Ging die
Sonne im Westen auf?
Hat
Herodot etwas Falsches berichtet?
© Armin Naudiet, veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr.
7/1995
Im
zweiten Buch seiner 'Historien', Abschnitt 142, spricht Herodot1
über das 'ehrwürdige' Alter der ägyptischen Geschichte. Über diese
'Berechnungen', die er von ägyptischen Priestern übernahm, soll hier nicht
gesprochen werden. Viel mysteriöser sind einige Sätze, die den Altersangaben
folgen:
»Während dieser Zeit sei die Sonne viermal an ihrem
gewohnten Orte aufgegangen. Wo sie jetzt untergeht, dort sei sie zweimal
aufgegangen, und wo sie jetzt aufgeht, sei sie zweimal untergegangen. In
Ägypten hätte sich dadurch nichts verändert, weder in Bezug auf die
Pflanzenwelt noch in Bezug auf die Tätigkeit des Flusses, weder in Bezug auf die
Krankheiten noch in Bezug auf den Tod der Menschen.«
Soweit
das Zitat. Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen.
Über
diese Sätze haben ungezählte Menschen, Laien wie auch Gelehrte, nachgedacht und
zumeist den Kopf geschüttelt. Denn schließlich weiß man doch, dass die Sonne
stets im Osten aufgeht, und dass ihr Untergang immer im Westen
erfolgt. Dass das so ist, liegt daran, dass sowohl der Lauf der Erde um die
Sonne als auch die Drehung unserer Erde um ihre Rotationsachse gleichsinnig
linksläufig2 sind.
Die
Wissenschaft nimmt einhellig an, dass sich diese Bewegungen seit
Menschengedenken nicht verändert haben. Betrachtet man die Größen- und
Kräfteverhältnisse zwischen der Sonne und allen Planeten, so kann kein Zweifel
daran bestehen, diese wissenschaftliche Annahme für zutreffend zu halten.
Mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben sich Erdumlaufbahnrichtung und
die Richtung der Erdrotation, zumindest seit es Menschen auf diesem Planeten
gibt, nicht verändert.
Allem
Anschein nach muss also Herodot irgendeine Bemerkung der ägyptischen Priester
völlig missverstanden haben. Doch ganz so eindeutig ist das nicht. Ehe wir der
Frage nachgehen, was die ägyptischen Priester gemeint haben können, müssen die
Einzelheiten des Zitats etwas 'zurechtgerückt' werden.
Zunächst
ist ganz klar, dass im ersten Satz ein einziges, aber sehr wichtiges Wort bei
den Übersetzungen von Herodots Text vergessen oder ausgelassen wurde: das Wort
»nicht«.
Hier
mein Text:
»Während dieser Zeit sei die Sonne viermal nicht
an ihrem gewohnten Orte aufgegangen.«
Nur
in dieser Form hat die nachfolgende Beschreibung überhaupt einen Sinn! Denn
normalerweise muss die Sonne in der langen Geschichte Ägyptens - die nicht
unbedingt der 'berechneten' Dauer entsprochen haben muss - vieltausend Mal
an ihrem gewohnten Orte, also im Osten, aufgegangen sein. Der erste Satz
leitete zum zweiten über, und das kann er nur in der korrigierten Form!
Die
ägyptischen Priester erzählten also, dass im Verlauf ihrer Geschichte die Sonne
viermal nicht am gewohnten Orte aufgegangen bzw. untergegangen sei, ohne dass
sich irgendetwas in Ägypten oder im Leben der Ägypter verändert habe.
Wenn
dieser letzte Zusatz nicht wäre, so ließe sich die Überlieferung Herodots sehr
leicht als sprachliches oder sachliches Missverständnis erklären. Aber der
besondere Hinweis zeigt, dass es sich um ein außergewöhnliches Phänomen
gehandelt haben muss, das den Priestern einer ganz besonderen Erwähnung wert
war. Und nimmt man diese Aussage ernst, so war es das in der Tat! Zweimal sei
die Sonne dort untergegangen, wo sie normalerweise aufgeht, und zweimal sei sie
dort aufgegangen, wo sie normalerweise untergeht!
Die
moderne Astronomie hält das für unmöglich, aber das ist ein Irrtum, der dem
Stabilitätsaxiom geschuldet ist. Dieses Axiom ist die Annahme, dass sich die
Position unseres Planeten im Raum seit Menschengedenken niemals verändert habe.
Offenbar ist diese Vermutung aber falsch. Denn die Aussagen der alten
ägyptischen Priester lassen im Gesamtzusammenhang erkennen, dass es sich bei
der viermaligen Veränderung von Sonnenaufgang bzw. Sonnenuntergang eindeutig um
ein optisches Phänomen handelt. Es entstand lediglich der optische Eindruck.
Diese
Aussage bedarf einer etwas ausführlicheren Erklärung:
Sonnenaufgang
und Sonnenuntergang sind an eine besondere Bedingung geknüpft: an den Horizont.
Bekanntlich
ist dieser als Ebene an die jeweiligen Breitengrade unserer Erde gebunden. Und
da die Rotationsachse unseres Planeten »schief« steht (23,5o/66,5o),
liegen auch unsere Horizonte »schief«, auch wenn wir sie als waagerecht
empfinden.
Über
diesem »schiefen« Horizont geht die Sonne auf und wieder unter. Die scheinbare
Bewegung der Sonne nennt man »Tagesbogen«. Er beginnt im Osten, führt nach
Süden und endet im Westen (auf der nördlichen Erdhälfte). Dieser »Tagesbogen«
hat zu verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Längen. Immer ist er jedoch an
die Lage des Horizonts gebunden (den man als stabil annimmt). Dessen Lage
wiederum ist an den Neigungswinkel der Erdachse gebunden, den die Astronomie
ebenfalls als praktisch stabil betrachtet.
Im
Kapitel »Sintflut - Exodus - Epagomena« in der EFODON-DOKUMENTATION DO-11 habe ich die These vorgetragen, dass
sich die Rotationsachse unserer Erde im Raum im Laufe der
Menschheitsgeschichte durch kosmische Einflüsse wiederholt in ihrem
Neigungswinkel verändert habe. Diese Veränderungen ereigneten sich nicht mit
säkularer Langsamkeit, sondern sehr schnell.
Wenn
wir uns eine solche Veränderung des Neigungswinkels der Erdachse
vorstellen, werden die Hinweise, die Herodot von den alten ägyptischen
Priestern erhielt, sehr konkret.
Das
optische Phänomen des »falschen« Sonnenauf- bzw. Unterganges bestand darin,
dass nicht die Sonne ihren Lauf (scheinbar) änderte oder sich die Erdrotation
umkehrte. Es entstand dadurch, dass sich der Horizont (bedingt durch eine
Lageveränderung der Erdachse) hob bzw. senkte.

Das
bemerkten die Menschen nicht direkt. Es zeigte sich lediglich daran, dass die
Sonne scheinbar ihren Weg »zurücklief«.
Das
heißt im Klartext: Sie ging plötzlich wieder dort unter, wo sie noch
kurz zuvor aufgegangen war. Beim anderen Mal ging sie dort wieder
auf, wo sie kurze Zeit vorher untergegangen war. So sahen es
die Menschen, und was sie sahen, war durchaus richtig.
Aber
dieses optische Phänomen hatte nichts mit einer Umkehr der Erdrotation oder
anderer stellarer Bewegungen zu tun. Selbstverständlich war es für die Menschen
ein schauerliches Wunder, das ihnen größte Angst einflößte. Doch wie die
Priester richtig sagten: »änderte sich in Ägypten im Großen und Ganzen
nichts«.
Nur
die Zeitmessung mithilfe der Sonnenuhren stimmte nach der Veränderung des
Horizonts bzw. der Horizonte nicht mehr. Denn der Mittagsschatten war länger
oder kürzer geworden.
Dass
die ägyptischen Priester Herodot nichts Falsches berichtet hatten, sondern nur
etwas ihm wunderbar Erscheinendes, wird in zwei Fällen eindeutig im Alten
Testament bezeugt. Immanuel Velikovsky hat es in seinem Buch »Welten im
Zusammenstoß« gut dokumentiert: Im Alten Testament wird deutlich davon
berichtet, dass der »Schatten der Sonnenuhr« zur Zeit Ahas um zehn Teilstriche vorrückte
(was ohne eine Veränderung der Winkelwerte unmöglich ist) und später zur Zeit
von König Hiskia um etwa den gleichen Wert wieder zurückging.
Ein dritter
Fall, bei dem der gleiche Vorgang ablief, hat sich ganz eindeutig - allerdings
nur in einer Richtung - ereignet, als das 'Jahr' um fünf Tage länger wurde
(Epagomena).
Der vierte
Fall, von dem die Priester sprachen, trat mit größter Wahrscheinlichkeit zur
Zeit des 'Exodus' ein.
Alle
vier Veränderungen geschahen zwischen etwa 1300 v. C. und etwa 700 v. C.
Die letzten also nur knapp zwei Jahrhunderte vor Herodot. Die
Überlieferung war also durchaus nicht legendär. Selbst der erste der
berichteten Vorgänge einer Verlagerung von Erdachse und Horizont lag nur knapp
achthundert Jahre zurück. Bedenkt man die Bedeutung dieser Ereignisse, so
ist auch hier die sorgfältige 'Bewahrung' zeitlich nicht ungewöhnlich.
Das
wird gestützt durch andere Hinweise. Zum einen wird es einhellig seitens der
archäologischen Forschung bestätigt, dass um etwa 1300 v. C. überall
weiträumige Zerstörungshorizonte im Nahen Osten und in der Ägäis zu erkennen
sind. Des Weiteren vollzog sich der 'Exodus' offenbar unter katastrophischen
Begleitumständen. Außerdem konnte ich bei einer anderen Untersuchung erkennen,
dass der Exodus etwa zeitgleich mit der bekannten 'Atlantislegende' zu sein
scheint.
Damit
wären im ersten, erinnerten Fall, den die Priester aus Ägypten berichteten, mit
der Erdachsen-/Horizontveränderung auch erhebliche tektonische Verwerfungen mit
entsprechenden weiteren Folgen aufgetreten. Sehr wahrscheinlich wohl auch bei
den drei anderen Verlagerungen, denn die Instabilität der Erdkruste reagiert
auf jede Lageveränderung im Raum sehr empfindlich. In der bereits erwähnten
Studie wird ausführlicher darauf eingegangen.
In
diesem kurzen Beitrag sollte lediglich der Versuch unternommen werden, sowohl
die alten ägyptischen Priester als auch Herodot wieder aufzuwerten. Beide haben
getreulich berichtet, was sie wussten. Man hat es in der späteren Zeit nur
nicht mehr verstehen können, weil solche kosmisch bedingten Erdkatastrophen
erfreulicherweise nicht mehr eintraten.
Der
Vollständigkeit halber möchte ich noch sagen, dass es weit vor der Zeit der
»ägyptischen Erinnerung« ebenfalls eine erhebliche Veränderung von
Erdachsenneigung und Horizontebenen gab. Auch dabei muss sich der Tag plötzlich
in eine Nacht verwandelt haben und die Sonne optisch am »falschen Ort«
untergegangen sein. Dieser katastrophale Vorgang war die so genannte
Sintflutkatastrophe.
Da sie
sich etwa um 3000 v. C. ereignete - als es, nach unserem Wissen, noch nirgends
eine Hochkultur gab -, wird diese Veränderung von den ägyptischen Priestern
gegenüber Herodot nicht erwähnt.
Ich
füge dies ausdrücklich hinzu, weil in Herodots Text zuvor eine fast
12000-jährige Geschichte Ägyptens errechnet wurde. Diese Berechnung stützte
sich auf mehr als dreihundert Holzskulpturen, die angeblich alle 'Oberpriester'
der zurückliegenden Zeit darstellen sollten, die hintereinander folgend die
'geistigen Führer' in Ägypten gewesen wären.
Hier
ist mehr als Skepsis angesagt. Denn im gleichen zweiten Buch/37 berichtet
Herodot: »Jeder Gott hat übrigens dort [in Ägypten; Anm. d. Verf.] nicht
einen, sondern viele Priester, von denen einer der Oberpriester ist.« So
das Zitat. Hier wird es deutlich, dass es sich ganz eindeutig um legendäre
Vorstellungen handelte, die für die Generationenzählung völlig unbrauchbar
sind. Wir wissen zwar nicht, wen oder was die erwähnten Skulpturen darstellten,
aber eine repräsentative 'Ahnengalerie' waren sie sicher nicht.
Aus
den Angaben, die Herodot aus Ägypten mitbrachte, lassen sich auch gewisse
Rückschlüsse auf ein kosmisch bedingtes Globalgeschehen ziehen.
Bisher
denkt die wissenschaftliche orthodoxe Forschung bei kosmischen 'Störfällen'
stets nur an 'Kometeneinschläge'. O. H. Muck rekonstruierte stattdessen
einen Asteroideneinschlag, der bereits völlig andere Auswirkungen hätte.
Velikovsky hingegen ging noch weiter. Er hielt auch eine 'Nahbegegnung' mit
einem fast erdgroßen anderen Himmelskörper für möglich. Dabei wäre es nicht zu
einem Einschlag gekommen, sondern zu gegenseitiger Beeinflussung durch
gravitative und elektromagnetische Kräfte. Sie könnten - bei entsprechender
Größe - auch den Neigungswinkel der Achse unseres Planeten durch ein
'An-sich-ziehen' oder 'Wegdrücken' verändert haben, ohne dass es zu Folgen wie
bei einem Einschlag kommt.
Wenn
wir uns vergegenwärtigen, dass sich die ägyptischen Priester an keine
schwerkatastrophischen oder klimatischen Veränderungen erinnerten, obwohl die
Sonne ihren scheinbaren Lauf änderte, so wird indirekt Velikovskys These von
einer 'Nahbegegnung' erhärtet.
Was
möglicherweise für das Nilland galt, muss allerdings nicht auch für andere
Erdgebiete zutreffen. Gerade flache Küstengebiete können wegen der 'Umstellung'
der irdischen Wassermassen auf eine 'neue' Rotationsposition von erheblichen
Fluten heimgesucht worden sei. Interessanterweise wird in vielen alten Sagen
der Hochkulturvölker und der Naturvölker immer wieder von schweren
Flutkatastrophen berichtet, nicht nur von der 'Sintflut'.
Die
von manchen Vertretern der 'Katastrophentheorie' angenommene 'Umkehrung' der
Erdpole oder Änderung von Erdumlaufbahn oder Erdrotation sind nicht nur wegen
der unvorstellbaren Folgen zu Menschenzeiten undenkbar. Sie widersprechen auch
den eingangs erwähnten Kräfteverhältnissen in unserem Sonnensystem.
Wie
hier untersucht wurde, sind dennoch erhebliche Positionsveränderungen der Erde
möglich, die keinesfalls alles vernichtet haben, was auf Erden bestand. Es gab
dabei - trotz sicherlich erheblicher regionaler Naturkatastrophen - genügend
Überlebende, die von diesen schrecklichen Ereignissen ihren Nachkommen
berichten konnten. Dass sie das taten, wissen wir aus vielen Dokumenten und
Berichten der schriftlosen Naturvölker. Die vom 'Vater der Geschichte',
Herodot, überlieferten Aussagen der Ägypter sind eines der zahlreichen
Dokumente. Was gesagt wurde, war keinesfalls 'unsinnig', sondern eben nur sehr
schwer verständlich.
Anmerkungen
(1) Anm. d. Red.: Herodot, * Halikarnassos nach 490,
† Athen nach 430, griech. Geschichtsschreiber. Bereiste Ägypten, Mesopotamien
sowie skyth. Gebiete und lebte dann in Athen. Sein Werk (9 Bücher) behandelt
die Entwicklung des Verhältnisses Perser-Griechen von den Anfängen bis zur
Schlacht von Platää (479). (Meyers Lexikon. Das Wissen A - Z.)
(2) Anm. d. Red.: mit „linksläufig“ ist gemeint:
entgegen dem Uhrzeigersinn, vom Ekliptik-Nordpol aus gesehen.
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