Realzeit und Geschichtszeit
Wie ist es möglich, geschichtliche Zeiten einzufügen?

(c) Gernot L. Geise; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 3/1994

Wiederholt wurden wir darauf angesprochen, wie wir im EFODON e.V. darauf kämen, in unserer Zeitrechnung seien rund eintausend Jahre eingefügt worden, die nicht existieren würden, und die wir wieder herausrechnen müssten. Das sei ein Ding der Unmöglichkeit und man könne die Zeit nicht schrumpfen. Auch astronomischerseits sei es nicht möglich, denn der Lauf der Gestirne sei bis in die fernste Vergangenheit berechenbar, da könne man keine Zeit herausziehen.

Das ist richtig, doch wir haben es in unserer Realität mit zwei Zeitebenen zu tun: mit der realen, tatsächlich vergangenen Zeit, und mit der fiktiven Geschichtszeit. Beide Zeitebenen sind nicht miteinander kompatibel, obwohl sie uns so hingestellt werden. Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern:

Ich kann durchaus mathematisch genau, auch mithilfe der Astronomie, nachweisen, dass zwischen 1980 und 1990 exakt zehn Jahre vergangen sind. Das ist eine feststehende Tatsache (wir wollen bei dieser Betrachtung die subjektiven Zeiten außer acht lassen: die berühmte Sache, wie [subjektiv] langsam die Zeit vergeht, wenn man auf jemanden wartet, und wie [subjektiv] schnell die Zeit vergeht, wenn man etwas Schönes erlebt). Ich kann aber hergehen und für diese vergangenen zehn Jahre ein Geschichtsbild entwerfen, das hundert oder mehr Jahre lang ist, indem ich Regenten, Kriege und Vorkommnisse erfinde, die ich in einen fiktiven Zeitrahmen einpasse. Das sieht dann in der Praxis so aus, dass eine geschichtliche (reale) Tatsache, die 1980 stattfand, mit einer fiktiven Einfügung verknüpft wird. Diese Anwendung ist eine gängige Praxis in Science Fiction-Romanen. Beispiel: ich könnte ein Szenario aufbauen, dass die Bundesrepublik Anfang der 80er Jahre in einen Krieg verwickelt wurde, der sich über fünfzehn Jahre hinzog, und dessen Ende ich dann mit den geschichtlichen Tatsachen von 1981 verknüpfe. Für einen Betrachter in hundert Jahren, der heute nicht dabei war, erscheint dieses Szenario dann durchaus glaubhaft, wenn es geschickt verknüpft wird. Ändere ich jetzt noch die Jahreszahlen und lasse die (tatsächliche) Geschichte von 1981 mit der Jahreszahl 1995 weiterlaufen, dann sind hier fünfzehn Jahre eingefügt, die es nicht gab. Die Zeit ist gedehnt worden, und zukünftige Leute rechnen nach einem Kalender, der fünfzehn Jahre in die Zukunft datiert ist.

Gut, in unserer Zeit ist dies nicht mehr machbar, weil an jeder Wand Kalender hängen, Bücher und Zeitschriften mit Daten versehen sind usw. Hier würden sofort Diskrepanzen auftauchen. Um bei obigem Beispiel zu bleiben, würde die deutsche Wiedervereinigung (nach der realen Zeit) in die fiktive Kriegszeit fallen. Nach dem fiktiven Geschichtsbild jedoch müsste sie fünfzehn Jahre später stattfinden. Diese Diskrepanzen würden einem zukünftigen Historiker sofort auffallen. Exakt diese Diskrepanzen ziehen sich jedoch durch unsere gesamte überlieferte Geschichtsschreibung!

In früherer Zeit war es machbar, ein solches Geschichtsszenario zu erfinden, denn die gesamte Geschichtsschreibung und -gestaltung lag in den Händen einiger Weniger.

Die von unserer Geschichtsschreibung zuviel geführten etwa tausend Jahre müssten reellerweise von unserer Zeitebene - 1994 - abgezogen werden. In Wirklichkeit schreiben wir heute ungefähr das Jahr 994. Unter diesen Gesichtspunkten passen alle Diskrepanzen unseres Geschichtsbildes wieder nahtlos zusammen.

Ein Beispiel, das plastisch aufzeigen kann, wo der Denkfehler liegt, ist das "Turiner Grabtuch", an dem sich Generationen von Forschern (und Nichtforschern) die Köpfe blutig stritten. Es soll hier kein Nachweis darüber geführt werden, wer denn nun auf diesem Tuch abgebildet ist, oder warum nicht, sondern es geht jetzt nur um die technischen Details der zeitlichen Herkunft. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen wurde dieses Tuch in das Mittelalter (etwa um 1300) hineindatiert (1). So gesehen spricht man hier wegen der "zeitlichen Diskrepanz" von einer Fälschung. Das stimmt nicht, denn hierbei wird der Denkfehler offensichtlich. Das Tuch ist echt, doch die derzeitig von uns benutzte Zeitebene ist falsch. Wenn man davon ausgeht, dass das Christentum mitsamt der römisch-katholischen Kirche erst im 14. Jahrhundert (unserer Zeitrechnung) aufkam (2), und die vorhergehenden Zeiträume inklusive doppelt und dreifach geführter Fantasie-Herrscher erst im Rahmen einer übergreifenden Fälschungsaktion durch die Kirche erfunden und eingefügt worden sind (3), dann passt auch dieser Zeitrahmen. Wenn wir vom heutigen Jahr als ungefähr dem Jahr 994 ausgehen, stimmt das tatsächliche Alter des Tuches durchaus mit der Gründungszeit der römisch-katholischen Kirche, so wie wir diesen Zeitpunkt rekonstruiert haben, überein. Denn das Jahr 1300 entspricht dann dem Jahr 300.

Es muss ganz deutlich allgemein unterschieden werden zwischen der tatsächlich vergangenen Zeit und der gefälschten Geschichtszeit. Die tatsächliche Zeit ist die Realzeit, das wirkliche Alter beispielsweise eines Bauwerkes oder auch des "Turiner Grabtuches". Die Geschichtszeit hingegen ist die Zeit, in die unsere Historiker, nach unserem Geschichtsbild, nach Augenschein und Vergleich, beispielsweise ein Bauwerk hineindatieren.

Beim "Turiner Grabtuch" entspricht die Geschichtszeit ungefähr dem Jahr 33, während die Realzeit der Herstellung im 14. Jahrhundert liegt. Beide Zeiten müssen zwangsläufig unterschiedlich sein, weil die Geschichtszeit künstlich gestreckt worden ist.

Und der Einwand, Funde aus der "Römerzeit" seien mit unseren heutigen technischen Methoden datiert worden, zieht nicht. Es ist inzwischen klar belegt, dass unsere heutigen, "so ungemein genauen" Datierungsmethoden ungenauer als eine reine Raterei sind (4). Es erübrigt sich hier also, auf diesen Punkt gesondert einzugehen.

Die mittelalterlichen Burgen beispielsweise sind wirklich um die 1000 Jahre alt - nach Realzeit, von unserer heutigen Zeit aus zurückgerechnet. Die Kultur entstammt jedoch den Kelten. Es sind dieselben Leute und es ist dieselbe Kultur, die hier zweimal geführt wird: einmal als Kelten und etwa 1000 Jahre später - als Geschichtszeit - das zweite Mal als Ritter.

Durch eine kontinuierliche Weiterentwicklung wurden die Kelten/Germanen innerhalb von etwa zweihundert Jahren von nackt kämpfenden Barbaren zu metallklirrenden, burgbauenden Rittern. Sie hatten in ihrer ("Römer"-) Polizei ja ein gutes Vorbild. War anfangs in Form der "römischen" Legionen eine überregionale Ordnungsmacht nötig, wurde diese mit der Entwicklung des Rittertums mehr und mehr überflüssig. Die "römischen" Legionen wurden nach und nach aufgelöst, weil jeder Fürst seine eigene Armee aufstellte - die Bevölkerung hat sich damals nicht viel langsamer vermehrt als heute. Der ganze "Römer"-Spuk war irgendwann einmal vorbei. Nur einige wenige Glorifizierungen, Sagen, Märchen, Heldenlieder walzten das Geschehene bis in die Unmöglichkeit aus - zeitlich ebenso wie mengenmäßig. Die römisch-katholische Kirche mit ihrer widersprüchlichen, machtbezogenen, nachhaltigen Geschichtsfälschung tat ein Übriges dazu, die Zeiten unmäßig zu überdehnen, indem Zeiten, Herrscher und ganze Völker frei erfunden wurden (5). Schließlich gedieh das geschriebene Wort nur im Schoß der Kirche (6), sie hatte sozusagen das Monopol auf die Geschichtsschreibung.

Eine Zeitüberdehnung kann man ganz einfach konstruieren, wenn man ein- und dieselben Leute einmal als Cäsaren und tausend Jahre später als Kaiser von Papstes Gnaden noch einmal leben lässt, oder Kaiser, Fürsten, Päpste, Bischöfe usw. usw. einfach erfindet. Schließlich konnte es der Kirche nur recht sein, dass die Geschichte, "ihre" Geschichte, schon bei der Gründung möglichst weit zurück reichte. Auf einer schönen, langen, gefälschten Geschichte ließ sich, wie bekannt, eine entsprechende Macht aufbauen, wenn im "heidnischen" Land missioniert - sprich: die Macht übernommen - werden sollte. Dann ergibt es auch einen Sinn, wenn es heißt, dass der sagenhafte Karl der Große Germanien romanisiert haben soll (7).

Das war dann nicht etwa um 700-800 n.C., sondern (nach unserer Kalenderrechnung) etwa 700-800 Jahre früher! Kaiser Karl der Große wurde zwar als Person bereits von Dr. Heribert Illig ad absurdum geführt (8). Jedoch war er nach unseren Erkenntnissen, und hier macht es sich Illig m.E. zu einfach, nicht etwa eine Fiktivgestalt der Geschichte, sondern er passte nur nicht dahin, wohin er zeitlich geschoben wurde.

Man darf nicht vergessen, dass alle Urkunden und schriftlichen Überlieferungen aus den Zeiten vor dem Mittelalter (einschließlich der Annalen des Tacitus und der Berichte des Caesar!) gefälscht sind, d.h. nachträglich, etwa im späten Mittelalter, geschrieben oder nachdatiert worden sind. Bezeichnend ist dabei, dass Originalurkunden fast ausnahmslos fehlen, jedoch Abschriften vorhanden sind, die sich wiederum in wichtigen Passagen und Daten widersprechen. Dabei wurden teilweise Urkunden erstellt, in denen Lücken freigelassen wurden für Namen und Daten, die man - jedoch nicht deckungsgleich - nachträglich eingesetzt hat (9).

Wie wir bereits in EFODON NEWS 12/1992 festgestellt hatten, war auch Carolus Magnus ein ("römischer") Cäsar, der, wie andere Cäsaren auch, in Germanien lebte und residierte (10). Und dass er "romanisiert" haben soll, damit ist eine gewaltsame Landnahme mittels "römischer" Legionen fein umschrieben.

Geschichtsschreibung und -fälschung fand bei der "römischen" Kirche statt, um ihre Macht auszudehnen und ein künstlich gestrecktes Geschichtsbild zu errichten. Bekannt sind jede Menge Urkunden, die am Ende mit der Floskel enden: "Und das Jahr änderte sich in ...". (11)

Welche "Heiden" hätten sich auch von einem Missionar beeindrucken lassen, der ihnen erzählt hätte: "Wir haben eine neue Kirche gegründet und brauchen neue Mitglieder. Kommt, lasst euch taufen und schwört eurem alten Glauben ab, denn unser neuer ist der einzig seligmachende!"?

Vertreter einer solchen Kirche wären im günstigsten Fall ausgelacht und vertrieben, wahrscheinlicher jedoch wegen Gotteslästerung getötet worden. Nein, die Kirchengründer gingen da wesentlich subtiler vor. "Ungläubige" Heiden ließen sich viel überzeugender beeindrucken, wenn ein Kirchenvertreter vor sie hin trat, eine Pergamentrolle ausrollte, feierlich erklärte, er sei der Vertreter einer tausendjährigen Kirche und laut dem vorgezeigten Pergament habe ihr (der Heiden) König Sowieso vor zweihundert Jahren ebendieser Kirche dieses gesamte Land als Schenkung übereignet. Das Land, in dem diese "Ungläubigen" lebten, gehöre also kraft der Schenkungsurkunde der Kirche, also müssten auch seine Bewohner diesen Glauben annehmen.

Ein guter Bluff zur rechten Zeit hat noch nie seine Wirkung verfehlt! Und blieb dieser Bluff wirklich wirkungslos, dann wurde, es steht in den Geschichtsbüchern, gnadenlos mit dem Schwert christianisiert. Denn das Schwert ist letztendlich das Abbild des Kreuzes ("...in diesem Zeichen sollst du siegen...!", das die Kirche heute noch als "IHS" verwendet). Man sollte nicht vergessen, dass die meisten Päpste in ihrem Machtbereich in Personalunion gleichzeitig auch Cäsar, also oberste weltliche Macht, waren (12) und somit kriegerische Handlungen anordnen konnten (und es auch zur Genüge taten. Der heutige Papst trägt immer noch als einen seiner Titel "Cäsar")! Ebenso, wie Fürsten und Bischöfe oftmals ein- und dieselbe Person waren (aber in der Geschichte oft genug dann wieder als mehrere Personen geführt werden). Die weltlichen Führer waren auch schon vor der Christianisierung gleichzeitig die höchsten geistlichen Führer in Personalunion. So, wie es heute noch in islamischen Ländern die Regel ist.

In Ermangelung authentischer Überlieferungen, und da sich später anscheinend niemals jemand die Geschehnisse logisch vor Augen geführt hat, wurde dieses "zusammengeschusterte" und sich oft genug widersprechende Geschichtsbild kommentarlos und bedingungslos bis in die heutige Zeit hinein übernommen und tradiert. Die Historiker reagieren hier recht hilflos. In Ermangelung echter, unverfälschter Dokumente nehmen sie die Fälschungen als geschichtliche Tatsachen hin. Dieses falsche Weltbild wird in dieser Art leider heute noch in den Schulen und in den Geschichtsbüchern als Wahrheit verbreitet, obwohl sich viele der überlieferten Gegebenheiten widersprechen.

Es wäre zu prüfen, zu welchem Zeitpunkt das war, als man aus dem Konglomerat diverser Einzelberichte und Urkunden (ob gefälscht oder nicht) unsere heutige umstrittene, widersprüchliche Geschichte zusammengestellt hat. Vielleicht ist es dann möglich, zu rekonstruieren, wo genau überall Falschaussagen, Falschzeiten und Fantasiepersonen eingefügt wurden, um eine Bereinigung durchführen zu können und die tatsächliche Geschichte von ihrem "Müll" zu befreien.

Anmerkungen
(1) (o.A.) "Listiges Leinen", in: Der Spiegel, 41/1988.
(ap) "Das Turiner Grabtuch ist aus dem Mittelalter", Frankfurter Neue Presse, 04.07.88.
Polaczek, Dietmar: "Mit Computer und Verstand dem Wunder auf der Spur?", in: Neue Ärztliche Allgemeine, 16.05.88.
(o.A.) "»Leichentuch Christi« erst 500 Jahre alt", in: Abendpost/Nachtausgabe, 29.09.88.
(kna) "Neuer Streit um Turiner Grabtuch", in: Frankfurter Neue Presse, 10.01.90.
usw. usw.
(2) Darüber ist beim EFODON e.V. eine DOKUMENTATION in Vorbereitung.
(3) vgl. beispielsweise: Kammeier, a.a.O.
(4) Dazu etwa: Illig, Heribert: "Morsches Gebälk", in: Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 1/1989, Seite 21.
"Der Schuß nach hinten: C14 und das Turiner Grabtuch", in: VFG 1/1989, Seite 24.
"Dendrochronologische Zirkelschlüsse", in: VFG 3/1991, Seite 125; u.a.m.
(5) Hierzu etwa: Wattenbach/Dümmler/Huf, a.a.O., oder Kammeier, a.a.O.
(6) Pörtner, Seite 37.
(7) Teudt, Seite 34.
(8) Illig, a.a.O.
(9) Kammeier, a.a.O.
(10) Thomas Riemer & Gernot L. Geise: "Wer waren die Römer?", in: EFODON NEWS 12/1992, Seite 3ff.
(11) Kammeier, Seite 6.
(12) de Rosa, Seite 268; Kuypers, Seite 215.

Quellen
de Rosa, Peter: "Gottes erste Diener, die dunkle Seite des Papsttums", München 1989.
Illig, Heribert: "Karl der Fiktive, genannt Karl der Große", Gräfelfing 1992.
Kammeier, Wilhelm: "Die Fälschung der deutschen Geschichte", Band I, Viöl 1993.
Kuypers, Franz: "Rom - Zeiten/Schicksale/Menschen", Leipzig 1927.
Pörtner, Rudolf: "Die Erben Roms", Düsseldorf/Wien 1964.
Teudt, Wilhelm: "Im Kampf um Germanenehre", Bielefeld und Leipzig 1940.
Wattenbach/Dümmler/Huf: "Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, Frühzeit und Karolinger, Teil 1", Kettwig 1991.


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