw.
Nun ist
aber das Morgenland, woher alle Buchreligionen bezeichnenderweise kommen, ein
bisschen von Natur her benachteiligt. Man weiß von einem Paradies zu berichten,
aus dem man durch einen Sündenfall hinauskatapultiert worden ist. Und zwar in
eine feindliche, wüstenartige Gegend, wo wenig wächst und man für sein
Auskommen hart arbeiten muss. Womit hatte man das nur verdient?
Alle Völker
glaubten damals an die Wiedergeburt allen Lebens. Was? In solcher Wüstenei noch
einmal wiedergeboren werden!? Das mochte aushalten, wer wollte. Die
Morgenländer taten es nicht und schafften die Wiedergeburt einfach ab. Das ging
nicht so schnell, weil die Menschen lange Zeit darauf bestanden, sich
naturgemäß weiterentwickeln zu dürfen, sich von Zeit zu Zeit mit einem neuen Körper
zu versehen, wenn der alte verbraucht war, wie ein welkes Blatt, dessen Zeit
gekommen war, während aus der gleichen Pflanze im Frühjahr wieder ein neues
Blatt kommt.
Im Jahre
525 (herkömmlicher Zeitrechnung) hatte man es aber geschafft. Es fand sich im
Konzil zu Byzanz endlich eine hauchdünne Mehrheit, die keine Lust hatte, in
diesem Jammertal noch einmal leben zu müssen, und man schaffte auch in der
Kirche die Wiedergeburt ab. Das war geschafft!
Aber die
Frauen! Die gebaren doch immer wieder das Leben und zogen es auf! Das durfte
nicht länger so sein! Und daher ging man schon sehr früh daran, die Frau zu
„verteufeln“. Und schaffte konsequenterweise auch die Urmutter gleich mit ab.
Damit war aber auch das Wissen um die Polarität des Ursprungs weg. Und
konsequenterweise brauchte man dann die anderen Götter auch nicht mehr. Weg
damit! Wozu etwas weiterentwickeln, was sowieso „schlecht“ war? Bloß nicht in
der Wüste wiedergeboren werden! Über ein besseres Leben nach dem Tode, als
Entschädigung für die lebenslange Schinderei! Und so blieb von dem ganzen
Götterpantheon, das den Olymp mit homerischem Gelächter ehrte, nur ein ewig
grantelnder, unzufriedener, partnerloser und eifersüchtiger, neidischer Jehova
übrig, der sich für diese Nachteile an seinem auserwählten Volke rächte, weil
dieses ihn seiner Gesellschaft der anderen Stammesgötter beraubt hatte. Genau
passte er auf den kleinsten Fehler seiner Untertanen auf, stellte ihnen bei
jeder Gelegenheit ein Bein, bedrohte sie -zigmal mit dem kollektiven Tode, wenn
sie ihm nicht wenigstens zur Entschädigung alles Gold der Welt brächten. Gold
war sehr wertvoll, es spiegelte die Farbe der Sonne wider, die doch alles Leben
ernährte, hier im Orient jedoch nur heiß und versengend auftrat! Die musste er
haben! Dann wäre er der Mächtigste! Wozu hat man seine Sklaven? „Gehet und
macht euch die Erde untertan!“ Und sie gingen und gehen heute noch.
Kopfschütteln?
Ein Märchen? Dieses Märchen steht in der Bibel, der heiligsten Schrift der
Christenheit. Wenn die Christen sie nur lesen würden! Sie würden automatisch
wieder zu Heiden! Für dieses Märchen ist jahrhundertelang Krieg geführt,
geraubt, geplündert, gefoltert, verbrannt, verketzert worden. Die ganze Kraft
der europäischen Menschheit wurde auf dieses Ideal des vollkommenen Todes
gelenkt. Päpste, Kaiser, Fürsten und Präsidenten dienten ihm und dienen ihm
noch heute!
Dafür wird
gelogen, betrogen, geschändet und vergewaltigt, was man bekommen kann.
Atomkraft schädlich? Nach mir die Sintflut! Atomkrieg? Ist eben die Apokalypse!
Waldsterben, Flusssterben, Meeressterben, vergiftete Erde, vergiftete Nahrung,
vergiftete Beziehungen, Massenkriminalität? Es sind die sieben Plagen Ägyptens.
Es muss so sein! Tschernobyl? Das sind die Prophezeiungen des Johannes! Alles
Gottes Wille. Da kann man nichts machen! Es steht doch schon in der Bibel: „Und
ihre Altäre sollt ihr stürzen, ihre Haine verbrennen, ihre Tempel zerstören,
die Heiden mit Mann, Weib, Kind und Vieh zur Freude Gottes zu erschlagen! Oder
sie auf zackige Sägen legen und in Ziegelöfen verbrennen!“
Es gibt
kein gemeingefährlicheres Buch zur Anleitung zur Gewalt, zur Verherrlichung von
Gewalt und Verbrechen, keine gewaltigere Aufforderung zum Völkermord als dieses
heiligste Buch der Christenheit!
Und dann
wundern sich diese Leute noch, dass es mit der Liebe Gottes so schlecht
bestellt ist! Oh, die Pfaffen wussten schon sehr gut, warum sie im Mittelalter
ihre Predigten in Latein hielten, was niemand außer ihnen verstehen konnte, und
warum auf den Besitz der Bibel die Todesstrafe stand! Weshalb die edelsten
Geister ins Kloster gesperrt wurden und durch das Zölibat in zweiter Generation
die Intelligenz vernichtet war! Weshalb die Adligen zum Kreuzzug in die Wüste
geschickt wurden. Kamen sie wieder, brachten sie der Kirche die Siegesbeute
dar. Kamen sie um, was erwünscht war (siehe 2. Kreuzzug, der „Ketzerkreuzzug“),
fielen ihre Ländereien an die Kirche! Man wusste schon, warum man Armut
predigte!
Und standen
endlich die Frauen auf, um das Schlimmste zu verhindern, so war das ein Beweis
ihrer Teufelsbuhlschaft. Und so verbrannte man zwanzig Millionen von ihnen;
diejenigen, die von Religionskriegen, die um die Auslegung einzelner
Bibelstellen geführt wurden, übrig geblieben waren; die Frauen, die die harte
Fronarbeit, die Pest, die auf die von der Kirche befohlene Unreinlichkeit
zurückgeht, überlebt hatten; diejenigen, die noch heilen konnten, was die
Kirche zerstört hatte; diejenigen, die nicht ins Kloster gesteckt und zur
Unfruchtbarkeit verdammt waren, sofern sie nicht, wie in vielen Klöstern üblich
gewesen, als Bordellmädchen für die Pfaffen und Kardinäle gebraucht wurden!
Als es in
Europa und im Morgenland nichts mehr zusammenzurauben gab, weil ganze
Landstriche ausgemordet waren - die Bauernkriege, die Stedinger, die
Katharerfeldzüge, die Ostkolonisation, die Livlandkreuzzüge, die Wendenkriege
sind nur ein paar Beispiele dafür - und die Überlebenden zu arm waren, um
weiter beraubt werden zu können, ging man nach Übersee. Zwanzig Millionen
Indianer wurden umgebracht. In Mittelamerika, wie der Chronist berichtet (ein
Mönch):
„Wir
schnitten den Heiden Hände und Nasen ab und jagten sie davon, wo sie alle zur
Freude Gottes starben“.
Eine
Attraktion war bei der preußischen Hanse die gemeinsame Jagd auf das heidnische
Volk in der Umgebung, mit englischen Geschäftsfreunden. Wer die größte Strecke
erlegt hatte, war der Sieger.
Die
Methoden waren zahlreich und bezeugten die Fantasie der damaligen Regenten und
Kirchenfürsten, die ganze Kreativität eines Zeitalters, das nur das Töten
wollte. Den Indianern brachte man mit Pest verseuchte Decken als Geschenke. Die
Bevölkerung Jerusalems wurde in der Kirche zusammengetrieben und einschließlich
der Säuglinge getötet, „dass die Ritter bis zu den Knien im Blut wateten“.
Man könnte
noch viel darüber schreiben. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Das haben
Autoren wie Deschner und Kammeier kompetenter getan. Es ging hierbei nur darum,
das Prinzip der Buchreligionen zu zeigen (der Islam hat sich in der Geschichte
um kein Stück besser benommen und basiert, nach eigener Aussage, auf der
Bibel), aufzuzeigen, warum die Suche nach Wahrheit hier in eine Sackgasse
gerät, warum diese beschriebenen Grausamkeiten nicht Auswüchse einer an sich
guten Religion waren, wie oft von Christen behauptet wurde, sondern die tödliche
Konsequenz einer Denkweise, die zwangsläufig erfolgen musste. Und dass wir
damit nichts, absolut nichts für die Lösung dringend nötiger Probleme anfangen
können.
Dann werden
uns ständig die zehn Gebote vorgehalten, die Bergpredigt, der Heiland usw.! Ja
glauben denn diese Verteidiger ernsthaft, vor Christus hätten sich die Leute
gewohnheitsmäßig nur gegenseitig betrogen, getötet usw.?
Musste erst
ein Erlöser kommen, um derartig banale Selbstverständlichkeiten zu predigen?
Ist es nicht vielmehr so, dass man auf solche Dinge erst dann hinweisen muss,
wenn es bereits stark im Argen liegt? Jesus tauchte jedoch im Morgenland auf,
nicht im Abendland. Er geht uns daher nur wenig an, etwa so viel wie die
Kenntnis der chinesischen Politik des 1. Jahrhunderts.
Das ist das
Gleiche wie mit der „ersten großen Kulturleistung der Geschichte“, wie es in
Gymnasialschulbüchern immer wieder genannt wird, wenn man von Hammurabis
erstem, schriftlich festgehaltenen, Gesetzeswerk spricht. Dass es nötig war,
mündlich überlieferte Gesetze, die selbst der primitivste Stamm kennt,
schriftlich festzuhalten, weil man sich durch Kulturmischung in der Auslegung
und Anwendung des alten Rechts nicht mehr auskannte, darauf scheint niemand zu
kommen. Ein geschriebenes Gesetzeswerk ist somit immer ein Anzeichen eines
Kulturverfalls und nicht einer Kulturbegründung! Was sollten beispielsweise die
Dakota-Indianer mit geschriebenen Gesetzen? Die mündlichen funktionierten so
gut, dass es gar nicht nötig war, das aufzuschreiben, um hinterher ein Heer von
Auslegern und Winkeladvokaten zu beschäftigen!
So wird von
den Heiden jeder morgenländische Anspruch auf das Abendland und die anderen
Kontinente für jetzt und die Zukunft zurückgewiesen. Das kann für uns niemals
etwas Gutes sein, weil es nicht hierher gehört!
Und hier
haben wir einen ganz wesentlichen Schlüssel zum heidnischen Denken:
Selbstverständlich können die Christen und Moslems glauben, was ihnen beliebt,
solange sie uns nicht mit ihren „Erkenntnissen“ belästigen! Die Natur bringt
jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier und jeden Menschen in der Gegend
hervor, wo alles aufeinander abgestimmt zusammenpasst. Dieser biologische
Haushalt funktioniert so wunderbar, dass man daran nichts mehr verbessern kann
und es daher auch nicht versuchen sollte, noch dazu mit völlig unzureichenden
Kenntnissen über die möglichen Folgen! Daraus lernen wir, dass, wie jedes Tier
sein Revier hat, in dem die Pflanzen wachsen oder es das Jagdwild gibt, das es
zum Leben braucht, auch jeder Mensch eine Heimat hat. Und diese Heimat seiner
Art und seinen Wünschen gemäß nach seinen Fähigkeiten gestaltet. Dabei wollen
die Heiden ihn nicht stören, denn er ist ja ebenfalls ein „Heide“, nur anders
geartet. So wenig Heiden eine Missionierung wünschen, so wenig möchten sie
andere damit belästigen. Ein Bekehrungsversuch würde ihre eigenen, wichtigsten
Prinzipien in Frage stellen. Denn dann würden sie ihr „Opfer“ anders haben, als
es ist und damit die von ihnen so gepriesene Weisheit der Natur in Frage
stellen. Außerdem wäre es geradezu lächerlich und unerwünscht, wenn ein
heidnischer Norweger mit einem heidnischen Berber auf Odin anstoßen würde.
Vielleicht den Berber noch in ein Wikingergewand gekleidet und den Norweger in
Beduinenkleidung gesteckt! Die Lächerlichkeit wäre vollkommen. Genau das wäre
aber dieses „Füllen der Erde“, um sie sich untertan zu machen! Wir sehen also,
für den Buchreligiösen ist die Intoleranz zwangsläufig vorgegeben, während ein
Heide nicht intolerant sein kann, ohne sich selbst in Frage zu stellen.
Dieser
Ausflug in Entstehung und Geschichte der Religionen sollte die polare
Problematik der beiden Prinzipien erkennbar machen, um dem Leser die
Aufnahmebereitschaft zu vermitteln, die er benötigt, um das Heidentum als eine
Zukunftslösung zu erkennen.