© 1993 Dieter Schall

Die Wissenschaft ohne Namen

 

Warum redet ein Physiker normalerweise niemals mit einem Archäologen oder ein Elektronikingenieur nicht mit einem Philosophen?

Solche Partner kommen vom Grunde ihres Verständnisses her gar nicht auf die Idee, ihre Wissenschaften könnten irgendetwas miteinander zu tun haben. Dabei müssten gerade die Physiker bei ihrer Suche nach der „Weltformel“ bestrebt sein, andere Disziplinen mit in die Forschung einzubeziehen. Gewiss gibt es hier und da einzelne Forscher, die die Zeichen der Zeit längst erkannt haben und ihre Aktivitäten danach ausrichten. Aber die große Mehrheit der Akademiker, Forscher, Denker und Ingenieure haben nicht den Hauch eines Schimmers davon, welch ungeheure Menge von Unwissen sie sich durch Ignoranz und Arroganz angeeignet haben.

Alles reduziert sich auf die Frage, ob etwas „wissenschaftlich“ beweisbar ist oder nicht. Die Beweisführung selbst bedient sich dabei auf notorische Weise der Selbstbegrenzung. Selbstbegrenzung ist die Eigenschaft des Wissenschaftlers, die Systemgrenzen dort zu ziehen, wo sein Weltmodell gerade noch zur wahrgenommenen Realität passt. Wahrnehmung wird gleichgesetzt mit definierter und wiederholbarer Messung. Der Wissenschaftler glaubt nur seinen Messgeräten und seiner Hypothese, soweit sie mit seinen Messgeräten und Weltmodellen nachvollziehbar und vereinbar ist. Alles, was jenseits der so festgestellten Systemgrenzen stattfindet, kann gar nicht stattgefunden haben, weil es nicht in das vorhandene Modell passt. Dabei schließt der Wissenschaftler von vorneherein aus, dass er sich generell irren könnte, denn das Mittelalter hat man seit der Aufklärung hinter sich - man hat gelernt, die Dinge zu objektivieren und den „Unfug“ vom „Fug“ sauber zu trennen. Man könnte also bei den klassischen, konservativen Wissenschaften auch vom „Fugismus“ sprechen. „Fugismus“ zeichnet sich aus übergeordneter Sicht aus durch Beschränktheit, Ignoranz und manchmal auch durch Arroganz. Daran hat sich seit dem finsteren Mittelalter nichts geändert. Obwohl wir alle gelernt haben, dass sich so manche Wissenschaft in der Vergangenheit ganz gehörig geirrt hat, scheint diese Möglichkeit für die Wissenschaft des ausklingenden 20. Jahrhunderts nicht zu gelten. Ende des letzten Jahrhunderts wurde einem jungen Mann, der Physik studieren wollte, gesagt, dies sei nicht die richtige Wahl, weil in der Zwischenzeit in der Physik alles erforscht und grundlegend Neues nicht zu erwarten sei. Die „Fugisten“ lächeln mitleidig über solches und bemerken nicht, dass sie im Grunde derselben Ignoranz verfallen sind.

Wenn am bestehenden, allgemein anerkannten Weltbild immer wieder ein Stück wegbricht, dann bringt dies, auf die Sache selbst bezogen, nur eine geringfügige Veränderung mit sich. In der Teilchenphysik hat man es bisher immer noch verstanden, die gewonnenen Erkenntnisse in bestehende Formeln einzubeziehen oder die Formeln selbst durch kleine Anpassungen wieder in sich selbst schlüssig zu machen. Was ist aber, wenn wir feststellen, dass die ganze für uns wahrnehmbare Welt sich als eine Illusion, sozusagen als eine Täuschung in der Dimensionalität herausstellt? Eine solche Erkenntnis erlaubt nicht mehr die Anpassung vorhandener Modelle an eine geänderte Realität. Nein, mit einer solchen Erkenntnis werden ganze Generationen von Wissenschaftlern in ihren Grundfesten erschüttert. Wir können in der Vergangenheit nachsehen, was dann gemacht wurde, und wir finden heraus, dass sich die Konservativen dann umso mehr am „Fugismus“ bis hin zur offenen Selbsttäuschung am Vertrauten und Einschätzbaren festhalten. Reicht dies nicht aus, geht man zur Gewalt über. Gewalt zum Beispiel dadurch, dass man die Vertreter der neuen Denkweise nicht zu Wort kommen lässt, dass man ihre Argumente mit subversiven Methoden lächerlich macht. Die zwangsweise Strahlenbehandlung krebskranker Kinder ist Gewalt gegen Andersdenkende. Sie ist Quälerei, wie mit den Methoden der Inquisition.

Genau diese Inquisition findet zurzeit statt. Dabei bedient sich der „Fugismus“ einer weltlichen inquisitorischen Macht, nämlich der Politik, der Amtskirchen, der anerkannten Wissenschaft und der Wirtschaft. Diese Inquisition muss zwangsläufig solche Interessen vertreten, da neben einem überkommenen Weltbild auch sie selbst und ihre Existenzen in Frage gestellt sind.

Ziel einer neuen Generation von Wissenschaftlern kann es deshalb nur sein, neben dem „Fugismus“ in der Stille aufzuwachsen und zu gedeihen. Die Saat wird dann aufgehen und über kurz oder lang Altes verdrängen - aber sanft und stetig. Aus dieser Perspektive heraus ist unser Vorhaben zu sehen, diejenigen Wissenschaftler, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich vom „Fugismus“ abwenden, zueinander zu bringen, den Austausch von Wissen und Daten zu fördern und daraus in nicht sehr ferner Zeit eine „Generalwissenschaft“ zu gründen, deren vornehmes Ziel es sein soll, die Wissenschaften integrierend und lenkend zu einem Gesamtgefüge werden zu lassen. Wir brauchen dazu die Hilfe vieler. Nur gemeinsam können wir dieses Ziel erreichen.

 

(Veröffentlicht in EFODON NEWS Nr. 18/1993)

 


(Zurück zur Themenübersicht)