Das
Rätsel des Sehvorgangs
Wer betrügt uns: die Augen oder das Gehirn?
© Gernot L. Geise;
veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 7/1995
»Ich
glaube nur, was ich sehe!«. Jeder kennt diesen Spruch, doch kaum jemand hat sich einmal
Gedanken darüber gemacht, was es denn ist, was man sieht. Sehen wir wirklich
die uns umgebende Realität so, wie sie tatsächlich ist? Mitnichten.
Hier
verhält es sich genauso wie mit den anderen von unserem Körper aufgenommenen
Sinneseindrücken: Gehör, Geruch, Gefühl usw. Sie stimmen mit der wirklichen
Realität nicht überein! »Schuld« daran ist unser »körpereigener
Betrüger«, unser Manipulator, das Wunderwerk Gehirn. Hier sollte nicht
unerwähnt bleiben, dass nach der indischen Tradition unser Sinnesorgan Auge,
der Vorgang der Sinneswahrnehmung und das Objekt der Sinneswahrnehmung alles
ein- und dasselbe sind! In diesem Beitrag soll jedoch zunächst der optische
Sinneseindruck beleuchtet werden. Ein weitergehendes Zusammenspiel zwischen den
einzelnen »Körper-Komponenten« soll späteren Beiträgen vorbehalten bleiben.

Das menschliche Auge arbeitet wie eine
Lochkamera mit Linse. Das Bild des Objektes wird verkleinert und seitenverkehrt
auf die Netzhaut projiziert. Die Linse kann stufenlos verändert und das Auge
somit auf verschiedene Entfernungen scharf eingestellt werden.
Es
ist schon verblüffend, was sich die Natur hier hat einfallen lassen. Unser
Gehirn sortiert die aufgenommenen Eindrücke und Informationen, filtert sie nach
den ihm vorliegenden »Schablonen« und gibt einen Bruchteil davon weiter.
Letztendlich
basiert diese Auslese der Sinneseindrücke, die uns das Gehirn an das
Wachbewusstsein und den Verstand übermittelt, auf einer Art Schutzfunktion,
damit wir unter der aufgenommenen Flut der Informationen nicht durchdrehen. Und
so »schaltet« unser Gehirn hier zwischen die Informationsflut und unserem
Wachbewusstsein verschiedene, höchst wirkungsvolle Filter, die nur das
durchlassen, bei dem unser Gehirn (hier: der von unserem Unbewussten gesteuerte
»Computer« namens Gehirn) entscheidet, dass dies für uns wichtig ist. Die
Funktionen des Gehirns sind bisher wissenschaftlich überhaupt noch nicht
einwandfrei bewiesen. Es gibt zwar eine Menge von Fachliteratur und Untersuchungen,
doch was genau was macht, darüber gibt es bisher nur Vermutungen.
Als
einigermaßen gesichert kann gelten, dass auch unser Unbewusstes ähnlich wie ein
Computer, also völlig wertfrei, arbeitet. Das ist offenbar auch der Grund,
wieso die Zusammenarbeit zwischen Unbewusstem und Gehirn so gut klappt. Dabei
benutzt das Unbewusste offensichtlich den Teil des Gehirns als »Arbeitsspeicher«,
die neunzig bis fünfundneunzig Prozent, von dem bisher nicht bekannt ist, für
was er überhaupt da ist, und für den es bisher nur recht hilflose
Erklärungsversuche gibt. Da die Natur jedoch niemals Unnützes erschafft, muss
dieser »brachliegende« Teil eine Funktion haben (Hier möchte ich nicht auf die
Grenzfälle eingehen, bei denen Personen durch Unfälle, Krankheit o.ä. Teile des
Gehirns verloren hatten und trotzdem »normal« weiterleben konnten, bzw. ganz
ohne Gehirn leben konnten - auch das ist belegt).
Unser
Unbewusstes wendet also mithilfe des Gehirns zur Informations-Selektierung eine
Art Soll-Schablonen an, die es im Laufe des Lebens angelegt hat. Es vergleicht
die aufgenommenen Informationen mit diesen Schablonen und wertet danach, wie
»wichtig« oder »unwichtig«, wie »richtig« oder »falsch« etwas ist. Passt die
aufgenommene Information nicht ganz mit der entsprechenden Schablone überein,
so korrigiert das Gehirn nicht etwa die Schablone, sondern die aufgenommene
Information, und passt sie der Schablone an. Ein Anlegen von neuen und
Bearbeiten von vorhandenen Informationsschablonen findet nur in jungen Jahren
statt, in der Entwicklungsphase. In den seltenen Fällen, bei denen das Gehirn
keine Informationsschablone angelegt hat, manipuliert es die aufgenommene
Information nach der Wahrscheinlichkeit (und da kann man im Zweifelsfall sein
»blaues« Wunder erleben!). Diese Vorgänge der Informations-Aufnahme,
-Auswertung und -Bearbeitung laufen praktisch verzögerungsfrei ab.
Wie
ich schon in dem Beitrag »Traum oder Realität« (SYNESIS 3/1994) darlegte,
berichtigt unser Gehirn das von unseren Augen aufgenommene Bild zunächst einmal
in der Form, dass die Unzulänglichkeit unserer Optik, sprich: der Augen,
korrigiert wird. Das von unseren Augen aufgenommene Originalbild hat fast keine
Ähnlichkeit mit dem endgültigen Bild, das unser Gehirn daraus macht, und das
wir dann glauben zu sehen. Gerade Linien werden durch unsere Augenoptik
verzerrt (ähnlich wie bei einem Weitwinkelobjektiv) und durch unser Gehirn
wieder »geradegebogen«, Sehunschärfen werden bis zu einem gewissen Grad
richtiggestellt, Sehfeldausfälle und Verzerrungen am Augenhintergrund werden
ausgeglichen, Farbveränderungen korrigiert das Gehirn.
Nun
hat jeder Mensch zwei Augen, um ein räumliches Sehen zu ermöglichen. Dieses
kommt jedoch wiederum nur zustande durch einen Kunstgriff unseres Gehirns,
indem es die beiden von den Augen gelieferten Einzelbilder übereinander blendet
und »rechnerisch« die Unterschiede zwischen diesen erkennt und bewertet. Diese
Funktion ist besonders bemerkenswert, da kaum ein Mensch »ideale« Augen hat,
die exakt deckungsgleiche Bilder liefern. Meist unterscheidet sich die Sehachse
des einen von der des anderen Auges beträchtlich, in der Höhe sowie seitlich.
Dieser
Fehler wird ebenfalls vom Gehirn korrigiert - sonst würden wir bei einem
vorhandenen Augenfehler ein Doppelbild sehen. Dass hier das Gehirn zwei
Einzelbilder übereinander blendet, hat jeder schon einmal bemerkt, der Alkohol
getrunken hat. Ab einem gewissen Alkoholspiegel versagt diese Funktion des
Gehirns und es kommt zu dem berüchtigten »Doppelsehen«. Übrigens kann dieses Phänomen
auch durch Übermüdung ausgelöst werden. Unfallstatistiker können ein Lied davon
singen...
Betrachte
ich nur allein die optischen Sinneseindrücke, die uns als Menschen zur
Verfügung stehen, so muss ich zwangsläufig nachdenklich werden: wie sieht die
uns umgebende »Realität« eigentlich wirklich aus? Unsere Augen sehen -
kaum etwas. Wir freuen uns über unser plastisches, dreidimensionales Bild,
wovon wir glauben, dass es uns unsere Augen liefern, und vergessen dabei, dass
es zwei zweidimensionale Bilder sind, die von unserem Gehirn manipulationsweise
zurechtgebogen werden, um ein Ganzes bilden zu können. Wir freuen uns, dass wir
ein schönes buntes Bild anschauen können und vergessen dabei, dass wir nur
einen verschwindend kleinen Ausschnitt des Farbenspektrums sehen können, der
dann auch noch von unserem Gehirn »geschönt«, also anerzogenen und
antrainierten Verhaltensmustern und Schablonen angepasst wird. Das von unseren
Augen aufgenommene Bild ist nach der »Überarbeitung« durch unser Gehirn kein
objektives mehr, sondern ein höchst subjektives, das von der objektiven
Realität oftmals erheblich abweicht.
Unsere
Augen sind einerseits ein Wunderwerk der Natur, die uns gestatten, wenigstens
einen Teil der Umgebung um uns herum wahrzunehmen. Andererseits sind sie recht
primitiv. So primitiv, dass sie nur einen winzig kleinen Teil des
elektromagnetischen Spektrums, die Wellenlängen von 4 - 7 Zehntausendstel
Millimeter, aufnehmen können. Und unser Gehirn, das wahre Wunderwerk in uns,
macht aus diesen von den Augen gelieferten Informationen, die eigentlich fast
keine mehr sind, durch Aufbereitung, Angleichung und Vergleichung mit durch
Erfahrungen gespeicherten Informationen das, was wir dann bewusst als fertiges
Bild wahrnehmen.
Was
wir beim Sehen übersehen
Wenn
morgens die Sonne aufgeht, ergießt sich eine Flut von elektromagnetischen
Wellen über die Erde. Erst unsere Augen registrieren dies als Licht, und erst
unser Gehirn übersetzt diesen Sinneseindruck als »Helligkeit«. Der weitaus
größte Teil der Sonnenstrahlung bleibt für uns jedoch unsichtbar. Man kann dies
vergleichen mit einem Rundfunkempfänger, der nur auf einen einzigen Sender fest
eingestellt ist und die anderen tausende Sender nicht empfangen kann.
Die
kürzesten Wellen des von den Augen aufgenommenen Spektrums sehen wir als
violettes, die längsten Wellen als rotes Licht. Dazwischen liegen die übrigen
Spektralfarben. Für alle anderen elektromagnetischen Wellen, die genauso um uns
herum vorhanden sind wie das für uns sichtbare Licht, sind wir blind. So sind
beispielsweise Wärmestrahlungen nichts anderes als langwelliges Licht, noch
langwelliger als Rot (Infrarot) und damit für uns unsichtbar. Wird die
Strahlung noch langwelliger, dann spüren wir sie auch nicht mehr als Wärme.
Genauso
geht es uns im Bereich kurzer und kürzester Wellenlängen: UV-, Röntgen- oder
Gammastrahlen lassen sich nur durch technische Geräte nachweisen. Auch für
Radio- und Fernsehwellen (Mikrowellen!) haben wir nach herkömmlichem Wissen
kein Sinnesorgan. Dass diese Wellen jedoch durchaus ihre Auswirkungen auf
unseren grob- und feinstofflichen Körper haben (auf die Zellen genauso wie auf
den Energiekörper, die Aura), ist unbestritten.

Das Grubenauge der Napfschnecke. Die Lichtzellen
sind am Boden der Grube angeordnet, so dass je nach Lichteinfall (Pfeil) ein
Teil im Schatten liegt.
Betrachtet
man den verschwindend kleinen für uns sichtbaren Bereich im gesamten
elektromagnetischen Spektrum, dann stellt sich die Frage, warum die Natur
dieses riesige Angebot so wenig ausnutzt. Warum gibt es keine Geschöpfe mit
Radio- oder Röntgenaugen? Es gibt allerdings einige geringe Grenzerweiterungen:
Bienenaugen sind beispielsweise
empfindlich für ultraviolettes Licht, das für uns schon außerhalb der Sichtbarkeitsgrenze
liegt. Auf diese Weise können Bienen die Sonne noch ausmachen, wenn sie schon
hinter Wolken verschwunden ist - ein ideales Navigationsmittel. Für die
UV-Sichtigkeit zahlen die Bienen freilich ihren Preis: was sie im UV-Bereich
hinzugewinnen, das geht ihnen am anderen Ende des Spektrums wieder verloren.
Bienen können weder Rot noch Grün sehen.
Infrarotaugen
kommen in der Natur allenfalls als Zusatzaugen vor, beispielsweise bei der
Klapperschlange, die damit nachts ihre Beutetiere aufspürt.
Andere
Wellenlängen eignen sich allerdings kaum als Lichtersatz. So werden Radiowellen
beispielsweise nur von Metall reflektiert, es ließen sich damit nur metallische
Gegenstände beleuchten. Das ist jedoch kaum der Grund dafür, dass sich die
Natur auf unser sichtbares Licht festgelegt hat. Der Hauptgrund dürfte darin
liegen, dass dieser winzige Bereich der elektromagnetischen Strahlung der einzige
ist, der die Atmosphäre ungehindert durchdringen kann. Für diesen schmalen
Wellenbereich haben die Lebewesen im Laufe der Jahrmillionen immer
raffiniertere Empfangsanlagen entwickelt, um immer verlässlichere Informationen
über ihre Umwelt zu erhalten.
Man
hat diese Entwicklung inzwischen recht gut rekonstruieren können. Allerdings
ist hier auch wieder die Einschränkung nötig, dass es sich bei diesen
Erklärungen nur um eine mögliche Sichtweite der beobachteten
Fakten handelt: die ersten »Sehwerkzeuge«, die die Natur bei Tieren
entwickelte, waren lichtempfindliche Zellen, wie sie auch heute noch für manche
Tiere völlig ausreichen. Ein Regenwurm hat beispielsweise keine Augen, besitzt
jedoch auf dem gesamten Körper, vor allem aber am Kopf, zahlreiche Lichtzellen.
Diese können nur die Lichtstärke, nicht jedoch die Richtung oder die Bewegung
eines Lichtes registrieren.
Die
Empfindlichkeit konnte durch eine Zusammenlagerung mehrerer Lichtzellen
gesteigert werden. Es kam zur Bildung von lichtempfindlichen Flecken an der
Körperoberfläche, die jedoch noch nicht in der Lage waren, außer der Helligkeit
eine Richtung oder gar Formen zu registrieren.
Diese
Sehflecken hat die Natur im Laufe der Zeit zum besseren Schutz gegen
Verletzungen in die Tiefe verlegt und in kleinen Gruben untergebracht. Das
erbrachte einen wesentlichen Vorteil: der Schatten des Grubenrandes ermöglichte
ein erstes primitives Richtungs- und Bewegungssehen. Eine bewegte Lichtquelle
lässt den Schatten quer über den Sehfleck wandern. Mit diesen primitiven
Sehgruben sind heute noch die Napfschnecken ausgestattet.
Die
nächste Weiterentwicklung der Natur war das Lochauge, heute noch vorhanden beim
Nautilus, einem tintenfischähnlichen Meeresbewohner. Die Grubenöffnung seiner
Sehgruben sind bis auf ein kleines Loch zugewachsen. Durch diese winzige
Öffnung des Lochauges wird ein schwaches, umgekehrtes Bild auf den
Augenhintergrund geworfen. Mit dem Lochauge schien die Natur nun am Ende zu
sein, denn ein kleines Loch erzeugt zwar ein scharfes, jedoch lichtschwaches
Bild. Bei einem größeren Loch werden die Bilder zwar heller, jedoch dafür
unscharf (das ist der Blenden-Effekt, den jeder Fotograf kennt: je weiter eine
Blende geschlossen wird, umso größer ist die Tiefenschärfe, und umgekehrt).
Als
Weiterentwicklung erfand die Natur offenbar den genialen Trick mit der Linse:
ein Lochauge, versehen mit einer Linse, erbringt helle und zugleich scharfe
Bilder auf der Netzhaut. Wo nahm die Natur jedoch die Linsen her? Sicher ist,
dass sie nicht auf einmal da waren, sondern dass sie in vielen kleinen
Entwicklungsstadien entstanden sind.
Anfangs
war es wohl nur eine durchsichtige Haut, die das Augeninnere vor
Verunreinigungen schützen sollte. Als diese Haut, möglicherweise durch eine
Zufallsmutation, im Zentrum dicker wurde, bekam sie plötzlich eine schwache,
unvollkommene Linsenwirkung. Das war dann der Ausgangspunkt für die Entwicklung
zum Linsenauge, mit dem wir selbst ausgerüstet sind und dessen
Leistungsfähigkeit wir ja kennen.
Wobei
wir nach diesem kurzen Ausflug wieder bei unseren Augen angelangt sind.
·
Das
menschliche Auge arbeitet wie eine Lochkamera mit einer Linse.
·
Das
Bild des Objektes wird verkleinert und umgekehrt auf die Netzhaut geworfen.
·
Die
Linse kann stufenlos verändert und das Auge somit auf verschiedene Entfernungen
scharf eingestellt werden.
Um
sich die Funktion des Wunderwerks Auge »vor Augen« halten zu können, möchte ich
hier etwas in die Details gehen:
Was ist ein
Auge, wie sieht es aus und wie funktioniert es?
Das
Auge besteht aus den lichtbrechenden Teilen und dem lichtempfindlichen Teil. Zu
den lichtbrechenden Teilen gehören die (durchsichtige) Hornhaut (1, vgl.
Zeichnung), die vordere Augenkammer (2) mit dem Augen- oder Kammerwasser, die
Kristalllinse (3), deren Hinterseite stärker gekrümmt ist als die Vorderseite,
und der Glaskörper (4), der von einer glasklaren, gallertartigen Masse gefüllt
ist.

Der
lichtempfindliche Teil des Auges ist die Netzhaut (5). Sie wird von den
feinsten Verzweigungen des Sehnervs (6) gebildet, der die Lichteindrücke dem
Gehirn übermittelt. Der Sehnerv verzweigt in lichtempfindliche Körperchen, die
Sehstäbchen und die Sehzäpfchen. Die Stäbchen haben eine hohe Lichtempfindlichkeit
und ermöglichen dadurch das Sehen bei Dämmerung und in der Nacht. Sie besitzen
jedoch keine Farbempfindlichkeit. Das Farbensehen wird durch die Zäpfchen
ermöglicht, deren allgemeine Lichtempfindlichkeit jedoch viel geringer ist.
Das
Auge hat pro Quadratmillimeter etwa 160.000 Zäpfchen. Im Bereich des Blinden
Fleckes (15) sind es hingegen nur 8-13.000 Zäpfchen. Dabei liegt die Gesamtzahl
der Zapfen, die für das Farbsehen benötigt werden, bei etwa 7 Millionen. Das
ist relativ wenig im Vergleich zu den Sehstäbchen, deren Anzahl bei etwa 130
Millionen liegt.
Dort,
wo der Sehnerv (6) in das Auge hineinführt, ist die Netzhaut unempfindlich.
Diese Stelle wird deshalb auch mit Blinder Fleck bezeichnet (15). Der hier
auftreffende Teil eines Bildes wird nicht umgesetzt. Das realistisch
aufgenommene Bild hat hier ein 'Loch'. Hier greift unser Gehirn ein und simuliert
den fehlenden Teil des Bildes, ergänzt das Bild also nach eigenen
Vorstellungen. Dabei versucht das Gehirn jedoch immer, möglichst
wirklichkeitsnah zu bleiben. Das funktioniert so gut, dass uns dieser
Bildfehler nicht auffällt.
Die
Stelle des deutlichen Sehens ist der sogenannte Gelbe Fleck (7)
(Sehnervenpapille). Es handelt sich um eine Vertiefung in der Netzhaut in
Richtung der zum betrachteten Gegenstand verlängerten Augenachse. Der Gelbe
Fleck hat einen Durchmesser von etwa 1 - 3 Millimeter. Auf diesen Fleck ist die
Optik des Auges fokussiert.
Die
Iris (8) (Regenbogenhaut) wirkt wie die Blende einer Kamera. Das Auge hat somit
die Fähigkeit, sich verschiedenen Helligkeiten anzupassen (=Adaption). Das
erfolgt durch eine Vergrößerung oder Verkleinerung des Pupillendurchmessers und
durch den Übergang vom Zäpfchen- zum Stäbchensehen. Durch diesen »Mechanismus«
kann das Auge Beleuchtungsstärken von 0,001 bis 100.000 Lux meistern (Zum Vergleich:
gute Videokameras schaffen als dunkelste Stufe 2 bis 3 Lux). Die Umstellung
erfolgt jedoch nicht plötzlich. Ein auf »hell« eingestelltes Auge kann bis zu
einer halben Stunde benötigen, um sich völlig an schwache Beleuchtung
anzupassen. Jeder kennt die Situationen, dass bei plötzlichem Lichteinfall das
Auge geblendet wird, während man bei plötzlicher Abnahme der Beleuchtungsstärke
zunächst nichts mehr erkennen kann.

Räumliches Sehen durch
Übereinanderblenden zweier unterschiedlicher Bilder im Gehirn.
Die
Hornhaut (1), das Augenwasser und die Kristalllinse (3) wirken zusammen als
Objektiv. Die Brechung der Lichtstrahlen erfolgt hauptsächlich durch die
Hornhaut und durch die Linse. Durch den Glaskörper (4) gehen die Lichtstrahlen
glatt hindurch auf den Gelben Fleck (7) der Netzhaut, der in etwa verglichen werden
kann mit dem eingelegten Film in einem Fotoapparat. Und so arbeitet das Auge
auch genauso wie eine Kamera nach dem Linsengesetz: Wenn ein Gegenstand
außerhalb der doppelten Brennweite steht, entsteht auf der anderen Linsenseite
innerhalb der doppelten Brennweite ein umgekehrtes, verkleinertes, wirkliches
Bild.
Die
Augenlinse (3) ändert ihre Brennweite selbsttätig, vergleichbar mit dem
Autofokus unserer Kameras. Sie ist von einem Ringmuskel umgeben, der in
entspanntem Zustand die Linse flach hält ( = große Brennweite). Sie erzeugt
dann von sehr weit entfernten Gegenständen scharfe Bilder auf der Netzhaut. Man
könnte sagen: das Auge ist dann auf 'unendlich' eingestellt. Zieht sich der
Ringmuskel zusammen, dann verdickt sich die Linse ( = kurze Brennweite). Diese
Fähigkeit nennt man Akkommodation (Anpassung der Brechkraft des Auges an
die Sehentfernung). Die deutliche Sehweite des Auges liegt zwischen unendlich
und 25 cm.

Größenbeurteilung
durch Vergleich.
Beide
Augäpfel und damit die beiden Sehachsen werden durch Muskeln so gelenkt, dass
sie immer parallel laufen. Diese Synchron-Lenkung erfolgt unbewusst vom Gehirn
aus. Sind die Sehachsen nicht parallel gerichtet, so spricht man hier vom
Schielen. Bei einem kurzsichtigen Auge ist die Sehachse von Geburt an
übernormal lang, das Auge hat, übertrieben gesehen, eine Eiform. Wegen dieses
Fehlers fallen die scharfen Bilder in den Glaskörper vor die Netzhaut, während
sie auf der Netzhaut verschwommen erscheinen. Umgekehrt verhält es sich bei
einem weitsichtigen Auge, das formmäßig gedrückt erscheint. Seine Sehachse ist
von Geburt an zu kurz geraten, so dass der Brennpunkt des gesehenen Bildes
hinter der Netzhaut liegt.
Mit
zunehmendem Alter nimmt die Elastizität der Augenlinse ab, so dass sie sich
nicht mehr genügend wölben kann. Dieses Nachlassen der Elastizität nennt man
Alterssichtigkeit.
Die
Größe eines gesehenen Gegenstandes errechnet das Gehirn nach dem Sehwinkel. Je
kleiner dieser ist, umso kleiner erscheint uns der gesehene Gegenstand.
Das
plastische (körperliche) Sehen ist eine Auswirkung des beidäugigen Sehens. Das
linke Auge sieht von einem betrachteten Gegenstand mehr von der linken, das
rechte Auge mehr von der rechten Seite. Das Gehirn blendet die beiden Bilder
übereinander und simuliert auf diese Weise ein plastisches Bild. Eine weitere
Möglichkeit der Bildmanipulation, die das Gehirn einsetzt, besteht darin, beim
Ausfall eines Auges das von ihm (nicht mehr) aufgenommene Bild zu simulieren.
Jeder kann diesen Effekt selbst ausprobieren: auch beim Sehen mit nur einem
Auge erscheint uns das gesehene Bild plastisch, obwohl es dies gar nicht sein
kann. Hier täuscht uns unser Gehirn mit einer verblüffend echten
Simulation. Das Gehirn greift hierbei auf gespeicherte Informationen zurück,
wie ein Gegenstand auszusehen hat. Ein Umsetzungsfehler entsteht nur in dem
Fall, wenn das Gehirn (mit den Sehinformationen von nur einem Auge) etwas
plastisch darstellen soll, was man noch nie gesehen hat. Hierbei geht das
plastische Sehen in das 'normale' zweidimensionale Sehen über.

Oben: Kurzsichtiges
Auge. Der Brennpunkt (F) des scharfen Bildes liegt vor der Netzhaut im
Glaskörper.
Unten: Weitsichtiges
Auge. Der Brennpunkt (F) liegt hinter der Netzhaut. Beide Bilder erscheinen
unscharf.
Wie
setzt das Auge die Farben um?
Farbe
ist eine rein optische Erscheinung, ein durch das Auge dem Gehirn vermittelter
Sinneseindruck. Alle Gegenstände der Natur sind an sich farblos.
Sie erhalten ihr farbiges Aussehen erst durch das auftreffende und reflektierte
Licht. Das heißt mit anderen Worten: Licht ist Farbe. Farbe ist die Schwingungsrate bzw. die Vibrationsfrequenz des Lichtes.
Daraus ergibt sich: ohne Licht keine Farbe. Im Dunkeln ist jeder Gegenstand
völlig farblos. Wie kommt denn dann die Farbe zu den jeweiligen Gegenständen?
Das
scheinbar weiße Sonnenlicht besteht in Wirklichkeit, wie bekannt ist, aus den
sieben verschiedenen Spektralfarben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Dunkelblau
und Violett. Hierbei ist die Siebener-Einteilung der Spektralfarben natürlich
willkürlich gewählt. Sie entspricht dem kabbalistischen Denken der Gründerväter
unserer Schulwissenschaft und könnte durchaus auch anders gewählt werden. Alle
Spektralfarben des Lichtes auf einen Punkt übereinanderprojiziert, ergeben sie
zusammen wieder Weiß (im Gegensatz dazu: wenn man diese Farben z.B. als
Druckfarben mischt, ergeben sie Schwarz). Ein Gegenstand, auch jede Körperfarbe
(Pigment), erscheint uns immer in der Farbe, die er reflektiert. Beispielsweise
reflektiert Weiß alle Lichtstrahlen, und Schwarz absorbiert alle
auftreffenden Lichtstrahlen. Eine Farbe erscheint immer in einer farbigen
Umgebung. Beispielsweise wird in Fotolabors (wegen des zu bearbeitenden
Filmmaterials) das normale weiße Licht durch rotes oder gelbes ersetzt.
Befindet man sich jetzt längere Zeit in einem solchen Farbraum, so erscheint
die Beleuchtung nicht mehr rot oder gelb, sondern »normalisiert« sich. Hier hat
das Gehirn korrigierend eingegriffen und filtert die (lt. »Schablone« falsche)
Farbe heraus.

Beispiel: Rotreflexion. Das Licht trifft mit
allen darin enthaltenen Farben des Spektrums auf einen Gegenstand. Dieser
reflektiert jedoch nur den roten Lichtanteil und absorbiert die anderen
Farbanteile. Der Gegenstand erscheint uns rot.
Farben
werden meist nicht so erlebt, wie sie die physikalische Wirklichkeit sind. Die
wahrzunehmenden Farbtonwerte entsprechen deshalb sehr oft nicht den objektiv
gegebenen Verhältnissen. Die Ursachen dieser Scheinwirkung liegen
1)
in der biologischen Beschaffenheit des menschlichen Auges (Abweichungen von der
»Idealform«), und
2)
in der gegenseitigen Beeinflussung der Farben durch Simultan-, Nachbild- und
Kontrasterscheinungen.
Nur
durch Vergleiche und Kontraste kann unser Gehirn zu eindeutigen Wahrnehmungen
kommen. Helligkeit wird nur dann empfunden, wenn Dunkelheit entgegensteht.
Größe nur dann, wenn sie mit etwas Kleinem verglichen werden kann. Eine Farbe
leuchtet umso intensiver, je gegensätzlicher ihre Umgebung ist. Sie verliert an
Tonwert, wenn verwandte Farben mitleuchten.

Der Farbenraum. Dreidimensionale Darstellung des
sogenannten Farbenraumes (nach Oswald und Hickethier), wobei die Koordinaten x
und y für Farbtöne und X und Y für Dunkelstufen stehen.
Mit dieser Grafik kann eine Farbe bildlich
dargestellt werden nach Farbton, Weiß- und Schwarzanteil.
Von einem gedachten Schwarzpunkt (X) breiten
sich die drei LICHT-Grundfarben Blau, Grün und Rot mit zunehmender Intensität
nach drei Richtungen gradlinig aus. Was bei dieser Vorstellung entsteht, nennt
man ein dreidimensionales Koordinatensystem.
Hier ist jeder Farbort durch die Koordinaten x
und y festgelegt.
Die
verschiedenen, vom menschlichen Auge wahrnehmbaren und den Sinneseindruck
verfälschenden Kontrastarten sind:
Der
Simultankontrast: Zu einem gegebenen Farbton erzeugt unser
Auge immer gleichzeitig, also simultan, dessen Gegenfarbe, wenn diese objektiv
fehlt. Das heißt: die simultan erzeugte Gegenfarbe entsteht als Farbempfindung
erst im Auge des Betrachters.
Der
Sukzessivkontrast: Jeder Reiz prägt sich eine Zeitlang ein und schlägt dann
bei Ermüdungserscheinungen des Auges ins Gegenteil um. Bei diesen Nachbildern
tritt ein Wechsel der Farben in die Gegenfarbe ein.
Der
Warm-Kalt-Kontrast: Die Farbtöne der rechten Seite des sogenannten Farbkreises
(von Gelbgrün bis Rot) werden als warm empfunden. Die der linken Seite (von
Violett bis Grün) werden als kalt empfunden. An den Übergängen neigen die
Farbtöne zu beiden Möglichkeiten. Der stärkste Warm-Kalt-Kontrast tritt in
Erscheinung, wenn eine warme Farbe in kleiner Menge zwischen breit ausgedehnten
kalten Farben auftritt oder umgekehrt, und wenn dabei große
Hell-Dunkel-Unterschiede vermieden werden.
Der
Intensitätskontrast: Der Unterschied zwischen reinen und trüben Farben.
Farbtonreine, hochgesättigte Farben lassen sich leicht von weniger reinen, die
aufgehellt, verdunkelt oder getrübt sind, unterscheiden. Wie bei allen
Kontrasten ist auch beim Intensitätskontrast die Wirkung relativ. Derselbe Farbton
kann neben trüben Farbtönen leuchtend, neben leuchtenden Farbtönen jedoch trüb
wirken.
Der
Bunt-Unbunt-Kontrast: Das gemeinsame Merkmal von Schwarz, Grau und Weiß ist deren
unbuntes Aussehen. Wird zu den unbunten Farben eine oder auch mehrere bunte
Farben hinzugenommen, dann wird dieser Kontrast wirksam.
Der
Hell-Dunkel-Kontrast: Wo die Helligkeit in geringer Menge von großer Dunkelheit
umgeben ist, kommt dieser Kontrast zur vollen Wirkung. Sie leuchtet dann wie
Licht aus der Finsternis. Der Hell-Dunkel-Kontrast spielt sich ab zwischen Weiß
und Schwarz, zwischen dunklen und hellen Buntfarben. Helle Farben dehnen sich
scheinbar über die Maße ihrer Grenzen hinaus aus. Sie erscheinen größer als
gleichgroße dunkle Flächen.
Der
Qualitätskontrast: Als Qualitätskontrast wird das Größenverhältnis von zwei
oder mehreren Farbflächen bezeichnet. Hier kommt der Gegensatz »groß : klein«
oder »viel : wenig« zur Wirkung. Je nach der Formnachbarschaft, die aus
größeren oder kleineren Formen, aus engen oder weiten Abständen usw. bestehen
kann, wird ein- und dieselbe Form oder Farbfläche immer verschieden wirken.
Alle
diese Kontraste entstehen durch ein Zusammenwirken einerseits des biologischen
optischen »Aufnahmegerätes« Auge und andererseits mit dem
»Auswertungs-Computer« Gehirn. Die bei aller Genialität vorhandene
Unzulänglichkeit des Auges mit seinen Beeinflussungsmöglichkeiten und
Ermüdungserscheinungen wird ausgeglichen und, wo es nötig ist, durch das Gehirn
korrigiert. Im Regelfall sehen wir von den verschiedenen Kontrasten kaum etwas
bewusst, so geschickt weiß das Gehirn mit ihnen umzugehen. Nur bei einer
gewissen Ermüdung, entweder des »Peripheriegerätes« Auge oder dem »Computer«
Gehirn, treten diese Kontraste so stark hervor, dass sie bewusst bemerkbar
werden.
Wie
würden wir leben, wenn wir das gesamte Spektrum der elektromagnetischen Wellen
sehen könnten? Würden wir anders leben oder handeln, wenn wir die »wahre
Realität« um uns herum so sehen würden, wie sie wirklich ist?
Ich
glaube, dass wir auch weiterhin mit dem zufrieden sein müssen, was uns unsere
Augen bieten - bzw. mit dem, was uns unser Gehirn aus diesen Informationen
aufbereitet hat und dann an unser Bewusstsein weitermeldet. Wir sollten uns nur
dessen bewusst sein, dass das Bild, das wir vor Augen sehen, ein rein
subjektives ist. Dieses Bild besitzt einzig und allein für den jeweiligen
Betrachter Gültigkeit, und für sonst niemanden, denn es ist ein subjektiv vom
Gehirn dieses Betrachters »aufbereiteter« Eindruck. Dieser Eindruck kann und
darf dementsprechend auch nicht verallgemeinert werden. Jeder weitere
Betrachter sieht dasselbe Bild »mit anderen Augen«, im wahrsten Sinne des
Wortes. Das ist naturbedingt, wir sollten und müssen es respektieren.
Die
Thematik der manipulierten Sinneseindrücke kann natürlich mit einem einzigen
Beitrag nicht erschöpfend beleuchtet werden. Zu viel spielt hier hinein. Es ist
ja nicht nur der Sinneseindruck des Sehvorganges, sondern die anderen
Sinneseindrücke unseres Körpers kommen noch hinzu, vom Gehör über den Geschmack
bis zu den Gefühlen. Alle diese Informationen manipuliert das Gehirn auf
ähnliche Weise und baut für uns ein Weltbild auf, das höchst subjektiv und
keinesfalls real ist.
Genauso
wie das Paranormale: es gibt Leute, die in der Lage sind, mit den Händen
optische Eindrücke aufnehmen zu können. Ein derart übermittelter Sinneseindruck
besitzt natürlich nicht die Bildschärfe eines durch das Auge aufgenommenen
Bildes, jedoch sind solche Personen durchaus in der Lage, einen
Hell-Dunkel-Kontrast zu »sehen«. Warum dies bei einigen Leuten möglich ist und bei anderen nicht, und wie es
funktioniert, kann bisher niemand erklären.
Quellen
Gernot L.
Geise: "Vom Auge zum IBK-System", Referat 1973
Gernot L.
Geise: "Traum oder Realität?", in: EFODON-SYNESIS Nr.
3/1994
Weiterführende
Literatur
Gernot L. Geise:
"Unsere Existenz: Nur ein Traum?", Peiting 2002
Zeichnungen: (c) Gernot L.
Geise