Fragezeichen zu Burrows Cave
© Dieter Vogl, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 24/1997
Wir berichteten mehrfach (1) über die Burrows Cave, einem Höhlensystem voller merkwürdiger Artefakte in einem abgelegenen kleinen Tal des südlichen Illinois (USA), das von Russell Burrows im Jahre 1982 entdeckt wurde, der jedoch den genauen Lageplan bisher geheim hält. Der Autor hat Fotos von einigen Artefakten aus der Burrows Cave analysiert, die unserem Redaktionsmitglied Dr. Horst Friedrich von Evan Hansen (Beryl/Utah) zugesandt wurden. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass zumindest diese Artefakte - die jedoch nur einen winzigen Bruchteil der Fundmenge darstellen - fälschungsverdächtig seien.
Jeder archäologische Fund ist von einer charismatischen Aura umgeben. Als mir aber Dr. Horst Friedrich einige Fotos von Burrows Cave zukommen ließ, fielen mir daran sofort eine Anzahl gravierender Unstimmigkeiten auf. Unstimmigkeiten, die der angeblichen archäologischen Sensation für meine Begriffe ihren charismatischen Charakter nehmen (2). Die Ursache für meine ablehnende Haltung liegt vornehmlich darin:
Seit ewigen Zeiten ist es das Vorrecht eines Entdeckers, Studien über seinen Fund anzustellen, danach werden die meisten Funde zur weiteren Forschung freigegeben. Dies ist in der Archäologie ein ungeschriebenes und allerorts praktiziertes Gesetz, an dessen Kodex sich im Grunde genommen jeder hält. Insofern können heute beispielsweise sowohl die Artefakte aus dem Grab des Tut-Ench-Amun als auch die Ruinen von Troja besichtigt werden. Selbst Grabungen sind möglich, und jeder Archäologe kann die Thesen seiner Vorgänger in Augenschein nehmen, eigene Untersuchungen anstellen und gegebenenfalls sogar eigenen Theorien entwickeln. Sogar die Buchrollen aus Qumran wurden, zumindest in großen Teilbereichen, der wissenschaftlichen Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Ganz sicher wird der Rest auch noch folgen.
Bei der Burrows Cave ist dies nicht der Fall, denn der Entdecker der Artefakte und die Besitzer des Grundstückes lassen niemanden an die - wie man vorgibt - wissenschaftliche Sensation heran. Dr. Friedrich schreibt in seinem Buch ,,Einer Neuen Wissenschaft den Weg bahnen auf Seite 108, ,,daß bisher noch kein unabhängiger Forscher - weder Schulwissenschaftler noch Nonkonformist - Gelegenheit erhielt, Burrows Cave selbst zu besuchen. Selbst die betreffende Örtlichkeit wird noch immer geheim gehalten.
Diese durchweg unübliche, ja wissenschaftlich äußerst fragwürdige Vorgehensweise muss jedem aufrechten Forscher zu denken geben! Keinesfalls würde ich deshalb diesen mutmaßlichen Fund unbesehen und rückhaltlos als archäologische Sensation einstufen, und schon gar nicht würde ich ihn ohne gesicherte Verifizierung auf eine Stufe mit der Entdeckung von Troja oder gar mit der des Grabes von Tut-Ench-Amun stellen. Sowohl Tut-Ench-Amun als auch Troja sind verifiziert - Burrows Cave ist es nicht. Insofern können wir es drehen und wenden wie wir wollen, hier müsste einem paritätischen Kollegium von objektiven Fachleuten unbedingt die Gelegenheit zur Forschung gegeben werden. Denn ist der Fund echt, dann kann und darf er nicht im Besitz eines einzelnen Menschen bleiben, sondern muss der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Hätte er doch zweifellos den Rang eines Weltkulturerbes, das gleichrangig mit den Schriftrollen von Qumran, den Schrifttafeln des Gilgamesch-Epos, dem Sonnengesang von Amarna oder den anderen schriftlichen Hinterlassenschaften aus der menschlichen Vorzeit einzustufen wäre. Der Entdecker einer derartigen Sensation könnte nur davon profitieren, und dabei meine ich wahrlich nicht nur die finanzielle Hinsicht. Mit Sicherheit würde er in die Annalen der Geschichtsforschung eingehen.
Eine recht dünne Argumentation
Es ist für meine Begriffe eine recht dünne Argumentation, der Wissenschaft den Zugang zu den Fundstücken und dem Fundort deshalb zu verweigern, weil, wie Friedrich in seinem bereits genannten Buch anführt, die ,,Rechtslage im Staate Illinois für derartige archäologische Funde noch ungeklärt sei. Höre ich so etwas, dann macht es mich stutzig: Meine eigenen Recherchen - die jeder beim amerikanischen Konsulat in Frankfurt nachprüfen kann - ergaben, dass die Verhältnisse absolut nicht so ungeklärt sind, wie es ständig behauptet wird. Ganz im Gegenteil: die Bestimmungen sind klar umrissen und fordern eigentlich nur, dass historische Funde der Allgemeinheit zugänglich gemacht, unter Hinzuziehung der entsprechenden Fachdisziplin erforscht und nicht zum Zwecke des Verkaufs außer Landes geschafft werden dürfen (3). Ein verständliches Unterfangen, wenn man einerseits bedenkt, dass fast alle Länder mit großen historischen Schätzen so verfahren, und wenn man andererseits berücksichtigt, wie viele wertvolle Artefakte in irgendeiner Privatsammlung verstauben und somit der Forschung vorenthalten werden. In Mexiko erhalten beispielsweise Touristen bei derartigen Vergehen gegen bestehende Gesetze Landesverbot auf Lebenszeit, und Ägypten spricht neben einem Landesverbot sogar ganz erhebliche Haftstrafen aus. Selbst in Deutschland gibt es derartige Gesetze.
Noch dürftiger wird die Argumentation, wenn man hinter jeder Ecke eine Verschwörung irgendwelcher wissenschaftlicher, politischer oder religiöser Kreise wittert. Dies klingt gerade so, als wären alle studierten und wissenschaftlich tätigen Menschen in Nordamerika ständig damit beschäftigt, dem bedauernswerten Herrn Burrows seine Entdeckung zu streitig zu machen. Dieses Postulat ist nahezu lächerlich, denn die Wissenschaft hat besseres zu tun, als sich mit Artefakten zu beschäftigen, die nur auf Fotos existieren.
Gerade Amerika ist in Sachen Religionsfreiheit so aufgeschlossen, dass dort sogar Sekten akzeptiert werden, die sich offensichtlich gegen die Staatsordnung stellen. Den Quäkern oder den Mormonen wurde sogar ein eigenes Gebiet überlassen, damit sie dort ihrer Religion ungetrübt nachgehen können. Der Punkt Religionsverschwörung ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, denn gerade die Mormonen haben ein berechtigtes Interesse daran, eine Transfusion von der Alten zur Neuen Welt nachzuweisen. Dass es diese ,,mormonische Verschwörung nicht gibt, ist im Angesicht der aggressiven Missionspolitik schon ungewöhnlich. Man könnte doch wenigstens erwarten, dass gerade dieser Teil die Artefakte von Burrows Cave begrüßt. Nichts dergleichen ist - offiziell - der Fall.
Die verschiedenen Aspekte der Verschwörungsthesen können wir also getrost zu den Akten legen. Tatsache ist nämlich auch, dass ein derartiger Fund heute einen solchen Medienrummel veranstalten würde, dass sich keine offizielle Stelle - weder in Amerika noch anderswo auf der Welt - erdreisten könnte, einmal amtlich registrierte Artefakte in der Versenkung verschwinden zu lassen oder diese gar mutwillig zu zerstören (4). Selbst die katholische Kirche musste im Falle der Schriftrollen von Qumran klein beigeben und diese unter dem ständig wachsenden Druck der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zur weiteren Erforschung zur Verfügung stellen. Und wie man sieht: kein Stück ging verloren oder wurde gar mit böser Absicht zerstört. Derartige Argumentationsweisen sind gänzlich unrealistisch und erinnern sehr stark an die derzeit geführte UFO-Diskussion. Auch hier vermutet man ständig politische, wissenschaftliche oder religiöse Unterdrückung.
Die Fachwelt verweigert die Anerkennung
Nach Lage der Dinge ist es deshalb mehr als verständlich, wenn fast die gesamte Fachwelt von Fälschung spricht. Ob dies nun gerechtfertigt ist oder nicht, mag dahin gestellt bleiben, aber die Disziplin der Archäologen kann quasi gar nicht anders, als diese Fundsache abzulehnen, denn wie soll man einer Entdeckung die Authentizität zuerkennen, wenn man sie nicht in Augenschein nehmen und überprüfen darf? Wie soll man einen Fund anerkennen, der weder als Ganzes, noch nach Lage der einzelnen Fundstücke signifikant lokalisiert ist? Und so stellen sich viele Fragen, die im Zusammenhang mit den Artefakten aus Burrows Cave und deren wissenschaftlicher Anerkennung unbedingt beantwortet werden müssen. Die wichtigsten davon sind:
- Wurde der Fundort planmäßig untersucht und ausgewertet?
- Wurden die einzelnen Fundstücke methodisch katalogisiert?
- Wurde die exakte Lage der einzelnen Funde konsequent fotografiert und durch das obligatorische Koordinatennetz geordnet, damit auch später eine genaue Lagebestimmung durchgeführt werden kann?
- Wurden die anfallenden Zusatzinformationen, die sich aus der Lage der einzelnen Fundstücke ergeben, archiviert?
- Wurden vergängliche Materialien, zu denen auch Stein oder Ton gehören kann, fach- und sachgerecht vor der Zerstörung durch Konservierung geschützt?
- Oder wurden - was fast zu vermuten ist - die Fundstücke nur nach Schatzsuchermanier einfach dem Fundort entnommen?
Die wichtigsten Fragen aber sind und bleiben:
- Warum wurde eine fachliche Besichtigung ausgeschlossen?
- Warum wurden die Funde, ihre präzise Lagebestimmung und die gesamte Fundstätte bislang nicht einem einzigen archäologischen Fundstättenregister bekannt gegeben?
Der Entdecker, ein Oberst a.D. der US-Streitkräfte, dürfte wohl kaum alleine und ohne fachliche Unterstützung in der Lage sein, folgerichtige Rückschlüsse über archäologische Sachverhalte und Zusammenhänge zu ziehen, die alleine schon bei der Durchsicht weniger Bilder derartige Rätsel aufgeben, dass ein Laie wohl kaum damit alleine fertig wird. Selbst ein sehr belesener Autodidakt im ethno-linguistischen Bereich dürfte im Angesicht von über 4000 Artefakten, von denen - wie die hier relevanten - kanaanäisches, phönizisches, griechisches, etruskisches und germanisches Kulturgut umfassen, regelrecht überfordert sein. Hier müssen - ob man es sehen will oder nicht - Fachleute her, die auf den vorab genannten Gebieten Kapazitäten sind. Wir als Autodidakten können nur einen Denkanstoß geben - eine gültige Antwort können wir nicht geben, denn wer von uns ist schon Spezialist auf diesen Gebieten und wer von uns vereint schon alle diese Fachbereiche.
Die Fotos
Die mir überlassenen Fotos habe ich mit Bedacht studiert und bin nach Rücksprache mit Linguisten von der Universität Pisa zu dem Ergebnis gekommen, dass die ablehnende Haltung der Archäologen durchaus nicht unberechtigt ist. Nach Ansicht der von mir konsultierten Linguisten - sie wussten nicht, um welche Fundstätte es sich handelt - sind zumindest die von mir vorgelegten Fotos als erheblich fragwürdig bezeichnet worden. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit - so die einhellige Auskunft - handelt es sich bei den einzelnen Darstellungen sogar um Fälschungen. Hierfür gibt es einige Gründe, die nahezu zwingend sind.
Vor einer Auswertung muss vorausgeschickt werden, dass eine fachliche Expertise insofern unmöglich ist, weil man das Objekt nicht in Augenschein nehmen kann und deshalb die unbedingt notwendigen Materialuntersuchungen nicht möglich sind. Datierungen, die nur anhand von umfangreichen Analysen vorgenommen werden können, sind daher, aus materialtechnischer Sicht, vollkommen unmöglich. Alle folgenden Rückschlüsse beziehen sich deshalb lediglich auf die dargestellten Schriftarten und die damit verbundenen Alphabete.
Die dargestellten Buchstaben
Bei den dargestellten Schriftzeichen auf den Artefakten handelt es sich nachweislich um acht bekannte Schriftarten, die ausnahmslos als tote Schriften bezeichnet werden müssen. Hier muss angemerkt werden, dass es auf allen Artefakten aber auch einige Buchstaben gibt, die weder von mir noch von den durch mich angesprochenen Linguisten eingeordnet bzw. zugeordnet werden können. Einige Buchstaben muss man als modern bezeichnen, weil sie anscheinend unserer heutigen lateinischen Schrift entstammen und nur spiegelverkehrt aufgeschrieben wurden.
Bei einer ersten Sichtung ist augenfällig, dass die definierbaren Buchstaben einerseits den etruskischen, griechischen und kanaanäisch-phönizischen Schriften und andererseits der als jüngere und ältere Futhark bezeichneten Runenschrift angehören, wobei noch weitere Differenzierungen vorgenommen werden müssen, denn weder beim Etruskischen noch beim Griechischen oder der Runenschrift darf man pauschalisieren. Das Gegenteil ist der Fall, denn man muss die zeitlich getrennt auftretenden grammatischen Veränderungen, die überdies nur regional stattfanden, zweifelsohne gegeneinander abgrenzen. Und so kann man auf dieser Grundlage ebenfalls feststellen, dass die Texte - wenn es solche sind - auf allen Artefakten ausnahmslos in drei verschiedenen etruskischen, in zwei unterschiedlichen griechischen und - mit Abstrichen - in zwei voneinander abweichenden Runen-Alphabeten abgefasst wurden. Dieses Konglomerat der unterschiedlichsten und nebeneinander niedergeschriebenen Buchstaben der einzelnen Alphabete kann nur jeden verwundern. Und es sind gerade die verwendeten Schriftzeichen, die uns sagen, dass mit den Artefakten etwas nicht stimmen kann, denn es kann nicht sein, dass in einem einzigen Text ganze acht verschiedene Schriften verwendet werden, die ja gleichzeitig auch acht verschiedene Sprachen verkörpern, die - wie wir heute wissen - bei der Aussprache der einzelnen Buchstaben ganz unterschiedliche Lautwerte haben (5). Ein Beispiel mag dies verdeutlichen:
Untersuchungen
Nachdem man beispielsweise auf einem Foto neben dem Etruskischen nach dem Marsiliana-Modell und dem Etruskischen aus dem -4. bis -1. Jahrhundert auch das Etruskische aus dem -7. bis -5. Jahrhundert findet und diese drei etruskischen Schriften einträglich neben der kanaanäisch-phönizischen Schrift aus dem -12. Jahrhundert abgebildet ist, darüber hinaus auch noch das Runen-Alphabet aus dem -2. Jahrhundert auf den Artefakten verwendet wurde, müssen wir uns zwangsläufig auch mit deren Alphabeten eingehender auseinandersetzen.
Betrachten wir uns nun beispielsweise den Buchstaben X, dann müssen wir diesen, weil auf dem Foto die lateinischen Buchstaben Z, N, T, O, M, I, X und Y angegeben sind, auch mit dem lateinischen Lautwert X aussprechen. Da aber auch das Runen-Alphabet verwendet wird, könnte man den Buchstaben X auch mit dem Lautwert G aussprechen. Die ganze Sache wird um so unglaublicher, da ja auch das Etruskische verwendet wird, und hier wiederum müsste man das X mit dem Lautwert S aussprechen. Und zu guter Letzt, da ja auch das Kanaanäisch-phönizische verwendet wird, müsste man den Buchstaben X mit dem Lautwert T aussprechen.
Die Verwirrung wird vollkommen, wenn man bedenkt, dass ja auch das Früh- und Spätgriechische niedergeschrieben wurde. Hier, wie im übrigen auch im jüngeren Etruskischen, gibt es den Buchstaben X gar nicht und ein ausgesprochenes T(au) wird auch als solches geschrieben. Was für einen Sinn hat also diese Vermischung von einzelnen Schriften, die durch die Verwendung von gemeinsamen Buchstaben und deren unterschiedlichen Lautwert in einem gemeinsamen Text zur vollkommenen Unlesbarkeit verdammt werden, weil niemand mehr sagen kann, welches X aus welchem Alphabet letztlich gemeint wurde? Wobei man auch noch sagen muss, dass jedes einzelne Alphabet für die unterschiedlichen Buchstaben eigene Lautwerte hat und so natürlich auch jeder Lautwert anders geschrieben wird.
Diese Beispiele könnte man fortführen, und sie sind es letztlich, die nahe legen, dass auf jedem einzelnen Täfelchen ein sinnloses Mischmasch verzeichnet wurde, das sich - bei genauer Begutachtung - als vollkommen unsinniges Konglomerat einzelnen Buchstaben aus unterschiedlichen Zeiten und Sprachen entpuppt.
Besondere Eigenarten der Runenschrift
Jede Sprache und jede Schrift hat nachweislich ihre ganz besonderen Eigenarten. Dies mag bei verwandten Schriften verwunderlich sein, ist aber dennoch wahr. Selbst der Umstand, dass beispielsweise das Etruskische auf dem Boden des Griechischen entstanden ist und z.B. das Runen-Alphabet seinerseits auf dem Boden des Etruskischen und Lateinischen (6), ändert nichts daran, dass jede Volksgruppe ganz besondere Buchstaben entwickelt hat, die nur eine ganz bestimmte Schriftart ausdrückt. Durch diese besonderen Buchstaben können die einzelnen Schriften identifiziert und zweifelsfrei eingeordnet werden.
Um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um ein vollkommen eigenständiges Alphabet, wurden diese charakteristischen Eigentümlichkeiten offensichtlich bei keinem der Burrows-Täfelchen berücksichtigt.
So werden beispielsweise eindeutig Runen verwendet, die nachweisbar ,,als Zeugnis germanischer Schriftlichkeit um 200 n. Chr. im Alpenraum unter Verwendung lateinischer und nordetruskischer Schriftzeichen (7) entstanden. ,,Die ursprünglich gemeingermanische Reihe bestand aus 24 Zeichen, die nach dem Lautwert der ersten sechs Zeichen als Futhark bezeichnet wird. Aus der Zeit dieses älteren Futhark, das bis in das 8. Jahrhundert gebräuchlich war, sind nicht einmal 300 Inschriften bekannt (8).
Gleichzeitig aber vermischt der Schreiber der nordamerikanischen Täfelchen diese höchst seltene germanische Runenschrift aus dem Alpenraum mit der Runenschrift der Wikinger im Norden Europas. Jener Schrift also, die als jüngere Futhark in der Literatur beschrieben wird und - ebenso nachweislich - aus nur 16 Zeichen besteht. Aus diesem Abschnitt sind tausende von Inschriften bekannt, die oft auch fortlaufend zusammenhängende Texte beinhalten (9).
Eine weitere Ungereimtheit ist es - zumindest wenn man die Runenzeichen als Schrift verwendet -, dass, bis auf sehr wenige Ausnahmen, die Runenschrift in der Mehrzahl als sogenannte Bänder verwendet wird. Nur so ist sie auch wirklich lesbar, denn die Runenschrift hat die Eigenart, dass man sie sowohl linksläufig als auch rechtsläufig schreiben konnte und auch geschrieben hat. Nur durch die Bänder wird die Schreibweise ersichtlich, denn ihren lesbaren Verlauf zeigen erst die am Ende eines solchen Bandes angebrachten Tierköpfe.
Eine Vermischung beider Runen-Alphabete hat unweigerlich zur Folge, dass sich der Lautwert der einzelne Zeichen überschneidet. Nehmen wir in dieser Beziehung z.B. die Hagal-Rune, dann bedeutet sie in der einen Form Hege-das-All und in der anderen Hagel. Dass ein Text, vor allem, wenn darin die einzelnen Buchstaben in willkürlicher Reihenfolge aneinandergereiht und dadurch nicht mehr eindeutig zugeordnet werden können, zwangsläufig nicht mehr lesbar ist, ist vollkommen normal. Die Überkreuzung zweier verwandter, aber dennoch unterschiedlicher Schriften müssen wir wohl als untrügliches Zeichen dafür werten, dass hier zumindest etwas faul im Staate Dänemark sein könnte. Dieser Eindruck entsteht um so mehr, da die gleichen fatalen und durchweg unlogischen Konvergenzen auch bei der etruskischen und griechischen Schrift begangen wurden.
Torsten Capelle, Autor von ,,Kultur- und Kunstgeschichte der Wikinger, bringt die allgemein vorherrschende Meinung der Wissenschaft auf einen Punkt. Er schreibt bereits im Jahre 1986 (Seite 146 dieses Buches), dass ,,alle in Nordamerika angeblich gefundenen Inschriften moderne Fälschungen seien (10). Bedenken muss man dabei, dass nicht erst seit Burrows Cave immer wieder der Versuch gemacht wurde, anhand angeblicher Wikinger-Inschriften eine prähistorische Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt herzustellen. Dass die Wissenschaft skeptisch ist, ist ihr, anhand der Vielzahl der bisherigen Fälschungsversuche, nicht zu verdenken.
Besondere Eigenarten der etruskischen Schrift
Besonders gern wird der für einen Kenner der einzelnen Schriften durchaus vermeidbare Fehler begangen, dass die meisten Laien immer nur pauschal von einer etruskischen, griechischen oder germanischen Schrift und Sprache sprechen und es dabei aus reiner Unkenntnis versäumen, dass man - schon allein aus zeitlichen, und vor allem aus vielerlei regionalen, sprich dialektischen Gründen - unterscheiden muss. In ganz besonderem Maße trifft dies auf die etruskische Sprache zu, denn bei ihr und ihren mannigfaltigen Eigentümlichkeiten darf überhaupt nicht pauschalisiert werden. Macht man es dennoch, kommen die sonderbarsten Rückschlüsse zustande.
So kann man konstatieren, dass die etruskische Sprache - und analog hierzu die Schrift - überhaupt nicht richtig und in vollem Umfang von der Wissenschaft verstanden wird. Und genau in dieser Tatsache liegt ein weiterer Punkt, der die hier relevanten Artefakte aus Burrows Cave als Falsifikate erscheinen lässt. Schon Dionysos von Halikarnassos stellt in seiner ,,Antiquitates Romanae folgerichtig fest, dass die Etrusker ,,ein sehr altes Volk sind, das in Sprache und Sitte keinem anderen gleicht. (11) ,,Was nun die Sprache angeht, schreibt z.B. Herbert Alexander Stutzer in seinem Buch, ,,so wäre festzuhalten, dass man unter den bekannten Sprachen historischer Zeit bisher noch keine gefunden hat, die mit dem Etruskischen verwandt ist.
Wie kann es aber dann sein, dass auf unseren Inschriften aus Burrows Cave etruskische neben germanischen, griechischen oder gar kanaanäisch-phönizischen stehen?
Man könnte hier einwenden, da die etruskische Schrift ja von der griechischen abstammt, dass es Gemeinsamkeiten geben muss. Leider ist dies nicht in jedem Fall richtig, denn die Schriftzeichen können durchaus die gleichen sein, aber die Aussprache der einzelnen Buchstaben grund-verschieden. Und genau dies ist der Knackpunkt. Stutzer beschreibt in seinem anerkannten Werk die derzeitige Situation recht eindeutig und vor allem folgerichtig:
Die dritte Reihe zeigt ein deutliches Omega-Zeichen
,,In beinahe regelmäßigen Zeitabständen kann man in der Presse lesen, ein Wissenschaftler habe die etruskische Sprache enträtselt. Jedesmal erweist sich die Nachricht als Falschmeldung, wenigstens wenn man unter »Enträtselung« das Auffinden eines Schlüssels versteht, mit dessen Hilfe man das Etruskische ebenso übersetzen kann wie das Griechische oder Lateinische. Es wäre aber auch falsch zu behaupten, wir wüßten von der etruskischen Sprache gar nichts. Wir können die etruskische Sprache mühelos lesen. Wir kennen das etruskische Alphabet und den Lautwert der Buchstabenzeichen, denn die Etrusker haben ihr Alphabet von den Westgriechen übernommen und verwandten es bereits im 7. Jahrhundert v. Chr., was eine aus dieser Zeit stammende elfenbeinere Schreibtafel beweist. ... Dieses wandelte sich allerdings im Laufe der Jahrhunderte. Ein Schema macht dies deutlich: Der Wandel in der Schreibart der Buchstaben zeigt sich beispielsweise beim Theta (Th), beim My (M) beim Ny (N) und beim Rho (R). Manche Buchstaben fehlen auch im Etruskischen, zum Beispiel das Beta (B), das Delta (D) und das Omikron (O). Offensichtlich brauchten die Etrusker diese Buchstaben nicht, weil die entsprechenden Laute bei ihnen nicht vorkamen. Einen Buchstaben haben sie im 6. Jahrhundert v. Chr. auch selbst hinzugefügt: das F, das wie eine 8 aussieht.
Im Angesicht dieser Tatsachen erscheint es doch mehr als fraglich, vor allem, da es in allen etruskischen Gebieten nur ca. 25 einigermaßen brauchbare Bilinguen mit etruskischem und lateinischem Text gibt, uns jedoch keine historische Sprache bekannt ist, die mit dem Etruskischen auch nur ansatzweise vergleichbar wäre, dass ausgerechnet in Burrows Cave derartige Bilinguen gefunden worden sein sollen, auf denen gleich acht verschiedene Schrift- und somit auch Sprachstile niedergeschrieben wurden. Um so fragwürdiger wird die ganze Angelegenheit angesichts der Tatsache, dass diese Schriften gar nicht zueinander passen und wegen der oftmals recht grundlegenden Unterschiede in ihrem Lautwert niemals eine homogene Einheit abgeben könnten.
Mein Fazit
Die gefundenen Artefakte von Burrows Cave - falls es diese Höhlen überhaupt gibt - können anhand von Fotos nicht signifikant als echt oder unecht verifiziert werden. Jeder, der sich in dieser Richtung eine eigene Meinung erlaubt, kann und wird immer wieder widerlegt werden können. Und dies so lange, bis endlich einige dieser Artefakte nach allen Regeln der uns heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten untersucht wurden. Solange dies nicht geschieht, werden die Artefakte und die damit zusammenhängenden Thesen immer Spekulation und zweifelhaft bleiben.
Artefakte aus der Burrows Cave
Für meine Begriffe ist aus den vorab genannten Gründen ein gesundes Maß von Misstrauen angebracht, denn wenn man wirklich aus diesen Artefakten Rückschlüsse auf eine kulturelle Transfusion ableiten will, so spricht vor allem das gefundene Schriftenkauderwelsch dagegen. Ebenso das gebündelte Auftreten von angeblichen Zeugnissen, die allesamt mit den umstrittenen Seevölkerthesen zu tun haben. Alles zusammen erweckt - zumindest bei mir - den Eindruck, als wäre hier etwas passend gemacht worden, was nicht zusammenpassen will.
Ob es sich nun bei Burrows Cave, wie eingangs gefragt, um eine gigantische Fälschung oder um eine archäologische Sensation handelt, vermag ich aufgrund der spärlichen Untersuchungsmöglichkeiten nicht zu beurteilen. Für mich - was im übrigen auch auf den Großteil der Wissenschaft zutrifft - handelt es sich bei den Artefakten um Fälschungen, denn das Durcheinander der Alphabete lässt sich - für meine Begriffe - nicht plausibel erklären. Selbst die beachtenswerte und ganz sicher auch zutreffende Annahme, es hätte in der menschlichen Vorzeit ein prähistorisches Uralphabet gegeben, kann den Lapsus der dilettantischen Lautwertvermischung nicht erklären. Hier liegt vieles im argen, und zweifellos bedarf ebensoviel der dringenden Aufklärung. In diesem Sinne kann man nur den einzigen - und logischen - Rückschluss ziehen: Wenn man dieses Dilemma beheben möchte, dann müssen alle Artefakte für eine Untersuchung freigegeben werden. Geschieht dies nicht, dann wird uns die Frage über die Echtheit der Artefakte von Burrows Cave noch lange beschäftigen.
Anmerkungen
(1) Beispielsweise: Horst Friedrich: Jahrhundertentdeckung Burrows Cave, in: EFODON SYNESIS Nr. 3/1994; Kurt Schildmann: Zwei Weltsensationen, in: EFODON SYNESIS Nr. 23/1997; Horst Friedrich: Einer Neuen Wissenschaft den Weg bahnen, EFODON-Edition MESON ME-9, Hohenpeißenberg 1996
(2) Anm. d. Red.: Eine Aussage, aufgrund von nur vier Fundobjekten auf den gesamten Fundinhalt der Burrows Cave zu schließen, ist jedoch mit Vorbehalt zu sehen.
(3) Anm. d. Red.: Interessierte Leser mögen hierzu das Standardwerk zu Burrows Cave einsehen, das vom Autor bei der Abfassung dieses Beitrages noch nicht berücksichtigt werden konnte: Russell Burrows & Fred Rydholm, The Mystery Cave of Many Faces, Marquette/Michigan (USA), 1992.
(4) Anm. d. Red.: Tatsache ist jedoch (darüber gibt es neuerdings sogar eine Spezialarbeit), dass im 19./20. Jahrhundert in den USA zahlreiche ähnliche Funde, die den Establishment-Institutionen und -Museen übergeben waren, schlichtweg verschwunden sind.
(5) Anm. d. Red.: Das Problem der alten Buchstabenalphabete ist allerdings sehr kompliziert.
(6) Anm. d. Red.: Dies ist noch nicht gesichert. Die alten Alphabetenschriften, einschließlich der germanischen Runen, könnten auch mit recht großer Wahrscheinlichkeit von einer sehr alten iberischen Alphabetenschrift herstammen.
(7) T. Capelle, ,,Kultur und Kunstgeschichte der Wikinger, 1986, S. 144
(8) ebd.
(9) ebd.
(10) Anm. d. Red.: Zu diesem rein schulwissenschaftlichen Diktum gibt es auch sehr qualifizierte Gegenstimmen!
(11) Zitiert nach Bloch, ,,Die Etrusker, Seite 43, Quelle Herbert Alexander Stützer, ,,Die Etrusker und ihre Welt, Köln 1992, Seite 9.