"Peak Oil" oder das Erdölproblem

von Martin Schmidt-Bredow

 

Bislang störte die Ausbeutung der Naturreserven unseres Planeten ziemlich wenige Menschen. Das ändert sich aber in aller Regel schnell, sobald es im Geldbeutel richtig weh tut, wie z. B. bei einem explodierenden Benzinpreis. Mit ihm haben auch Fachleute nicht gerechnet. Warum eigentlich nicht?

Es gibt Länder, die Öl haben. Und andere, die es brauchen. Die USA gehören zur zweiten Gruppe. Die amerikanische Sicht ist recht einfach – und einseitig: Preisschocks und Manipulationen durch das OPEC-Kartell hätten die von ausländischen Öllieferanten abhängige US-Wirtschaft in den letzten 25 Jahren die gigantische Summe von 7000 Milliarden Dollar gekostet - behauptet zumindest das US-Energieministerium – »fast so viel wie unsere Verteidigungsausgaben in derselben Zeitspanne«. 

Viele Ökonomen sehen das anders: Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis und wenn die Nachfrage sich zunehmend größer als das Angebot entwickelt, dann würden das die heutigen Preise eben realistisch abbilden. Neben den angeblich bösen Ölscheichs zeichnet sich ein noch ganz anderer Grund ab, der unsere Weltwirtschaft mehr verändern könnte als alles andere in den letzten Jahrzehnten.

Dass die Preise immer noch weiter steigen, muss nämlich nicht nur an Spekulation liegen, sondern kann einen Zustand namens „Peak Oil“ ausdrücken. Damit bezeichnet man den Zeitpunkt der höchsten Erölförderung weltweit, bevor eine langsame Erschöpfung der Ölfelder eintritt.

Bei jedem einzelnen Ölfeld tritt diese Phase ein – die Ausbeutung der zweiten Hälfte ist zudem wesentlich aufwendiger und teurer. Wann Peak Oil weltweit erreicht sein wird, weiß niemand sicher. Die einen sagen, es sei bereits so weit. Viele Geologen-Prognosen rechnen 2007-2010 damit, die offiziellen Energieagenturen und Regierungen hingegen verkünden immer noch, es seien noch ein bis zwei Jahrzehnte Zeit bis dahin. Interessanterweise rechnet auch eine Exxon-Prognose mit einem jetzt eintretenden Peak Oil. Ob das alles nur Eigeninteresse der Ölkonzerne ist, die Preise hochzutreiben, oder schon Peak Oil, kann heute niemand sicher beurteilen. Peak Oil trat in den USA bereits 1971 ein, beim Nordseeöl in den 90ern, sodass in etwa zehn Jahren die letzten Mengen aus der Nordsee gefördert werden dürften.

Das Ende des quantitativen Wirtschaftswachstums in Sicht ?

Ein Viertel des weltweiten Verbrauchs geht auf das Konto der USA, die ihren Öldurst aber nur zu 40 % mit eigener Förderung stillen. Und an den weltweiten Ölreserven haben die USA sogar nur einen bescheidenen Anteil von 2,5 Prozent. Die USA werden zunehmend abhängig von Staaten, die entweder politisch instabil oder Amerika-feindlich gesinnt sind.

Dies könnte die Sorge erklären, mit der US-Präsidenten – insbesondere aus dem Clan der Ölbarone namens Bush – im Nahen Osten das Zentrum von Terror und Schurkenstaaten zu sehen, um dann mit militärischen Feldzügen das westliche Ideal von freiheitlichen Demokratien durchzusetzen, auch wenn man einzelne Schurken à la Saddam Hussein dort jahrelang vorher gefördert hatte.

Damit nicht genug. Den USA mangelt es nicht nur an Öl, sondern auch an Benzin. Die letzte Raffinerie ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor 30 Jahren errichtet worden.

Den fehlenden fertig raffinierten Sprit kaufen die amerikanischen Tankstellenbetreiber übrigens im Ausland ein, z. B. bei uns in Europa, in den Niederlanden, Belgien und Deutschland. Das hat die Kraftstoffpreise hierzulande schon in der Vergangenheit in die Höhe getrieben.

Nach Meinung einer wachsenden Schar von Kennern des globalen Ölmarktes könnte die vom Hurrikan „Katrina“ 2005 ausgelöste Ölpreisexplosion nur der Vorbote eines regelrechten »Energie-Tsunamis« sein. Matthew Simmons, Chef einer im Ölgeschäft tätigen Investmentbank in Houston, warnte bereits davor, 200 bis 250 Dollar pro Fass wären schon »in den kommenden Jahren« ein realistischer Ölpreis.

Die Horrorzahlen basieren auf der Annahme, die weltweite Ölförderung stoße schon bald an ihre Grenzen. Gegenwärtig pumpen private und staatliche Ölkonzerne täglich gut 84 Millionen Fass Rohöl aus dem Boden oder aus dem Meeresgrund. Das ist so viel wie nie zuvor – und reicht momentan gerade noch, um die Nachfrage zu decken. Sämtlichen Prognosen zufolge wächst das Verlangen nach Öl aber noch gewaltig, jährlich um etwa 2 % und um beinahe 50 Prozent bis 2030 nach Schätzungen der Internationalen Energie-Agentur. So viel Öl gibt aber vermutlich die Erde niemals her.

Die Skeptiker haben sich in der Association for the Study of Peak Oil & Gas (ASPO) zusammengeschlossen – mit dem Ziel, die Botschaft vom bevorstehenden Peak, dem Maximum der Ölförderung, unters Volk zu bringen. Colin Campbell, eine Geologen-Koryphäe bei der Bewertung von Ölvorkommen, behauptet, dass die beschwichtigenden Meldungen von Regierungen und Konzernen über die vermeintlich noch riesigen globalen Ölreserven falsch seien. So heißt es in einer von der US-Regierung in Auftrag gegebenen Studie, dass die globale Ölstatistik »von ärmlicher Qualität und möglicherweise politisch verfälscht« sei. So hat Kuwait 2005 den Umfang des noch im Boden schlummernden Öls mit einem Federstrich um 10 % abgewertet. Zudem ist seit 1970 jedes Jahr mehr Öl verbraucht als neu gefunden worden. Merkwürdig erscheinen auch Meldungen, dass der Iran seine der OPEC zugesagte Förderquote 2006 um über 10 % unterschritten haben soll, was auf einen iranischen Peak Oil hinweist und ein friedlicheres Licht auf das so energisch vertretene iranische Atomprogramm werfen würde. Warum sollte der Iran auf Milliardeneinnahmen verzichten, wenn er das Öl dafür noch hätte?

Will die Ölindustrie überhaupt noch investieren?

Was alle überraschte, war China. Das Riesenreich mit heute 1,3 Milliarden Menschen war bis 1992 noch ein Exporteur von Öl. Aber seit dem Jahr 2000 explodiert der chinesische Öldurst geradezu, China ist bereits zweitgrößter Ölverbraucher nach den USA. Zudem steht mit Indien das zweite Milliardenvolk davor, vom Schwellenland zur Industriemacht aufzusteigen.

Die Folge: Die Reservekapazität, der Puffer zwischen Ölnachfrage und möglicher Ölförderung, ist in der Welt verschwindend klein geworden. Mitte der achtziger Jahre lag die Reservekapazität noch bei komfortablen 10 Millionen Fass, heute könnte die weltweite Ölproduktion um gerade einmal eine Million Fass kurzfristig gesteigert werden. Solche Umstände sind ein Traum für Spekulanten: Jeder Streik, jeder Terroranschlag und jeder Hurrikan weckt die Furcht vor Engpässen beim Ölnachschub. Spekulanten, die mit dem Kauf und Verkauf so genannter paper barrels das schnelle Geld machen wollen, finden ein lukratives Betätigungsfeld – und treiben den Ölpreis in immer neue, ungeahnte Höhen.

Nun, da die Ölfirmen Traumgewinne einstreichen – erweitern sie auch die Kapazitäten? Nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur investieren die Ölfirmen zwar mehr – aber immer noch nicht genug. Die Multis fürchten, dass der Preis in den Keller rutscht, wenn jeder von ihnen neue Kapazitäten schaffe. Das sei »das Dilemma«, sagen die Ölfirmen.

Fragen wir also, was das zeitliche Überschreiten der (heutigen?) Höchstförderung an Öl für uns alle bedeuten würde. Sicher einen Ölpreis bei vielleicht 200 Dollar pro Barrel oder mehr, aber dramatischer dürfte sein, wie die Verbraucherländer mit dem Ausfall benötigter Energie umgehen würden. US-Vizepräsident Cheney, der selber aus einer Ölfirma kommt, rechnet ab Peak Oil mit einem weltweiten Öldefizit von fünf Prozent bereits im ersten Jahr des Ölförderrückganges, ein ehemaliger Exxon-Chef sogar mit 8-10 % Defizit pro Jahr, und das sich von Jahr zu Jahr fortsetzend! Die Situation wäre historisch einmalig: Eine seit Beginn der Industrialisierung fast ständig expandierende Weltwirtschaft stünde plötzlich vor einer scheinbar unüberwindlichen Schranke und würde ohne Gegenmaßnahmen sofort in eine Schrumpfungsphase übergehen. Das ständig propagierte Wirtschaftswachstum als Allheilmittel würde sofort zur Illusion, solange alternative Techniken nicht ausreichend zur Verfügung stehen.

Kurzfristig haben Autofahrer nur eine Chance dagegen: weniger und mit sparsameren Autos fahren. Deutsche und andere Autobauer haben aber bislang wenig Interesse daran gezeigt.

Der Trost in solch einer Situation wäre: Länder wie Deutschland, die viel Know How mit regenerativen Energien entwickelt haben, stünden sicher  besser da. Es würden endlich entschlossen alle Kräfte  mobilisiert für eine Umstellung der gesamten Energiebeschaffung und hoffentlich auch des Energiesystems hin zu dezentraleren Strukturen.

(c) 2007 Martin Schmidt-Bredow


Grafik:

Ölpreisanstieg wikipedia GUT BIG

BUCH: End of Suburbia

TEXT DAZU: Die endlosen Vorstadtsiedlungen der USA, deren Siedlungsbrei eigentlich nicht den Namen „Stadt“ verdient und eher als „sprawl“ bezeichnet wird, konnten nur entstehen, weil der billige Benzinpreis keine Rolle spielte. Ein vermehrfachter Ölpreis würde solche Siedlungen nur noch einer reichen Oberschicht ermöglichen.


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