Die Wiedererhellung des anthropozentrischen Planetensystems des Alten Orients
© Kurt Schildmann; veröffentlicht in EFODON-SYNESIS Nr. 13/1996
Zunächst hier die modernen Werte für die synodischen Umlaufzeiten der Planeten (für einige Planeten in Klammern die Arbeitsziffern)
Meine Wiederentdeckung der rationellen Aufgliederung der Arbeitsziffern für Venus, Jupiter und Merkur erfolgte 1949 und wurde seitdem in mehreren Aufsätzen veröffentlicht, auch im SDL-Schrifttum (1), zuletzt in englischer Sprache. Hier das Schema:
Für die drei Planeten Venus, Jupiter und Merkur resultiert die jeweilige Arbeitsziffer aus der Summe der ersten, zweiten und dritten Potenz der für sie gültigen rationalen Kennziffern. Sie lautet für Venus 8 (Symbol: zwei außenseitig gesehene Hände mit verdeckten Daumen = 2 x 4 = 8); für Jupiter 7 (Symbol: die Schwurhand); für Merkur 4,5 (Symbol: eine außenseitig gesehene Hand = 4 Finger, dazu - nur optisch aufgefasst - ein halber Finger = der Daumen).
Die Saturn-Arbeitsziffer (378 Tage) empfängt ihren rationellen Sinn dadurch, dass sie, wenn sie aufaddiert wird mit der Arbeitsziffer des Nachbarplaneten Jupiter (399), die Zahl 777 ergibt (2).
Die Vorstellung, dass die Planetenbahnen intentionell - und in der Folge laufend wieder - zu dem Zweck eingerichtet sind und in Gang gehalten werden, um den irdischen Beobachter - sprich: den menschlichen Geist - sinnvoll anzusprechen, kann nur durch kumulative Evidenz weiter untermauert werden. Kürzlich fand ich bei einem Auslandsaufenthalt eine 23seitige, interessante Schrift aus dem Jahre 1934, die einer solchen Untermauerung hervorragend nützt.
Der Verfasser ist Dr. Martin Knapp, Lector für Astronomie an der Universität Basel. Er veröffentlichte 1934 unter dem Titel »Pentagramma Veneris, eine historisch-astronomische Studie zum Verständnis alter astronomischer Symbole und ihrer Anwendung«3. Meine o.g. Summierungen waren ihm natürlich unbekannt. Doch beansprucht er mit Recht für sich die Identifizierung des Fünfzacksterns als Venussymbol. Das Pentagramm veranschaulicht die achtjährige Periode von fünf synodischen Venusjahren:
8 x 365 = 5 x 584 = 2920 Tage.
Oder anders ausgedrückt: Die synodischen Venusumläufe mit den pro Venusjahr/Venusumlauf dabei erreichten siderischen Positionen in den Himmelskreis (Ekliptik) eingetragen, produzieren - bei rein graphischer Verbindung der Umlaufendpunkte in der Kreisfläche - mit dem Ablauf von fünf synodischen Venusumläufen die für den Fünfzackstern typischen Merkmalen, nämlich: durchlaufende Strichführung und Abknickung an den fünf Kreisberührungspunkten. Sie fünfteln im Abstand von je 72° den Kreis. Das ist unser »magisches« Venuspentagramm, das astronomisch und kalenderologisch nichts anderes veranschaulicht als die obige Periodengleichung:
8 x 365 = 5 x 584 = 2920 Tage.
De facto dauern acht Erdenumläufe 2922 Tage. Knapp schreibt dazu, es ginge die Sage um, die harmonischen Systeme hätten irgendwo einen kleinen Defekt, mit dessen Wahrnehmung sich Spötter und Zweifler wichtig machen, die in früheren Zeiten prompt verteufelt wurden.
Die dem Planeten Venus zugeordnete Gottheit müsste korrekterweise den Fünfzackstern als Attribut aufweisen. Aus Konsultationen mit Assyriologen sieht Knapp das vereinzelt bestätigt, wiewohl im mesopotamischen Pantheon ein reger Austausch von 5-, 6-, 8- und 16zackigen Sternen bei den Gottheiten vorherrscht. Meine Anmerkung: Hier ist noch stratigraphische Arbeit zu leisten.
Kepler handhabte im »Prodromus Dissertaciones Cosmographicarum seu Mysterium Cosmographicum« (1596) »Dreiecke«, welche die oberen Planeten Saturn und Jupiter mit ihren Konjunktionen am Himmelskreis beschreiben. Das reizte Knapp zu ähnlichen Spielereien. Beginnend mit Venus führte er die Aussage: Das Pentagramma Veneris = das Pentalpha der Magie. Kepler - meint er - dürfte sein Triangulum aus älterer Quelle bezogen haben. Heute ist das Ziehen von Verbindungslinien ungebräuchlich geworden, geblieben ist noch die Ableitung der Reihenfolge der Wochentage aus dem Siebeneck nach Dio Cassius. Bei Venus aber zeige sich das Pentagramm auch heute (wie seine Lehrtätigkeit erwiesen habe) bei der Positionsbestimmung der Venus im Achtjahreszyklus als nützlich. Kepler selbst erhärtete im genannten »Mysterium« im 9. Kapitel das Pentagon-Dodekaeder, das er zwischen die Marssphäre und die Sphäre der Erde, nebst dem Ikosaeder zwischen Erdsphäre und Venussphäre, zu setzen beliebte. Auch das Pentagramm, wenn er sagt: »... denn das Fünfeck des Mars tritt auch bei der Venus auf«. Diese Passage sei unverstanden geblieben.
Für die Sonne ergibt sich natürlich das Quadrat = die vier Jahreszeiten. Für den Mond, siehe oben, das Triangulum der Knoten und Apsiden, denn nach je sechs Jahren begegnen sich aufsteigender Knoten und Perigäum z.B. in den Ecken eines Dreiecks, das sich erst nach achtzehn Jahren schließt, allerdings mit etwas über 18o rechtläufigem Überschuss.
Dem Merkur entspricht als Symbol der Sechszack-Stern, welcher allerdings, wegen der Exzentrizität der Merkurbahn, die schlechteste dieser »himmlischen Harmonien« beinhaltet. Encke spielt im Berliner Jahrbuch 1842 deutlich auf diese Symbolform an (4).
Der Sechszack ist in Babylon dem Gott Nabu (= Merkur) zugeteilt. Zum Sechszack heißt es dann - weiter unten bei Knapp -, aus dem Sechszack im Wappen des David sei der Zionsstern abzuleiten. Hierzu mein eigener Exkurs: Es hätte einen Aspekt von Pikanterie, dem monotheistisch orientierten Hebräertum der Zeit des Königs David die heimliche Huldigung des Planetenkultes nachzusagen, eingeschleppt aus Ägypten, wo ja der Gott Thoth, von den Griechen mit Hermes (= Merkur) identifiziert, die üblichen Merkur-Merkmale aufweist (Rechenkünstler, Dolmetscher, Schreiber etc.), ägyptisch genannt Djhowtey (5). Der Name David (Arab. Daud) kann hier als der Versuch einer Anknüpfung gelten. Anklingen würde auch Alt-Sumerisch *dhaunt, IE ghewonts »Der Künder«.
In Babylon sei in Inschriften der Fünfzack (und der Achtzack, siehe weiter unten) der Göttin Ishtar (Sumer. Innana = Venus) zugeteilt, doch nicht konsequent, wie schon oben erwähnt. Die Unterlassungen der modernen Forschung bei der Erhellungsarbeit an solchen Zuweisungen hat schon Franz Boll beklagt (dessen Arbeiten mir sehr dienlich waren).
Weiter zum Fünfzack der Ishtar/Aphrodite/Venus: Erwähnt sei der fünfeckige Aphroditetempel von Baalbek (hellenistisch); Steine mit dem Pentagramm in Susa und Nippur; das Schloss Stern mit dem Pentagramm-Grundriss bei Prag aus der Zeit Keplers; die Pentagramm-Blüten im Kopfschmuck der Königin Schub-ad von Ur (ca. 2.500 vC); der Verschluss ihrer Halskette; bei den Polygonen der Astrologie stehe der Quintilschein (?) unter dem Einfluss der Venusbahn, "wie der Sextil das Bahnsymbol des Merkur spiegelt" (6). Im Füllhorn der Venus/Aphrodite/Ishtar seien nur Blumen bzw. Früchte mit Kernhäusern zu erwarten, die das Bild des Venusbahn-Symbols als Grundplan tragen; weitere Reflexe dazu im Kalenderwesen und in den Kultkalendern der jeweiligen Planetengottheit.
H. Hackmann, so fährt Knapp auf Seite 15 fort, schreibe in Nieuwe Theolog. Tijdschrift 1929 »Die heilige Zahl 108«, im Buddhismus habe sie vierzig verschiedene Verwendungen, ausgehend von 4 x 27 (also 108) Mondstationen sowie 3 x 36 (= 108): Zahl der Dekane.
Auf Seite 16 bespricht Knapp den Venus-Achtzack, beruhend auf Epizykel und Achterrhythmus (7). Hierzu bringt Knapp ein säuberlich ausgearbeitetes Diagramm zur Veranschaulichung. Dem Achtzack begegnen wir auch häufig in Mesopotamien.
Knapp verweilt auch bei Maria, dem (Fünfzack-) Marienstern und den Marienfesten. Marienfeste ziehen sich in Abständen von 72o bzw. 73 Tagen oder multiplen davon (siehe Diagramm) durch das Erdenjahr hin (auch andere Forscher weisen auf das Fortleben antiker Venus-Merkmale im Marienkult hin). Knapp bringt dazu die Einzelheiten.
Dann behandelt er das Berossos-Fragment des Kleomedes (8) und gibt an, dass Paul Schnabel in seinem »Berossos« (Leipzig 1923) im 10. Kapitel des Fragments den babylonischen Priester missverstanden habe; glücklicherweise bringe er aber den griechischen Originaltext, der besser übersetzt sei durch Arthur Czwalina (9). Selbst Franz Boll missverstand das Fragment, wo es um die verschiedenen Bewegungen des Mondes geht:
Genaueres ist bei Knapp, auch zum Thema Passagenunterschlagung und falscher Übersetzung, nachzulesen.
Für Ägypten hält Knapp die Sothis/Hundsstern/Sirius/Isis-Periode von 1460 Jahren für absichtlich instituiert und beibehalten. Auf jeden Fall gilt der hellste Fixstern (Sirius) als der Stern der Isis (11). Das Merkmal dieser Periode ist, dass alle 1460 Jahre der Planet Venus und der Hundsstern/Sirius (die zwei hellsten Sterne des Himmels in ihrer Klasse) gemeinsam aus der Sonne hervortreten, weswegen Isis die eigentliche ägyptische Venus-Gottheit ist. Isis dabei als Morgenstern; in 1460 Jahren führt das Venus-Pentagramm einen vollen Umlauf. So »minderwertig« ist folglich der ägyptische Kalender nicht!
Es gibt kurze Zeitabschnitte, wo man den Planeten Venus abends als Abendstern und am nächsten Morgen als Morgenstern sehen kann: für den einsichtigen Beobachter Anlas genug, um von der Identität des Abend- und Morgensternes überzeugt zu sein.
Anmerkungen
1 der Studiengemeinschaft Deutscher Linguisten e.V. (SDL) (Anm. d. Red.)
2 ermittelt durch Prof. Lienhard Delekat, Bonn, Anfang 1982.
3 In Kommission bei Helbing & Lichtenhahn, Basel; UB »Astronor. Conv. 10 No. 18«
4 S. 13 des Knappschen Dokuments.
5 Enc. Brit. 1975, Vol. IX, S. 974.
6 Meine Anm.: hier wird die mit Scharlatanerie behaftete Spätentwicklung der Himmelskunde berührt.
7 Siehe Ptolemäus im Almagest, 9. Buch, 6. Kap.
8 Berosus/Berosos etc. = Babylonisch Bel-Usur, ca. 290 vC, Priester in Babylon, schrieb drei Bücher in Griechisch zur Geschichte und Kultur von Babylon.
9 In Oswalds »Klassikern der exakten Wissenschaften«, Nr. 220, S. 65.
10 Für uns den Phasenwechsel erzeugend, da er ja, trotz der stabilen Lunation, sich einmal im Monat um seinen Mittelpunkt dreht; das Wissen davon lässt Kenntnis vom heliozentrischen System in Babylon vermuten, jedenfalls verweist Knapp darauf, dass die griechischen Astronomen schon vor Berossos den größten Teil ihres Wissens aus Babylon bezogen haben, allerdings das, was in Babylon als geheim angesehen wurde, freimütig kolportierten und divulgierten.
11 - 1460 siderale Sonnenjahre sind 1461 ägyptische Jahre von 365 Tagen, ohne den berühmten Rest; diese Periode ist wichtig für die Erlangung von Fixpunkten in der Chronologie Ägyptens und des Alten Orients.
Kurt Schildmann ist der Präsident der Studiengemeinschaft Deutscher Linguisten e.V. in Bonn. Seine epochale Arbeit ist die Entzifferung der Indusschrift (wir berichteten darüber).