Hintergründe und Beschaffenheit der Induskultur
Ansichten, entwickelt aus der Entzifferung der Indusschrift
© Kurt Schildmann; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 10/1995
Vorweg sei bemerkt: die Induskultur erscheint, was soziale und ethische Ausgewogenheit angeht, weit überlegen. Kein Herrschaftssymbol wie Peitsche (Ägypten), kein Nasen- und Ohrenabschneiden (Assyrien). Keine Protzerei mit Siegen, keine Vergöttlichung der Herrscher. Wir beziehen ja so etwas heutzutage vornehmlich auf "orientalische Despoten". Auch die Geschichten aus der sumerischen Götterwelt sind eher chaotisch und absurd, verglichen mit dem, was uns die Induskultur von sich und ihrer Welt erzählt. Endlich einmal eine urtümliche Welt, in die es lohnend ist, sich hineinzuversetzen. Zunächst sollte man sich allerdings erst einmal klarmachen, was menschliche Kultur eigentlich ist:
Diesen Themenbereichen entsprach die Induskultur weitestgehend. Ihre zwei Hinterlassenschaften, nämlich archäologische Spuren von vorzüglich gebauten Großstädten, sowie die etwa zweitausend beschrifteten Siegel, Kupfertäfelchen oder Tontafeln (in letzterem Fall natürlich erst jetzt, nachdem sie entziffert sind) beweisen das.
Die bisherigen Altkulturforscher kamen sich ja schon ganz groß vor, wenn sie sich mit drei bis vier Jahrtausend alten Kulturen befassten: einander abschreibend stellten sie unabänderlich fest, dass es drei Stromtal-Kulturen als Wiege aller Kultur gegeben habe: Industal, Mesopotamien und Ägypten mit seinem Nil. Der "Sumerologe" Kramer: »Geschichte begann in Sumer«. Das ist selbstredend Unsinn.
Vor fünf und mehr Jahrtausenden war die Sahara noch grün. Auch Arabien und wüste Gebiete Irans und Indiens waren grün und mit Tieren und Menschen bevölkert. Weiter zurück in der Zeit lag das nördliche Eurasien unter Eis. Insgesamt war das nördliche und südliche West-Eurasien (von Indien bis zum Atlantik) nur dünn bevölkert. Bezüglich Menschen so gesehen: sehr durchlässig, weswegen sich zahllose Stammeswanderungen ziemlich unproblematisch abspielen konnten, ungrausam, denn die Räume waren ja grün und mit Jagdtieren bevölkert. Bereits Ansässige registrierten diese Stammeswanderungen kaum (1). Andererseits hielten diese Bewegungen die indoeuropäische Grundsprache in Form: wenn man miteinander bei Stammesbegegnungen verhandelte, hatten es Dolmetscher leicht, sich in den kleinen Verschiedenheiten zurechtzufinden, verschobene Lautungen wieder zurechtzurücken. Das kann ein etymologisch Gebildeter heute noch wunderbar für fast alle IE-Sprachen (2) nachvollziehen. Früher ging es natürlich leichter. Die Affinität war damals, auf gehobener Gesprächsebene, frappant durchsichtig. Es war kein Problem für kluge Indusleute, sich mit Ur-Iranern zu verständigen, und diese wirkten noch stark auf das alt- und vordynastische Ägyptisch ein. Auf der Arbeiterebene der Städtebau-Gesellschaften bzw. in Bereichen, die von Großgrundbesitzern verwaltet wurden, sprach man allerdings scheußlich abgeschliffene Dialekte. Heute, aber auch in den letzten tausend Jahren, drängen sich solche Dialekte hinauf in Schriftsprachenbereiche...
Ein großes Lob muss ich da dem Hethitologen Friedrich Cornelius (Greifenberg/Ammersee) zollen, Lob seinem ca. 400 Seiten starken Werk 'Geschichte der Hethiter' (3). Cornelius ist unverkrampft auf die Indoeuropäer eingegangen. Interessant sind seine Erläuterungen über das Verhältnis von Sprache zu Rechtsprechung/Wahrheitsfindung bei den IE-Völkern. Unser deutsches Wort 'Leute' heißt ja 'die Freien', vgl. griech. eleutheros 'frei'. Man hatte vor Jahrtausenden weithin 'unfreie Mitarbeiter', um die anstehenden Arbeiten zu verrichten. Diese Arbeiter sprachen keinesfalls das juristisch bestens den höchsten Ansprüchen präziser Formulierung gerecht werdende Gemein-IE. Also mussten sie auch von hochkomplizierten Beratungen ausgeschlossen bleiben. Dabei gab es Abstufungen, vergleichbar damit, wie wir uns heute bei unseren ausländischen Mitbürgern über Stufen und Formen der Eingliederung Gedanken machen.
Die IE-Sprechenden als »Herrenmenschen« zu verteufeln, ist unsachlich. Sie waren mindestens so kompromissbegabt, so vernünftig, wie wir uns heute einbilden, es zu sein. Dabei bestand zu jenen Zeiten weder ein Germanentum noch ein Keltentum. Das hat sich, sprachlich gesehen, erst später herausgebildet. Cornelius lässt die hethitischen IE-Menschen ab 1500 v.C. (4) in Anatolien aktiv werden. Wegen ihrer schlechten Aussprache von b/p, g/k, d/t bringt er sie sogar, humorvollerweise, in einen kleinen Zusammenhang mit den späteren Sachsen.
Wichtig ist der Punkt 'Beratungen' (vgl. Reichstag, Thing). Hier liefern die Indusleute ein weiteres Indiz für die urtümliche Supervernunft der Menschen/der Menschheit. Als Menschen noch in herrlichen Wäldern lebten, beschrieben sie Blätter. Bei Abstimmungen brauchten sie nur - jeder für sich und anonym - ein Blatt in einen Korb zu legen. Dann erfand man im Indusbereich die Siegel mit Standardtexten. Bei Abstimmungen konnten die Stimmberechtigten den Abdruck eines von ihnen gewählten Spruches in die Kiste legen - anonym, versteht sich. Da gibt es Siegel mit bitteren Feststellungen: »Verbrecher als Beschützer, oh weh, mein Heimatland!«
In unserem derzeitigen Rechtsstaat werden solche Sprüche als Stimmabgabe nicht akzeptiert... Heute protestieren die Menschen dadurch, dass sie einfach nicht zur Wahl gehen. Ich nehme an, dass zu IE- und Induszeiten Wahlpflicht bestand, für die Freien...
Auch das Heldentum sah man in Indus-Zeiten realistisch an. Es gibt einige Siegelbilder, da steht der Held zwischen zwei aufgerichteten Tigern. Der dazugehörige Text lautet in einem Fall, auf Sanskrit: vira anja at sardula = »der Held der Salbe und die Tiger«.
Lieber Leser, was ist wohl damit gemeint? Ganz einfach: der Held hat sich 'gesalbt', mit einem Zeug eingerieben, wodurch er für die Tiger unappetitlich wurde... Diese simple Handlung kann sublimiert werden. Kompetente Exegeten werden tunlichst ausklammern: Christos (griech. = der Gesalbte), Messias 'idem'.
Um noch einen Punkt anzuführen: der nordländische Siegfried, geschmiert auf Unverwundbarkeit, gab Anlass zu einer bilderschriftlichen Aufzeichnung. Sie wurde nach dem Muster von Asko Parpola (Helsinki) und Juri Knorozov (Sankt Petersburg), in falscher Richtung - von rechts nach links - gelesen. Richtig war, dass Siegfried sich erst übelduftend einsalbte, und dann den entsetzt zurückweichenden Drachen erschlug...
Die beiden obengenannten Herren sind seit Jahrzehnten bemüht, die Indusschrift mit ihren Piktogrammen in der falschen Richtung zu lesen...
Es wäre nicht ganz abwegig, zu vermuten, dass die Menschheit etwas denkschwach wird, wenn man namentlich auf das europäische Mittelalter schaut. Doch begann ja mit Luther und Kopernikus die Rückbesinnung auf mehr Realismus.
Das Folgende kann der weniger interessierte Leser getrost überblättern. Die Sumerologenschaft (höchstens dreihundert Mann), vornehmlich ansässig in Philadelphia und Chicago, ist offenkundig der Interaktion mit anderen Disziplinen abhold, insbesondere mit der vergleichenden Sprachforschung (seit über dreißig Jahren habe ich sie mit der historischen Grammatik des Sumerischen bedrängt). Sie zieht es offenbar vor, dahinzuwelken in unberührter, holdseliger, ja, hartnäckiger Unschuld, hinüber ins nächste Jahrhundert.
Zum großen Thema 'Monat' (vielfach = 'Mond') bietet das Sumerische die Varianten iti, älter itu, noch älter itud an (allerdings glyphisch lautend UD x Es = Tage dreißig, Hochland adha a-ssi; avest. *az(h)a *a-tri. Sanskrit aha *a-tri; vgl. neupers. si '30'), protoglyph. ![]()
Die Sumerologen setzen in ihrem Code-Konglomerat stets die verkommenste Form ein, iti, oder gar noch schlimmer: id8. Das älteste itud hat noch das auslautende -d, welches, wie durch Parallelfälle bewiesen, für noch älteres -s steht. Vgl. z.B. sumer. gud 'Bulle', normalisiert gaus = Indo-iranisch gaus 'Bulle', in der archaischen Indusschrift gau-s(a) bzw. gau-s(a), Sanskrit gauh.
Für sumerisch itud 'Monat' gilt folglich normalisiert indus 'Monat, Mond'; Indo-iranisch indus 'Tropfen, Mond'. Plural und oblique (5) indava-. Dass das Wort tatsächlich im Iranischen auch vorhanden war, wird dadurch bewiesen, dass es von dort, in seiner Bedeutung 'Tropfen', von der obliquen Form her, ins Semitische drang. Vgl. hebr. natap 'Tropfen', und dann weiter als 'Träne' im arab. *nadab- 'weinen, klagen', vgl. das berühmte Bab-el-ma-ndab 'Tor der Totenklage' = 'Ausgang des Roten Meeres zum Indischen Ozean'.
Mond
Fluss
Für die Indusschrift-Mondglyphe, die sich lautlich und grafisch mit dem Induswort sindhu- = 'Fluss', oblique sindhava-, reimt, gilt INDU.
Etwa fünfzig Indus-Siegeltexte enden mit dem INDU-Mondzeichen. In vielen Texten weist der Kontext dabei auf etwas Nachteiliges hin. Zunächst setzte ich (über 'Tropfen' und dem arab. 'Klagen') 'Tränen' an.
Doch tatsächlich mondbezogen ist 'Nachzügler', denn der Mond gilt als der Lahme, bei Hethitern und bei einigen Völkern Schwarzafrikas. Er kommt ja jeden Tag fast eine Stunde später, ca. 13 Grad zurückgewandert auf seiner Bahn. Der Mond in besagten Texten als Symbol für Zurückbleiben etc. (6)
Das ist eine sehr nüchterne Mondeinschätzung. Anders in Sumer. Durch Nomadeneinfluss steht der Mond hier in hohen Ehren; wegen der Wüstenhitze ziehen die Nomaden des Nachts bei Mondenschein ihres Weges. Sie haben auch einen Mondjahrkalender, während Iraner und Indusleute das Sonnenjahr nutzen, das bei ihnen mit der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche mit viel Feierlichkeit beginnt.
Altsumer. indu 'Mond' brachte mit seiner Silbe -du, später -zu, mit Bedeutung 'Wissen' eine Volksetymologie in Gang. Besagtes -du ist Tiefland dun, Hochland/SW-Iran. dan, NW-Iran./Avest. zan 'wissen' (7). Die Sumerer deuteten das anlautende in- in en- um, und gelangten so zu En-zu 'Herr des Wissens'. Das ist ja nun sehr euphorisch, verglichen mit dem Indus-Konzept 'Mond als Nachzügler, Bummelant'.
Die Kosmologien von Ägypten und des Nahen Orients, die exaltierten Religionen dieser Landstriche, zeigen zuhauf viele derartige absurde Entwicklungen, zumeist ausgewuchert aus indo-arischer nüchtern-sachlicher Weltschau.
Obiges Sumerische en 'Herr' ist die Kurzform von Tiefland umun, emen, und Hochland aman 'Herr', wahrscheinlich von atman 'Selbst, Seele'. Die Sumerologen benutzen bei ihrer Arbeit zunächst ein Code-Konglomerat, um Übersetzungen zu erarbeiten. Für die richtige Sprache interessieren sie sich nicht im geringsten.
Anmerkungen
1 Anm. d. Red.: Kurt Schildmann berücksichtigt hier allerdings nicht die von I. Velikovsky und anderen wahrscheinlich gemachten prä-/protohistorischen Völkerverschiebungen, die unter naturkatastrophischen Umständen mit psychotisch-kriegerischen Begleiterscheinungen auftraten.
2 IE = indoeuropäisch
3 mit besonderer Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse und der Rechtsgeschichte; 1973,
ISBN 3-534-06190-X, Wissenschaftl. Buchgesellschaft Darmstadt.
4 Anm. d. Red.: Nach konventioneller Chronologie. Es existieren aber auch abweichende Szenarien.
5 oblique [oblik; lat.]: (veraltet) schräg, schief; -r Kasus = Casus obliquus. (Duden Fremdwörterlexikon, 1993)
6 H-459, 18.01.95.
7 Das indo-iranische zan-, zna- 'kennen, wissen' steht, über IE gen-, gno-, mit unserem Kulturkreis gut in Verbindung: z.B. griech. gno-sis, lat. gno-sco = engl. know. Andererseits von IE gen-, gon- unser deutsches kenn-en, könn-en, Kun-st, Kun-de, kann-te (der deutsche Ablaut ist schon IE).
Anm. d. Red.:
Kurt Schildmann ist der Präsident der Studiengemeinschaft Deutscher Linguisten (SDL) in Bonn. Er hat in mühevoller Kleinarbeit die Indusschrift übersetzt, an der Generationen von Sprachforschern scheiterten.
Seine Übersetzungsarbeit wurde 1995 im EFODON e.V. als EFODON-DOKUMENTATION DO-26 »Die Entzifferung der Indusschrift. Chronologischer Bericht der Entzifferungsarbeit« veröffentlicht.