Ein steinzeitliches Kombiwerkzeug von einfältigen Menschen?
© Volker Ritters; veröffentlicht in EFODON SYNESIS Nr. 2/1999
Volksdorf, ein Walddorf im Norden Hamburgs (in Hamburgs Walddörfern), in der Nähe der Alster und der alten Handelsstraßen von Hamburg nach Lübeck (heute der B 434 und B 75), hat ein besonderes Museums-Dorf. Es umfasst ursprünglich vorhandene Höfe (Niedersachsen-Häuser, Zweiständer-Fachhallenhäuser), und es umfasst aus der Umgebung zusammengetragene Fachwerkhäuser: eine Schmiede mit offener Vorhalle, eine Grützmühle mit Göpelwerk, eine Durchfahrtscheune, ein Durchfahrthaus und ein Backhaus. Ein Bauernhaus dieses Museumsdorfes ist in seiner Diele zu einem Veranstaltungssaal umgebaut, in dem in den 60er Jahren der Volkshochschulkurs Wir lernen unsere Heimat kennen" von Landgerichtsdirektor Dr. Ferdinand Blötz (Hamburg-Volksdorf, Wensenbalken) durchgeführt wurde. Er lud kompetente Gastredner ein, so auch den Archäologen Dr. h.c. Alfred Rust (Ahrensburg), der über seine Ausgrabungen in verlandeten Toteisseen im nahegelegenen Ahrensburg-Meiendorfer Tunneltal berichtete und das Leben der Rentierjäger von Meiendorf, wie es vor 10.000 Jahren gewesen sein mag, vor unseren Augen ausmalte.
Ich durfte damals als Junglehrer nach den Zeichen des großen Redners (einmal Klopfen mit dem Zeigestock) die Dias durchschieben. Der Zulauf zu diesen Vorträgen war gewaltig, da der Charme der beiden genannten Herren, deren Fabulierkunst zwischen ausströmender Gemütlichkeit und Fachwissen kräftig Brücken schlug, besonders ältere Leute entzückte. Ich hingegen (leistungsorientiert und noch auf Lob von außen angewiesen) fing an, steinzeitliche Klingen und Werkzeuge auf dem Stellmoorhügel am Rande jenes Tales zu sammeln und konnte sie dem berühmten Redner nach seinen Vorträgen zeigen.
Abb. 1: Das Kombigerät von Höftgrube
Bald hatte ich außer allerlei Klingen alle Werkzeugtypen gefunden, die die Fundstelle hergab: Bohrer, Daumenschaber, Zinken, Stichel, Pfeilspitze. - Doch was hat das mit dem Fund von Höftgrube (Abb. 1) und der Bestimmung eines neuen Werkzeugtyps zu tun? Das Besondere dieses Neuen wird auf dem Hintergrund des bis dato Bekannten und Normalen verständlich.
Abb. 2: Die zweistufige Werkzeugherstellung in der Klingenkultur
Normalerweise wird ein Werkzeug der Klingenkultur aus Flintstein hergestellt (Abb. 2), indem zunächst eine längliche Klinge von einem größeren Flintstein (Kernstein, Nukleus) abgeschlagen und dann durch Randretusche zu einem Werkzeug weiterverarbeitet wird. Danach liegt also ein zweistufiger Herstellungsweg vor: Von dem geköpften Kernstein wird eine Klinge abgeschlagen, aus der dann durch die besondere Formung, durch das Abdrücken von Steinsplittern am Rande der Klinge, das besondere Werkzeug geformt wird, etwa ein Schaber mit verkürztem Klingenende. Dadurch wird dieses Ende dicker und kräftiger oder eine Pfeilspitze mit einer oder mit zwei Schultern für die Schäftung. Durch die Randretusche erhält also das Halbfertigprodukt Klinge seine endgültige Gestalt als Endprodukt Werkzeug. Prinzipiell kann aus jeder Klinge ein Schaber oder eine Pfeilspitze oder ein anderes Werkzeug hergestellt werden. Die Klinge ist noch nicht festgelegt auf ein bestimmtes Endprodukt (wenn eine Klinge auch sicherlich eine bestimmte Vorstellung von einem Werkzeug nahelegen kann, etwa für einen breiten Daumenschaber mit kräftigem Rücken, oder für einen schlanken Bohrer besonders geeignet zu sein scheint).
Auf diesem Hintergrund wird nun das Besondere meines Fundes von Höftgrube deutlich.
Doch zunächst zum Finden: Bereits 1964 fand ich das Kombiwerkzeug (etwa 7 x 3,8 cm groß, Abb. 1) im sandigen Randstreifen neben dem Kopfsteinpflaster des Weges zur Jugendherberge in Höftgrube in der Wingst, zwischen Stade und Cuxhaven, südlich der Niederelbe in Niedersachsen gelegen. Die unregelmäßige Gestalt sah ich zwar (und wer Steine jener Klingenkultur sammelt, sondert normalerweise stark unregelmäßige Gebilde automatisch beim Sehen aus, ohne lange darüber nachzudenken), aber doch erkannte (beurteilte) ich den Stein als ein Werkzeug, das aus einer Klinge angefertigt war, ging nicht dran vorbei und hob es auf. Ich hütete diesen Stein, diesen Kunststein (Artefakt) als einen Exoten in meiner Sammlung.Nun habe ich in diesen Tagen den Stein mit seiner künstlichen Gestalt, das Artefakt, dahin gebracht, wohin es gehört, ins Helms-Museum (Hamburger Museum für Archäologie und die Geschichte Harburgs) in Hamburg- Harburg. Dieses Museum betreut auch das Umland und hat den Stein (und meine anderen vom Stellmoorhügel) gerne (und auch zuständigkeitshalber) aufgenommen. Der Archäologe, Herr Rüdiger Articus, sagte mir im Museum, dass er eine derartige Gestalt eines Mehrzweckwerkzeuges bisher nicht kenne, dass das vorliegende Stück also eine Neuigkeit sei.
Diese mit fünfunddreißig Jahren Verzögerung auftretende Neuigkeit beträchtlichen Alters zeigt an ihren verschiedenen (unterscheidbaren) Teilen:
- einen Vorsprung, eine Spitze, die an den beiden Kanten gegengerichtet (eine Kante an der Oberseite, die andere an der Unterseite) retuschiert ist, so dass eine scharfe, dicke Kante dort (einmal oben, einmal unten) entstanden ist (wodurch sich dieses Teil für eine Drehbewegung, also zum Bohren eignet),
- einen weich geschwungenen Bogen, der randretuschiert ist (und sich zum Schaben einer sich ausbeutelnden Fläche, also zum Schaben der Innenseite etwa eines Felles, eignet),
- einen v-förmigen Einschnitt mit Randretusche (der sich etwa zum Schaben oder Säubern einer Sehne eignen könnte).
Dann deutete ich die gerade Seite dieses Mehrzweckgerätes, die schartig und dünn im Material vorliegt, als ein Messer, was jedoch Herr Articus anders sah: Er erkannte auf dieser Fläche eine hellere Patina, und weiterhin erkannte er in den Verlängerungen der schartigen Kante randretuschierte Stellen, so dass er hier von einem späteren Abplatzen des Steines sprach, das die anzunehmende gerade durchlaufende retuschierte Kante zerstört haben mag. Danach liegt an dieser Stelle also ursprünglich eine vierte Funktion vor:
- ein Schaber in einer gerade verlaufenden Kante (geeignet, um etwa auf einer ebenen Unterlage - ohne Ausbeulen - eine Fell-Innenseite zu schaben).
Danach kann angenommen werden, dass das ursprünglich heile Mehrzweckgerät vier Funktionen hatte, dass es zweimal zum Schaben in der Fläche, einmal zum Schaben an einer Linie und einmal zum Bohren taugte, dass es also ein Kombigerät im Bereich der Fellbearbeitung war.
Das Besondere und Neue ist hier also im Gebrauch die Verfügung über vier Funktionen in einem Gerät, - und das Neue in der Herstellung ist die Zurichtung der Klinge auf verschiedene Werkzeugtypen hin, die nicht erst und allein durch die Randretusche erzielt werden, sondern vorher in der Anlage der Klinge, die dann ihre Randretuschen speziell auf diese Zurichtungen hin erhielt (wo also in der Randretusche dann nicht mehr die freie Auswahl bestand), - sofern nicht bloß ein Zufall in der Klingenherstellung bei der anschließenden Randretusche ausgenutzt wurde.
Wenn die vorliegende besondere Gestalt der Klinge (das ist der Stein ohne die Randretusche) ein Zufallsergebnis war, dann war also die Randretusche eine geschickte Ausnutzung der bestehenden komplizierten Gestalt der Klinge. Entschieden werden kann diese Frage wohl erst (ob Absicht oder Zufall in der Entstehung der Klingengestalt vorliegt), wenn noch weitere Werkzeuge dieses Typs gefunden werden. Dann kann eine absichtsvolle Herstellung der vorliegenden Klingenform (vor einer Randretusche) mit Sicherheit angenommen werden. Da aber Klingen hauptsächlich auf gepflügten Feldern gefunden werden, neben den selteneren Fundstellen eines Maulwurfhügels (wo in beiden Fällen Steine aus tieferen Schichten nach oben kommen und im Regen freigelegt werden), ist nun anzunehmen, dass die, gegenüber früheren Jahrzehnten, schwerer werdenden und tiefer pflügenden Traktoren und Pflüge die Artefakte mittlerweile gründlich zerbrochen oder zerstört haben.
In jedem Fall, ob die Klinge planmäßig oder zufällig durch Menschenhand entstanden war, kann der Entstehungsweg rekonstruiert werden (Abb. 3):
Abb. 3: Die Klingenherstellung beim Kombigerät
Am Kernstein werden nicht nur in seiner Längsrichtung Abschläge gemacht, sondern auch quer dazu. Wenn die später gewünschte Vertiefung beim angestrebten linearen Schaber durch einen quer geführten Abschlag erreicht ist, kann an dieser Stelle mit einem Schlag in der Längsrichtung der gewünschte Rohling, die speziell vorgeformte Klinge, gewonnen werden, die dann durch Randretusche im Sinne der vorgeformten Klinge zu Ende gearbeitet wird.
Ohne die vorausgehende Planung eines erst im übernächsten Schritt vollgültig erscheinenden Endzustandes ist hier also nichts zu machen. Die komplizierte mehrstufige Herstellungsweise mit Beachtung der Erfordernisse der zweiten Stufe bereits auf der ersten Stufe ist also gegenüber der normalen Werkzeugherstellung (eines Werkzeugs für einen Zweck oder für eine Funktion, bei der die Funktion erst auf der zweiten Stufe bestimmt und sogleich herbeigeführt wird) als höherwertige geistige Leistung anzusehen: das Anvisieren der Ziele (der Zwecke, der Funktionen, etwa Schaben und Bohren) über mehrere Bearbeitungsstufen hinweg. Dieses gilt also für den Fall, dass die komplizierte Rohling-Herstellung absichtlich erfolgt ist. Dieser Punkt ist noch offen.
Für den Fall, dass hier nur eine interessante Zufallsform eines Rohlings (einer Klinge, eines Abschlages) durch die nachfolgende Randretuschierung optimal ausgenutzt wurde, ist dann die besondere Leistung darin zu sehen, den vorliegenden Formen zu folgen: mit einfühlender Intuition (anstatt mit erzwingender Absicht) vorzugehen.
In beiden Fällen ist die Beachtung des Steines in seinen besonderen Möglichkeiten komplizierter Formherstellung oder Formdeutung von höherer Qualität einer vorausplanenden oder einfühlenden Vergegenwärtigung des Möglichen, gegenüber dem bisher bekannten Ablauf des zweistufigen Weges mit den trennbar verbundenen Stufen von Rohlingherstellung (ohne spezielle Planung des zweiten Schrittes) und Randretusche (ohne spezielle Vorleistungen der ersten Stufe beachten zu müssen).
Die über mehrere Stufen hinweg zu leistende innere Beschäftigung mit den Zielen (den Zwecken, den Funktionen) erfordert eine Verinnerlichung, den Aufbau einer inneren Vorstellungswelt von den Dingen, Zwecken, Techniken, die den jeweils gegenwärtigen äußeren Zustand (etwa auf der Produktionsstufe Eins zu stehen) überspringt. - Nach Ansicht von Herrn Articus stammt das Kombigerät aus der mittleren Steinzeit (und wäre etwa 10.000 oder mehr Jahre alt.
Und bei diesen Gedanken an die Ausprägung der inneren Vorstellungswelt (Antizipierung oder innere Vorwegnahme der folgenden Schritte) fällt mir der in SYNESIS Nr. 28 veröffentlichte Artikel ein: Ein ,handgreifliches´ Fragezeichen zu unserem Bild der Vorgeschichte?" von Dr. Horst Friedrich. Darin hält es der Autor für mitteilenswert, dass diese Menschen im Weltbild unserer Schulwissenschaft jahrtausendelang mit solch einfachen, steinzeitlichen Utensilien des Neolithikums zufrieden gewesen sein ..., ohne dass ihnen der Gedanke an eine Verarbeitung von Metallerzen gekommen wäre (S. 12). Einmal stimmt es sicherlich, dass vor der Verarbeitung von Metallerzen keine Metallerze verarbeitet wurden. Zum anderen ist die im dargestellten Weltbild der Schulwissenschaft anklingende Abwertung jener Zufriedenheit (ohne eine Wertung des Autors zu erfahren, der es aber für berichtenswert hält) in meinen Augen nicht statthaft, denn, wie wir soeben sahen, waren diejenigen
Menschen, die Kombiwerkzeuge (wohl schon bereits in der mittleren Steinzeit) herstellten, im Besitz innerer Möglichkeiten, die eine Abwertung dieser Menschen zu einfältigen (weil mit der ihnen unterstellten geistigen Armut nicht einmal unzufriedenen Menschen!) nicht zulässt. Vielmehr ist vorstellbar, dass diese Menschen, angesichts ihrer reichen inneren Möglichkeiten, zufriedene Menschen waren, die sich ihren Kosmos außen und innen ausbauten.
Resümee: Das vorliegende Fundstück von Höftgrube ist ein Kombigerät aus einer Klingenkultur. Es stammt anscheinend aus der mittleren Steinzeit und ist nach dem derzeitigen Erkenntnisstand ein neuer Werkzeugtyp, eben ein Kombigerät, das auf die geistigen Möglichkeiten antizipierenden Vorstellens und Handelns schließen lässt, was die bisher bekannten Fähigkeiten der Klingenkultur (mit der getrennt-zweistufigen Werkzeugherstellung) mit einer verbunden-zweistufigen Werkzeugherstellung übertrifft.
Literatur
Alfred Rust: Vor 20.000 Jahren. Rentierjäger der Eiszeit", Neumünster 1962 (2. Aufl.).
Alfred Rust: Über Waffen- und Werkzeugtechnik des Altmenschen", Neumünster 1965.
Foto und Zeichnungen
© Volker Ritters