Noch immer unerledigt:
Die
Welteislehre
© Horst
Friedrich, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 7/1995
In
mehr als einer Hinsicht erscheint es bedauerlich, dass die »Welteislehre«, die
einst so viel von sich reden machte, so gänzlich der Vergessenheit anheim
gefallen ist. Bedauerlich nicht nur vom wissenschaftsgeschichtlichen
Gesichtspunkt her. Bis zum heutigen Tage ist keine wissenschaftsgeschichtliche
Arbeit über den nach-cuvierschen (Neo-)Katastrophismus erschienen. Bedauerlich
ist dieses Vergessen vor allem wegen der gewissermaßen »geballten
Anregungskraft«, die der Welteislehre innewohnte.
Der
Verfasser vermutet (vielleicht weil es ihm selbst schon in jungen Jahren so
ging), dass das 1913 herausgebrachte Hörbiger-Fauthsche Monumentalwerk
»Glazial-Kosmogonie«1 einer verhältnismäßig großen Zahl von Menschen
zur bleibenden Anregung wurde, ihr Interesse den Naturwissenschaften (besonders
den Erde-Kosmos-Zusammenhängen) und der Vorgeschichte zuzuwenden. Was unsere
Schulwissenschaft mit ihren uninspirierend knochentrocken mathematischen
Abhandlungen leider so gar nicht vermag! Die mitteleuropäische Mentalität liebt
es nun einmal, wenn ihr die Weltzusammenhänge in Form lebendiger, »barocker«
Szenarien-Gemälde vermittelt werden.

Links:
Philipp Fauth (1867-1941), der bedeutendste Mondforscher der ersten
Hälfte des
20. Jahrhunderts. Rechts: Hanns Hörbiger (1860-1931), der Schöpfer der
Welteislehre.
Die
Schulwissenschaft hatte die Welteislehre von Anfang an als gänzlich abwegiges
Fantasieprodukt diffamiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg lieferte dann die
Hinneigung gewisser Kreise des »Dritten Reiches« zur Welteislehre2
einen willkommenen Anlass, jegliche Erinnerung an diese Erz-Häresie nach
Möglichkeit auszulöschen. Wollten wir aber alles, womit sich irgendwann einmal
auch geächtete Segmente des Menschengeschlechtes beschäftigten, ausgrenzen, so
bliebe wohl nichts mehr übrig.
Zwar
hat sich Hörbiger in einem Hauptpunkt seines zunächst intuitiv »empfangenen«
Szenarios3 - ebenso übrigens wie der große Mond- und Planetenbeobachter
Fauth - geirrt: der Mond und die inneren Planeten (Merkur, Venus, Mars) sind keine
»uferlosen Eisozeane«. Nun ja, dergleichen Irrtümer kommen auch bei der
Schulwissenschaft alltäglich vor! Ist deswegen die Welteislehre »erledigt«?
Mitnichten! Sie mag zwar sozusagen ihren Prozess in erster Instanz verloren
haben. Aber der Fall ist immer noch unerledigt, kann noch keinesfalls
»abgehakt« werden. Eine kompetent geführte Revisionsverhandlung wird
notwendigerweise das Pauschalurteil der ersten Instanz weitgehend verwerfen und
zu einem differenzierteren und gerechteren Urteil gelangen müssen. Viele Thesen
oder Teil-Aspekte des Hörbigerschen Szenarios haben sich nämlich als im Kern,
wenn auch nicht im Detail, als zutreffend, oft auch ihrer Zeit weit voraus,
erwiesen. Die wichtigeren seien nachstehend stichwortartig aufgezählt und
kommentiert.
Die
Welteislehre denkt interdisziplinär. Sie war in dieser Hinsicht ihrer Zeit weit voraus und
nahm damit die - genau genommen - einzig erlaubte wissenschaftliche Haltung
ein.
Die
Erde-Kosmos-Zusammenhänge. Noch
niemals zuvor, so weit wir geschichtlich zurückblicken können, war die
grundlegende Tatsache der Erde-Kosmos-Zusammenhänge derart ins abendländische Bewusstsein
gerückt worden. Typisch in dieser Richtung etwa die Abbildung aus dem
Hörbiger-Fauthschen Magnum opus (S. 123). Zu dieser Abbildung muss
kommentierend erläutert werden, dass die Autoren der Glazial-Kosmogonie
eine Doppelnatur des leuchtenden Bandes der Milchstraße postulierten. Nach
ihnen blicken wir dort zwar einerseits auf eine galaktische Sternansammlung,
der jedoch - uns viel näher gelegen - eine transneptunische Kometenwolke
vorgelagert sei.
Die
prähistorischen Kataklysmen. Der
Vater der Welteislehre war bekanntlich der Mittlere in der Reihe der drei
großen, nach-cuvierschen Katastrophisten: Donnelly, Hörbiger, Velikovsky.
Diesen drei Männern ist es primär zu verdanken, dass der Katastrophismus immer
wieder neu auflebte, der Lyellistischen Ideologie zum Trotz. Die Glazial-Kosmogonie
beleuchtet vielfältig die Unwahrscheinlichkeit der schulwissenschaftlichen
Szenarien zu Gebirgsbildung/Kohleflözentstehung/Sedimentierung/erratischen
Blöcken und konstatiert, dass Fossilisierung nur in einem katastrophischen
Szenario vorstellbar ist. Es entsteht die Frage: Hatte Velikovsky bei Hörbiger
»aufgetankt«? Velikovsky nannte wohl nicht alle seine Quellen. Noch weniger
kann man wohl bei ihm einen Hinweis erwarten, dass er bei der vom Hitler-Regime
favorisierten Welteislehre »aufgetankt« hätte.
Die
zirkumplanetare Kometenwolke.
Dieses, bereits oben angesprochene Hörbigersche Postulat eines
transneptunischen Kometen-Reservoirs feierte in neuerer Zeit, in etlichen
Varianten, fröhliche Auferstehung, freilich ohne Hinweis auf den wahren Vater
der Idee. Und in der Tat werden heute die Kometen, nicht unähnlich dem
Welteislehre-Szenario, als zu großen Teilen aus Eis (wenn auch nicht
notwendigerweise nur Wasser-Eis) bestehend angesehen.
Die
Sonnenfleckenkurvenberechnung.
Nach Hörbiger stürzen ständig aus jener Kometenwolke stammende Eisbrocken von
Berg- bis Planetoidengröße in die Sonne und erzeugen dabei die Sonnenflecken.
Auf dieser Basis rechnend gelangte Hörbiger, unter Berücksichtigung der
Bahnstörungen durch die Riesenplaneten Jupiter/Saturn, zu einer theoretischen
Sonnenfleckenkurve, die tatsächlich, in Amplitude und Periodizität, die
allergrößte Ähnlichkeit mit der empirisch beobachteten Sonnenfleckenkurve
aufwies. Es sieht also fast so aus, als ob im Grundsätzlichen »etwas dran« sein
müsse am Hörbigerschen Szenario.
Es
mögen diese markanten Teil-Aspekte des Hörbigerschen Szenarios genügen, die
große zu weiteren Forschungen anregende Potenz zu zeigen, die der Welteislehre
auch heute noch innewohnt. Als weitere Kurz-Stichworte sollen die Hörbigerschen
Zweifel an der Gültigkeit des Newtonschen Gravitationsgesetzes (Abnahme der
Gravitationskraft mit 1/r2) für transneptunische Entfernungen, sein
Eiszeiten-Szenario, seine Erklärung des Zodiakallichtes und seine Betrachtungen
zur Parallelität zwischen Meteoritenfällen und terrestrischen Wetter-Phänomenen
erwähnt sein.
Fassen
wir zusammen: Auf der einen Seite mag zwar beim Hörbigerschen Gedankengebäude
die Unhaltbarkeit gewisser Hauptpunkte schwer in die Waagschale fallen und in
gewissem Umfange die Abstempelung der Welteislehre als
barock-individualistische Irrlehre rechtfertigen. Auf der anderen Seite dürfte
aber dieses Minus mehr als aufgewogen werden durch das große Plus, dass die
Welteislehre - ungeachtet des Minus - in noch viel wichtigeren grundlegenden
Punkten ihrer Zeit weit voraus war, die Dinge im Prinzip richtig sah, und dass
sie insbesondere von potenziell enormer Fruchtbarkeit als
Anregung/Ausgangspunkt für weitere Forschungen war. Es wäre ein würdiger
Gegenstand für eine wissenschaftsgeschichtliche Dissertation, diesen Dingen
nachzugehen. Und unsere zeitgenössische Neo-Scholastik würde gut daran tun,
eingedenk ihrer eigenen Fragwürdigkeiten und Windigkeiten nonkonformistische
»Häresien« nicht immer gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, sondern
vielmehr zu prüfen, ob nicht auch Gutes und Wertvolles in ihnen zu finden ist.