Zur
Entstehung von V- und U-Tälern
©
Evan Hansen, Beryl (Utah/USA), veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 8/1995
Einer der
verbreitetsten Irrtümer unserer Schul-Geologie ist der Glaube, Fluss-Erosion
könne V-förmige Täler (V-Täler) erzeugen. Auf der Basis dieses Glaubens meint
man, Erosion durch Wasser von Erosion durch Gletscher unterscheiden zu können.
In der Tat kann Eis U-förmige Täler (U-Täler) erzeugen, das ist richtig. Der
Irrtum liegt in dem Glauben, dass Wasser-Erosion V-Täler erzeugen könne. Diese
These verwechselt die Ursache mit der Wirkung. In Wahrheit ist die Lage so,
dass wir, wenn wir einen Fluss in einem V-Tal beobachten, sicher sein können,
dass fast keine Erosion erfolgt, mithin das Tal sehr jung ist. Derartige
V-Täler entstehen durch tektonische Kräfte, und die Flussläufe folgen ihnen,
weil sie dem niedrigstliegenden Weg folgen. In Wahrheit erzeugt Erosion durch
Wasser breite Täler, mit einem flachen Tal-Grund.

Flüssigkeiten,
die sich bekanntlich nicht zusammenpressen lassen, unterliegen dem
Venturieffekt1. Die Sedimentmenge, die von fließendem Wasser
mitgeführt werden kann, ist abhängig von der Wasser-Geschwindigkeit. Je
schneller das Wasser fließt, desto mehr Sedimente kann es mit sich führen. Nun
stelle man sich ein Flussbett mit sehr unregelmäßigem Grund vor. Wenn das
Flussbett enger oder seichter wird, erhöht sich durch den Venturieffekt die
Wasser-Geschwindigkeit, sodass es mehr Sedimente aufnehmen kann, wodurch
wiederum das Hindernis schließlich hinwegerodiert wird. Wenn das Flussbett
breiter oder tiefer wird, verlangsamt sich die Wasser-Geschwindigkeit und das
Wasser entledigt sich seiner Sedimente. Dies modifiziert die Form des
Flussbettes so lange, bis es gleichmäßig breit und tief wird. Jede Vertiefung
im Grund wird mit Sediment ausgefüllt, weil der Venturieffekt die
Geschwindigkeit des Wassers reduziert, und jede herausragende Stelle wegerodiert
wird, weil durch den Venturieffekt die Erosion zunimmt. Das Endresultat ist ein
breites und sehr ebenes Flussbett.
Eis kann
U-Täler erzeugen, aber Wasser kann dies ebenso, sofern seine
Strömungsgeschwindigkeit groß genug ist. Die Reibung an den Seiten des
Flussbettes reduziert die Strömungsgeschwindigkeit auf niedrigere Werte als in
der Strommitte. Das Ergebnis ist ein U-Tal. Aber dies funktioniert nur, wenn
die Strömungsgeschwindigkeit sehr hoch ist, wie beim Auflaufen eines Tsunami2.
Wenn wir U-Täler in Gegenden beobachten, wo es keine Vereisung gab, liegt die
Vermutung nahe, dass eine massive Wasserwand, die mit großer Geschwindigkeit
heranrauschte, die Ursache war. Das Wort "Katastrophismus" ist zwar
unter orthodoxen Geologen verrufen, aber Katastrophen (Kataklysmen) gab es
tatsächlich. Diese Talformen können als Indiz dafür verwandt werden, wo sich
derartige Katastrophen ereignet haben.
Übersetzung und Zeichnung:
© Dr. Horst Friedrich
Anmerkungen
(1) Nach dem Venturieffekt bedingt bei strömendem Wasser,
das sich in einem Fluss- oder Bachbett oder in einem Rohr bewegt, eine
Querschnittsveränderung eine Geschwindigkeitsveränderung: Engerer Querschnitt =
höhere Strömungsgeschwindigkeit, desto stärkeres Mitreißen (durch Druck und
Sog) von Sand, Geröll etc.
(2) Tsunami [jap.], plötzlich auftretende, durch Bewegungen des Meeresbodens hervorgerufene Meereswelle im Pazifik; oft verheerende Wirkung an den Küsten (Meyers Lexikon A-Z).
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